Die Gnadeninsel

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Beitrag  Chester am Mo Mai 02, 2016 3:05 pm

Am nächsten Morgen erwachte ich zum ersten Mal seit langem ohne Übelkeit und war erleichtert, den Darmvirus überwunden zu haben. Doch als ich nach dem Duschen meinen Rock überstreifte, ließ er sich kaum mehr schließen. Mein Bauch war trotz des ständigen Übergebens der letzten Tage kugelrund geworden. Alles deutete auf eine Schwangerschaft hin. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass ich mit keinem Mann intim gewesen war.

Da ich nicht riskieren wollte, meinen Lieblingsrock zum Platzen zu bringen, zog ich eine Latzhose aus dem kleinen Fundus an, den ich mir vor einiger Zeit aus dem fremden Kleiderschrank zusammengestellt hatte. Eigentlich wollte ich nach dem Frühstück den Höhleneingang in der Nähe der Stelle, die McShad mir auf der Karte gezeigt hatte, untersuchen. Doch es war ein regnerischer Tag und das Meer sehr aufgewühlt. Ein Tauchgang bei diesen Wetterverhältnissen wäre viel zu gefährlich gewesen. So entschloss ich mich, die Küste nach einer Spalte oder einem kleinen Loch abzusuchen, um einen späteren Startpunkt für meine Tauchgänge festzulegen. Irgendwo musste ich die Suche ja beginnen.

Doch ich konnte mich nicht wirklich auf mein Vorhaben konzentrieren. Immer wieder tastete ich meinen Bauch ab, meinte sogar leichte Bewegungen darin zu spüren. Schließlich kam mir jener Abend wieder in den Sinn, an dem McShad mir das Medikament gegeben hatte, welches ich so arglos geschluckt hatte. Ich fühlte mich danach wie in Trance und hatte diesen heißen Traum mit Kai. War McShad mir gefolgt und hatte meinen Zustand ausgenutzt? Gab es etwas, an das ich mich nicht erinnern konnte? Oder war der Traum mit Kai kein Traum gewesen?

Während mich diese Gedanken beschäftigten und zunehmend verwirrten, traf ich ausgerechnet auf Mo, der sich das "herrliche Wetter" ausgesucht hatte, um zu joggen.


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Beitrag  Chester am Mo Mai 02, 2016 3:09 pm

"Hi, Marly", begrüßte er mich gezwungen. "Hi, Mo", erwiderte ich, ebenso unsicher, wie ich in dieser Situation reagieren sollte. Eine zeitlang standen wir uns einfach schweigend im Regen gegenüber. Äußerlich völlig regungslos, schienen die Gefühle in mir Polka zu tanzen. Ich stand meinem besten Freund gegenüber, der nicht mehr mein Freund war. Die zunehmend heftigen Bewegungen in meinem Bauch zeigten mir, dass ich nicht mehr allein war, aber gleichzeitig fühlte ich mich so einsam wie nie zuvor. Ich konnte nicht verhindern, dass mir ein Bach aus Tränen über die Wangen lief und hoffte, Mo würde sie für Regentropfen halten, während ich mir gleichzeitig wünschte, er würde meinen Kummer und meine Verzweiflung spüren und diesem Spiel aus Jagen und Fangen, das ich nicht verstand, ein Ende setzten.

Ich hörte jemanden schluchzen und stellte mit Verwunderung fest, dass es nicht Mo war, obwohl sich sonst niemand in der Nähe befand. Erst als er mich wortlos in die Arme schloss und fest an sich drückte, merkte ich, wie mein Körper bebte und sich die Laute meiner Kehle entrangen.

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Beitrag  Chester am Mo Mai 02, 2016 3:11 pm

"Was ist passiert, kleine Meerjungfrau?", vernahm ich Mos Stimme nah an meinem Ohr. Er hielt mich immer noch fest an sich gepresst. Auch ich klammerte mich an ihn. Es beruhigte mein Gefühl, wie ein Luftballon zu sein, der nur an einem dünnen Faden festgebunden ist und im Sturm hin und her gerissen wird. "Ich bin schwanger!", brach es laut aus mir hervor. Plötzlich war ich ganz sicher. Es auszusprechen, machte es irgendwie wahrhaftig.

