Die Gnadeninsel

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Beitrag  Chester am Do Feb 11, 2016 5:15 pm

Am nächsten Morgen erwachte ich früh aus einem unruhigen Schlaf. Ich wusste nicht, wie lange ich noch an der Tür gestanden hatte. Irgendwann, als mein Name vollendet war, hatte ich sie wortlos wieder geschlossen und war ins Bett zurückgekehrt. Mein Herz hatte nicht aufgehört, wie wild zu rasen. Doch es war nicht nur Angst, die mich noch lange in ihren Klauen gefangen hielt. Die nächtliche Begegnung mit Mo hatte etwas Surreales. Sie war beklemmend und erregend zugleich. Schließlich war ich in einen wirren Traum geglitten, den ich hier nicht näher beschreiben möchte. Er hielt mich noch gefangen, als ich die Augen schon lange wieder geöffnet hatte. Die ersten Sonnenstrahlen krochen durch das Fenster. Das Zwitschern der erwachenden Vögel drang an mein Ohr. Im Schlaf hatte ich wieder die Decke weggestrampelt. Mir war kalt, doch ich mochte mich noch nicht bewegen. So fühlte es sich also an, wach zu sein. Hatte ich in der Nacht nur geträumt? War ich wirklich aufgestanden und hatte Mo am Tisch sitzen sehen, mit dem Messer in der Hand... wie er... Oder gehörte es mit zu meinen wirren Träumen, in denen ich immer wieder dachte, den Schlaf besiegt zu haben, nur um mich in der nächsten Sekunde in einem anderen Traum wiederzufinden?

Ich schüttelte den Kopf und setzte mich auf.



Meine Füße berührten den Boden. Er war eiskalt. Ich stellte mich auf meine wackeligen Beine und machte die wenigen Schritte zur Tür. Ohne ein Geräusch drückte ich die Klinke herunter und schob die Tür einen Spalt auf. Eine Pranke hatte sich um mein Herz gekrallt. Ich war auf das Schlimmste gefasst...
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Beitrag  Chester am Do Feb 11, 2016 5:19 pm

Mo stand am Herd und machte Frühstück. Von der Tür aus beobachtete ich ihn.



Schließlich drehte er sich um und stellte den Teller mit dem gebratenen Toast auf den Tisch. "Oh, du bist wach", sagte er fröhlich, als er mich sah. "Hast du gut geschlafen?"

"Es riecht lecker, aber ich habe noch keinen Hunger", wich ich seiner Frage aus. Er setzte sich an den Tisch und strich noch etwas Marmelade auf seinen Toast. Ich erkannte das Messer. Ein Tropfen der roten Süße fiel auf den Tisch. Als er das Brot in der Mitte durchschnitt, erwartete ich fast, dass er meinen Namen hineinritzen würde. Doch er drückte das Messer bis auf den Teller durch, was mir regelrecht körperliche Schmerzen verursachte.  Er nahm eine Hälfte und biss hinein. Dann schob er das andere Stück in meine Richtung. "Willst du nicht doch?" Mir wurde schlecht. "Ich muss nach Hause", quetschte ich heraus und lief hektisch zur Tür. Als ich sie erreichte, sprang Mo ebenfalls auf und holte mich ein. Er umfasste mich von hinten und hielt mich fest. Ich spürte sein Gesicht in meinem Nacken und hörte, wie er durch die Nase tief einatmete. Seine Lippen hauchten einen Kuss auf meinen Hals und streiften dann sanft hinauf zum Ohr: "Komm nicht wieder her, kleine Meerjungfrau", flüsterte er, "das ist nicht gut für dich." Dann ließ er mich los.
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Beitrag  Chester am Sa Feb 20, 2016 11:10 am

Ich rannte, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Ich verspürte keine Angst, nur tiefe Trauer. Der Atem, der durch meinen Hals rasselte, verursachte ein heftiges Brennen, doch ich hielt nicht an, rannte einfach weiter geradeaus, bis ein Stein am Strand meiner Flucht ein Ende bereitete. Ich stürzte in den feuchten Sand und nährte das Meer hemmungslos mit meinen Tränen.

Immer wieder verlor ich alles, was mir wichtig war und merkte erst dann, was es mir bedeutet hatte: Mein imaginärer Freund Schnuck, den ich mit einem Trank in einen Sim verwandelte. Meine Liebe zu ihm, die nicht haltbar war, als ich feststellen musste, dass er ein Mädchen war. Dann verließ ich eben diese Freundin, um mit Kai ein glückliches Leben zu führen. Als wir mit den Schmugglern aufgegriffen wurden, wurde diesem Traum ein jähes Ende gesetzt und wir auf diese Insel verbannt. Mein Meerjungfrauendasein, das mir so ein gigantisches Gefühl der Freiheit verschaffte, wenn ich im offenen Meer schwamm, ging zu Ende, ohne dass ich es je in vollen Zügen ausgekostet und bewusst genossen hätte. Schließlich wurde Kai von der Laganaphyllis Simnovorii gefressen, was meine Chance auf ein erfüllendes Liebesleben und eigene Kinder gegen Null laufen ließ.  

