Felinger Legacy

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Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Sa Dez 19, 2015 6:01 pm

Hidiho!

Hiermit eröffne ich das TB zu meiner neuen Legacy. Warum sie "Felinger Legacy" heißt, wird sich hoffentlich bald klären.

Die Legacy soll eine klassische Legacy mit starker Story-Orientierung sein. Nach der 2. Generation werde ich Euch an der Entscheidung über Erben teilhaben lassen (so mehr als ein möglicher Erbe vorhanden). Die 2. Generation steht schon in groben Zügen fest, deswegen dürft ihr für sie nicht wählen Wink . ... Ähm, ja.. Wenn es Erbenwahlen gibt, sag' ich Bescheid.... Surprised

Mods
- Nraas: MasterController, Overwatch und StoryProgression
- PosePlayer mit div. Poses
- div. Frisuren


Stammbaum der Familie

So far
Akki


Zuletzt von Akki am Di Aug 16, 2016 5:14 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Sa Dez 19, 2015 6:01 pm

~ Reserve ~
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Generation 1 - Kapitel 1

Beitrag  Akki am Sa Dez 19, 2015 6:07 pm

Ein neuer Anfang


Man merkt erst wie still es in einer industriefreien Gegend ist, wenn die Stille auf einmal verschwunden ist.

Ich schreckte so plötzlich aus dem Schlaf hoch, dass ich fast aus meinem Bett fiel. „Waah.“ Verheddert in meine Bettdecke gelang es mir mehr schlecht als recht das Gleichgewicht zu halten. Ich schälte mich aus der Decke. Mein Blick fiel automatisch auf Charis' Bett um zu prüfen ob das Mädchen noch schlief.



Ihr Bett war nicht da. Charis war nicht da. Mein Zimmer in Sanctuary war nicht da.

In diesem Moment fiel mir der permanente Geräuschpegel der zum leicht geöffneten Fenster herein drang auf: Das Rauschen von Industrie und Autos, vermischt zu einem undefinierbaren Rauschen, das kurz unterhalb der Wahrnehmungsschwelle lag und für die meisten Sims so sehr zu ihren Leben gehörte, dass sie es kaum bemerkten.

Ich bemerkte es, weil ich in den letzten Jahren diese Geräusche nicht gehört hatte. Mein Leben hatte in der Stille eines Dorfes stattgefunden, in dem es kaum elektrische Geräte gegeben hatte geschweige denn Autos. Die einzigen Geräusche stammten aus der Natur.

So wie es in Sanctuary still gewesen war, war es dort auch dunkel. Es gab keine Straßenbeleuchtung, nachts schienen nur der Mond und die Sterne. Jetzt schimmerte das fahle künstliche Leuchten einer Straßenlaterne durch den dünnen Vorhang.

Ich sah mich im Zimmer um und mit einem Mal wusste ich wo ich war. Und wann ich war...

Mein Herz machte einen Aussetzer. Tränen stiegen mir in die Augen und ich tastete blind nach dem Nachtisch. Meine Erinnerung täuschte mich nicht. Ich betätigte den Schalter der Nachtischlampe. Zögernd sprang die Leuchte an und tauchte das Zimmer in schwaches Licht.

„Oh fuck. Fuck, fuck, fuck.“ Ich sah mich in dem kleinen Wohnheimzimmer um. In dem ich als Studentin gelebt hatte. In meinem ersten Leben. „Fuck.“ Ich stemmte mich vom Bett hoch und strauchelte zum Kleiderschrank. Mit fahrigen Bewegungen öffnete ich die Tür und sah in den Spiegel. „Fuck.“ Es war zu dunkel, also drehte ich mich halb um und tastete um die Schranktür herum nach dem Lichtschalter für die Deckenlampe. Sofort wurde es taghell um mich herum. Bevor ich mich wieder dem Spiegel zu wandte, zögerte ich kurz. Obwohl es zuvor fast zu dunkel gewesen war, hatte ich genug gesehen. Wieder stolperte mein Herz. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen, atmete tief durch und sah erneut in den Spiegel.

Ich war Kira. Die erste. Die richtige. Die, die ich gewesen war bevor ich wiedergeboren wurde (öfter als ich zählen konnte). Kira Vogel.



Ich starrte mein Gesicht an, von dem ich fast vergessen hatte wie es aussah. Ich unterdrückte ein weiteres „fuck“ und riss mich von meinem Anblick im Spiegel los. Welches Jahr hatten wir? Ich sah mich hilflos um. Mein Blick fiel auf mein Handy, das zum Laden auf dem Schreibtisch lag. Ich nahm es hoch und prüfte das Datum. „Fuck.“ Ich wollte rückwärts auf mein Bett gehen und stolperte über eine halb gepackte Reisetasche. Unsanft fiel ich auf mein Hinterteil. Zum Glück fiel mir das Handy nicht aus der Hand, aber der Sturz war wie ein Schwall eiskaltes Wasser. Ich rollte mich auf dem Boden zusammen und schlang die Arme um mich selbst. Ich war neunzehn Jahre alt und hatte gerade das erste Semester meines Lehramtsstudiums beendet. Und ich war hunderte Jahre alt und lebte einen Selbstversorgertraum. Und ich war Kira – wieder, immer noch – und allein. Darrel war nicht da. Ich fühlte mich, als hätte man mich geschlagen. Tränen floßen über mein Gesicht und aus den tiefen meiner Eingeweide rang sich ein erbärmliches Schluchzen und Jammern hervor. Blind tastete ich nach meinem Kissen, zog es vom Bett und vergrub mein Gesicht darin. Ich umarmte es, als könnte es mir Darrel wieder bringen. Als könnte es alles zurückbringen, was ich verloren hatte – was so gesehen noch gar nicht passiert war. Ich konnte die Tragweite meiner Situation nicht begreifen. Ich war in die Vergangenheit geworfen worden. In mein erstes Leben. Aber ich erinnerte mich an alles. Ein neuerliches Heulen versuchte ich in meinem Kissen zu ersticken. Ich erinnerte mich auch daran, dass das Studentenheim hellhörig war. Das Schluchzen ließ sich mehr schlecht als recht dämpfen, doch es blieb in den Zimmern neben mir still.

Das schlimmste an das ich mich erinnerte war, dass in ich in meinem ersten Leben mindestens dreißig Jahre älter war als Darrel – und auf dem falschen Kontinent. Und würde er sich überhaupt erinnern können? Ich drückte das Kissen noch fester an mich und rollte mich um es herum. Den Tränen und dem Schluchzen ließ ich nun freien Lauf. Ich fühlte mich so allein, so verloren.

Ich hatte vergessen, dass ich das Handy noch in der Hand hielt und fuhr deswegen erschrocken zusammen, als es plötzlich zu vibrieren begann. Ich versuchte meinen Atem mit zwei tiefen Zügen zu normalisieren. Meine Nase war verstopft und aus den Schluchzern entwickelte sich ein Schluckauf. Ich starrte halbblind auf das Display – Unbekannter Anrufer. Es war drei Uhr siebenundzwanzig und ich erhielt einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Nachdem ich in meinem alten Leben erwacht war – ich hatte in all den Jahren zu viel erlebt um an Zufälle zu glauben.
„Hallo?“ Ich war selbst überrascht das meine Stimme relativ fest klang.
„Kira? Kira! Ich hab' nicht viel Zeit, hör mir zu!“
„Wer ist da?“
„Hier ist Akki....Hör' mir zu!“
Vor lauter Schreck hörte mein Schluckauf auf, während mein Herz dieses Mal nicht aussetzte. „Was zur...Akki?!“
„Hör' mir zu!“ Ihre Stimme klang hektisch, panisch und die Hysterie ließ sie immer wieder kieksen.  Ich hatte mir ihre Stimme eigentlich genauso vorgestellt. Bisher hatten wir nur über den Katalogrechner in der Bibliothek von Santuary gechattet. Akki nahm für sich in Anspruch, dass sie uns dorthin gebracht – uns in Sicherheit – gebracht hatte. Warum und vor wem sie uns schützte, hatte sie allerdings nie verraten.
„Kira, hör' mir zu.“, setzte sie erneut an und ich erwiderte nur kurz: „Ja.“ Am anderen Ende der Leitung hörte ich ein tiefes Durchatmen, dann brauch ein Schwall von Wörter, Sätzen, Informationen über mich herein. Ich musste meine ganze Konzentration aufbringen um Akki folgen zu können. Langsam setzten sich in meinem Kopf Puzzlestücke zusammen und ich konnte erkennen was mit mir und mit Darrel seit meinem ersten Leben passiert war....

„Pass' auf dich auf.“, verabschiedete ich mich schließlich von Akki. Wir hatten lange und ausgiebig telefoniert (entgegen ihrer Ansage hatte Akki doch nicht wenig Zeit gehabt). Viele Fragen, die mich seit ewigen Zeiten beschäftigten, waren beantwortet worden. Neue Fragen waren zwar aufgetaucht, aber all das rückte in den Hintergrund wegen einer Information, die Akki mir gleich zu Beginn des Telefonats mitgeteilt hatte: Darrel war nicht dreißig Jahre jünger. Mein Hirn war immer noch mit der Aufarbeitung des Inputs beschäftigt, aber soweit ich es verstanden hatte, waren wir zwar in unserem ersten Leben, aber irgendeine Zeit- oder Phasenverschiebung (da war Akki sich auch nicht ganz sicher) hatte dafür gesorgt, dass wir auf der derselben Zeitebene waren (allerdings war er trotzdem in Simerika und ich in Simropa).
„Pass' du auch auf dich auf. Ich kann es nicht mehr.“, erwiderte Akki. Ihre Stimme war etwas entspannter geworden, aber unterschwellig nahm ich ihre Anspannung war. Es waren die letzten Worte die wir je miteinander sprechen würden. Akki verschwand nach diesem Telefonat aus meinem Leben – und damit hoffentlich auch alle anderen Beobachter.

Während des Telefonats hatte ich mich in den Schneidersitz gesetzt und nun erhob ich mich langsam – nur um aufs Bett zufallen, da meine Beine eingeschlafen waren. Ich zwang mich, nicht zu fluchen. Während ich meine Beine massierte, wendeten sich meine Gedanken meinem neuen Wissen zu.
Mein Leben war von sogenannten Beobachtern manipuliert worden – vielleicht schon vom ersten Herzschlag an (also dem wirklich ersten). Sie hatten dafür gesorgt, dass Darrel und ich wiedergeboren wurden. Zu ihrer persönlichen Belustigung und zur Befriedigung ihrer Schaulust hatten sie uns als Gegenspieler aufgestellt. Wir wussten über lange Zeit nicht warum, nur das wir uns bekämpfen mussten, bis...bis wir als die Geschwister Basil und Poppy wiedergeboren wurden. Ich hatte mir damals vorgenommen Darrel zu ändern und es war mir gelungen – bis die Beobachter erneut aktiv in unser Leben eingegriffen hatten. Sie hatten Darrel auf die schiefe Bahn geführt und versucht mein Vertrauen in ihn zu erschüttern, indem sie mir Joy als permanente Zweiflerin zur Seite gestellt hatten. Wären wir nach dem Tod seiner Frau (der im übrigen auch auf das Konto der Beobachter ging) nicht nach Bridgeport gegangen, hätte Joy mich vermutlich davon überzeugen können, dass Darrel mein Feind geblieben war.

Das Gefühl war in meine Beine zurückgekehrt und ich begann meine Reisetasche zu packen. Das Semester war zu Ende und ich wollte zu meinen Eltern fahren – zumindest sah so der Plan beim ersten Mal aus. Jetzt...
Während ich versuchte denn gesamten Inhalt meines Schrankes in die Tasche zu quetschen, schweiften meine Gedanken erneut ab.
Akki war eine abtrünnige Beobachterin, die sich – aus welchen altruistischen Gründen auch immer – in den Kopf gesetzt hatte, bedauernswerte Sims wie Darrel und mich zu retten. Dazu hatte sie den Ort Santuary geschaffen und vor den anderen Beobachtern geschützt. Offensichtlich nicht gut genug, denn sie war gestellt worden. Beinahe hätte dies das Ende für Sanctuary – und Darrel und mich – bedeutet. Doch eine Instanz noch mächtiger und geheimnisvoller als die Beobachter hatte sich eingeschaltet. Es hatte eine Verhandlung zwischen Akki und den Beobachtern gegeben (klar, dass die eigentlich Betroffenen – wir – nicht einbezogen wurden). Es lief auf einen Vergleich hinaus – Akki musste eine Strafe ableisten, nach der sie jedoch wieder als freie Beobachterin arbeiten durfte. Die Beobachter mussten Santuary in Ruhe lassen – allerdings unter der Voraussetzung, dass Darrel und ich aus dem Ort entfernt wurden (Was hatten wir denn damit zu tun? Wir waren doch benutzt worden und nun sollten wir bezahlen?).
„Was bedeutet das für uns?“, hatte ich kraftlos ins Handy gehaucht.
„Ich ..i-ich weiß es nicht.“ Akkis Stimme war weg gekippt. „Man hat den Resetknopf für euch gedrückt. Ihr seid frei – nehme ich an. Und irgendjemand hat dafür gesorgt, dass ihr auf derselben Zeiteben seid.“ Dann hatte sie zitternd Luft geholt. „Aber Kira – das heißt auch, dass es nur noch dieses Leben für euch geben wird.“

„Fuck.“ Ich starrte meine Reisetasche böse an. Zwar hatte ich das meiste meiner Wäsche unterbringen können, aber mir war nicht ganz klar, wie ich jemals den Reißverschluss zu kriegen sollte. Natürlich hatte ich ohne nachzudenken Kleidungsstücke hineingestopft. Leise fluchend riss ich das meiste wieder heraus, faltete alles ordentlich und packte nur die nötigsten Dinge ein. Mein erster Impuls war, einen Flug nach Simerika zu buchen, nach Mountain View zu fahren und Darrel zu suchen. Ich wusste wesentlich mehr über sein erstes Leben als er über meins. Deswegen war mir klar, dass ich ihn aufsuchen werden müsste. Aber ich konnte nicht so einfach nach Simerika fliegen...
Die Tasche ließ sich mit etwas Planung wesentlich besser packen. Es blieb sogar noch etwas Luft, so dass ich den Aktenordner mit meinen Dokumenten noch unterbringen konnte. In meinen großen Rucksack stopfte ich noch ein weiteres paar Schuhe, bevor ich den Laptop und das Handyladegerät einpackte. Anschließend nahm ich das letzte Handtuch, meinen Kulturbeutel und frische Wäsche. An der Zimmertür hielt ich kurz inne und lauschte. Es war mittlerweile halb fünf, aber das Wohnheim war weiterhin totenstill. Schnell schlüpfte ich aus dem Zimmer und schlich in den Duschraum. Draußen hängte ich den roten Ball an die Klinke, der anzeigte, dass ein Mädchen duschen war. Es war ein gemischtes Wohnheim mit gemischten Dusch- und Toilettenräumen. Wir hatten es mit verschiedenen Systemen versucht um Peinlichkeiten im Duschraum zu vermeiden und einen roten oder blauen Stoffball an die Klinke zu hängen hatte sich als praktikabel erwiesen. Während ich mir die Zähne putzte vermied ich den Blick in den Spiegel. Die letzten Jahrzehnte hatte ich mich sehr an mein Aussehen als Poppy gewöhnt, so dass mir meine blasse Haut, die hellblauen Augen und das lange blonde Haar fremd vorkamen. Was würde Darrel nur sagen? Ich spuckte den Schaum aus und mir dämmerte, dass Darrel auch anders aussehen würde. Ich kannte dieses Aussehen und hatte es eine lange Zeit mit allem bösen verbunden. Er würde wieder Blake sein – der Mann, der mich als Katze Nr.1 erschossen hatte. War er schon kriminell geworden? Soweit ich mich erinnerte war er zunächst Polizist gewesen und korrumpiert worden... Ich sprang in die erste Duschkabine, nachdem ich zuvor das Wasser aufgedreht und eine brauchbare Temperatur eingestellt hatte. Grübelnd schäumte ich mein Haar und meinen Körper ein. Ich war sicher, dass ich Darrel ausreichend beeinflusst hatte, so dass er nicht mehr willentlich kriminell werden würde. Er war ein anderer Mensch als Basil geworden – um so mehr seit wir in Sanctuary waren. Sanctuary...trotz des heißen Wasser begann ich zu zittern. Laut Akki waren die anderen dort in Sicherheit – und absolut ahnungslos, dass es Darrel und mich jemals gegeben hatte. Man hatte ihre Erinnerungen an uns ausgelöscht. Ich spülte mein Haar aus – warum musste es so lang sein? Das war furchtbar unpraktisch! Keiner würde sich in Sanctuary an uns erinnern. Corey würde nie wissen wer sein Vater und seine Tante waren. Unter dem Strahl der Brause vergoss ich erneut Tränen. Der süße kleine Corey – bereits jetzt vermisste ich ihn und in meinem Herzen machte sich ein großer schwarzer Fleck breit. Man hatte uns aus unserer Familie und unserem Freundeskreis gerissen und ausgesetzt. Ich begann mich zu fühlen, als hätte man einen Teil meines Selbst amputiert.