"Ist es nicht das, was du schon lange wolltest?", hörte ich Mo beruhigend in mein Ohr flüstern. "Ich weiß nicht, wer der Vater ist", schluchzte ich. Wir lösten uns aus der engen Umklammerung. Das Problem laut auszusprechen beruhigte mich ungemein. Mo sah mich fast amüsiert an: "Ich wusste gar nicht, dass du so drauf bist. Versuchst du, Lilly Konkurrenz zu machen?" Ich war kurz davor, ebenfalls zu lächeln. Mo verstand es, jede Situation in das genaue Gegenteil zu verkehren. War man verzweifelt, brachte er einen zum Lachen, war man glücklich, stürzte er einen in Verzweiflung. Mit ihm befand man sich immer auf einer Achterbahn der Gefühle, die keinen Haltepunkt hatte. Ich konnte nur langsam lernen, die Geschwindigkeit zu drosseln.

Mo trat einen Schritt zurück und forderte mich auf, zu erzählen.



Ich berichtete ihm von meinem Deal mit McShad, dem Erkältungstrunk und der anschließenden Nacht, in der die Wirklichkeit mit Träumen zu verschmelzen schien. "Glaubst du McShad hat mich...?", schloss ich meinen Bericht. "Es kann doch nicht sein, dass ich von einem Geist schwanger geworden bin, oder?"

Mo hatte mir die ganze Zeit aufmerksam zugehört. Er hatte keinen Mucks von sich gegeben, aber sein Blick hatte sich zunehmend verfinstert.



"Ich werde dir etwas zeigen, Marly", sagte er und nahm meine Hand, "aber es wird dir nicht gefallen."
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Beitrag  Chester am Mo Mai 02, 2016 3:15 pm

Mit einem flauen Gefühl im Magen folgte ich Mo. Wieder hatte er es mit nur einem Satz geschafft, meine Erleichterung über das Outing in ein Gefühl starker Beklemmung zu verwandeln. Als wir an seiner Hütte ankamen, öffnete er die Tür und spähte hinein, als suche er etwas. "Hier sind sie nicht", sagte er mehr zu sich selbst, "sie müssen irgendwo hier draußen sein." Er eilte um das Haus herum und ich folgte ihm. Schließlich blieb er stehen. "Wie du siehst, ist es durchaus möglich, von einem Geist schwanger zu werden", sagte er, während er erneut nach meiner Hand griff und mit der anderen auf zwei kleine durchscheinende Kätzchen deutete.



Bis dahin hatte ich schon gespürt, dass es auf der Achterbahn mal wieder steil nach unten ging. Jetzt fühlte ich, wie sich im anschließenden Looping mein Magen umdrehte. Oder war es nur das Kind in mir? Ein bläulich durchscheinendes Baby? Oder rötlich-violett wie sein Vater?

"Es war nicht McShad", versuchte Mo mich zu beruhigen, während ich mich in den nahestehenden Holunderbusch übergab. "Niemand hat dir Gewalt zugefügt, Marly. Du erwartest ein Kind von dem Mann, den du liebst." Ich richtete mich auf und wischte mir angeekelt mit dem Handrücken die Kotze von den Lippen. "Er war kein Mann, Mo." Meine Stimme klang heiser. "Als er in dieser Nacht bei mir lag, war er noch immer ein Junge, nicht älter als 16 oder17. Er schien keinen Tag älter geworden zu sein. Was ist, wenn mein Kind nicht wächst? Wenn es immer ein Baby bleibt? Ein durchscheinendes Baby. Ein durchscheinendes, schreiendes, totes Baby?!" Meine Stimme überschlug sich hysterisch. Ich hatte den Höhepunkt des Loopings erreicht. Den Moment, in dem der Wagen so langsam wird, dass man glaubt, er schafft es nicht und man stürze kopfüber in die Tiefe.