Und nun hatte sich Mo von mir verabschiedet. ,Komm nicht wieder her, kleine Meerjungfrau.'  Mein einziger Freund wollte mich nicht mehr sehen, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte. Ich fühlte mich machtlos. Mein Tun schien keinen Einfluss darauf zu haben, in welche Bahnen mein Leben lief. Ich überlegte kurz, ob ich ebenfalls eine Dienerin der Göttin werden sollte. Dann hätte ich wenigstens Aussichten auf Sex und meine Chance, doch noch Mutter zu werden, würde sich drastisch erhöhen. Doch das war eher ein Trotzgedanke als eine ernstzunehmende Überlegung. Vermutlich würde Lilly dann auch nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, denn für 2 Dienerinnen der Göttin gab es schlichtweg zu wenig Männer auf der Insel. Schließlich war ihre Anzahl mit Kais Tod auch noch um 25% gesunken.

Der Gedanke, in meiner Situation noch mathematische Berechnungen anzustellen, welche Auskunft über mein mögliches Liebesleben gaben, erheiterte mich plötzlich. Ich beschloss, mein Leben nicht mehr von anderen abhängig zu machen, stand auf und streifte die sandige Kleidung ab. Dann lief ich ins Meer. Ich wollte die Gabe, extrem lange den Atem anhalten zu können, die mir von meinem Meerjungfrauendasein geblieben war, voll und ganz bewusst auskosten. Wer wusste schon, ob sie nicht auch irgendwann verschwinden würde. Ich sprang in die Fluten und tauchte, bis meine körperliche Erschöpfung größer war als meine seelische. Als ich das Wasser wieder verließ, war es, als würde ich neu geboren. Das kleine Mädchen, das auf andere hörte und sich von ihnen manipulieren ließ, war zur Frau geworden.



Von nun an würde ich unabhängig sein und mein Leben selbst in die Hand nehmen. So war zumindest der Plan.
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Beitrag  Chester am Di März 22, 2016 10:00 am

Ich wollte meine Kleidung, die im feuchten Sand nicht wirklich getrocknet war, wieder anziehen, aber irgendwie war sie während meines Tauchgangs zu klein geworden. Deshalb ging ich auf dem Nachhauseweg bei Lilly vorbei. Vielleicht würde sie mir Ersatzkleidung leihen, bis ich Freddy beauftragen konnte.

Lilly betrachtete mich sogleich eingehend von oben bis unten und wieder zurück. "Bei der Göttin", *kurzes Hände-aneinander-legen und Augen-schließen*, "du hast dich verändert. Du bist so... so... erwachsen geworden." Sie trat einen Schritt zurück, betrachtete weiterhin aufmerksam meinen fast nackten Körper und fragte dann lächelnd: "Willst du mir Konkurrenz machen?" Ich wurde rot. Schließlich hatte ich ja tatsächlich kurz darüber nachgedacht. "Es gäbe wohl kaum genug Kunden für uns beide hier auf der Insel", lachte ich verlegen, aber es klang ein bisschen steif. "Oh, der Kreis der Hilfesuchenden vergrößert sich schnell. Und mit jedem Kind bleibt mir weniger Zeit für meinen Dienst." Sie deutete auf ein weiteres Bettchen, indem noch ein Kind lag, das mir bisher verborgen geblieben war.



Lilly erklärte mir, das sei Ari, ihr Jüngster.
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Beitrag  Chester am Di März 22, 2016 10:06 am

Langsam aber sicher viel es mir schwer, den Überblick über ihre Kinder zu behalten. Scheinbar nahm sie den Dienst an der Göttin sehr ernst und fleißig wahr. Ich machte mir echte Sorgen, wo das noch enden sollte. Lilly trug auch wieder ihre Latzhose, die darauf hindeutete, dass sie erneut schwanger war. Immerhin hatte sie durch die älteren Kinder etwas Unterstützung. Fionella war nun auch aus den Windeln heraus und konnte sicher das eine oder andere im Haushalt erledigen.



Auris konnte bereits laufen und zog sich während meines Besuches die Windel herunter, um sich aufs Töpfchen zu setzen. Norik war nicht zuhause. Ich hatte ihn lange nicht gesehen, aber vermutlich war er nun schon ein Teenager.
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Beitrag  Chester am Di März 22, 2016 10:09 am

"Was meinst du mit ,der Kreis der Hilfesuchenden vergrößert sich schnell'? Gibt es neue Bewohner auf der Insel?", nahm ich das Gespräch wieder auf. "Ich dachte, du, Mo, Rincewind McShad und ich wären die einzigen hier." "Fast", gab Lilly zurück, "auf einer der kleinen umliegenden Inseln wohnen seit einiger Zeit drei Brüder. Sie wurden beim Schmuggeln erwischt und haben es vorgezogen, hier zu leben, anstatt ins Gefängnis zu wandern. Sie sind selten auf der Hauptinsel. Deshalb bist du ihnen wohl noch nicht begegnet."