Ich blieb unter der Dusche bis ich mir der Kontrolle meiner Tränenflüssigkeit halbwegs sicher war bevor ich das Wasser ausdrehte, mich abtrocknete und zurück in mein Zimmer huschte. Nach wie vor lag der Flur in nächtlicher Stille da, nur aus einem Zimmer vernahm ich ein penetrantes Schnarchen. In meinem Zimmer legte ich das nasse Handtuch zusammen und steckte es in eine Plastiktüte bevor ich es mit dem Kulturbeutel und meiner Nachtwäsche in den Rucksack stopfte. Zögerlich zog ich mich an und überlegte, ob ich es riskieren sollte den Fön anzuschalten. Ich entschied mich dagegen, denn ich wollte niemanden wecken. Es war Sommer, also sollte mich das feuchte Haar nicht umbringen. Ich schaltete die Lampen aus und schloss das Fenster.  Nach einem letzten prüfenden Rundgang in meinem Zimmer hängte ich die Reisetasche um und zog den Rucksack auf. Handy und Portemonnaie kamen in die Hosentaschen. Möglichst leise schlich ich mich aus dem Wohnheim.



Es war fast hell als ich am Bahnhof ankam. Die ersten morgendlichen Pendler standen an den Gleisen. Niemand schenkte mir Beachtung und ich mied die Blicke anderer. Der Lärm, die Hektik und all die vielen Sims machten mir zu schaffen. Mein Stresspegel schoss durch die Decke – und er war seit meinem unsanften Erwachen nicht gerade niedrig gewesen. Ich musste mich konzentrieren das richtige Gleis und den richtigen Zug erwischen. Unendlich erleichtert ließ ich mich schließlich auf einen Sitz fallen und baute auf dem Sitz neben mir Reisetasche und Rucksack zu einer undurchdringlichen Mauer auf. Ich starrte aus dem Fenster. Der Plan, den die erste Kira (das war ja nicht ich gewesen – also nicht wirklich – argh...es war kompliziert) vor so langer Zeit (also in dieser Realität seit schätzungsweise einer Woche) gehabt hatte sah vor, zum Ende des Semesters zu ihren Eltern zu fahren und dort die Semesterferien zu verbringen. Ich würde es ganz sicher nicht tun. Stattdessen würde ich tun, was ich (also als erste Kira) immer getan hatte, wenn's brennt: Ich würde zu meiner Oma fahren.


Zuletzt von Akki am Di Jan 26, 2016 11:21 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mo Dez 21, 2015 9:18 pm

Best Grandma Ever

Ich starrte während der Fahrt aus dem Fenster. Vor meinem inneren Augen sah ich alle möglichen Szenen aus meinen früheren Leben. Besonders häufig erlebte ich Szenen aus Santuary wieder. Immer wieder musste ich mit den Tränen kämpfen, besonders dann, wenn ich mir Darrel vorstellte. Was er wohl gerade tat? Wusste er, dass ich kommen würde?
Das brachte mich ins Hier und Jetzt zurück. Ich musste dringend eine Möglichkeit finden nach Simerika zu kommen. In Frage kämen ein Besuchervisum oder ein Arbeitsvisum. Ersteres würde ich schnell beantragen können, doch die Gültigkeit war begrenzt. Ein Arbeitsvisum würde mir eine längere Zeitspanne bringen, doch ungelernt und ohne Studium waren meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mau. Es kam überhaupt nicht in Frage mein Studium zu beenden. Das würde mich zu lange in Simropa binden – und mich wahrscheinlich total in den Wahnsinn treiben. Also musste ich wohl oder übel eine Ausbildung beginnen. In Seutschland ging ja gar nichts ohne irgendein Zertifikat.
Der Fahrkartenkontrolleur riss mich aus meinen Gedanken und ich suchte hektisch nach meinem Studententicket. Zum Glück befand es sich in meiner Handyhülle. Nach dem der Kontrolleur zur nächsten Sitzreihe weitergegangen war, bemerkte ich, dass ich fast angekommen war. Mein Magen meldete sich und ich musste dringend auf Toilette. Ächzend nahm ich die schwere Tasche und den Rucksack und stolperte zur Tür, so dass ich direkt aussteigen konnte als der Zug im Bahnhof hielt. Ich brauchte einen Moment um mich zu orientieren, bevor ich zu den Bushaltestellen fand und einen Bus suchen konnte, der mich in die Nähe von Omas Wohnung bringen würde.
Die Fahrt dorthin verlief ereignislos. Ich hing nicht länger meinen Gedanken nach, da ich damit beschäftigt war meine Blase unter Kontrolle zu halten. Es war eine willkommene Abwechslung zu dem Gedankenkarussel des bisherigen Morgens.



Als ich endlich vor Omas Haus stand platzte ich fast. Ich klingelte Sturm, doch es machte niemand auf. Eigentlich war Oma eine Langschläferin. Um halb neun sollte sie zuhause zu sein und noch schlafen. Doch sie würde nicht so fest schlafen als das sie nicht die Klingel hörte. Ich unterdrückte ein Fluchen und probierte es beim Hausmeister, der im Souterrain wohnte. Zum Glück war Peter zuhause und erkannte mich. Er ließ mich in Omas Wohnung, wo ich als erstes die Toilette aufsuchte. Peter rief mir noch nach, dass meine Oma heute Vormittag einen wichtigen Termin hatte und wohl nicht vor Mittag zuhause sein würde.

Ich durchsuchte anschließend den Kühlschrank. Wie zu erwarten war herrschte gähnende Leere – wenn man von Sahnejoghurt, ein paar Eiern gefährlich nah am Ablaufdatum, Toast und Butter absah. Ich war zu k.o. um daraus etwas zu machen, also nahm ich mir einen Sahnejoghurt und fischte aus Omas Süßigkeitenschublade Schokoladenkekse. Dieses etwas unkonventionelle Frühstück verzehrte ich auf der Couch, auf der ich kurz darauf einschlief.



Ich musste richtig fest eingeschlafen sein, denn ich wurde wach als meine Oma nach Hause kam.
„Kira! Das ist ja eine Überraschung!“ Oma stand in einer ihrer geliebten Tuniken hinter der Couch und grinste mich breit an. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und fing in dem Moment an zu weinen, in dem Oma mich in den Arm nahm.



„Na, na, na. Was ist denn los mein Kind?“ Sie drückte mich auf die Couch und verschwand. Kurz darauf kam sie mit einer Toilettenpapierrolle in der Hand wieder. Sie rollte ein langes Stück an und gab es mir. Während ich mich geräuschvoll die Nase putzte, sah mich Oma mitfühlend an.
„Oma, ich...“ Ich stockte. Konnte ich ihr anvertrauen was mir widerfahren war? Ihr verständnisvoller Blick ruhte auf mir. Oma war unkonventionell, aber sie würde mich immer unterstützen und mir zur Seite stehen. Sie dachte oft in anderen Bahnen als andere Sims und würde meine Geschichte deswegen nicht sofort als Hirngespinst verwerfen. Ich holte tief Luft und wollte gerade beginnen, als ich feststellte, dass es nicht ging! Verwirrt sah ich Oma, auf deren Gesicht sich langsam Besorgnis breitmachte, an. Ich dachte die Worte und meine Lippen formten sie, aber aus meiner Kehle drang kein Laut.



„Oh fuck.“, fluchte ich schließlich und vergrub das Gesicht in meinen Händen. Oma rückte näher und streichelte mir langsam den Rücken. Sie schwieg. Meine Gedanken rasten. Irgendwie musste ich ihr erklären, warum ich so plötzlich bei ihr aufgetaucht war und vorhatte mein ganzes Leben über den Haufen zu werfen. Ich nahm die Toilettenpapierrolle und riss ein Stück ab. Nachdem sich mein Atem etwas beruhigt hatte, unternahm ich einen erneuten Versuch.
„Oma, ich bin...mir ist...“ Frustriert quetschte ich die Rolle. „Okay, nochmal. Mir ist etwas....passiert. Nein, keine Sorge nichts Schlimmes. Also nichts wirklich schlimmes. Nach normalen Maßstäben. Argh!“ Aus dem Augenwinkel nahm ich war, dass Oma sich bemühte nicht amüsiert zu kichern. „Also...nehmen wir einfach mal an, dass ich – aus Gründen, die ich nicht kommunizieren kann – entschlossen habe, mein Leben zu ändern...Ach, es kommt einfach nicht richtig raus! Du kannst mich nicht verstehen, weil ich sagen kann warum.“ Niedergeschlagen riss ich ein einzelnes Blatt Toilettenpapier ab und begann es wieder und wieder zu falten.
„Ich würde sagen, du hattest eine Epiphanie.“, sagte Oma schließlich. „Eine Vision! … oh, du hast aber nichts illegales konsumiert oder? Naja, das wäre auch nicht so schlimm. Kommt vor.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Und was willst du ändern?“
Ich ließ mein Toilettenpapierblatt fallen und starrte Oma an. Kein Nachhaken? Kein Nachbohren? Sie nahm das einfach hin? „Äh?!“
„Kira, ich weiß nicht warum du mir nicht sagen kannst WAS dich bewegt, aber wenn du dich verändern willst, dann tu's einfach.“ Jetzt kicherte sie wirklich amüsiert. „Heißt das etwa, du willst keine langweilige Beamtin wie dein Vater werden? Er wird tot umfallen!“
Widerwillig musste ich ebenfalls lachen. Allerdings versetzte mir die Erwähnung meines Vaters auch einen Stich. Ich musste mich mit ihm und meiner Mutter auseinandersetzen – nichts dem ich freudig entgegen sah.



„Er weiß es doch noch nicht oder?“, erkundigte sich Oma. Ich schüttelte den Kopf. „Aber er weiß schon, dass du hier bist?“ Erneutes Kopfschütteln. „Soll ich ihn anrufen?“
Ich beeilte mich zu nicken. Oma grinste wissend und erhob sich von der Couch.
„Hast du Hunger?“, rief ich ihr nach als sie zum Telefon ging.
„Ja, aber lass mich erst deinen Vater anrufen bevor wir eine Pizza bestellen.“, erwiderte sie.
„Lass die Pizza mal stecken.“ Ich schüttelte den Kopf. Oma ernährte sich dermaßen ungesund, dass es ein Wunder war, dass sie überhaupt noch lebte! Das Magengeschwür meiner Mutter war zum Teil auf Oma zurückzuführen – oh, nicht nur wegen ihrer Ernährungsgewohnheiten.
Ich inspizierte erneut den Kühlschrank. Neben den Eiern und der Butter fand ich noch eine unangebrochene Dose Kondesnmilch (maximaler Fettgehalt natürlich). Neben dem Toaster stand eine halbvolle Tüte Sandwichtoast, der zwar noch nicht schimmelig war, aber schon bessere Tage gesehen hatte. Immerhin verfügte Oma tatsächlich über Zucker und – Wunder über Wunder – sogar Zimt. Der Gedanken an French Toast hatte mich im Schlaf überfallen. Mit den wenigen Zutaten die Oma im Haus hatte, konnte ich immerhin etwas zubereiten!



Als Oma nach dem Telefonat in die Küche kam, sah sie mich mit großen Augen an. „Seit wann kannst du kochen?“
„Seit einer Ewigkeit?“ Ich sah sie scheel an, schließlich kochte ich seit …. nun ja, lange. Aber dann fiel mir ein, dass sie das nicht wusste. Ich zuckte nur mit den Schultern und richtete zwei Portionen auf Tellern an. „Bitte: Einmal French Toast.“
Oma schnupperte neugierig an ihrem Teller. „Riecht himmlisch!“
Wir setzten uns an ihren kleinen Tisch und begannen zu essen. Dafür das die Zutaten improvisiert waren, schmeckte es sehr gut. Oma bekam sich vor Freude über ein „echtes“ Essen – das dazu ihre wichtigsten Kriterien für ein gutes Essen erfüllte: Fett, süß (alternativ pikant), warm – gar nicht mehr ein. Sie bohrte nicht nach wann und wie ich kochen gelernt hatte.
„Was hat er gesagt?“, wagte ich schließlich zu fragen.



„Oh...“ Oma lachte. „Es fing wie immer an: 'Henny – wie schön dich zu hören!'“ Oma imitierte die Stimme meines Vaters, der nie ganz verhindern konnte, dass sich seine Abneigung gegen Oma einschlich, hervorragend. „Schön dich zu hören“ klang in diesem Fall eher nach „Was habe ich nur getan, dass du mich anrufst?“. „Ich hab ihn erst ein bisschen gequält – nach seinem Befinden gefragt und ihn allgemein ein bisschen gepiesackt.“ Das war eines von Omas Hobbys. Sie konnte ihren Schwiegersohn nicht besonders gut leiden (ein Gefühl das auf Gegenseitigkeit beruhte) und hatte es ihrer Tochter nie wirklich verziehen einen staubtrockenen, verbissenen, todlangweiligen Karrierebeamten (Omas Worte) geheiratet zu haben. Im Stillen musste ich ihr zustimmen. Ich hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihm aufbauen können, obwohl während meiner Kinder- und Jugendzeit vor allem er für mich gesorgt hatte, während Mutter unterwegs gewesen war. Ich bezweifelte, dass ich mit meinem jetzigen Wissen und Entwicklungsstand besser mit ihm auskommen würde.
„Dann habe ich gefragt wo Isabella sich gerade aufhält. Sie ist wohl in Indien.“
Ich zuckte die Schultern. Mutter war in der Entwicklungshilfe tätig – für sie kein Beruf sondern Berufung. Ich glaube die Ehe meiner Eltern funktionierte überhaupt nur, weil Mutter nie da war und Vater im Ministerium so eingespannt.
„Dann hab ich ihm gesagt, dass du erst mal ein bisschen bei mir ausspannst. Mehr noch nicht.“
„War er sauer?“



„Quatsch. Der wusste doch noch nie was er mit dir anfangen sollte.“
Da hatte sie allerdings recht. Wäre ich nicht die, die ich inzwischen war, hätten mich Omas Worte sicher verletzt und ich hätte vielleicht versucht Vater zu verteidigen, aber jetzt? Um ehrlich zu sein hätten mir meine Eltern gerade nicht gleichgültiger sein können.
„Danke Oma.“ Ich griff kurz nach ihrer Hand und drückte sie. Oma musterte mich scharf.
„Irgendetwas ist definitiv mit dir passiert.“, sagte sie. „Du bist...anders.“
„Du hast ja keine Ahnung...“ Ich grinste und räumte das Geschirr ab. Oma würde nicht nach bohren.