Mo küsste mich sanft auf die Stirn. Der Wagen nahm wieder Geschwindigkeit auf. Die Angst blieb. In rasendem Tempo sauste das Vehikel abwärts, aber ich wusste, es würde nicht mehr am höchsten Punkt abstürzen.
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Beitrag  Chester am Mo Mai 02, 2016 3:19 pm

Schließlich nahm Mo mich an der Hand und zog mich ins Haus. Er schob mich an die Küchenspüle und stellte sich hinter mich. Dann wusch er meine Hände. Das fließende Wasser verlangsamte die rasante Fahrt. Endlich konnte ich wieder klarer denken, weil ein Teil der Angst mit dem Wasser weggespült wurde. "Jetzt bin ich doch wieder hier", sagte ich langsam. "Ja", antwortete Mo. Nun war es seine Stimme, in der ich einen Hauch von Panik hörte. Ich spürte, wie sich seine Brust an meinem Rücken beim Atmen hob und senkte. Seine Hände hatten aufgehört, das Erbrochene von den meinen zu reiben. Sie waren sowieso schon lange sauber. Ich hörte deutlich, wie sein Atem schwerer wurde. Der Wagen nahm wieder an Fahrt auf und steuerte auf einen Tunnel zu. Mein Puls beschleunigte, weil ich nicht sehen konnte, was vor uns lag.

"Aber du wirst nicht lange bleiben", presste Mo hervor und drehte energisch das Wasser ab. Er öffnete eine Kommode, nahm ein Handtuch heraus und warf es mir zu. "Ich bringe dich nach Hause", sagte er fest und ließ keinen Raum für Einwände.

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Beitrag  Chester am Do Mai 05, 2016 11:15 am

Es hatte aufgehört zu regnen. Mo hatte seine durchnässte Sportkleidung gewechselt und auch ich zog mir zuhause nach einer ausgiebigen Dusche etwas Trockenes an, während Mo sich in der Küche zu schaffen machte. Als ich mit einem warmen Pullover in den Wohnbereich zurückkam, standen schon zwei Teller mit dampfender Suppe auf dem Tisch. Ich setzte mich und eine Weile aßen wir schweigend.



Es war wie in alten Zeiten, vor dieser unheimlichen Nacht in seiner Hütte, bevor er mich weggeschickt hatte. Ich wollte diese Zeit festhalten. Ich wollte nicht ohne Mo sein. Auch wenn er die furchterregendsten Loopings erst erschaffte, so war er doch auch der Gurt, der mich daran hinderte in einer steilen Kurve aus dem Wagen zu fallen. Wenn ich ihn nicht immer wieder verlieren wollte, mussten wir etwas klären.

"Ich wusste nicht, ob ich die Nacht mit Kai wirklich erlebt hatte oder ob es nur ein Traum war", begann ich. "Manchmal kann ich einfach Traum und Wirklichkeit nicht sauber voneinander trennen." "Ja", lachte er zynisch, "das Gefühl kenne ich." Ich schob langsam meine Hand auf seinen Unterarm. "Es war nicht das erste Mal, dass ich am Morgen nicht sicher war, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich geschehen sind.", fuhr ich fort. Vorsichtig legte ich meinen Löffel neben den Teller und meine zweite Hand neben die erste.  Ich rechnete mit einer Reaktion, aber Mo löffelte weiter seine Suppe. Erst als ich begann, die Manschette am Ärmel seines Hemdes langsam aufzuknöpfen, packte er blitzschnell mein Handgelenk. Ich fühlte mich wie in einem Schraubstock und obwohl sein Griff die Blutzirkulation schon nach kurzer Zeit hemmte und meine Finger langsam begannen, taub zu werden, sah ich ihn mit ruhigem, entspanntem Blick in die Augen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, biss er seinen Griff lockerte und das Blut schmerzhaft in meine Hand schoss. Ich fuhr fort, die Manschette zu öffnen und schob schließlich den Ärmel sanft bis zum Ellenbogen nach oben. Dann drehte ich den Arm langsam so, dass ich die Innenseite des Unterarmes sehen konnte. Im matten Licht der Kerze war kaum etwas zu erkennen. Mit den Fingerspitzen fuhr ich seicht über seinen Arm und konnte die alten Schnitte nur noch als schwache Erhebung wahrnehmen. Wie eine Blinde ertastete ich meinen Namen.
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Beitrag  Chester am Do Mai 05, 2016 11:22 am