(Ich weiß, hier sind nur 2. Ist nicht so einfach alle Haushaltsmitglieder auf ein Bild zu bekommen, wenn man die Familie nicht spielt. Sorry!)
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Beitrag  Chester am Di März 22, 2016 10:12 am

"Und seit letzter Woche wohnt noch eine Familie mit zwei Kinder hier. Sie werden wohl kaum den Dienst der Göttin in Anspruch nehmen."



"Allerdings macht es so langsam aber sicher Sinn, die alte Schule wieder in Betrieb zu nehmen. Freddy hat mir verraten, dass schon bald eine weitere Familie kommen wird. Soweit man das Familie nennen kann. Es soll sich um eine Frau mit mehreren Kindern handeln. Keine Ahnung, warum sie hierher kommt. Auf jeden Fall scheint die Regierung die Besiedlung der Insel jetzt ernsthaft in Gang zu bringen."
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Beitrag  Chester am Di März 22, 2016 10:14 am

Die neuen Nachrichten fand ich sehr aufregend. Endlich würde es nicht mehr so einsam auf der Insel sein. Die Renovierung der Schule würde sicher in Gang kommen, sobald die nächste Familie eingezogen war. Dann musste sich nur noch jemand finden, der die Kinder unterrichten wollte. Es würde vermutlich keine hochqualifizierte Ausbildung werden, aber sicher für die Belange der Insel reichen. Vielleicht würde sogar ein kleiner Laden eröffnen, damit man sich nicht immer mit Freddy absprechen musste. Er brachte meist nur, was man bestellt hatte. Auf neue Kleidung würde ich also noch etwas warten müssen. Ich sprach mit Lilly über dieses Problem und sie beschrieb mir den Weg zu einem Haus, indem sie selbst schon einmal einen reichlich gefüllten Kleiderschrank durchforstet hatte. Die Bewohner mussten wirklich sehr fluchtartig die Insel verlassen haben.

So kam ich noch am selben Tag zu meinem neuen Outfit.

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Beitrag  Chester am Sa Apr 09, 2016 6:03 pm

Ich war nicht sicher, ob es an meinem langen, erschöpfenden und zugleich belebenden Tauchgang lag oder einfach der sich dahinziehende Winter Schuld war, aber einige Tage später fühlte ich mich richtig krank. Alles tat mir weh, die Nase lief und ich war so schlapp, dass ich zwei Tage nicht das Haus verließ, obwohl ich um meine Pflanzen bangte. Schließlich pellte ich mich langsam aus dem Bett, zog etwas Warmes an und machte mich auf den Weg zum Stadtzentrum. Dort hatte es einst ein winziges Krankenhaus mit nur 3 Betten gegeben und ich hoffte, dort vielleicht noch ein Medikament zu finden, das mir wieder Kraft gab.

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Beitrag  Chester am Sa Apr 09, 2016 6:05 pm

Als ich ankam, stellte ich fest, dass ich nicht die Einzige war, der es nicht gut ging. Ich traf Norik, der ebenfalls auf der Suche nach geeigneter Medizin war.



Seine ganze Familie war erkrankt. Er befand sich im Gespräch mit Rincewind McShad, der ziemlich gesund schien, aber im alten Krankenhaus vorübergehend Quartier bezogen hatte, um den anderen Inselbewohnern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, denn er selbst bezeichnete sich als Heiler. Ich traute ihm nicht so recht und glaubte eher, dass er seine Tränke möglichst teuer an den Mann bringen wollte. Aber vielleicht lag das auch einfach an der ungeklärten Geschichte zwischen uns. Seit meinem Besuch bei Rincewind zuhause hatte ich ihn nicht mehr getroffen.
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Beitrag  Chester am Sa Apr 09, 2016 6:07 pm

Während er sich angeregt mit Norik über die Einnahme und Wirkung eines Mittels unterhielt, kam ich ins Grübeln. Irgendetwas war merkwürdig an den beiden. Ich verfolgte ihr Gespräch, aber mehr mit den Augen als den Ohren. Ich sah von Norik zu Rincewind,...



...von Rincewind zu Norik. Doch erst als ich die Augen schloss, weil mir schon schwindelig wurde, bemerkte ich, dass beide fast dieselbe Stimme hatten. Ich sah Norik wieder an und ersetzte gedanklich Lillys Haar- und Hautfarbe durch die Rincewinds. Die beiden hätten Zwillinge sein können. Der gleiche Mund, dieselbe Nase, aber vor allem die Augen waren identisch. Zumindest diese Vaterschaft war nun für mich geklärt.
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Beitrag  Chester am Sa Apr 09, 2016 6:10 pm

Als Norik ausreichend mit Medikamenten versorgt war, machte er sich auf dem Heimweg. Möglichst fröhlich trug ich ihm Genesungswünsche für Lilly auf, aber in mir sah es ganz anders aus. Im nächsten Augenblick allein mit Rincewind McShad zu sein, verursachte ein beklemmendes Gefühl.