„Willst du wirklich dein Studium abbrechen?“ Oma kam mir in die Küche nachgelaufen und sah mir beim Abspülen zu.
„Ja.“
„Yay!“ Sie klatschte begeistert in die Hände. Ich fragte mich, ob sie sich freute weil meine Entscheidung meinen Vater ärgern würde oder weil sie der Meinung war, dass Studium sei nichts für mich.
„Du kannst auf jeden Fall hierbleiben solange du willst! Aber ich muss noch ein paar Auftragsarbeiten fertigstellen.“ Sie warf einen Blick auf meine Hände. „Dabei kannst du mir allerdings wirklich nicht helfen.“ Es war stets eine große Enttäuschung für Oma gewesen, dass weder ihre einzige Tochter noch ihr einziges Enkelkind einen Funken Talent hatten. Sie war Künstlerin mit Leib und Seele. Trotzdem ließ sie es mich nie spüren.
„Keine Sorge, ich komm dir bestimmt nicht in die Quere. Aber bitte, bitte lass mich kochen! Ich sterbe wenn ich länger als zwei Tage dein Junkfood essen muss!“
„Junkfood? Pah, den Floh hat Isabella dir ins Ohr gesetzt! Als nächstes willst du wohl, dass ich auf Cholesterin und den ganzen Humbug acht gebe!“
„Bestimmt nicht! Ich hab ja auch nix gegen mal Pizza aber nicht IMMER.“
„Manchmal geh' ich auch zu McSimolds.“
Das konnte ja heiter werden...

Nachdem ich die Küche in ihren ursprünglichen Zustand (naja, vielleicht war sie jetzt sogar sauberer und aufgeräumter als vorher), folgte ich Oma an ihre Staffelei. Sie quetschte verschiedene Farben auf ihre Palette und fuhr mit geübten Pinselstrichen über die Leinwand.
„Das ist für die den kleinen Bastelladen. Da wo ich auch meine Sachen bestelle. Sie stellen meine Bilder manchmal aus, aber dieses Mal möchte Frau Fischer ein stilisiertes Portrait von sich haben. Soll über den Kassenbereich.“



„Aha.“ Ich sah ihr eine Weile zu. Wir schwiegen einträchtig während das Portrait von Frau Fischer Gestalt annahm. Oma brauchte kein Modell oder auch nur ein Foto. Sie hatte ein nahezu eidetisches Gedächtnis und würde die wesentlichen Züge der Frau einfangen können ohne sie live vor sich zu haben.
„Hm … Kira, hat Alrik was mit deiner Entscheidung zu tun? Seid ihr noch zusammen?“
Ich starrte Oma an. Fuck. Alrik. Hatte. Ich. Total. Vergessen.


Zuletzt von Akki am Di Jan 26, 2016 11:22 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Di Dez 29, 2015 7:10 pm

Reiß' die Brücken ab

Oma hatte gespürt, dass sie mich auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Sie schickte mich ins Gästezimmer, damit ich meine Sachen einräumen konnte. Da ich nicht viel mitgenommen hatte, verstaute ich meine Dinge schnell in Omas Reserve-Kommode und setzte mich dann im Schneidersitz auf den Boden. Ich wünschte so sehr, dass ich mit Darrel sprechen konnte. Oder wenigstens mit Akki. Aber eine Kontaktaufnahme mit beiden war nicht möglich. Akki musste ihre ominöse Strafe beginnen und Darrel – nun ich hatte keine Ahnung wie ich ihm eine Nachricht zukommen lassen konnte. Ich hatte nur einen Namen – Blake – und einen Ort – Mountain View. Und bevor ich mich darum kümmern konnte, musste ich die vor mir liegenden Probleme angehen: meine Eltern, eine Ausbildung und Alrik.



Alrik. In diesem Leben sollte er eigentlich mein Ehemann werden. Zumindest war es beim letzten Mal so gelaufen. Ich glaubte, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht über eine Heirat gesprochen hatten, aber sicher war ich mir nicht. Alrik und ich waren zusammen aufgewachsen, immer beste Freunde gewesen, bis sich mehr daraus ergeben hatte. Und nun würde ich ihm vermutlich das Herz brechen. Die Tragweite dieser Entscheidung ließ mein Herz aussetzen. Es würde dieses Mal keine Ehe geben und damit ich keine Kinder...wir würden nicht nach Schlafheim gehen und …Ich rollte mich einmal mehr zu einer Kugel zusammen und weinte.

Gegen Abend traute ich mich aus meinem Bett. Oma werkelte inzwischen an einer Holzskulptur. Das Bild war fertig.
„Ist gut geworden.“, sprach ich sie lahm an.
Oma warf mir über die Schulter einen scheelen Blick zu. „Du siehst...schei-...schlecht aus.“
„Danke für die Blumen.“ Ich rieb mir über das Gesicht. Da musste ich an Darrel denken und den Tick den er hatte. Er rieb sich immer über den Unterkiefer. Ich kämpfte die Tränen und das Bedürfnis mich auf dem Boden zu einer Kugel zusammen zu rollen nieder.
„Wenn ich was zum Abendessen machen soll, muss ich noch mal einkaufen. Allerdings ist in meinem Geldbeutel Ebbe. Oh, und wenn Vater raus findet, dass ich das Studium schmeiße, wird es vermutlich Dauerzustand. Der dreht mir bestimmt den Geldhahn zu.“ Ich ließ mich über die Rückenlehne auf die Couch fallen. Ich hatte das Gefühl, dass fast minütlich neue Sorgen über mich hereinbrachen.
„Mach dir darum mal keinen Kopf. Ich bin ja auch noch da.“
„Du kannst mich aber nicht die nächsten drei Jahre durchfüttern.“
„Wieso drei Jahre?“



Ich seufzte und erklärte ihr meinen groben Plan: Eine Ausbildungsstelle suchen und nach drei Jahren nach Simerika auswandern.
„Simerika?“ Oma schien ein kleines bisschen entsetzt, dass ich so weit weg wollte. Aber dann nickte sie. „Warum nicht. Dann komm ich dich besuchen und wir gehen ins MET! Da wollte ich schon immer mal hin.“ Sie klatschte begeistert in die Hände. „Prima, das klingt nach einem guten Plan.“
Ich sah sie kopfschüttelnd an. Oma war leicht zu begeistern und so wie sie es sagte, klang das auch alles ganz einfach.
„Gibt es einen besonderen Grund für Simerika?“
„Ich will mich dort mit jemanden treffen.“, brachte ich nach gründlichem Überlegen hervor.
„In drei Jahren? Wenn? Wo?“
„Ja, in drei Jahren. Wo? Keine Ahnung? Wen?...Ah, dass ist kompliziert.“
Omas Augenbrauen schossen in die Höhe. „So ganz gut klingt es beim genaueren Überlegen doch nicht.“
Seufzend schwang ich mich von der Couch. „Wem sagst du das! Aber ich mache einfach einen Schritt nach dem anderen: Erst setzte ich mich mit Alrik und meinen Eltern auseinander, exmatrikuliere mich und so und dann kommt die Ausbildung. Bis ich mit der fertig bin, habe ich hoffentlich einen besseren Plan.“
„Bestimmt! Und jetzt bestell' ich doch eine Pizza, denn es ist schon viel zu spät um das Haus noch zu verlassen. Du wirst mich nicht davon abhalten!“

In den nächsten Tagen richtete ich mich bei Oma ein. Ich bestückte – von Oma mit Geld ausgestattet – die Küche mit halbwegs sinnvollen Lebensmitteln (wobei ich Omas Vorlieben natürlich bedachte). Außerdem kündigte ich mein Wohnheimzimmer und leitete die Exmatrikulation in die Wege. Dazu musste ich noch einmal an die Uni. Ich nahm mir einen Leihwagen (wieder sponsored by Oma) und räumte mein Zimmer aus, unterschrieb die nötigen Formulare und fuhr dann zu meinen Eltern weiter. Im Voraus hatte ich über Email ein Gespräch mit meiner Mutter über Skype vereinbart, so dass ich beide Eltern zugleich vor vollendete Tatsachen stellen konnte.
Mein Vater – wie immer im perfekt sitzenden Anzug – öffnete mir die Tür. Etwas unbeholfen nahm er mich in die Arme und ich hauchte ihm fast widerwillig einen Kuss auf die Wange. Er war mir so fremd. Seit Ewigkeiten hatte ich nicht an meine „echten“ Eltern gedacht. Sie waren nie sehr herzlich zu mir und mein langes Leben hatte nicht dazu beigetragen, dass ich ihnen innigere Gefühle entgegenbrachte.


Im Wohnzimmer war bereits Vaters Laptop aufgebaut. „Wir müssten Isabella in -“ Er sah kurz auf seine schlicht-elegante Herrenuhr. „Zwei Minuten anrufen können.“ Er wies mit dem Arm auf den Sessel gegenüber des Laptops. „Möchtest du etwas trinken?“
Am liebsten hätte ich ihn gebeten mir etwas Alkoholisches zu bringen, doch ich schüttelte lediglich den Kopf. Vater verschränkte die Arme und mied meinen Blick. Ich spürte, dass er ebenfalls aufgeregt war. Vermutlich brachte meine Bitte um ein Gespräch sein wohlgeordnetes Leben durcheinander. Wer weiß, welche Befürchtungen er hegte.



Endlich waren die zwei Minuten unangenehmer Stille um und Vater startete Skype. Er wählte Mutters Nummer und wir lauschten dem hupenden Ton, bis sie schließlich annahm.
Wie immer sah meine Mutter gestresst aus. Sie war ungeschminkt, die Haare zu einem losen Zopf gebunden. Das karge Zimmer im Hintergrund wirkte unordentlich. Mit flappenden Geräuschen bewegte ein Deckenventilator die Luft.
„Daniel, Kira.“, begrüßte sie uns knapp. „Ich habe ein Zeitfenster von fünfzehn, maximal siebzehn Minuten.“ Sie richtete die Kamera etwas. „Fang an, Kira.“
Ich unterdrückte ein Seufzen und schob alle negativen Gedanken von mir. Mutters Begrüßung hatte mir in Erinnerung gerufen, wie sehr ich darunter gelitten hatte, dass ich für meine Eltern immer nur an zweiter Stelle gekommen war.
„Ich habe mich exmatrikuliert.“, begann ich. Bevor ich weitersprechen konnte, rief mein Vater ein entsetztes „Wie bitte?“ aus und Mutter sagte: „Das kann nicht dein Ernst sein!“ Dann sprachen sie beide durcheinander und ich hatte meine Mühe den unterschiedlichen Vorwürfen und schockierten Nachfragen zu folgen. Schließlich begannen sie sich erst gegenseitig, dann Oma die Schuld zu zuschieben. Da meldete ich mich wieder zu Wort.
„Stopp! Oma hat mit meiner Entscheidung nichts zu tun! Aber im Gegensatz zu euch steht sie hinter mir und unterstützt mich dabei, MEINEN Weg zu finden.“
In der darauffolgenden Stille hätte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können. Vater sah Mutter durch die Kamera an und sie erwiderte den Blick. Dann sah sie auf die Uhr. Ich konnte nicht verhindern, dass mir ein abfälliges Schnauben entwich. Zwei tadelnde Augenpaaren blickten nun mich an.
„Was gedenkst du zu tun?“, fragte meine Mutter eisig.



„Ich habe am Montag ein Vorstellungsgespräch für eine Ausbildung. Zur Köchin.“ Wieder sprachen beide durcheinander und ich nahm an, dass das Skype-Lag die Sache nicht wirklich besser machte. Oma und ich hatten einige Tage überlegt, was ich tun sollte. Schließlich schlug sie mir eine Ausbildung zur Köchin vor – auch wenn sie sicher war, dass ich das nicht brauchte. Sie war mit meinen Kochkünsten äußerst zufrieden und ich schaffte es sogar ihre Ernährung minimal zu verändern. Sie hatte recht, Kochen lag mir und es erschien mir als das kleinste Übel die drei Jahre abzureißen um anschließend ein Zertifikat in den Händen zu halten. Der Beginn des Ausbildungsjahrs stand zwar fast vor der Tür, aber Oma hatte ihre vielen Bekanntschaften genutzt und mir ein Vorstellungsgespräch in einem kleinen Restaurant besorgt. Ihren Ansprüchen hatte bisher offenbar noch kein Bewerber genügt. Ich hoffte, dass das kein schlechtes Omen war.
„Köchin.“, sagte Vater schließlich. Wieder sahen Mutter und er sich an. „Köchin? Kira, ich bitte dich. Was soll das denn? Willst du dein hervorragendes Abitur für eine Ausbildung zur Köchin verwenden?“ Er hätte nicht abschätzender reagieren können, wenn ich vorgeschlagen hätte kriminell zu werden.
„Ist irgendetwas an dem Beruf anrüchig?“, fragte ich deswegen kühl zurück.
„Natürlich nicht. Aber Koch...das ist so...ordinär.“, sprang meine Mutter meinem Vater bei. „Vielleicht machst du erst mal ein Praktikum bei Daniel im Ministerium oder ich besorge dir etwas. Du musst ja nichts überstürzen, nur weil dir dein erstes Semester nicht gefallen hat. Vielleicht ist Lehramt auch einfach nicht das richtige Studium für dich.“
„Das halte ich für eine ausgezeichnete Idee.“ Mein Vater zückte allen ernstes sein Handy. „Ich werde Pfeiffer anrufen, er könnte dich erst mal in der Postabteilung unterbringen.“
„Nein.“ Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. „Meine Entscheidung steht fest. Da ich volljährig bin, könnt ihr mir nicht vorschreiben was ich zu tun habe. Ich wollte auch nicht euren Rat, sondern euch lediglich darüber informieren.“ Mir war bewusst, dass ich kindisch klang, aber mir war die Lust mich mit ihnen auseinanderzusetzen vergangen.
„Kira!“ riefen sie beide aus – wobei Mutter wie Vaters Echo klang, da Skype ihre Stimme etwas verzögert ausgab.
Ich erhob mich aus dem Sessel. „Es tut mir leid, dass ich euch damit überfallen habe.“ Zu Mutter gewandt sagte ich: „Ich hoffe du kannst in Indien erreichen, was auch immer du dort erreichen willst. Dein Zeitfenster ist in drei Minuten um. Du hast sicher noch etwas mit Vater zu besprechen.“ Ihn sah ich an und nickte. „Ich komme meine Sachen demnächst abholen. Ich schicke dir den Termin per Email.“
Er schnappte nach Luft und sah mich zornig an. „Wenn du eine Ausbildung beginnst, wirst du dein eigenes Geld verdienen. Dann brauchst du meine Überweisung nicht mehr.“ Er versuchte neutral zu klingen, aber seine Stimme war heiser und ich wusste, er hoffte mit dieser Drohung meine Entscheidung rückgängig zu machen. Ich nickte jedoch nur. „Das habe ich mir fast gedacht. Auf Wiedersehen.“

Ich verließ das Haus so schnell ich konnte und setzte mich in den Leihwagen. Ein paar Straßen weiter fuhr ich rechts ran. Ich warf mich über das Lenkrad und atmete ein paar Mal tief durch. Obwohl ich innerlich kaum eine Verbindung zu diesen beiden Sims verspürte, war ich aufgewühlt. Ich fühlte mich auch ein bisschen schuldig. Die beiden konnten ja auch nichts dafür, dass mein Leben war wie es war. Es musste für sie aus heiterem Himmel kommen, dass ihre Tochter – die sonst immer klaglos funktioniert hatte und mit ihrem Leben glücklich war – auf einmal so ausrastete. Nun, DAMALS war ich glücklich gewesen mit diesem Leben. Aber ich war nicht mehr das Mädchen von damals. Seufzend stieg ich aus dem Wagen. Ich war nicht kopflos losgefahren. In dieser Straße wartete der nächste Punkt auf meiner Liste. Alrik.