"Jetzt weißt du, dass du nicht geträumt hast." Er krempelte den Ärmel wieder runter und schloss den Manschettenknopf. Dann aß er weiter als wäre nichts geschehen. "Warum?" Eine bessere Frage viel mir nicht ein. "Warum was?", fragte er entnervt statt einer Antwort. "Wieso hast du...?" ...das gemacht? ... meinen Namen in deine Haut geschnitten?... dir selbst so weh getan? ...mir solche Angst eingejagt? Ich ließ die Frage offen. Wie auch immer ich es formulierte, Mo würde mir nie eine direkte Antwort darauf geben. Ich verstand plötzlich, dass er es von sich aus erzählen musste.

"Liebst du mich?", fragte ich stattdessen. Der Löffel knallte auf den Tisch. "Verdammt, Marly! Musst du das wirklich noch fragen?"



Ich zuckte kurz zusammen, verkniff mir aber jeglichen Kommentar und löffelte nun ebenfalls stoisch meine Suppe, so wie es Mo zuvor getan hatte.
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Beitrag  Chester am Do Mai 05, 2016 11:23 am

"Du willst wissen weshalb ich in, dieser Nacht nicht schlafen konnte? Du willst wissen, warum ich mich so verletzt habe, warum dein Name für alle Zeit meinen Körper schmücken wird? Du willst wissen, wieso ich dich in dieser Nacht so erschreckt habe?"

Er kannte alle meine Fragen. Und ich kannte die Antwort darauf. Aber es musste ausgesprochen werden, um wahrhaftig zu sein. Ich starrte auf meinen Teller und nickte nur leicht mit dem Kopf.

"Die Antwort auf alle Fragen ist die gleiche, Marly. Ja, ich liebe dich und würde alles tun, um dich nicht zu verletzten. Ich wollte nicht, dass du mich in dieser Nacht siehst. Du sagst, du kannst Wirklichkeit und Traum nicht unterscheiden. Das kannst du sehr wohl. Nur wenn dir die Wahrheit nicht passt, glaubst du, du kannst sie als Traum abtun und alles ist wieder gut. Du wälzt dich mit einem Geist durchs Bett und glaubst, du könntest nicht schwanger werden, weil dir die Konsequenzen nicht passen. Du siehst meinen Schmerz und glaubst, wenn du ihn als Traum abtust, wäre er nicht existent."

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Beitrag  Chester am Do Mai 05, 2016 11:25 am

Mo war laut geworden, wütend. Jetzt beruhigte er sich wieder, schnappte sich seinen Löffel. Ich überlegte, ob es nun an mir war, zu reden. Doch ich hatte nichts zu sagen. Mo hatte mit allem Recht, was ihm über mich rausgerutscht war. Trotzdem verstand ich sein Problem noch nicht. Warum schickte er mich weg, wenn er mich liebte. Warum hatte er es mir nicht einfach gesagt und abgewartet, was passiert? Ich hatte noch viele Fragen an ihn, aber jede Frage, die ich stellte, würde er unbeantwortet lassen. Also tat ich weiter so, als wäre ich unbeteiligt und aß.

"Ich denke, ich bin dir eine Erklärung schuldig", fuhr er nach einer Weile plötzlich fort, als hätte er meine Gedanken erraten. "Ich habe wirklich große Schwierigkeiten, festzustellen, wo ich mich gerade befinde." Er machte eine Pause und schien nach den richtigen Worten zu suchen. "Es sind nicht Traum und Wirklichkeit oder Ort und Zeit, die mich durcheinander bringen. Es sind eher meine Leben, meine Ichs."



"Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin zwei Sims. Dann kann ich nicht mehr nachvollziehen, was oder warum ich vorher etwas getan habe. Es ist tatsächlich wie im Traum. Dort tut man auch Dinge, die man im Leben nicht machen würde. Und man vergisst oft, was man geträumt hat, so wie ich mich manchmal nicht mehr an das erinnern kann, was ich getan habe. In dieser Nacht..."