"Sie scheinen auch meine Hilfe in Anspruch nehmen zu wollen, Miss Lynfort-Hex." Er sah mich abwartend an. "Ja", begann ich zögernd. Was würde er dieses Mal für seine Hilfe verlangen? Einen zweiten noch unbekannten Gefallen? "Es geht mir nicht gut", stammelte ich, "vielleicht eine Erkältung. Aber sie wird sicher auch so wieder verschwinden." Ich machte mich auf den Weg zur Tür, aber Rincewind McShad packte mich mit einer schnellen Bewegung am Handgelenk und drehte mich zu sich um. Fast wäre ich durch den Schwung in seinen Armen gelandet. Er war mir so nah, dass ich seinen Geruch intensiv wahrnehmen konnte, undefinierbar, nach Kräutern, mysteriösen Substanzen, Hexengebräu,...Schwefel?

"Nicht so schnell, meine Liebe", sagte er nicht unfreundlich, ließ mich wieder frei und trat einen Schritt zurück. "Was fürchten Sie? Angst, ich könnte etwas gefunden haben, dass ihre Wünsche erfüllt?" Ich zuckte zusammen. Unmerklich wie ich meinte, doch er kniff die Augen leicht zusammen, als würde er nachdenken und musterte mich. "Nein", sagte er gedehnt und immer noch nachdenklich, "es ist etwas anderes. Verraten Sie es mir. Was bereitet Ihnen solche Furcht?" "Nichts", gab ich zurück. Aus dem Regal neben sich nahm er ein Fläschchen und streckte es mir entgegen.



Zögernd griff ich danach. "Nehmen Sie das ruhig. Es ist kein Gift, falls sie das befürchten. Es wird ihnen gut tun." "Danke", erwiderte ich mehr aus Höflichkeit denn aus wahrer Dankbarkeit heraus. Erneut griff er nach meinem Handgelenk und drehte meinen Arm, so, dass die Handfläche nach oben zeigte. Mit der anderen holte er etwas aus seiner Jackentasche, legte es in meine Hand, und schloss dabei meine Finger darum, bevor ich es sehen konnte. Es fühlte sich kalt und hart an. "Dies legen Sie an den Ort, an dem Sie Ihres Freundes gedenken." Noch immer schloss er meine Finger mit seiner Hand zur Faust. Das Etwas darin begann zu pulsieren. "Und wenn Sie wieder gesund sind, besuchen Sie mich in meinem Haus. Ich möchte den Gefallen von Ihnen einfordern." Er lies mich los und wandte sich wieder einem Regal mit Tiegeln und Phiolen zu. Ohne eine Antwort verließ ich hastig das Gebäude.
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Beitrag  Chester am So Apr 10, 2016 5:46 am

Ich eilte nach Hause, die Faust fest geschlossen. Vielleicht wollte ich nicht sehen, was darin lag, vielleicht hatte ich auch Angst, es könne meiner Hand entspringen und verloren sein, wenn ich sie öffnete. Das Ding pochte unaufhörlich und verströmte zunehmend eine merkwürdige Wärme. Zuhause begab ich mich sogleich zu Kais Grab und kniete vor dem Gedenkstein nieder. Vorsichtig streckte ich die Finger und fand einen geschliffenen Rubin auf meiner Handfläche, der sich leicht bewegte, als wäre er etwas Lebendiges. Dann lies ich ihn von meiner Hand auf das Moos gleiten.

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Re: Die Gnadeninsel

Beitrag  Chester am So Apr 10, 2016 5:48 am

Anschließend ging ich ins Haus, zog mein Schlafhemd an und setzte mich mit dem Fläschchen an den Tisch. Ich öffnete es und hielt meine Nase darüber. Es roch nicht schlecht, ein wenig nach Minze und Kamille, und schien auch kein Eigenleben zu besitzen. Ein einfaches Erkältungsmittel, wie es schien. Ich befolgte McShads Anweisung und leerte die Flasche in einem Zug. Ein leichtes Brennen lief meine Kehle hinab, aber schon nach kurzer Zeit merkte ich, wie sich eine angenehme Wärme in mir ausbreitete und sich mein Körper leicht und schmerzlos anfühlte. Nur in meinem Kopf begann sich alles zu drehen und ich hatte Mühe, den Weg zum Bett zurückzulegen. Ich setzte mich auf die Kante und während ich mich nach hinten fallen lies, übermannte mich schon ein tiefer Schlaf.

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Beitrag  Chester am Sa Apr 16, 2016 6:31 am

Es war dunkel, als mich das Knarren der Hüttentür weckte. Ich war noch immer benommen und hatte Schwierigkeiten, die Augen geöffnet zu halten. Trotzdem schaffte ich es aus dem Schlafzimmer. Am Küchentisch saß Kai und aß einen dampfenden Teller Suppe mit einer Gabel. Das musste ein Traum sein.