Im Gegensatz zu meinen Eltern hatte ich Alrik nicht über mein Kommen informiert. Ein kleiner Teil von mir hoffte, dass er nicht zuhause war. Wie ich (eigentlich) lebte er noch bei seinen Eltern. Er war auch nicht in ein Wohnheim gezogen, da er an einer Fachhochschule im Nachbarort studierte. Ehrlich gesagt wusste ich nicht einmal mehr was. Irgendein MINT-Fach. „Also gut.“, sagte ich zu mir selbst. „Zeit ein Herz zu brechen.“ Mein Sarkasmus hatte leider nicht den erhofften Effekt des Mutmachens. Frustriert schlug ich auf das Lenkrad. Aber ich konnte es nicht länger vor mir herschieben. Das wäre einfach nicht fair. Trotzdem würde ich am liebsten den Wagen starten und davon fahren. Ich hätte gern in meiner Handtasche nach einem Taschentuch, Lippenstift oder einer Puderdose gesucht, doch das scheiterte an der Nicht-Existenz derselben. Ich warf einen Blick auf die Rückbank auf der sich Kartons stapelten. Seufzend klappte ich die Sonnenblende runter und betrachtete mich im Spiegel. Jap, präsentabel (so gerade eben). Also los!



Ich klingelte an der Haustür des Reihenhauses, das Alrik mit seinen Eltern bewohnte. Ich hoffte sehr, dass sie nicht da waren (und ich hoffte immer noch ein bisschen, dass Alrik selbst nicht da war). Es dauerte eine Weile bis ich aus dem Inneren des Hauses Schritte und ein gehetztes „Komme … ich komm ja schon!“ hörte. Alrik war zuhause. Kurz darauf riss er die Haustür auf. Er trug nur Boxershorts und eine hastig übergeworfene Strickjacke über einem Unterhemd. Ich starrte ihn an. Die verschiedensten Emotionen uberfluteten mich. Schwer schluckte ich.
„Kira!“ Alrik war überrascht mich zu sehen. Er musterte mich von oben bis unten. „Ich versuch' seit Tagen dich zu erreichen.“
„Hab' mein Handy ausgeschaltet.“, schaffte ich zu entgegnen.
„Hab' ich gemerkt.“ Wir sahen uns unbehaglich an. Vermutlich hatte er aus meinem ausgeschalteten Handy schon geschlossen, dass irgendwas im Busch war.
„Kann ich reinkommen?“
Er nickte stumm und machte mir ein bisschen Platz damit ich das Haus betreten konnte. „Du weißt ja wo mein Zimmer ist.“
Schweigend ging ich die Treppe hoch ins Dachgeschoss. Hinter mir hörte ich Alrik in die Küche gehen. Der Kühlschrank öffnete sich und wenig später kam Alrik mit einer Wasserflasche und zwei Gläsern hinter mir die Treppe hoch. Ich stand unentschieden in seinem Zimmer, das so unordentlich wie immer war. Ein penetrantes Summer verriet mir, dass sein Hochleistungsrechner lief, doch der Monitor zeigte nur den Bildschirmschoner. Das Bett war noch nicht gemacht und das Rollo geschlossen. Alrik stellte auf einigen wenigen frei gebliebenen Quadratzentimetern seines Schreibtischs die Flasche und die Gläser ab. Dann öffnete er das Fenster und zog das Rollo hoch.
„Hab' noch geschlafen.“ Schnell zog er das Bettzeug halbwegs gerade und bot mir an auf dem Bett Platz zu nehmen. Nachdem ich mich gesetzt hatte, ließ er sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen.



„Willst du was trinken?“
Ich nickte. Natürlich zögerte all dies das Unvermeidliche nur hinaus und ich hatte das Gefühl, dass Alrik das wusste. Er reichte mir das Glas und ich nippte vorsichtig am Mineralwasser. Dann seufzte ich. Nun konnte ich es wirklich nicht länger vor mir herschieben.
„Sorry, dass ich mein Handy nicht an hatte.“, begann ich. Alrik beobachtete mich genau und richtete seine Brille. „Ich...ich brauchte ein paar Tage, weil ich ziemlich durcheinander war und … .“ Ich unterbrach mich selbst, indem ich einen weiteren Schluck trank. „Fuck, es gibt einfach keinen Weg das jetzt einfach oder schmerzlos zu gestalten.“ Ich sah ihn fest an und auf seinem Gesicht zeichnete sich Erkenntnis ab. Hektisch nahm er seine Brille ab und begann nervös die Gläser zu mit dem Zipfel seiner Strickjacke zu putzen. „Ich kann nicht länger mit dir zusammen sein.“ Da war es raus.
Alrik hörte abrupt auf seine Brille zu putzen und setzte sie auf. „Oh.“
„Es tut mir wirklich, wirklich leid. Ich hatte nie vor dir weh zu tun. Es liegt auch nicht an dir, du hast nix falsch gemacht oder so...es ist nur.“ Ich sprang vom Bett auf und wanderte im Zimmer auf und ab. Der „Es liegt nicht an dir“-Spruch war natürlich super abgedroschen, aber es lag nun wirklich nicht an ihm. Sondern an mir. „Es ist nur...ich bin nicht mehr die, die ich einmal war. Ich habe dich einst sehr gern gehabt und sogar geliebt, aber das ist...nicht mehr.“ Eigentlich wollte ich sagen, „eine Ewigkeit her“, aber das traf ja nur auf mich zu und würde nur zu unnötiger Verwirrung führen). Ich hatte ihm den Rücken zugedreht, doch ich zwang mich ihn wieder anzusehen. Sein Gesichtsausdruck war leer. Meine Schultern sackten ein bisschen nach vorn, doch ich richtete mich wieder auf. „Es tut mir leid.“, wiederholte ich. „Aber es wäre dir gegenüber einfach nicht fair so weiterzumachen wie zu vor.“
Endlich regte er sich. Zwar war seine Miene nach wie vor nichtssagend, doch er erwiderte: „Das kommt jetzt etwas plötzlich.“
„Ich weiß. Sorry.“
„Sorry?!“ Er starrte mich an. Dann schüttelte er den Kopf und drehte sich zum Schreibtisch. Er bewegte die Maus und der Bildschirmschoner verschwand. Mit ein paar Klicks öffnete er eines seiner Programmiertools. Ohne sich zu umdrehen sagte er: „Ich möchte allein sein.“
Das konnte ich nun wirklich gut verstehen. „Danke fürs Wasser.“
„Mh.“ Er nickte. Ich war schon fast aus seinem Zimmer als er niedergeschlagen fragte: „Gibt es einen anderen?“



Ich erstarrte kurz. Dann schüttelte ich den Kopf und log: „Nein.“ Ich warf einen Blick über meine Schulter und sah ihn aufseufzen. Er hatte mir weiterhin den Rücken zugewendet.
„Ziehst du bitte die Tür hinter dir zu?“, bat er. Da ich nicht wusste ob er seine Zimmertür oder die Haustür meinte, zog ich beide hinter mir zu. Jetzt hatte ich wirklich die letzte Brücke zu meinem alten Leben eingerissen.


Zuletzt von Akki am Di Jan 26, 2016 11:22 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Do Jan 21, 2016 8:15 pm

Eine Lektion in Demut

Seufzend betrachtete ich meine Hände. Die Haut war gerötet und an einigen Stellen drohte sie aufzuplatzen. Ich hängte das Spültuch weg und ging an den Schrank in dem wir die Handcreme aufbewahrten. Sorgfältig cremte ich die Hände ein. Dabei spürte ich Konrads Blick auf mir.  Ich starrte böse zurück. „Du weißt schon, dass ich eine Lehre als Köchin mache und nicht als Spülhilfe angestellt bin?!“
„Du sollst ja alle Bereiche in der Küche kennenlernen.“, erwiderte er. „Und eine Lektion in Demut schadet gerade dir sicher nicht.“
Ich stellte die Handcreme betont vorsichtig zurück und hoffte, dass keiner in der Küche meine Grimasse sah. Lektion in Demut...pah. Die würde Konrad gewiss noch weniger schaden als mir.



Wir hatten wirklich nicht den besten Start. Während des Vorstellungsgespräch mit der Geschäftsführerin des Restaurant hatte ich heraushören können, dass sie eigentlich einen ausgebildeten Koch in Vollzeit brauchten, sich aber nur das Gehalt für einen Lehrling leisten konnten. Mit ein paar geschickten Anmerkungen und klitzekleinen Manipulationszügen hatte ich mir den Ausbildungsplatz gesichert und einen Bonus dafür aushandeln können, dass ich schwarz Überstunden machte. Die Geschäftsführerin und ich waren zufrieden – Konrad der junge Chefkoch nicht. Er betrachtete die Küche als sein Revier, in das er niemanden reinlassen wollte. Schon gar nicht so eine neunmalkluge, abgebrochene Studentin, die sich für was besseres hielt (seine Worte, noch bevor ich IRGENDETWAS gesagt hatte!). Willi, der zweite Koch, war wesentlich aufgeschlossener. Aber er war gleichzeitig auch Konrads bester und loyaler Freund. Mein Stand in der Küche war also alles andere als toll. Ich arbeitete nun seit einem Monat hier und Konrad ließ mich nicht mal ansatzweise in die Nähe von Lebensmitteln. Es nervte mich unglaublich, dass er mich für unfähig hielt und mir nur die niedersten Arbeiten zuwies. Allerdings bekam ich selbst für die Aushilfsarbeiten den Lehrlingslohn, so dass ich dabei besser wegkam als die eigentlichen Spülhilfen, denen ich meistens im Weg stand. Bei ihnen staute sich keine Arbeit, nur in der Küche rotierten Willi und Konrad.




„Er wartet nur darauf, dass du dich bei Bibi beschwerst.“, flüsterte eine der Spülhilfen. Ich nickte ihr zu und verdrehte die Augen. „Soll er warten bis er schwarz wird.“ Ich wollte noch etwas hinzufügen, doch Konrad rief mir zu: „Blondie, wenn da nix zum Spülen ist, dann bring den Müll raus oder putzt irgendwas. Aber steh nicht dumm rum, wo gearbeitet wird!“
Langsam reichte es mir. Ich zwang mich langsam und tief ein- und auszuatmen. Ich würde bestimmt nicht nachgeben und zu Bibi gehen. Irgendwie musste ich Konrad das Maul stopfen und ihn dazu bringen, mich in der Küche zu akzeptieren. Ich huschte durch die Küche und sammelte Müll ein, bevor ich mit dem Mülleimer nach draußen verschwand. Ich trödelte nicht, sonst würde Konrad noch über den Hof nach mir brüllen. Als ich die Küche wieder betrat, sah ich gerade wie Konrad ein Dessert abschmeckte. Er unterbrach seine Arbeit um mich stirnrunzelnd anzusehen und griff ohne hinzusehen ins Regal. Ohne das ich es wollte, musste ich breit grinsen.
„Bist du jetzt ganz beschrubbert? Nicht grinsen und glotzen, sondern arbeiten, Blondie!“
Ich unterdrückte mein Grinsen nicht und stellte den Mülleimer an seinen Platz zurück. „Du weißt aber schon, dass du dein Dessert gerade mit Salz abschmeckst?“ Mit reichlich Salz.
„Red' keinen Stuss! Ich weiß genau...“ Er besah sich den Behälter in seiner Hand. „Verdammte Scheiße!“
In diesem Moment brach wieder einmal das totale Chaos herein. Die Kellnerin stürmte in die Küche und versuchte Druck zu machen, da sich schon einige Gäste beschwert hatten. Die ältere Spülhilfe erschrak ob des plötzlichen Eindringens der Kellnerin und ließ eine Glasschale fallen und Konrad stieß einen herzhaften Fluch nach dem anderen aus. Einige kannte ich noch nicht und speicherte sie zwecks späterer Verwendung. In der losgebrochenen Hölle ging ich in Ruhe an einen der Kühlschränke, griff mir ein paar Produkte heraus, verzog mich an eine leere Arbeitsplatte und begann rasch ein Joghurtschichtdessert zuzubereiten. Ich kannte ja jeden Handgriff auswendig, so dass ich fast fertig war, als Konrad mich bemerkte und zu mir stürmte.
„Was zum Teufel tust du da?“
Ich schob ihm einen Löffel mit der Joghurtmasse in den Mund und arbeitet weiter. Mit ein paar frischen Früchten garniert sahen die kleinen Dessertgläschen sehr ansprechend aus.
„Dein Dessert kannst du heute nicht rausgeben. Da sind mindestens drei Esslöffel Salz drin gelandet. Hier hast du eine Alternative und kannst dich in Ruhe um die nächsten Hauptgänge kümmern, die schon seit zehn Minuten draußen sein sollten.“
Konrad zerrte den Löffel aus dem Mund. Er war schon ganz rot im Gesicht und holte tief Luft um erneut los zu brüllen. Doch ich unterbrach ihn. „Und eine Lektion in Demut täte dir sicher auch gut! Ein guter Koch und Küchenchef weiß, dass er Aufgaben delegieren muss. Delegieren heißt nicht rum brüllen und Leute rum schubsen.“ Ich drehte mich zur Arbeitsplatte und füllte weitere Gläser. Ich wünschte mir Augen in meinem Hinterkopf, denn ich spürte Konrad noch immer dort stehen. Die Kakophonie in der Küche war inzwischen verebbt. Die Kellnerin kam ein zweites Mal rein. „Wo ist mein Dessert?“




„Hier, Lisa. Wir musste umdisponieren.“ Ich schob ihr die Gläser für Tisch sieben rüber und erklärte ihr, um welchen Nachtisch es sich handelte. Sie nickte abwesend und war schon fast wieder draußen, bevor ich fertig war. Konrad hatte sich inzwischen an den Herd verzogen. Willi, der neben ihm arbeitete, warf mirt einen Blick zu. Dann räusperte er sich. „Sie hat schon irgendwie recht.“ Konrad sah zu seinem Freund. Die Rötungen in seinem Gesicht waren zurückgegangen und er wirkte auf einmal sehr erschöpft. Etwas unverständliches vor sich hin grummelnd, nickte Konrad. Dann sagte er ohne von seiner Arbeit aufzusehen. „Mach Dessert für heute fertig.“

„...und danach hat er mich den Rest des Abends ignoriert.“ Ich saß auf Omas Couchlehne und sah ihr beim Malen zu.
„Ich hab ja gehört, dass es in der Küche rau zugehen soll, aber dein komischer Chef übertreibt es etwas oder?“
Ich schnaubte und fuhr mir durch mein Haar, das ich hatte schneiden lassen. Meine neue Frisur erinnerte mich an früher...an Sanctuary und an Darrel. Inzwischen konnte ich darüber nachdenken, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Stattdessen machte sich ein bittersüßes Gefühl in meiner Brust  breit. Ein Gemisch aus Trauer und Vorfreude.
„Ich glaub' – und jetzt kommt totale Küchenspychologie – das er auf Grund seines Alters meint, er müsse besonders autoritär sein. Oh, und ich glaub' er mag keine Frauen.“
Oma kicherte. „Oder er fühlt sich von dir bedroht.“
„Warum denn das? Ich bin ja wohl mal ein Ausbund an Harmlosigkeit!“
Sie warf mir einen schrägen Blick über die Schulter zu. „Kira Kindchen, seit du dein Studium abgebrochen hast, bist du nicht mehr harmlos. Du hast es faustdick hinter den Ohren.“ Sie wendete sich wieder ihrer Staffelei zu. Ich musste schlucken. Da gab ich mir alle Mühe halbswegs normal zu erscheinen und dann das...Ich überlegte noch was ich Oma antworten sollte, doch sie fuhr schon fort: „Du erinnerst mich ein bisschen an mich in deinem Alter.“


Zuletzt von Akki am Di Jan 26, 2016 11:22 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mo Jan 25, 2016 1:00 am

Nachtschicht

Auf meinem Nachttisch vibrierte scheppernd mein Smartphone. Ich ignorierte drei Vibrationsmuster, die mir je eine neue Nachricht ankündigten. Dann gab ich es auf und griff nach dem Gerät. Zwei waren von meiner Mutter...