Während er nach Worten suchte, die ich verstand, stellte ich fest, dass mein Teller leer war. Das klingt banal, aber es brachte mich in echte Schwierigkeiten. Es ist einfach, unbeteiligt zu wirken, wenn man sich mit etwas anderem beschäftigen kann, aber enorm schwer, wenn man vor einem leeren Teller sitzt. Ich stand langsam auf, nahm das Geschirr, brachte es zur Spüle und ließ Wasser in das Becken laufen.

"Ich konnte in dieser Nacht kaum ertragen, dass du bei mir warst und doch so fern. Starke Gefühle bewirken leicht einen Persönlichkeitswechsel. Deshalb habe ich mir selber Schmerzen zugefügt, körperliche Schmerzen. Sie halfen mir, die Person zu bleiben, die dich liebt und dich nie verletzen würde. Meine anderes Ich wäre rücksichtslos gewesen."

Ich ließ den Teller ins Wasser gleiten und dreht mich zu Mo. "Ich liebe dich auch, Mo", sagte ich so leise, dass ich mich selbst kaum hören konnte, "aber ich möchte, dass du jetzt gehst." Es tat weh, ihn so wegzuschicken. Ich hatte nun alle Antworten auf meine Fragen, aber ich brauchte Zeit, um sie zu verarbeiten.
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Beitrag  Chester am So Jun 19, 2016 9:23 am

Mo blieb meiner Hütte in der folgenden Zeit fern und ich mied alle Plätze, an denen ich davon ausgehen konnte ihn zu treffen. Das schloss Lillys Hausboot mit ein. Es wurden somit sehr einsame Wochen, in denen ich nur mit Kröte, meinen Pflanzen und gelegentlich auch mit Rincewind McShad sprach, den ich aufsuchte, um Einblicke in die Karte zu erhalten. Da ich das Leben meines Ungeborenen Kindes nicht riskieren wollte, begab ich mich nicht in die Unterwasserhöhlen und unternahm nur einige leichte Tauchgänge, um mir die Lage der Eingänge einzuprägen und mein Überleben mit dem Verkauf von Muscheln und Fischen zu sichern.



Mir blieb viel Zeit zum Nachdenken. Ich verstand Mo nun besser, auch wenn ich ihn noch nicht vollends durchschaute. Doch wie es aussah, tat er das selbst nicht. Mir wurde klar, dass Mo auf dieser Insel immer mein bester Freund bleiben würde, aber auch, dass wir nie ein Paar werden konnten. Aus Angst um mich würde er das niemals zulassen. Mir würden Umarmungen und Küsse auf die Stirn reichen. Das Gefühl, dass sich jemand um mich sorgte überwog bei Weitem den Wunsch nach Sexualität. Mo hingegen schien diese platonische Art von Intimität echte Qualen zu bescheren. Ich überlegte, ob es fairer wäre, unsere Freundschaft um seinetwillen ganz zu beenden, wollte aber aus reinem Eigennutz nicht darauf verzichten.
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Beitrag  Chester am So Jun 19, 2016 9:26 am

Als mein Bauch immer mehr anschwoll...



... musste ich Lilly schließlich doch aufsuchen, damit sie mir half, die Geburt vorzubereiten. Sie selbst hatte mittlerweile eine kleine Tochter zur Welt gebracht, Birta. Fionella war zur Teenagerin herangewachsen und unterstützte ihre Mutter tatkräftig im Haushalt und bei der Versorgung der jüngeren Geschwister.



Was Lillys Hilfe anging, so wurde ich schnell desillusioniert. Natürlich war sie bereit, mir Tipps zu geben, offenbarte mir aber auch, dass ich die Geburt voraussichtlich ganz allein würde durchstehen müssen. Sie versicherte mir, dass auch die Anwesenheit eines anderen Sims vermutlich nichts ändern würde. Eine Sima war im Allgemeinen in der Lage, ein Kind ohne Hilfe zur Welt zu bringen. Kam es zu Komplikationen, wäre auf der Insel sowieso niemand in der Lage mir zu helfen. Immerhin hatte sie durch ihre vielen Geburten eine Art Ablaufplan entwickelt, was die Vorbereitungen anbetraf.