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Beitrag  Chester am Sa Apr 16, 2016 6:32 am

"Wieso hast du die Tür benutzt?", fragte ich ihn, als wäre es das Natürlichste der Welt einen suppeessenden Geist in seiner Küche sitzen zu haben. Ich wusste, dass er auch leicht durch Wände schweben konnte. Meine Stimme hörte sich merkwürdig an, so als wäre ich stark betrunken. "Gewohnheit", gab Kai zurück, ließ die Gabel fallen und schwebte vom Tisch auf mich zu. Ich fühlte mich noch immer wirr im Kopf und unendlich müde. Mir fielen im Stehen die Augen zu und mein Kinn sackte auf die Brust.



"Komm", flüsterte Kai, "ich bringe dich zurück ins Bett." Er nahm meine Hand und ging mit mir ins Schlafzimmer. Dort drückte er mich sanft in die Kissen und begann mein Schlafhemd aufzuknöpfen. "Marly", hauchte er in mein Ohr, "du weißt, was ich möchte." Zärtlich fuhr er mit der Hand über meinen nackten Bauch. "Ich möchte dich", hörte ich ihn wie durch Watte. "Schon so lange sehne ich mich nach dir. Dies ist unsere Chance, vielleicht unsere einzige..." "Ja", lallte ich, "ich will dich auch."
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Beitrag  Chester am Sa Apr 16, 2016 6:35 am

Die weiteren Stunden der Nacht verschwammen in einem Nebel aus Traum und Wirklichkeit.



Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mein Schlafshirt wieder geschlossen und ich allein. Die Ereignisse der Nacht hielt ich für einen wirren, aber sehr schönen Traum.
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Beitrag  Chester am Sa Apr 16, 2016 11:33 am

Tatsächlich fühlte mich auch viel besser als am Tag zuvor. Der Erkältungstrank schien gewirkt zu haben. Auch mein Appetit war zurückgekehrt und ich machte mir ein dickes Marmeladenbrot zum Frühstück.

Wegen der vernachlässigten Pflanzen hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen. Normalerweise sorgte ich sehr gewissenhaft für sie, war mir das Gemüse doch sehr wichtig. Zum einen diente es mir als "Gesprächspartner". Wenn man es nicht darauf anlegte, traft man manchmal wochenlang keine Simseele auf der Insel. Da konnte es schon mal eine angenehme Sache sein, wenigstens mit einer Pflanze zu sprechen und ich hatte das Gefühl, dass es den Pflanzen irgendwie gut tat. Zum anderen stellte das Obst und Gemüse, neben den Tauchgängen, auch eine weitere Verdienstmöglichkeit dar. Wenn ich nicht verhungern wollte, war ich darauf angewiesen, dass genug Essen in meinem Garten gedieh.

Also zog ich mich gleich nach dem Frühstück an und ging hinaus. Doch als ich die Tür öffnete, wäre ich vor Schreck fast gestorben, als plötzlich etwas Kleines, aber doch sehr Flinkes hinter der Süßwassertonne hervorsprang.



Zunächst dachte ich, es würde sich um ein wildes Kätzchen handeln, doch dann entdeckte ich neben der Haustür noch einen gefüllten, hölzernen Fressnapf. Wie es aussah hatte Mo mir ein Abschiedsgeschenk gemacht. Oder ein Versöhnungsgeschenk? Wer konnte das schon genau sagen? Vielleicht wusste er es selber nicht. So direkt und manchmal sogar verletzend ehrlich er war, so undurchsichtig war er auf der anderen Seite. Was auch immer er damit beabsichtigte, ich freute mich über das Geschenk. Irgendwie erschien es mir auch weniger verrückt, mit einer Katze zu sprechen als mit einem Tomatenstrauch. Ich taufte das Kätzchen Kröte und nach ein paar Spiel- und Streicheleinheiten kümmerte ich mich endlich um den Garten.
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Beitrag  Chester am Sa Apr 16, 2016 11:39 am

Nach ein paar weiteren Tagen fühlte ich mich wieder so gut, dass ich keine Ausrede mehr fand, McShad nicht aufzusuchen, auch wenn ich ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte und mich auf dem Weg zu ihm mehrfach überab. Ich hoffte inständig, er würde einen Gefallen von mir verlangen, den ich auch bereit war, zu erfüllen. Mir ist absolut wichtig, meine Versprechen einzuhalten.

Als ich gerade anklopfen wollte, öffnete sich die Tür wieder wie durch Geisterhand. Von drinnen erklang ein: "Im Wohnzimmer, erste Tür links!" Ich folgte der knappen Anweisung und fand den Alchimisten auf einem Sessel sitzend in ein Buch vertieft.



Er klappte es energisch zu, stand auf und legte es auf den Sessel. Merkwürdige Zeichen zierten den Deckel. Die Schrift war mir gänzlich unbekannt, obwohl ich in meiner Kindheit bereits mit sehr vielen Sprachen in Berührung gekommen war.