Ich stand kurz vor meinen Abschlussprüfungen. Hinter mir lagen drei anstrengende Jahre – und ein besonders nervenaufreibender Winter. Meine Eltern und ich hatten uns langsam wieder angenähert. Wir hatten keine enge Beziehung, aber wir trafen uns regelmäßig. Sie schienen es mir verziehen zu haben, dass ich einfach mein Studium und ihren Plan von meinem Leben über den Haufen geworfen  hatte. Vielleicht hatte die Entscheidung ein zweites Kind zu bekommen damit zu tun. Oma und ich waren aus allen Wolken gefallen, als meine Eltern bekanntgaben, dass ich ein Geschwisterkind zu erwarten hatte. Ein Kind, das vom Alter her meines sein könnte – ich würde fast dreiundzwanzig Jahre älter! Meine Mutter war nicht auf natürlichen Weg schwanger geworden. Schon die Schwangerschaft mit mir war durch eine künstliche Befruchtung herbeigeführt worden. Ich vermutete es lag daran, dass meine Eltern sich fast nie länger als zwei Tage beieinander waren...

Ängstlich las ich die Nachrichten meiner Mutter. Sie war im siebten Monat und eine Risiko-Schwangere. Warum zum Teufel sollte sie mir mitten in der Nacht schreiben, wenn nicht etwas passiert war?
„Hallo Kira. Kannst du mir bitte an der Tankstelle Schokoriegel und Chips holen?“, lautete die erste Nachricht. Ich starrte sprachlos auf mein Smartphone. Was zum Teufel...?
„Ja, ich weiß es ist mitten in der Nacht. Dein Vater ist auf einer Tagung und ich fahre nicht im Dunkeln Auto. Die Schokoriegel bitte OHNE Karamell.“, ging es in der zweiten Nachricht weiter. Ich schüttelte den Kopf. Dann tippte ich eine Zusage. Ich rollte mich vom Bett. Der Tag war lang gewesen. Konrad war seit etwas über einer Woche krank geschrieben – genauer gesagt, seit mein Urlaub geendet hatte. Willi und ich mussten uns den Hintern aufreißen um in der Küche klar zukommen. Ich fragte mich manchmal, wie die beiden das vorher ohne mich geschafft hatten – und wie sie es ohne mich schaffen würden. Offiziell war ich zwar als Lehrling angestellt, aber da die beiden mir wenig zu lehren hatten (außer dem ein oder anderen kleineren Trick), arbeitete ich als vollwertiges Mitglied des Küchenteams.
Ich huschte ins Bad und schrieb Oma eine Nachricht während ich auf dem Klo saß. Ich hatte mich noch nicht einmal umgezogen und trug noch meine Arbeitskleidung. Ich heftete den Post-It für Oma an den Badezimmerspiegel, wusch mir die Hände und machte mich auf den Weg. Während ich auf den Aufzug wartete, schrieb ich eine Nachricht an die andere Person, die mir geschrieben hatte.



Unter den schrägen Blicken der Angestellten raffte ich verschiedene Snacks und Süßigkeiten für meine Mutter zusammen. Ich antizipierte dabei eventuelle Meinungsänderungen und unentdeckte Gelüste. Der Preis trieb mir die Tränen in die Augen, aber meine Mutter würde es mir vermutlich centgenau zurückgeben, von daher legte ich noch zwei Flaschen Bier oben drauf. Die natürlich nicht für meine Mutter waren.
Oma hatte mir zum Weihnachtsfest vor ein paar Jahren einen alten, fast schrottreifen Kleinwagen geschenkt, den mehr guter Willen und Hoffnung zusammenhielt als alles andere. Während meine Mutter sich weigerte bei Dunkelheit, Nebel, Schnee, Regen – also so gut wie allen Wetterlagen außer Sonnenschein – zu fahren, machte mir das nichts aus. Aber wenn man alle Fahrstunden addierte, die sich in den vergangenen Leben so angesammelt hatten, wunderte ich mich nicht darüber.



Die Lieferung wurde schon heiß erwartet. Während meine Mutter sich durch den Korb der Leckereien wühlte um genau das Teil zu finden, das sie jetzt wollte (natürlich ein Karamellschokoriegel), musterte ich sie unauffällig. Sie sah entspannt und gesund aus. Die Kontrollbesuche hatten bisher auch keinen Anlass zur Beunruhigung gegeben, aber ich wusste ja aus eigener leidvoller Erfahrung wie schnell sich so was ändern konnte... Zum ersten Mal seit Jahren setzte mein Herz einen Schlag aus, als ich an Fawn dachte.
„Alles in Ordnung?“, fragte meine Mutter zwischen zwei Bissen. „Du bist blass.“
Ich lachte sie gezwungen an. „Quatsch, das ist das Licht. Ich bin nur k.o.“
Sie musterte mich kurz und griff dann nach ihrer Handtasche, die sie neben der Tür gepartk hatte. Sie fragte nicht wie viel ich ausgegeben hatte und gab mir gut das doppelte. „Für den nächtlichen Service.“, erklärte sie.
„Kein Problem. Kommst du allein klar? Oder soll ich bleiben?“
Mutter verspeiste das letzte Stück Karamellriegel und leckte sich manierlich die Finger ab. „Keine Sorge. Ich gehe jetzt wieder ins Bett. Ich hatte nur so einen Hunger als ich wach geworden bin. Aber jetzt bin ich ja versorgt.“ Sie drückte den Korb mit den Einkäufen fest an sich und grinste. Ich musste blinzeln um mich zu vergewissern, dass sie wirklich grinste... „Danke, Kira. Sieh zu, dass du ins Bett kommst.“
„Na klar.“, sagte ich leichthin. Ich verabschiedete mich, setzte mich in den Wagen und fuhr zu meiner zweiten nächtlichen Verabredung.



Er wartete schon. Als er die Bierflaschen in meiner Hand sah, zog er die Augenbrauen hoch. „Alkohol? Du weißt wie es beim letzten Mal geendet ist...“
Ich schnaubte. „Für jeden ein Bier...Kaum zu vergleichen mit dem Gelage der Weihnachtsfeier.“ Ich öffnete die Bierflaschen. „Davon abgesehen bist du krank und solltest dich nachts nicht in Parks rumtreiben.“



Konrad warf mir ein einen säuerlichen Blick zu als er seine Flasche entgegennahm. Er erwiderte jedoch nichts, deswegen fuhr ich fort. „Oder du bist gar nicht richtig krank und simulierst nur. Was ziemlich ungerecht wäre, weil Willi und ich echt nicht wissen wo uns der Kopf steht.“
„Ach hör doch auf. Du weißt wohl am besten, warum ich nicht zur Arbeit komme.“
Ich nahm einen langen Schluck und sah ihn dann ernst an. „Vielleicht weil du zu viel Angst davor hast, dass irgendjemand irgendetwas merkt? Und ich bin mir ja selbst nicht einmal sicher, dass irgendetwas irgendwann auf der Weihnachtsfeier passiert ist.“



„Dir macht das auch noch Spaß.“, stellte Konrad düster fest.
Ich ließ mich neben ihn auf die Parkbank fallen. „Natürlich nicht, verdammt.“ Ich sah ihn von der Seite an. „ich weiß doch selber nicht, wie ich damit umgehen soll.“ Was so genau nicht stimmte. Ich hatte schließlich schon einmal einen One-Night-Stand erfolgreich hinter mich gebracht, ohne dass irgendwelche bleibenden Schäden zurückgeblieben waren. Damals war zwischen Darrel und mir aber auch noch nicht, was jetzt war. Oh, und Darrel und ich wohnten in derselben Stadt, derselben Wohnung und ich musste mich nicht täglich darum Sorgen, wie ich ihn wiederfand und hoffen, dass er noch genauso empfand wie damals in Sanctuary und... kurzum, ich log mir wohl selbst in die Tasche. Dafür war es zwischen Konrad und mir auch kein richtiger One-Night-Stand, sondern nur ein Kuss gewesen. Ein ziemlich intensiver und heißer Kuss, aber das war alles.
„Nehmen wir mal an, du hast recht und ich komme nicht, weil ich etwaige Reaktionen erwarte...warum hast du dann so kurzfristig Urlaub genommen, wenn es bei dir nicht genauso gewesen ist?“



Ich seufzte. „Den Urlaub hatte ich schon vor drei Monaten angemeldet. Nur weil du und ich uns nie über private Sachen unterhalten, hast du davon nix mitbekommen.“ Ich nahm noch einen Schluck Bier. „Jetzt müssen wir uns allerdings mal privat unterhalten. Deswegen hast du doch um ein Treffen gebeten oder?“
„Mh.“, machte er. Er spielte mit seiner Bierflasche und sah dann nervös zu mir. „Es hätte einfach nicht passieren dürfen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „So richtig ist ja nichts passiert. Lass es uns einfach vergessen und wieder wie Erwachsene miteinander umgehen. Auch wenn du das gewöhnlich nicht tust.“
Er stöhnte. „Kannst du auch mal ernst sein?“ Als ich keine Anstalten machte etwas zu erwidern fuhr er fort: „Kannst du es denn vergessen? Willst du es vergessen?“
„Ich...“ Nachdenklich betrachtete ich ihn. Dann seufzte ich. „Erstens Konrad, du hasst mich eigentlich, weil ich ein besserwisserischer Eindringling in deiner Küche bin. Zweitens, ich bin – zumindest offiziell -  deine Auszubildende. Ich bin mir sicher, dass es irgendwo ein Gesetz gegen so was gibt, wir sind schließlich in Seutschland – auch wenn wir beide volljährig sind und drittens...ich habe jemand besonderen und wenn für mich die anderen Gründe nicht zählen würden, weil du verdammt gut küsst und ich an dem Abend beinahe wirklich schwach geworden wäre, dann ist dieser jemand der Grund dafür es zu vergessen und einen Strich drunter zu machen.“ An meinem Bier nippend wartete ich auf seine Antwort.
Konrad wendete den Blick von mir ab. Er sah zum Himmel und ließ dann den Blick schweifen. „Das wusste ich nicht.“, sagte er schließlich.
„Was? Das es bestimmt ein Gesetz dagegen gibt? Oder das du gut küsst? Oder das..“
„Blondie!“, unterbrach er mich genervt.
Ich kicherte und hielt ihm die Bierflasche zum Anstoßen hin. Er starrte mich an, stieß dann aber mit mir an. „Wir sehen uns morgen bei der Arbeit.“, verabschiedete ich mich, bevor ich mich auf den Heimweg machte.


Zuletzt von Akki am Di Jan 26, 2016 11:23 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Di Jan 26, 2016 11:18 pm

Alles wird gut

Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Konrad am nächsten Tag zur Arbeit kam. Er erschien jedoch pünktlich, sagte Willi kurz „Hallo“ - und das war's... Natürlich regelte er den Ablauf in der Küche und gab Anweisungen, aber er tat es kurz angebunden und ohne Flüche, ohne „Blondie“ und ohne Geschrei. War er am Ende doch krank? In einer kurzen Verschnaufpause lehnte ich mich an eine Arbeitsplatte und beobachtete ihn. Ich kann nicht behaupten, dass er mich ignorierte – er behandelte mich lediglich wie eine der Küchenmaschinen. Allerdings wurde Willi heute nicht anderes behandelt.



„Alles okay?“, wisperte Willi mir kurz darauf zu. Ich war an der Arbeitsplatte wohl ins Tagträumen versunken.
„Mhmh.“, machte ich. Dann wies ich mit dem Kopf zu Konrad. „Mit ihm aber nicht oder?“
Willi warf einen kurzen Blick zu seinem Freund und Kollegen. Dann zuckte er mit den Schultern. „Das geht vorüber. Er...“ Dann schüttelte er seinen Kopf. „Ist seine Sache und geht dich nichts an.“ Er verpackte die Ansage in eines seiner freundlichen Lächeln, so dass ich es ihm nicht übel nahm. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich in all den Jahren nicht viel über meine Kollegen erfahren hatte. War Willi liiert? Verheiratet? Vater? Was war mit Bibi und den Mädchen vom Spülteam oder dem Service?
„Kira, einmal Salat mit Ziegenkäse.“, rief Konrad und riss mich aus meinen Gedanken. Mechanisch machte ich an die Arbeit. Ich hatte mich ganz darauf konzentriert, möglichst viel zu arbeiten (Überstunden bekam ich ja schwarz bezahlt), Geld für Simerika zu sparen und … Wenn ich's recht bedachte, war meine Freizeit immer ziemlich langweilig und gleichtönig abgelaufen: gelegentliche Treffen mit meinen Eltern und Ausflüge mit Oma. Doch meistens hockte ich zuhause und verlor mich in Gedanken und Tagträumen. Kein Wunder, dass Oma sich schon Sorgen machte.

Nach der Arbeit trödelte Konrad betont herum. Willi zog mich ziemlich bald aus der Küche und marschierte mit mir zur Parkplatz. Ich wartete dort bis er in sein Auto gestiegen und gefahren war. Dann stieg ich aus meinem Wagen aus und ging zurück zum Restaurant. Als ich an der Hintertür angekommen war, verließ Konrad gerade das Restaurant.



„Willst du reden?“, fragte ich ihn leise. Ich weiß auch nicht, was mich dazu trieb. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen, warum er mich – oder ich ihn – geküsst hatte. Er war ja nicht gerade mein größter Fan – und ich nicht seiner. Nüchtern betrachtet entsprach Konrad schon meinem Typ (zumindest den Typ der ursprünglichen Kira...argh, warum war mein Leben / meine Leben so kompliziert?): Blond, groß, schlank. Wenn ich es genau bedachte, war Darrel ja auch groß, blond, schlank und athletisch. Das heißt, Darrel in Sanctuary war es...jetzt würde er ja Blake sein und das bedeutete er wäre schwarzhaarig und...
„Kira?“
Ich starrte Konrad an. Nach meiner Frage hatte ich völlig seine Anwesenheit vergessen und war in meinen Gedanken versunken. Ups. „Sorry … ich war kurz abgelenkt.“
Er zog die Augenbrauen hoch und musterte mich.



„Warum hast du mich geküsst?“, fragte ich.
„Ich dich?“
„Mir fällt kein Grund ein, warum ich dich geküsst haben sollte.“, erwiderte ich. Was stimmte. Allerdings konnte ich mich auch nicht so recht daran erinnern, wie es überhaupt zu dem Kuss gekommen war.
„Aha, und ich soll auf einmal meine Liebe zu dir entdeckt haben, Blondie?“
„Oh, hör mir mit dem Blondie auf! Du glaubst gar nicht wie das nervt!“ Wütend sah ich ihn an – und spürte im nächsten Moment seine Lippen auf seinen. Na toll – jetzt hatte ich wieder nicht mitbekommen, wie es dazu gekommen war.
„Vielleicht einfach so.“, beantwortete Konrad meine Frage nach dem warum. Er zog mich an der Hand ins Restaurant.