So verbrachte ich die folgenden Tage damit, durch verschiedene Häuser zu streifen, um mich mit allem einzudecken, was hilfreich sein konnte. Ich kochte Tücher aus und errichtete mir eine "Geburtsstelle" gleich neben dem Ofen, damit ich es mit dem Baby warm haben würde und ich das Messer zum Durchtrennen der Nabelschnur frisch desinfizieren konnte. Da niemand sagen konnte, wie lange sich die Geburt hinziehen würde, kontrollierte ich den Platz jeden Morgen und stellte frisches Wasser und etwas leichtes zum Essen bereit.
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Beitrag  Chester am So Jun 19, 2016 9:28 am

Wie sich im Nachhinein herausstellte, waren einige meiner Vorbereitungen überflüssig, denn bereits nach wenigen Stunden und einer komplikationslosen Geburt hielt ich meinen Sohn Roderic in den Armen.



Zu meiner großen Freude war er weder durchscheinend, noch schrie er viel. Auch meine Sorge darüber, McShad könnte mich unter Drogen gesetzt und sich an mir vergangen haben, waren beim ersten Blick auf mein Kind ausgeräumt. Sowohl an der Hautfarbe als auch an den Gesichtszügen war Kai als Vater sofort auszumachen.

Ich fragte mich, ob er seinen Sohn wohl jemals in den Armen halten würde oder ob er mich nun wirklich für immer verlassen hatte. Seit der Nacht der Zeugung war er mir nicht mehr erschienen.
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Beitrag  Chester am So Jun 18, 2017 11:53 am

Allein mit dem Baby kam ich nun noch weniger aus dem Haus, denn ich musste Roderic überallhin mitnehmen. Ich war sehr erleichtert, als mir Fionella anbot, gelegentlich den Babysitter zu spielen. Schon kurz darauf gab mir eine Einladung von Rincewind McShad Gelegenheit, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen. Es war gezwungenermaßen eine kleine Gesellschaft, die sich da in seinem Haus traf, aber doch größer als ich zunächst erwartet hatte. Ich lernte die O'Connell kennen, die vor kurzem mit ihren drei Kindern auf die Insel gezogen waren. Und auch den ehemaligen Schmugglerbrüdern Olli, Tobias und Standley Vamp  begegnete ich nun endlich einmal. Lilly hatte ihren Sohn Norik mitgebracht, der nun ebenfalls zu den Erwachsenen auf der Insel zählte.

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Re: Die Gnadeninsel

Beitrag  Chester am So Jun 18, 2017 11:55 am

Natürlich war auch Mo gekommen. Wir begrüßten uns höflich, versuchten aber, uns in dem geräumigen Haus möglichst aus dem Weg zu gehen. McShad war ausgesprochen freundlich und wirkte ausnahmsweise mal nicht besonders unheimlich. Er führte mich durch seinen Garten, erklärte mir alle Kräuter und Pflanzen und bot mir sogar Ableger für meinen eigenen Garten an.



Ich versprach, darauf zurückzukommen, bewunderte das große Haus und wir plauderten angeregt. Irgendwann waren wir plötzlich und ungezwungen beim Du angekommen und ich nannte ihn von nun an freundschaftlich Rince. Wir unterhielten uns immer noch draußen im Garten, als die Abenddämmerung hereinbrach. "Ich glaube, ich muss mich nun wieder meinen anderen Gästen widmen", sagte Rince und bot mir an, mich ruhig allein im Garten und Haus umzusehen.
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Beitrag  Chester am So Jun 18, 2017 11:56 am

Um meiner zügellosen Neugier nachzugeben, machte ich mich sogleich daran, das große Haus zu erkunden. Ich begab mich zunächst ins dritte Stockwerk. Hier gab es nur einen einzigen kleinen Raum unter dem Dach. Er enthielt mehrere merkwürdige Gerätschaften, deren Zweck ich nicht ergründen konnte. Ich hatte keine Lampe oder Kerze dabei und im Licht der untergehenden Sonne, die durch ein winziges Fenster herein schien, weckte der Raum ein beklemmendes Gefühl in mir. Schnell stieg ich die Treppe wieder hinab in den ebenfalls nur schwach beleuchteten Flur der 2. Etage und steuerte auf eine Tür zu, deren Raum durch den erleuchteten Türspalt mehr Helligkeit und Vertrautheit versprach. Mehr aus Höflichkeit als aus der Erwartung heraus, dort jemanden anzutreffen, klopfte ich an. Doch obwohl von drinnen keine Antwort kam, wurde ich beim Eintreten vom Anblick zweier mir sehr vertrauter Personen überrascht, die nicht minder erstaunt wirkten als ich.