McShad kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand, so als wären wir gute Bekannte. Er strahlte über das ganze Gesicht und schien richtiggehend aufgeregt, voller Vorfreude. 'Vorfreude auf was?', fragte ich mich. "Ich bin wirklich entzückt, Sie zu sehen, Miss Lynfort-Hex", schnurrte er. Er machte eine Pause und schien auf eine Antwort zu warten, aber ich hatte keine Ahnung, was ich erwidern sollte, vielleicht: 'Die Freude ist ganz Ihrerseits.' Doch dazu war ich zu gut erzogen. "Ich nehme an, Sie sind hier, um zu erfahren, welchen Gefallen Sie mir schuldig sind", fuhr er mangels einer Antwort fort. Dabei setzte er ein breites Grinsen auf, legte den Kopf schief und sah mich verzückt an. Mir schossen unliebsame Bilder von Lillys Dienst an der Göttin durch den Kopf: McShad, wie er mich...

"Ich bin mir nicht sicher, wofür ich Ihnen überhaupt einen Gefallen schuldig sein sollte", platzte es aus mir heraus. "Hatten Sie keinen angenehmen Traum?", fragte er und kam unangenehm nah an mich heran. Wieder drangen die verschiedenen Düfte nach Kräutern und Schwefel auf mich ein und eine neue Welle der Übelkeit erfasste mich, gegen die ich mich jedoch erfolgreich zur Wehr setzen konnte. "Ich glaube, ich habe Ihnen das wertvollste Geschenk gegeben, dass ein Mann einer Frau überhaupt machen kann", flüsterte er nah vor meinem Gesicht. "Warten Sie noch ein paar Tage und sie werden es ...finden..." Ich verstand nicht genau, worauf er hinaus wollte, aber er konnte doch nicht allen Ernstes für einen Traum, einen heißen Traum, das musste ich zugeben, verlangen, dass ich...

"Ich bin auf keinen Fall bereit..." Sein beglücktes Grinsen wandelte sich zu einem aufrichtigen herzhaften Lachen: "Nein, meine Liebe, beruhigen Sie sich. Mein Interesse gilt allein der Wissenschaft." Er trat einen Schritt zurück, wie um seine Worte zu bestätigen. Ich konnte wieder etwas freier atmen, obwohl eigentlich das ganze Haus von einem merkwürdigen Geruch erfüllt war. Bei meinem ersten Besuch hatte ich das noch nicht so intensiv wahrgenommen.
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Beitrag  Chester am Sa Apr 16, 2016 11:46 am

McShad ging zu seinem Sessel zurück und nahm das Buch auf. Während er sich langsam damit wieder in meine Richtung bewegte, blätterte er darin, als würde er etwas Bestimmtes suchen. "Hier ist es", sagte er schließlich und drehte das Buch um 180° damit ich sehen konnte, was er gefunden hatte. Ich war fast etwas enttäuscht, als ich das Bild einer langweiligen Muschel betrachtete.


Abb. 256 Bivalvia Impianto - ausgestorben

McShads Aufregung hingegen hatte sich in keiner Weise gelegt. "Eine Bivalvia Impianto", sagte er bedeutungsschwanger und schien auf eine Reaktion von mir zu warten. "Sie ist äußerst selten", fuhr er fort, "und ich benötige sie dringend für...  ... für ein Rezept." "Und ich soll Ihnen eine solche Muschel besorgen. Eine ausgestorbene Muschel wohl gemerkt", sagte ich und deutete auf die Bildunterschrift. "Ich habe, ganz ehrlich, keine Ahnung, wo ich die herbekommen soll..." Die Verzweiflung in meiner Stimme war deutlich zu hören. Ich  hätte ihm diesen Wunsch wirklich gerne erfüllt. Auf meinen zahlreichen Tauchgängen hatte ich schon Unmengen von Muscheln ans Tageslicht geholt. Einige davon sogar recht wertvoll, wie sich beim späteren Verkauf über Freddy herausstellte. Doch diese Muschel hatte ich nie zuvor gesehen. Wie auch? Dafür wäre wohl eine Zeitreise nötig gewesen.
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Beitrag  Chester am Sa Apr 16, 2016 11:56 am

McShad lächelte mich breit an. "Nun, da kann ich ihnen weiterhelfen", schnarrte er und blätterte weiter. "Sehen sie hier..." Ich betrachtete das Bild der aufgeschlagenen Seite.



"Unter dieser Insel befindet sich ein weitverzweigtes Höhlensystem. Niemand kann genau sagen, was man dort vorfindet, aber wenn es einen Ort gibt, an dem die Bivalvia Impianto noch existiert, dann hier." Mit seinem langen schlanken Zeigefinger tippte er auf das Bild des Höhleneingangs. "Ich habe Sie beobachtet, Miss Lynfort-Hex", flüsterte er und kam dabei wieder unangenehm nah an mein Gesicht heran. "Sie können unglaublich lange unter Wasser verweilen. Wenn ich nicht genau wüsste, dass Ihnen die entscheidenden körperlichen Merkmale fehlen, würde ich behaupten, Sie wären eine Syreni." "Eine Syreni", fragte ich nach. "Eine Meerjungfrau", erklärte er und sah auf meine Füße, wie um sich zu vergewissern, dass mir tatsächlich die entscheidenden körperlichen Merkmale fehlten. Ich starrte selbst hinab und war in diesem Moment unglaublich froh, dass nichts an mir auf mein altes Dasein hindeutete. Ich war nicht sicher, was McShad von mir verlangt hätte, wenn er mich tatsächlich als ehemalige Syreni identifiziert hätte.