„Das ist kein richtiger Grund.“, beschwerte ich mich. Ich war hin und hergerissen. Mein Herz und meine Seele sehnten sich nach Darrel, aber mein Körper hätte nichts gegen eine Nacht mit Konrad...Auch wenn er ein unerträglicher Sim war. Darrel war weit weg und hatte er damals nicht in Sanctuary gesagt, dass wenn ich ein Bedürfnis hätte, das er nicht erfüllen konnte...Aber wir waren nicht mehr in Sanctuary und wir waren keine Geschwister mehr und deswegen galt es nicht mehr und...
„Weinst du?“
„Was?“ Verwirrt sah ich Konrad an. Mein Herz schlug wie wild gegen meinen Brustkorb und mehr als einmal hatte ich dabei das Gefühl, dass es stolperte. Ich hob meine Hand an meine Wange. Konrad hatte recht. Ich weinte. Meine Gedanken hatte mich wieder gefangen genommen und ich hatte die Zeit vergessen.
„Ich … äh, also...ich hoffe das ist nicht wegen mir. Das wollte ich nicht.“
„Das wollt ihr Männer nie.“, schnaubte ich und vergrub mein Gesicht in der linke Hand. „Es ist nicht wegen dir...nicht nur und … es ist kompliziert.“



„Das seid ihr Frauen immer.“, war es nun an Konrad zu schnauben.
Ich warf ihm einen schrägen Blick zu. „Charmant wie immer. Das habe ich bei der Arbeit heute glatt vermisst.“ Mit beiden Händen fuhr ich durch meine Haare. „Konrad, was willst du wirklich von mir? Du schreist mich an und meckerst rum und dann küsst du mich – zweimal. Was soll das?“
Konrads Gesicht war ausdruckslos. Er betrachtete mich nachdenklich. Seufzend erklärte er dann: „Ich weiß es doch auch nicht. Du bringst mich auf der einen Seite zur Weißglut und auf der anderen Seite würde ich dich am liebsten ...“ Er wurde rot und brach ab.



„Na, das war eindeutig.“, sagte ich trocken. Wir seufzten beide und mieden den Blick des anderen. „Ist es...“, begann ich schließlich. „Ist es rein körperlich?“
„Na, dein Charakter überzeugt mich nicht gerade.“, beeilte sich Konrad zu erwidern.
„Pff, das Kompliment geb' ich gern zurück.“ Ich sah ihn zornig an und registrierte so das kurze Aufblitzen von Erleichterung in seinem Gesicht. War es das wirklich nur zwischen uns? Körperliche Anziehung?

Konrad und ich verabschiedeten uns kurz darauf voneinander. Wir hatten uns darauf geeinigt die Sache zu vergessen und so weiterzumachen wie vor der Weihnachtsfeier. Nur weil uns so ein paar Hormone durchgingen (meine Worte), mussten wir ja nicht unprofessionell werden (seine Worte). Ich hoffte wirklich, dass er sich nicht in mich verliebt hatte. Meinen Weg aus Simropa nach Simerika musste ich nun nicht mit gebrochenen Herzen pflastern.
Trotzdem war ich traurig und verzweifelt als ich zuhause war. Ich verkroch mich in mein Zimmer und heulte still vor mich hin, bis Oma leise klopfte und ohne auf meine Antwort zu warten herein kam.



Sie warf mir einen kurzen Blick zu, dann zog sie mich auf die Beine und schloss mich in ihre Arme.
„Besser?“, fragte sie nachdem meine Tränen den Stoff ihrer Tunika durchnässt hatten.
Ich nickte. Oma fasste mich fest an den Schultern. „Kopf hoch, Kind. Alles wird gut!“
„Du weißt doch gar nicht was los ist!“
Oma grinste. „Das heißt nicht, dass es nicht besser wird.“
Diese Logik machte mich sprachlos, ließ mich aber wieder Willen lächeln.



„Siehst du! Du lächelst wieder.“ Sie drückte meine Schultern noch einmal. „Schau was du alles geschafft hast in den letzten Jahren: Du hast dich – endlich! – von deinen Eltern emanzipiert, bist deinen eigenen Weg gegangen. Bald bist du ausgelernte Köchin und kannst nach Simerika gehen um dich dort mit deinem geheimnisvollen Simo treffen. Warum solltest du da weinen? Es läuft doch alles nach Plan!“
„Ja, schon...“, musste ich zugeben. „Aber...“
Oma nickte mitfühlend. „Ich weiß, mein Kind. Du bist einfach aufgerieben. Tagein tagaus arbeitest du und hast nur dieses eine Ziel vor Augen. Ich sehe, dass du dich quasi danach verzehrst. Und dabei hast du deine Kräfte, vor allem deine emotionalen Kräfte verzehrt.“ Sie klopfte mir auf die Schulter. „Du bist ausgelaugt.“
Selten hatte ich eine so treffende Diagnose erhalten. Oma hatte recht! Ich war wirklich vollkommen ausgebrannt. Und das Konrad-Problem hatte es alles verschlimmert.
„Da ist dieser Typ...Ich kann ihn nicht leiden, aber ich würde gerne mit ihm ins Bett gehen, aber damit würde ich ja...meinen geheimnisvollen Simo betrügen.“ Noch immer konnte ich keine Einzelheiten über Darrel aussprechen. Oma und ich hatten uns deswegen aus verklausulierte Begriffe und Umschreibungen geeinigt.
„Auch das noch! Sexuelle Frustration!“ Oma schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Kind, wir sind doch nicht mehr im Mittelalter. Muss ich dir etwa erklä-...“
„Neinneinnein...schon gut, vergiss es!“, unterbrach ich sie rasch. Oma sah mich so entrüstet an, dass ich lachen musste. Sie zwinkerte mir schließlich zu und ich bemerkte, dass sie genau das erreichen wollte. Sie hatte viel mehr erreicht als nur ein Lachen: Es ging mir besser. Ich fühlte nicht mehr so sehr den Druck. Die Sache mit Konrad erschien mir auch nicht mehr so wild. Gut, dann fand ich ihn halt sexuell attraktiv – das kam vor und das ging auch wieder. An meinem Ziel änderte es nicht. Es stand nun fester denn je vor meinen Augen. Darrel würde sich sicher schon fragen, wo ich blieb...
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Fr Jan 29, 2016 9:47 pm

Aufbruch

„Ich wusste nicht, dass du so gut tapezieren kannst.“, lobte mein Vater mich. Ich sah ihn rasch von der Seite an um zu prüfen, ob er es ernst meinte. Doch er begutachtete mit Kennermiene die Tapete im neuen Kinderzimmer. In einem Anflug geistiger Umnachtung hatte ich meinen Eltern angeboten das Kinderzimmer zu renovieren und herzurichten. Überraschenderweise hatten sie dem zugestimmt. Es war nur noch ein paar Wochen bis zur Geburt und so hatte ich das ganze Wochenende nach meiner Schicht hier verbracht. Zum Glück hatte Oma mir geholfen, auch wenn ihre Hilfe vor allem aus Kommentaren über die unmögliche Farbzusammenstellung der Tapete bestanden hatte.



Auf der Arbeit hatten Konrad und ich zu unserem alten Rhythmus zurückgefunden: Er brüllte rum und ich spurte, führte ihn aber gelegentlich vor. Allerdings legte keiner von uns besonders großen Wert darauf mit dem anderen allein zu sein. Alles beim Alten also.



Auf meine Prüfungen war ich ausreichend vorbereitet. Während meine Klassenkameraden aus der Berufsschule schon Muffen sausen hatten, kam ich mir eher vor wie ein Rennpferd in der Startbox: Begierig darauf endlich loslegen zu können.

Neben der Renovierung, der Arbeit und den anstehenden Prüfungen versuchte ich zu entscheiden, was ich mit nach Simerika nehmen wollte. Ich hatte wenig Lust einen ganzen Container mit meinen Sachen loszuschicken. So viel besaß ich auch gar nicht. Deswegen würde ich mich auf Kleidung und ein paar persönliche Dinge beschränken. Vor Ort würde ich mir ein möbliertes Apartment mieten. Wenn ich erst Darrel gefunden hatte, konnte ich mir über die wenigen Sachen, die ich bei Oma lassen wollte, noch Gedanken machen.

Am Tag meiner letzten Prüfung – wie zu erwarten war, hatte ich alles mit Bravour gemeistert und als Jahrgangsbeste abgeschnitten (nicht, dass es eine Leistung war auf die ich besonders stolz gewesen wäre, ich hatte schließlich unfaire Vorteile) – wurde mein kleiner Bruder Lennard geboren. Die Geburt verlief erstaunlich unproblematisch und meine Mutter und er konnten schon bald nach Hause. Ich musste nur noch ein paar Tage arbeiten bevor mein Arbeitsvertrag auslief, so dass ich anschließend fast den ganzen Tag mit Oma bei meinen Eltern verbrachte. Lennard war ein goldiges Spuckkind. Meine Mutter hasste nichts mehr als mit dem Sanitastuch über der Schulter durch die Gegend zu laufen, so dass sie mehr als froh war, Lennard in meine Hände abzugeben. Zugegebenermaßen machte ich mir Sorgen um mein Brüderchen. Weder Mutter noch Vater waren liebende Bilderbucheltern. Vielleicht lag es an ihrem Alter. Oh, sie kümmerten sich hervorragend und nach Lehrbuch um den Säugling und ich bemerkte gelegentlich das Aufblitzen von echter Elternliebe, aber alles in allem wirkte ihr Umgang mit Lennard etwas mechanisch. Oma versuchte meine Sorgen zu zerstreuen: So wären sie auch mit mir umgegangen.



„Und du hast dich schließlich gut gemacht.“ Sie sagte das nicht ohne stolz in der Stimme.
„Ich hab' ja auch gecheatet.“, murmelte ich. Oma, die Lennard gerade wickelte, hörte es nicht.
„Schließlich bin ich ja auch noch da!“, fuhr sie ungerührt fort. „Und du, wenn du mit deinem mysteriösen Unbekannten auf Hochzeitsreise hier vorbeikommt.“
Oma hatte ohne mein Zutun schon die dollsten Zukunftsvisionen für Darrel und mich entwickelt. Ich amüsierte mich königlich darüber. Allerdings konnte ich mir für mich und Darrel weder eine Hochzeit in weiß oder mit Trauung am Fallschirm, noch eine Weltreise oder eine Abenteuertour im unerschlossenen Dschungel in den Flitterwochen vorstellen. Wobei er sich im Dschungel wahrscheinlich am besten schlagen würde...
„Hast du übrigens jetzt alle Unterlagen beisammen?“
„Mh. Alles da. Schon sicher verstaut. Hab zur Vorsicht auch Scans gemacht und aufs Smartphone und einen USB-Stick gepackt.“
Oma nahm Lennard auf und warf mir einen schrägen Blick zu. „Manchmal kannst du deine Eltern doch nicht verleugnen.“

Am nächsten Tag feierte ich meinen Ausstand im Restaurant – ohne Alkohol. Etwas wehmütig nahm ich die guten Wünsche entgegen und verabschiedete mich von meinen Kollegen. Bibi und Konrad hatten mir ein gutes Arbeitszeugnis ausgestellt, dass ich bereits von einem Übersetzer ins Simlische übertragen lassen hatte (man sollte mir schließlich nicht unterstellen können, dass ich in einer eigenen Übersetzung geschummelt hätte).
Der Abschied von meinen Eltern war eine schnelle und oberflächliche Angelegenheit. Ich brauchte wesentlich länger um mich von Baby Lennard zu verabschieden.



Oma wollte mich am zum Flughafen begleiten. Am Abend davor aßen wir zusammen und zündeten den Kamin an. Vor dem gemütlich knackenden Feuer unterhielten wir uns.
„Willst du es wirklich tun?“ Es war das erste Mal, dass Oma mich das fragte. Bisher hatte sie mich unterstützt – egal wie absurd mein Plan ausgesehen oder wie viele Löcher er aufgewiesen hatte. Doch nun wurde es ernst. Mein Flug würde in knappen zwölf Stunden starten.
„Jetzt ist es zu spät um noch abzuspringen.“, gab ich zu bedenken.
„Es ist nie zu spät seine Meinung zu ändern.“, erwiderte Oma. Sie sah von mir zum Feuer und lächelte leicht. „Aber ich schätze, du bleibst dabei.“



„Pff, natürlich! Ich kann...“ Wieder konnte ich Darrels Namen nicht aussprechen. „ihn ja nicht hängen lassen. Er wartet auf mich!“ Ich plumpste neben Oma auf die Couch und tätschelte rasch ihr Knie.
„Bist du dir sicher? Ich will nicht unken, aber Männer sind...“
„Keine Sorge!“, unterbrach ich sie. „Ich bin mir sicher! Wie sagtest du noch? Alles wird gut!“
Oma nickte langsam. „Ich will nur nicht, dass du verletzt wirst Kira-Kind.“
Gerührt sah ich sie an und nahm ihre Hand. Ich war inzwischen so viel älter als meine Oma, aber sie sorgte sich um mich. Natürlich wusste sie nicht, dass ich so alt war, aber für mich war es manchmal geradezu absurd. Ich grinste.
„Du machst dich über mich lustig!“
„Nee. Ich grinse, weil ich mich freue, dich zu haben!“Ich legte den Arm um sie. „Du musst mich bald besuchen kommen!“
„Und Lennard mit deinen Roboter-Eltern allein lassen? Neeneenee.“

Als ich am nächsten Morgen von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen wurde, bemerkte ich zum ersten Mal seit langem, wie mein Herz stolperte und pochte. Ich schob es auf die Aufregung. Bald würde ich mich aktiv auf die Suche nach Darrel machen können! Vermutlich war ich deswegen so aufgedreht. Ein bisschen ängstlich auch...Akki hatte mir zwar versprochen, mit Darrel zu sprechen, aber hatte sie es wirklich getan? Wusste Darrel, dass ich kam? Würde er – wie beim ersten Mal in diesem Leben – kriminell sein? Entschlossen schob ich diese Gedanken weg und begann mich fertig zu machen.