Ich entschuldigte mich kurz und kehrte eilig ins Erdgeschoss zurück. Dort wechselte ich noch ein paar wenige höfliche Worte mit den anderen Gästen und verabschiedete mich dann sehr schnell mit der Ausrede, dass ich Fionella nicht zumuten wollte, Roderic gleich beim ersten Babysitting allein ins Bett zu bringen.
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Beitrag  Chester am So Jun 18, 2017 12:01 pm

Irgendwie hatte ich erwartet oder gehofft, dass Mo bei mir auftauchen würde, um sich zu entschuldigen oder eine Erklärung zu liefern. Aber als er in den folgenden Tagen nicht auftauchte und sich meine Enttäuschung etwas gelegt hatte, begann ich etwas klarer über die Situation nachzudenken und gleichzeitig auch, mich zu schämen. Nachdem er mir seine Liebe und verzweifelte Lage gestanden hatte, war ich so freundlich gewesen, ihn des Hauses zu verweisen. Mehr noch: Ich hatte erwartet, dass er sich weiter in unerfüllter Liebe zu mir erging und jeglichen sexuellen Gelüsten abschwor. Ich ärgerte mich darüber, wie naiv ich war, und beschloss, die merkwürdige Beziehung zwischen Lilly und Mo einfach und kommentarlos als gegeben hinzunehmen. Schließlich hatte sie schon begonnen, bevor ich überhaupt auf die Insel gekommen war.

Ich besuchte deshalb zunächst Lilly und stellte fest, dass sich für sie an unserer Freundschaft nichts verändert hatte. Sie erwähnte den in meinen Augen peinlichen Vorfall nicht einmal, schien ihn aber auch nicht bewusst zu umschiffen. Im Gegenteil, sie schwärmte ungezwungen von der Party bei Rince und versicherte, dass Fionella Roderic bestimmt auch allein zu Bett hätte bringen können, sie hätte ja schon bei ihren zahlreichen Geschwistern geübt.

Just in diesem Moment schien sich die ganze Familie auf dem kleinen Hausboot zu vereinen und ich konnte feststellen, dass alle etwas gewachsen waren. Auris war nun wie Fionella ein Teen, Dimitri und Birta waren zu Kleinkindern geworden.



Ari berichtete aufgeregt davon, dass er ein paar fremde Kinder getroffen habe und Lilly konnte ergänzen, dass nun die bereits angekündigte Frau mit 7 Kinder angekommen sei und man jetzt tatsächlich an die Renovierung der Schule dachte. Bei einer Tasse Tee fantasierten wir noch ein wenig gemeinsam, wie sich die Insel in Zukunft mit zunehmender Einwohnerzahl verändern würde. Dann verabschiedete ich mich.
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Beitrag  Chester am Do Jun 22, 2017 2:29 pm

Nachdem Roderic nun auf der Welt der war, hatte ich keine Ausrede mehr, nicht für Rince auf Tauchgang zu gehen und mein Versprechen einzulösen. Mir fehlte lediglich ein Babysitter. Fionella schied aus, denn die Mutter der 7-köpfigen Kinderschar übernahm direkt nach ihrer Ankunft auf der Insel tatsächlich die Säuberung der Schule und erteilte von nunan regelmäßig Unterricht für alle Kinder.

Deshalb beschloss ich, Mo mit der Beaufsichtigung meines Lieblings zu beauftragen. Unser angespanntes Verhältnis tat mir nicht gut und vielleicht war dies ein Weg, zu unserer alten Freundschaft zurückzufinden. Als ich vor seiner Tür stand zögerte ich zunächst,...