"Hier steht, die Muschel ist ausgestorben." Ich blätterte eine Seite zurück und deutete auf die Beschriftung. "Ich kann sie Ihnen nicht besorgen. Um diese Muschel zu finden, wäre eine Zeitreise nötig." "Nun...", er machte eine Pause, als suchte er nach den richtigen Worte, "vielleicht ist eine Zeitreise nicht mehr nötig. Diese Insel birgt so manches Geheimnis. Sie wären erstaunt..." "Oh, ich lasse mich gerne erstaunen...", gab ich zurück. "Bringen Sie mir eine Bivalvia Impianto", flüsterte er und fuhr dann noch leiser fort, "und ich werde Sie vielleicht in Erstaunen versetzen." Er klappte das Buch so unvermittelt und laut zu, dass ich erschreckt zurückwich. "Aber seien Sie vorsichtig. Ich wüsste nicht, wer mir eine Bivalvia Impianto besorgen sollte, wenn Ihnen dort unten etwas zustößt." Er legte das Buch auf einem Tisch ab und verließ den Raum durch die Tür. Ich folgte ihm, aber als ich den Flur betrat, konnte ich ihn nirgendwo entdecken.
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Beitrag  Chester am So Mai 01, 2016 8:15 am

Wie fast immer, wenn ich auf der Insel unterwegs war, schaute ich auch an diesem Tag bei Lilly vorbei. Ich hoffte, dass sie mir nähere Informationen über die Insel und ihr im Meer verborgenes Höhlensystem geben könnte, aber sie verneinte. Obwohl sie auf einem Schiff lebte und den Namen Water trug, ging sie niemals schwimmen und schon gar nicht tauchen. Zudem schien sie sehr gestresst. Wie ich erwartet hatte, gab es in der Familie ein neues, mir noch unbekanntes Kind: Dimitri.

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Beitrag  Chester am So Mai 01, 2016 8:17 am

Zwar waren nun auch Auris und Ari aus den Windeln heraus,...



...doch auf dem Hausboot wurde es zusehends enger. Man wusste schon kaum noch, wo man treten sollte. Überall Kinder, Spielzeug, Betten.

Ich fragte mich, wie, wann und vor allem wo Lilly noch Platz fand, um ihrem Dienst an der Göttin nachzugehen. Dass ein Mann in der Enge, dem Chaos und dem Babygeschrei noch Lust verspürte, fand ich ebenso fraglich. Aber anscheinend machte das einem richtigen Kerl nicht aus, denn Lilly berichtete mir, erneut schwanger zu sein. "Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal ohne Übelkeit aufgewacht bin", gestand sie mir. Ich bedauerte sie aufrichtig. Seit einigen Tagen hatte ich mit einem Darmvirus zu kämpfen und konnte ihr Elend diesbezüglich gut nachvollziehen.

Ich verabschiedete mich sehr schnell wieder und hoffte, niemanden in der Familie angesteckt zu haben.
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Beitrag  Chester am So Mai 01, 2016 8:19 am

Gleich am nächsten Tag unternahm ich einen langen Tauchgang, um mir einen ersten Überblick über das Höhlensystem zu verschaffen. Ich hatte schon früher einige große Löcher in Felswänden auf dem Meeresboden entdeckt, hatte diese jedoch immer links liegen lassen. Wer begab sich schon freiwillig in dunkle, unbekannte und wassergefüllte Löcher im Meer?



Ich versuchte mir die Lage der Eingänge an den verschiedenen Tauchstellen zu merken und skizzierte sie auf einem Blatt Papier, als ich später wieder in der Hütte war. Wenn es sich wirklich nur um ein einziges Höhlensystem handelte, musste es gigantisch sein und die gesamte Insel um- oder unterlaufen. Sich darin zu verirren wäre auch für jemanden, der die Luft so lange anhalten konnte wie ich, mit Sicherheit tödlich. Das Ganze musste sehr gut geplant werden. Vor allem benötigte ich eine Lichtquelle, die auch wassertauglich war.
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Beitrag  Chester am So Mai 01, 2016 8:21 am

Zum Glück hatte ich gerade einen größeren Vorrat an Gemüse, hauptsächlich Kohl, den ich eigentlich zum Handelsplatz hatte bringen wollen. Nun entschloss ich mich, ihn erst einmal zu behalten, damit ich mich in der nächsten Zeit nicht um Nahrung sorgen musste, wenn ich täglich tauchen ging.