Oma wartete im Wohnzimmer auf mich. Sie hatte uns Frühstück gemacht: Schokoladenknusper-Müsli mit Vorzugsmilch und starken Kaffee mit Sahne und Zucker. Omas Ernährungsgewohnheiten würden unter meiner Abreise definitiv leiden. Urplötzlich traten mir die Tränen in die Augen. Ich ließ Oma im Stich!
„Nanana, Kind. Bekommst du jetzt etwa doch noch kalte Füße?“ Oma stellte den Kaffee auf den Tisch und schloss mich rasch in die Arme.
„I-i-ich will dich nicht im Stich lassen, aber ich mu-huhu-...uuuss gehen.“
Sie klopfte mir beruhigend auf den Rücken. „Du lässt mich nicht im Stich. Du tust, was du tun musst! Bist ja nicht aus der Welt!
„A-a-aber auf... auf einem anderen Kontineeeeent!“
„Ach jetzt hör aber auf! Dazu gibt’s schließlich Flugzeuge!“ Sie schob mich auf Armlänge von sich. „Hör' auf zu heulen. Du willst doch zu meinem zukünftigen Schwiegerenkel! Und ich will Urenkel! Also Geheule aus, iss und trink!“
Sie grinste und zwinkerte mich an. Doch hinter ihrem tapferen Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass es auch ihr schwer fiel. Oma war alt – würde sie es überhaupt noch schaffen mich besuchen zu kommen? Würde ich sie jemals wiedersehen? Erneut traten mir die Tränen in die Augen und ich verfluchte meine Empfindlichkeit. Seit wann war ich eigentlich so eine Heulsuse? Oma sah mich schon wieder strafend an und hob drohend den Zeigefinger. Ich schluckte meine Tränen und das Schluchzen herunter. Oma drückte mich auf meinen Stuhl und schob Kaffee und Müsli zu mir.
„So und nun hau' rein! Du brauchst Kraft für deinen Aufbruch!“


Zuletzt von Akki am Di Feb 02, 2016 11:34 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Di Feb 02, 2016 9:04 pm

Alte Bekannte

Meine Ankunft im Simerika gestaltete sich anders als ich es mir vorgestellt hatte. Nichts klappte auf Anhieb! Bei der Einreise musste ich stundenlang warten und anschließend drei verschiedenen Beamten erklären, was ich in Simerika wollte. Dadurch verpasste ich den Überlandbus mit dem ich vom Flughafen nach Bridgeport reisen wollte und musste vor Ort in einem billigen Hotel absteigen. Am nächsten Tag ging es endlich weiter und ich kam in Bridgeport an. Bridgeport war die Großstadt, die am nächsten an Mountain View lag. Meine Chancen einen Job zu ergattern waren hier wesentlich höher. Mit dem Auto war ich innerhalb von knapp zwei Stunden in Mountain View.
Meine Priorität war jedoch zunächst einen Job zu suchen, um mein Arbeitsvisum nicht zu gefährden. Im Internet hatte ich bereits ein günstiges Einraum-Apartment gemietet. Zu meinem Glück waren die Bilder im Internet nicht geschönt. Das Apartment war zwar einfach und karg eingerichtet, aber es war sauber und lag in einer annehmbaren Nachbarschaft. Ich kannte Bridgeport von früher – was eigentlich später war. Dieses Bridgeport lag in der Vergangenheit des Bridgeports in dem Darrel und ich eine Zeit gewohnt hatten. Es schauderte mich, als ich daran dachte, wie dieser Aufenthalt geendet war. Dunkle Ecken und nächtliche U-Bahn-Touren sollte ich vermeiden.



Nachdem ich meine Schlüssel in Empfang genommen und mein Gepäck verstaut hatte, meldete ich mich als erstes bei Oma. Ich hatte sie bereits am Vortag nach der Landung angerufen, doch sie wartete begierig auf jedes Lebenszeichen von mir. Meine Eltern erhielten eine Textnachricht. Im Gegensatz zu Oma würden sie mit der Zeitverschiebung nicht klar kommen und sich über Anrufe mitten in der Nacht ärgern.



Am Nachmittag des nächsten Tages war ich fix und fertig. Ich hatte mir die Füße wund gelaufen. Einen Job oder einen Hinweis auf Darrel hatte ich dabei nicht gefunden. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, zuerst einen Job zu suchen, hatte ich es mir nicht verkneifen können im Verwaltungsgebäude von Bridgeport nach einem Blake zu suchen. Mountain View und die übrigen kleineren Orte der Umgebung wurden zentral von Bridgeport aus verwaltet. Als ich das eher nebenbei herausfand, stürzte ich mich in die Recherche vor Ort. Leider ohne jeglichen Erfolg. Ähnlich bescheiden lief es bei den Restaurants, die ich abklapperte. In Bridgeport schien es gerade eine Koch-Schwemme zu geben.



Völlig frustriert kehrte ich schließlich in einer der Kneipen ein, die es noch Jahrzehnte später geben sollte. Das Licht war genauso schummrig, die Einrichtung genauso abgeranzt wie ich es kannte. Es war, als würde die Kneipe in einer Zeitblase schweben, die den Inhalt konservierte und über die Zeit überdauern ließ. Ich ließ mich an der Bar nieder. Da noch nicht viel los war, kam der Barkeeper direkt zu mir. Ich orderte ein Bier und ein paar Nachos – beides schmeckte so wie ich es kannte. Wunder über Wunder...An der Theorie mit der Zeitblase schien etwas dran zu sein! Gut, der Barkeeper war definitiv nicht der selbe. Außerdem war er etwas grün um die Nase.
„Alles ok?“, fragte ich, als er anfing zu würgen.
„Muss was falsches gegessen haben.“ Er wand sich verzweifelt hin und her. „Scheiße, ich kann ja nicht einfach schließen.“ Er schluckte betont langsam und wischte sich den Schweiß von der Stirn.



„Ich pass' kurz auf die Bar auf, geh zum Klo.“, schlug ich ihm spontan vor.
Er starrte mich irrtiert an. Dann riss er die Hand vor den Mund und stürmte zum Klo. Meine Nachos ließ ich lieber liegen...
Da er weder ja noch nein gesagt hatte, blieb ich zunächst auf der Besucherseite der Bar. Als jedoch einige Gäste rein kamen, wechselte ich meinen Platz. Ich verschaffte mir einen kurzen Überblick über die Bar. Die Gäste begannen mit Bestellungen um sich zu werfen, so dass ich ziemlich bald einen Drink nach dem anderen mixte, Bier zapfte und Nachos reichte.



In einer ruhigeren Minute kam ich mit einer Besucherin ins Gespräch. Sie war Privatdetektivin. Wir tauschten uns zunächst oberflächlich über die Stadt aus, aber schließlich ließ ich ein paar Hinweise fallen, dass ich einen Freund suchte, zu dem ich den Kontakt verloren hatte. Sie nannte mir ein paar Internetseiten, über die man Leute suchen konnte und gab mir ihre Karte.
Der Barkeeper hatte schon eine ganze Weile neben dem Eingang zur Toilette gestanden und mich beobachtet. Nun kam er zu mir, griff in die Kasse und drückte mir ein paar Scheine in die Hand. „Gut gemacht! Komm morgen vorbei, vielleicht kann ich dir einen Job besorgen, wenn du Interesse hast.“ Ich schenkte ihm mein breitestes Lächeln und verabschiedete mich. Vielleicht nahm der Tag ja doch noch ein gutes Ende!



Ein paar Tage später hatte ich immerhin einen Übergangsjob: Lee, der aktuelle Besitzer und Barkeeper von Waylon's Haunt stellte mich an drei Tagen als Barkeeper an. Wir hatten ausgemacht, dass ich innerhalb einer Woche kündigen konnte, sobald ich einen Job als Koch bekam. Auf den Seiten, die mir die Privatdetektivin empfohlen hatte, stöberte ich vorsichtig in meiner Freizeit. Ich wollte dort nicht aktiv nach Darrel suchen, da ich mir ja nicht sicher sein konnte, ob er in kriminelle Machenschaften verstrickt war. Ich wollte bestimmt keine schlafenden Hunde wecken! Keine der Meldungen passte auf Darrel. Es suchte auch keiner nach einer schwarzen Katze. Das hätte ich Darrel schon zugetraut. Aber vielleicht konnte er genauso wenig wie ich über die Vergangenheit sprechen?


Die schwarze Katze blieb mir in Gedanken. Irgendwie musste ich mit Darrel Kontakt aufnehmen und der Begriff schwarze Katze schien mir dafür geeignet. Ich hatte schon ausprobiert, ob ich einfach „Schwarze Katze“ sagen oder schreiben konnte. Solange es keinen Zusammenhang zu meinen früheren Leben gab, war es kein Problem. Jetzt musste mir noch einfallen, wie ich die schwarze Katze mit etwas über Darrel in Verbindung bringen konnte um so vielleicht eine Suchmeldung aufzugeben.
Ich dachte gerade bei einer Portion Pommes in einem der Parks über das Katzenproblem nach, als ich auf einmal das unangenehme Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Trocken schluckte ich herunter, was ich gerade im Mund hatte und sah mich unauffällig um. Ich meinte im Augenwinkel eine dunkel gekleidete Gestalt verschwinden zu sehen, doch als ich meinen Blick ganz dorthin wendete, sah ich niemanden. Mit einem mulmigen Gefühl schlang ich meine restlichen Pommes herunter und warf den Abfall weg. Sollte ich dem nachgehen? Bilder aus dem ersten Bridgeport-Aufenthalt schossen mir durch den Kopf: Der Überfall in der U-Bahn, Darrels zerschlagenes, blutiges Gesicht, die Pistole... Es reichte um mir jeglichen Unternehmungsgeist auszutreiben. Ich beeilte mich auf schnellstem Weg nach Hause zu kommen.



Das Gefühl beobachtet zu werden, verließ mich in den nächsten Tagen nicht. Ich fragte Lee beiläufig, ob er jemanden in der Bar gesehen hatte, der sich für mich interessierte oder rum schlich. Er verneinte das und fragte mich, was mich bedrückte. Ich erzählte ihm von meinem Gefühl, doch er tat es ab. Wir waren in Bridgeport und da käme dieses Gefühl schnell auf. Ich wünschte, ich könnte ihm glauben, aber mein mulmiges Gefühl blieb.

„Schwarze Katze sucht...“, murmelte ich leise vor mich hin als ich ein paar Tage später die Tür zu meinem Apartment aufschloss. Mir fiel einfach nichts ein, was die schwarze Katze suchen könnte, worauf Darrel anspringen würde. Immerhin hatte ich mir Stickern mit schwarzen Katzen gekauft und einen Aufnäher auf meiner Handtasche aufgebracht. Und auf den Internetseite nach schwarzen Katzen gefragt. Vielleicht half das ja? Aber besser wäre es sicher, wenn ich die Sache mit den Katzen präzisierte... „Schwarze Katze...mh. Schwarze Katze...oder Kätzchen?“ Im Dunkeln griff ich nach dem Lichtschalter. Ich betätigte ihn, doch es blieb dunkel. „Ach fuck.“ Das war jetzt schon das dritte Mal, dass die Sicherung rausgeflogen war.



Da trat jemand an mich heran und drückte mir etwas in den Rücken, das sich verdächtig nach dem Mündungsrohr einer Pistole anfühlte.
„Ganz ruhig.“, sagte eine dunkle Frauenstimme. Eine grelle Taschenlampe sprang an und schien mir ins Gesicht.
„Hey!“ Ich schlug die Taschenlampe weg. „Das ist grell! Was soll das?“ Die Taschenlampe fiel zu Boden, der Druck in meinem Rücken wurde etwas fester. Die Frau, die hinter mir stand atmete erschrocken ein. Hoffentlich gab das keine Kurzschlussreaktion!



Eine weitere Person nahm die Lampe auf und ich konnte sie erkennen.
„Bobby Clark?! Was tust du denn hier?“

Ich wusste nicht wer erschrockener war. Bobby, die Frau hinter mir oder ich.
„Woher kennt sie dich?!“, fragte die Sima. Ich erkannte jetzt ihre Stimme.
„Du kannst die Waffe wegnehmen, Natalya. Ich werde nichts tun.“, sagte ich bemüht ruhig und vernünftig (auch wenn ich mich nicht ruhig fühlte. Und was meine Vernunft anging...lassen wir das).
„Woher kennt sie dich?“, fragte nun Bobby. Er hatte die Taschenlampe zur Decke gerichtet, so dass der Raum und wir in trübes Licht getaucht wurden.
Natalya fluchte leise. Rasch flogen ihre Hände über meinen Körper um zu prüfen, ob ich bewaffnet war. Dann verschwand der Druck in meinem Rücken. Sie trat neben Bobby und musterte mich.



Das gab mir die Zeit die beiden zu betrachten. Bobby und Natalya waren Kollegen von Darrel bei der Polizei. Sie waren außerdem befreundet und von seinem Verrat in seinem ersten Leben tief getroffen. Danach hatten sie erbarmungslos Jagd auf ihn gemacht. Außerdem waren sie Vater und Stiefmutter von Terry, mit dem ich in meinem Leben als Elaine verheiratet war. Ich schluckte trocken.

Bobby streckte sich und drehte die Lampe in der Deckenbeleuchtung wieder fest. Dann griff er an mir vorbei und schaltete das Licht an. Zwei Augenpaare musterten mich eindringlich. Ich erwiderte ihr Starren. Beide sahen noch so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte – zumindest in diesem Alter. Ich wusste auch noch, wie sie als Knacker aussehen würden. Der Gedanken ließ mich schmunzeln, was bei Natalya zu heruntergezogenen Mundwinkeln führte.
„Woher kennen Sie unsere Namen?“, fragte sie mit einem strengen Unterton. Sie hatte immer noch die Waffe in der Hand.
„Ähm, also...“ Ich suchte nach Worten. „Das ist...kompliziert.“ Und total unglaubwürdig – hey, in einem anderen Leben bin ich erst eure Katze und heirate später euren Sohn, deswegen kenne ich eure Namen. Aber ich konnte ja ohnehin nichts sagen. Meine innere Sperre würde es verhindern. Es wunderte mich, dass ich ihre Namen hatte sagen können. Aber vermutlich lag es daran, dass sie ihre eigenen Namen kannten und ich nichts verriet.



„Wir warten immer noch.“, erinnerte mich Natalya ungeduldig. In meinen Erinnerungen war sie wesentlich langmütiger.
„Tja.“, machte ich. „Das ist ein Problem. Ich kann es nicht sagen.“
Die beiden wechselten einen Blick. Bobby beugte sich zu Natalya und flüsterte kaum hörbar. „An wen erinnert dich das?“
Sofort waren alle meine Sinne angespannt und ich hellwach. Ich war begierig zu fragen ob sie wussten, wo Darrel, also Blake war, aber Bobby kam mir zuvor.
„Weswegen suchen Sie nach Blake?“
Mein Herz schlug mir fast bis zum Hals. Ich rang mit den Händen. „Bitte...wisst ihr wo er ist? Ich muss ihn dringend sehen.“
Wieder wechselten die beiden einen Blick. Als Natalya Luft holte um etwas zu sagen, erschien es mir als wolle Bobby sie davon abhalten, doch ihre nächsten Worte verdrängten alles andere.
„Er ist tot.“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Bobby wollte Natalya eigentlich daran hindern die Botschaft kühl und plötzlich zu überbringen. Doch der Stress der letzten Zeit war nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Mit einem harten „Er ist tot.“ teilte sie der jungen Frau, in deren Wohnung sie sich befanden, dass ihre Suche erfolglos bleiben würde.
Mit einem Mal wich sämtlich Farbe aus dem Gesicht der Frau. Bobby war es, als würde er scharfes Knacken hören, doch das musste er sich eingebildet haben. Die Blondine griff sich wie in Zeitlupe an die Brust, dann sackte sie in sich zusammen und stürzte zu Boden.
„Was?!“ Natalya stürzte zu der leblosen Gestalt. „Ach du Scheiße!“ Sie tastete nach dem Puls. „Scheiße. Ruf einen Notarzt, Bobby.“
Bobby reagierte sofort. Während er den Notruf wählte, begann Natalya mit der Herzmassage. Bobbys Blick fiel auf die Handtasche der Frau. Es war eine Stofftasche auf die eine schwarze Katze aufgenäht war. Dann erinnerte er sich, was sie beim Betreten des Apartments gemurmelt hatte. „Scheiße.“, begrüßte er den Mitarbeiter des Notdienstes abwesend, als er endlich durchkam.