...aber schließlich klopfte ich beherzt an.
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Beitrag  Chester am Do Jun 22, 2017 2:31 pm

"Komm rein, Marly", hörte ich von drinnen die mir so vertraute Stimme. Ich öffnete die Tür. Mo war gerade dabei, eine Pfütze aufzuwischen, vermutlich eine Hinterlassenschaft einer jungen Katze. Ich trat ein. "Woher wusstest du, dass ich es bin?", fragte ich überrascht. Er blickte von seiner Arbeit kurz auf und grinste mich an. "Niemand sonst auf der Insel müsste sich durch derart energisches Klopfen selbst Mut zusprechen. Im ersten Moment dachte ich, die morsche Hütte bricht nun endgültig über mir zusammen." Mit leicht angewidertem Blick widmete er sich weiter dem Aufwischen des Katzenpipis. "Mo, ich brauche deine Hilfe", startete ich mein Anliegen ohne Umschweife. "Ich bin immer für dich da, Marly." Hörte ich da ein resigniertes Seufzen in seiner Stimme? "Worum geht es denn?" "Ich brauche einen Babysitter, wenn ich für Mc Shad tauchen gehe. Würdest du das übernehmen?" Mo war mit Wischen fertig. Er stützte seinen Rücken mit der Hand, als er sich aufrichtete. Mir wurde wieder bewusst, dass er doch einige Jahre älter war als ich. "Na klar", antwortete er. "Wann?"

Wir verabredeten zunächst einen Termin, an dem er Roderic richtig kennenlernen sollte und ich ihm bei der Versorgung des Kleinen noch etwas unterstützen konnte. Auch wenn er Fionellas Vater war, hatte er sie doch nie versorgen müssen. Zu meiner Erleichterung stellte sich Mo jedoch besser an als erwartet.

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Beitrag  Chester am Do Jun 22, 2017 2:36 pm

Schon während meiner Schwangerschaft hatte ich mit Mc Shad den nächsten Tauchgang geplant. Die Karte hatte sich fest in meinem Kopf verankert und Mc Shad hatte mir gezeigt, in welchen Gebieten er die ersehnte Muschel vermutete. "Die Karte ist sehr... alt", betonte er wie schon so oft am Abend vor dem geplanten Tauchgang. "Vielleicht hat sich dort unten alles verändert. Es ist nicht ungefährlich." Hörte ich da so etwas wie Sorge aus seiner Stimme? "Du hast jetzt ein Kind. Ich könnte verstehen, wenn du mich bätest, dich von deinem Versprechen zu entbinden." Ich dachte nur sehr kurz über dieses Angebot nach. Ich hasste es, in jemandes Schuld zu stehen. Deshalb zog ich die Sache durch.

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Beitrag  Chester am Do Jun 22, 2017 2:38 pm

Das Labyrinth unter der Insel war tatsächlich nicht mehr dasselbe wie auf der Karte. Oft endete ein Gang abrupt, obwohl er mich hätte zu einer weiteren Grotte führen sollen. Manchmal erschien mir die Umgebung völlig fremd, bis feststellte, dass scheinbar einige Bereiche nur an anderer Stelle auftauchten, so als hätte man ein Unterwassergebiet der Karte gegen ein anderes ausgetauscht. Ich erzählte Mc Shad davon und wir zerschnitten eine Kopie und fügten sie nach meinen Angaben zu einer neuen Karte zusammen. So gelang es mir schließlich, eine Grotte ausfindig zu machen, die den Lebensbedingungen der Muschel entsprach. Durch ein Loch in der Decke fiel spärliches Licht in die Höhle, das ausreichte, um nie zuvor gesehenen Pflanzen die Photosynthese zu ermöglichen. Ein schmaler aber reißender Zufluss wirbelte das Wasser am Eingang so auf, dass es genug Sauerstoff aufnehmen konnte, um die begehrte Muschel zu versorgen. Und dann lag sie auf dem Grund der Grotte plötzlich vor mir und schien mich anzulächeln, eine Bivalvia Impianto...



Vorsichtig legte ich sie in einen Behälter, den ich am Fundort mit Wasser füllte. Mc Shad schien überwältigt, als ich ihm bei meiner Rückkehr das unscheinbare Kleinod präsentierte.
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