Erneut stattete ich Rincewind McShad einen Besuch ab. Ich hoffte, dass er mich, ohne eine weitere Gegenleistung zu verlangen, unterstützen würde. Schließlich war er es, der unbedingt die Bivalvia Impianto benötigte. Tatsächlich übergab er mir ein Öl, das sich auch unter Wasser entzünden ließ, sodass ich mir um eine Lichtquelle keine Sorgen mehr machen musste. Als ich mich verabschiedete, hielt er mich zurück. "Warten Sie noch einen Augenblick, Miss Lynfort-Hex", murmelte er fast unverständlich und setzte mehrfach an, die Treppe hinaufzugehen, so als müsse er sich selbst dazu überreden. Ich wartete, bis er seinen inneren Kampf ausgetragen hatte und schließlich die Stufen nach oben eilte. Kurz darauf kam er zurück und hielt ein großes gefaltetes Papier in der Hand. "Ich hoffe, ich kann Ihnen vertrauen..." Er starrte mir in die Augen, als könne er so meine Gedanken lesen. Zum Test schmiss ich ihm schnell wortlos ein paar schlimme Beleidigungen entgegen und war erleichtert, als er darauf nicht reagierte. Mit dem Gedankenlesen klappe es wohl nicht so gut bei ihm.

Er faltete das Papier auseinander und zum Vorschein kam eine sehr vergilbte Karte. Sie zeigte... ... das Höhlensystem. Ich versuchte meine Wut darüber, dass er zunächst vorgehabt hatte, sie mir vorzuenthalten, unter Kontrolle zu bringen und mich stattdessen darüber erleichtert zu zeigen, dass es offensichtlich jemanden gab, der die Höhlen erforscht hatte und lebend zurückgekehrt war. "Ich sehe, Sie sind  überwältigt", deutete er meine Schnappatmung falsch, "es ist gigantisch, nicht wahr?" Das war es tatsächlich. Das Höhlensystem erstreckte sich nicht nur um und unter der Insel, es schien auch weit ins Meer hineinzureichen. "Wo genau verbirgt sich die Bivalvia Impianto?", wollte ich wissen. "Überall und nirgends", gab er zurück, "es könnten Tausende dort unten liegen... ...oder auch keine einzige." Ich hoffte inständig auf tausend, denn ich hatte keine Lust, den Rest meines Lebens damit zu verbringen, etwas zu suchen, das nicht existierte.

Mit dem Finger umkreiste McShad eine Stelle auf der Karte, die in Küstennähe lag. "Hier", sagte er nachdenklich, "hier ungefähr sollten Sie Ihre Suche beginnen. Ich habe viel über die Bivalvia Impianto gelesen, wie sie sich vorstellen können. Sie benötigt sehr sauerstoffreiches Wasser. Deshalb vermute ich sie irgendwo unterhalb der Insel. Es müsste eine Art Becken in einer Höhle sein, die einen direkten Zugang zur Außenwelt hat, durch den ein Luftaustausch stattfinden kann." Sein Finger bewegte sich in Richtung Insel und kreiste nun an einer Stelle, die mehrere große und kleine Höhlen vermuten ließ. "Es wird ein recht kleines Loch sein, das nach oben führt. In den letzten Jahren habe ich die Insel gründlichst, aber erfolglos nach einem entsprechenden Landzugang abgesucht." Sein Finger fuhr nun einen eher schmalen Gang ab. "Zudem müsste das Wasser dort einer starken Strömung unterliegen. Durch die Bewegung gelangt der Sauerstoff ins Wasser. Suchen Sie nach einer Höhle, in der vielleicht ein paar Pflanzen oberhalb des Meeresspiegels wachsen." Vorsichtig, fast ehrfürchtig faltete er die Karte wieder zusammen. Ich erwartete, dass er sie mir aushändigen würde, doch stattdessen führte er seine Hände samt Karte hinter dem Rücken zusammen und entzog sie somit meinem Blick. "Sie haben wohl nicht darüber nachgedacht, sie mir auszuhändigen...", nickte ich in Richtung seines Rückens. "Oh doch", sagte er weitaus schneller, als er es sonst tat. Für gewöhnlich legte er einen eher bedächtigen Tonfall an den Tag, was mich zu der Annahme brachte, dass seine Überlegungen diesbezüglich abgeschlossen waren. "Allerdings nur sehr kurz." Während er mit einer Hand noch immer die Karte hinter seinem Rücken hielt, deutete er mit der anderen mehr oder weniger höflich zur Tür. Ich kam seiner unausgesprochenen Aufforderung nach und drückte im Gehen noch ein wütendes "auf Wiedersehen" zwischen den Zähnen hervor. "Oh ja", schnarrte er und ich konnte sein breites Grinsen vor mir sehen, obwohl ich ihm den Rücken zuwandte, "wir werden uns in nächster Zeit sicherlich häufiger wiedersehen. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag, Miss Lynfort-Hex."
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