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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mi Feb 03, 2016 4:03 pm

Breakdown

„Was machen wir jetzt?“
Natalya rieb sich den Nacken, während Bobby sich auf seinen Stuhl niederließ und seinen Rechner startete. Er antwortete nicht. Natalya seufzte und zog ihre Jacke aus, die sie achtlos auf den Boden warf. Wenn Bobby erst einmal in seinen PC abtauchte, war seine Umwelt abgeschrieben. Seine Finger flogen über die Tastatur. Gelegentlich schnaubte oder grummelte er, aber ansonste gab er nicht zu erkennen, ob er überhaupt noch wusste, dass Natalya im Raum war.
Natalya ging zu der kleinen Küchenzeile und bediente die Kaffeemaschine. Bis vor einem guten Jahr war sie noch nie bei Bobby gewesen. Erst die Ereignisse um Blake hatten sie, Bobby und Blake zu einem eingeschworenen Team gemacht. Bobbys Haus am Fluß weit vor den Toren Bridgeports war die optimale Basis gewesen. Niemand vermutete in der kleinen Blockhütte die Hardware, die es Bobby ermöglichte wahre Zauberstücke im Netz zu vollbringen. Vermutlich hexte er auch gerade wieder. Natalya nahm zwei Kaffeetassen, gab in eine Milch und Zucker und gesellte sich wieder zu Bobby. Sie stellte den Milchkaffee neben ihn und versuchte aus den kryptischen Zeichen auf seinen drei Bildschirmen klug zu werden. Nach drei Zeilen gab sie es auf und verzog sich auf die Couch.



Sie musste eingeschlafen sein, denn irgendwann ließ sich Bobby neben sie auf die Couch fallen. Er musterte sie kurz bevor er sich für den Kaffee bedankte. Natalya grinste. Blake hatte oft gescherzt, dass Bobby vermutlich verdursten und verhungern würde, wenn man ihn nicht regelmäßig versorgen würde. Natalya schluckte trocken und warf einen Blick über die Schulter zu Bobbys Schlafzimmertür.
„Ich hab' einen Plan.“, eröffnete Bobby während sie noch zur Tür sah.
„So?“ Natalya wendete sich ihm zu. Blake war immer derjenige, der geplant hatte, aber er und Bobby waren wie Pech und Schwefel. Kein Wunder, dass Bobby nun versuchte diesen Teil auszufüllen.
„Wir lassen sie verschwinden.“ Bobby wies mit dem Kopf auf die Zimmertür. Auf Natalyas entsetzen Gesichtsausdruck beeilte er sich zu erklären: „Nicht so! Um Simmers willen, wo denkst du hin? Ich bin weder du noch Blake. Ihr seid das Einsatzteam.“
„Gewesen.“, warf Natalya wehmütig ein. „Alles ist so anders. Blake...“ Sie brach ab und senkte den Blick. „Und wir stehen auf der Straße.“
„Es war unsere freie Entscheidung den Dienst zu quittieren.“, erinnerte Bobby sie freundlich. „Keiner von uns hätte noch dort arbeiten wollen.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, nahm die Brille ab und putzte sie rasch. Nachdem er sie wieder aufgesetzt hatte, fuhr er fort. „Die Korruption ist aufgedeckt, die Verantwortlichen hinter Gittern. Es ist alles so gekommen wie Blake es geplant hat.“
Natalya lachte bitter. „Nur seinen Tod hat er wohl nicht eingeplant.“



Obwohl er die Brille gerade geputzt hatte, nahm Bobby sie erneut ab und rieb die Gläser zwischen einem Zipfel seines Hemdes. „Hm. Ja.“
Natalya warf ihm einen irritierten Blick zu. Bobby ignorierte sie – aber das mochte auch an seiner extremen Kurzsichtigkeit liegen. Er setzte die Brille wieder auf. „Was sie betrifft: Ich habe online sämtliche Hinweise gelöscht, dass sie jemals nach Blake gesucht hat. Offline hat sie kaum Spuren hinterlassen – erinnere dich, dass wir sie auch nur über das Netz gefunden haben.“
„Warum ist es so wichtig ihre Spuren zu verwischen? Es ist doch vorbei.“
„Schon, aber weißt du ob sie nicht aus dem Gefängnis heraus noch Fäden ziehen? Wenn sie das Mädchen finden, könnte ihnen der Gedanke kommen, dass sie etwas weiß. Vielleicht wollen sie dann an ihr – oder uns was das betrifft – Rache nehmen.“
Nachdenklich nagte Natalya an ihrer Unterlippe. Dass sie und Bobby das Ziel von Racheaktionen werden konnten, hatte sie schon einige schlaflose Nächte gekostet. Es war mit ein Grund, warum sie gemeinschaftlich aus dem Polizeidienst ausgetreten waren. Tatsächlich hatten sie vorgehabt die Region zu verlassen, als Bobby über diese Kira gestolpert war.
„Sie könnte tatsächlich etwas wissen.“, fuhr Bobby fort. „Immerhin kannte sie unsere Namen.“
„Woher auch immer.“ Natalya lehnte sich zurück und überschlug die Beine. „Blake hat sie nie erwähnt.“
Dieses Mal stand Bobby auf und holte ihnen frischen Kaffee. Natalya entging nicht, dass er ihren letzten Satz unkommentiert gelassen hatte. Sie wollte gerade nachhaken, als er den Gesprächsfaden wiederaufnahm.



„Auf jeden Fall müssen wir sie in Sicherheit bringen. Auch wenn das im Moment schon fast an eine Entführung grenzt.“
„Wohl eher Raub. Sie ist ja kaum mehr als ein Möbelstück.“
Bobby warf Natalya einen tadelnden Blick zu. „Sie hatte einen Zusammenbruch. Und wer weiß, was ihr die Ärzte gegeben haben.“
„Jaja, ich weiß.“ Natalya nippte an ihrem Kaffee. „Seit wir sie aus dem Krankenhaus geholt haben, liegt sie einfach nur da. Sie isst nicht, trinkt nicht und wenn ich sie nicht ab und zu ins Bad bringe...“ Sie ließ den Satz unvollendet. „Es macht mir Sorgen.“
„Ich verstehe dich. Umso wichtiger ist es, sie hier wegzuschaffen. Ich weiß schon einen Ort.“
„So?“



Bobby lächelte leicht. Es war Natalyas Art mit einem einfachen „So?“ mehr als eine Frage zu stellen. Er wusste, sie würde nicht nur den ungefähren Plan wollen, sondern jede Einzelheit, so dass sie mögliche Lücken entdecken und ausbessern konnte. Außerdem würde sie mindestens eine Alternative aufzeigen. Und anschließend alles besorgen, was sie zur Umsetzung brauchten. Er schätzte diese pragmatische Seite – und nicht nur die! - sehr an ihr.
„Wir müssen unseren ursprünglichen Plan gar nicht groß ändern.“ Ursprünglich bezog sich auf ihr Vorhaben, Bridgeport hinter sich zu lassen. Dazu hatten sie bereits einen Van gekauft – bar und über Mittelsmänner, die keine Ahnung hatten, wem sie einen Wagen kauften – und mit ihren wichtigsten Besitztümern ausgestattet. Natalya hatte ihre Wohnung gekündigt. Sie schlief seitdem in einem Hotel, in dem nicht viele Fragen gestellt wurden. Ihre Sachen hatte sie schon geholt bevor sie Kira aus dem Krankenhaus geholt hatten. Mit dem Van wollten sie quer durchs Land fahren, um sich woanders eine neue Existenz aufzubauen. Sie hatten noch kein Ziel festgelegt.
Bobby hatte dem Raodtrip mit gemischten Gefühlen entgegen geblickt. Zum einen war er froh alles hinter sich lassen zu können, doch er war sich unsicher wie er eine unbestimmte Zeit mit Natalya auf engstem Raum überstehen würden. Sie mochte bisher nichts gemerkt haben, aber so blind konnte sie nicht sein. Blake hatte ihn immer wieder versucht zu überreden, Natalya um ein Date zu bitten, doch Bobby hatte stets abgestritten, dass er das wollte. Er würde Natalya als Kollegin schätzen, mehr sei da nicht... Bobby seufzte unbewusst. Er vermisste seinen Freund.



Natalya hatte ihn intensiv gemustert. Sie legte rasch ihre Hand auf seine. „Ich vermisse ihn auch.“ Wie so oft hatte sie seinen Gesichtsausdruck richtig interpretiert. Als Bobby überrascht auf ihre Hand sah, zog sie sie rasch zurück. „Nun zu deinem Plan.“
„Ja. Natürlich.“ Er versuchte die Enttäuschung aus seiner Stimme zu verbannen und konzentrierte sich darauf, Natalya sein Vorhaben zu erklären. Ohne ihr seinen wirklichen Plan zu offenbaren.

Am nächsten Morgen schaffte Natalya es, Kira aus dem Bett zu locken und ihr eine große Tasse stark gesüßten Tees zu verabreichen. Ihr Zustand war unverändert: Sie starrte ins Leere. Tränen liefen ununterbrochen über ihre Wangen. Ihre Augen wirkten schon leicht entzündet. Jeder Versuch mit ihr zu kommunizieren war zum Scheitern verurteilt. Sie reagierte höchstens mechanisch: Etwa wenn man sie auf die Toilette setzte oder ihre – wie jetzt – eine Tasse in die Hand drückte. Natalya atmete durch den Mund. Mit der Körperhygiene war es auch nicht weit her. Dann dachte sie an die Worte der Ärzte: Kira galt als akut selbstmordgefährdet. Wäre das Krankenhaus nicht just in diesen Tagen wegen eines schweren Unglücks vollkommen überlastet gewesen, hätten sie das Mädchen vermutlich nicht einfach so mitnehmen können. Zwar hatten sie angegeben, sie in eine private Klinik zu bringen, aber das war glücklicherweise nicht überprüft worden. Natalya war sich allerdings sicher, dass Kira genau dorthin gehörte. Und nicht zu zwei Ex-Polizisten, die selbst mit ihrer Situation überfordert waren. Bobby hatte versprochen sich um Kiras Zustand zu kümmern sobald sie am Zielort angekommen waren.



„Bleibt die Frage, ob man sich wirklich um dich kümmern kann.“ Natalya setzte sich vor Kira auf den Boden. „Es wäre fast gnädiger dir deinen Willen zu lassen.“ Die Blondine reagierte nicht. „Es scheint als sei dein Lebenswille...verpufft. Aus dir gefallen in dem Moment...“ Natalya unterbrach sich selbst. Blakes Tod erneut zu erwähnen wäre gewiss nicht förderlich.
Bobby kam aus dem Bad und warf den Frauen einen Blick zu. „Spricht sie?“
„Nein.“, seufzte Natalya und erhob sich. „Ich führe Selbstgespräche. Selbst meine Zimmerpflanze ist gesprächiger.“
„Du hast keine.“, stellte Bobby fest. Er nahm Kira naserümpfend die Tasse ab. „Was hast du ihr gegeben?“
„Eine Kräuterteemischung. Geheimrezept von meiner Oma.“
„Der russischen?“
„Ja.“
„Dann wundert mich, dass dort kein Wodka drin ist.“
Natalya stöhnte genervt auf. Nur weil sie russisch stämmig war, hieß das nicht, dass sie alles mit Wodka trank. Doch dann grinste sie. „Eigentlich wird er mit Wodka aufgekocht. Aber ich wollte ihr Verdauungssystem nicht lahmlegen. Wir müssen noch mit ihr in einem Auto fahren.“
„Oh.“ Bobby sah sie entsetzt an. „Urgs.“
„Ja.“ Natalya nahm Kiras Hand. „Es ist irgendwie herzlos so über sie zu sprechen, wenn sie doch anwesend ist.“ Dann führte sie die Willenlose ins Bad.
Bobby nickte und brachte die Tassen zur Spüle. Seine Hütte hatte er einem befreundeten Hacker vermietet. Bobby wollte gar nicht wissen, ob alles was er tat legal war – angeblich arbeitete er in der IT-Sicherheit eines großen Konzerns – aber er war in den letzten Tagen selbst oft genug an der Grenze entlang geschlittert. Seine Computer hatte er bereits sorgfältig in den Van geladen, zusammen mit Natalyas und Kiras Sachen. In der Nacht hatte Natalya Kiras Gepäck aus der Wohnung geholt und auch dort alle Anzeichen ihrer Anwesenheit beseitigt. Die Kündigung für das Apartment und ihren Job als Barkeeperin hatte Bobby elektronisch verschickt. Kiras Handy war gemeinsam mit Bobbys und Natalyas alten Handys im Fluss gelandet. Die Daten und Kontakte hatte Bobby gesichert und auf neue Geräte übertragen. Von Kiras neuem Handy hatte er einen Textnachricht an ihre Oma geschickt, da die schon mehrfach auf dem alten angerufen hatte. Natalya sprach leidlich seutsch, so dass sie die Nachricht aus dem simlischen übersetzt hatte. Sie hatten die Oma versucht zu beruhigen: Das alte Handy sei geklaut worden, Kira ginge es aber gut und sie würde sich alsbald melden. Beide hofften, dass sich das bewahrheiten würde. Eine alte Dame in Simropa anzurufen und ihr mitzuteilen, dass ihre Enkelin nach einem Zusammenbruch quasi im Wachkoma durch die Gegend wandelte, stand nicht auf ihrer Favoritenliste.



Etwas später fuhren sie los. Natalya Kira den Katzen-Pyjama ausziehen können. Auf die wiederkehrende schwarze Katze auf T-Shirts, Pyjamas, der Handtasche und als Sticker konnte sich Natalya keinen Reim machen – Bobby hingegen schien es mit großem Interesse bemerkt zu haben. Kira ließ sich widerstandslos waschen und ankleiden. Natalya schaffte es sogar ihr die Zähne zu putzen. „So fühlt man sich doch gleich besser.“, sprach sie die Blonde an. Statt einer Antwort sahen leere Augen tränenerfüllt durch sie hindurch.
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mi Feb 03, 2016 11:14 pm

Somewhere over the rainbow

Natalya starrte aus dem Fenster. Bobby hielt sich nicht an seinen Plan. Diese Strecke war nicht vorgesehen. Es war auch nicht geplant, dass sie das Fahrzeug nun das vierte Mal gewechselt hatten. Jedes Mal war es eine Herausforderung gewesen, Kira und das Gepäck auszuladen und zu verstecken, den alten Wagen zu verkaufen und bei einem anderen Händler einen anderen zu kaufen. Zum Glück war Kira pflegeleicht. Wo man sie hinsetzte oder hinlegte, dort blieb sie, bis man sie wieder an der Hand nahm und mit sich führte.  'Wie eine Puppe', dachte Natalya. Sie drehte sich in ihrem Sitz um. Kira saß auf der Rückbank. Zum Glück schien ihr Körper keine Tränenflüssigkeit mehr zu produzieren. Natalya hatte auf ihrer Reise eine Augensalbe gekauft und so sahen die Augen nicht mehr entzündet aus. Das Mädchen ließ sich auch füttern – meist mit Eis oder Kindernahrung. Es waren winzige Bissen. Es schien, als habe zwar ihre Seele aufgegeben, ihr Körper aber ums Überleben kämpfen wollen. Natalya begrüßte diese Veränderung – im Gegensatz zu Bobbys Änderungen am Plan.
Dieser merkte sehr wohl, dass Natalya unzufrieden, vielleicht sogar wütend war. Er warf ihr ab und an einen Seitenblick zu. Schließlich sah er das Ortsschild, auf das er gewartet hatte. Er fuhr rechts ran und schaltete den Motor aus.



„Nat?“ In Gedanken nannte er sie gerne so, aber er wusste nicht, ob er so vertraulich werden durfte. Deswegen benutzte er den Spitznamen meistens nur, wenn er so sehr in Gedanken war, dass er es selbst nicht bemerkte. Dieses Mal war er allerdings hochkonzentriert. Wenn Natalya nur halb so aufmerksam ihm gegenüber war, wie sie es im Beruf gewesen war, würde ihr die Nutzung des Spitznamens einen Hinweis geben, dass er etwas wichtiges zu sagen hatte.
Tatsächlich sah Natalya ihn interessiert und gespannt an. Die Unzufriedenheit war aus ihren Zügen gewichen und Bobby wurde ihre Attraktivität mit einem Mal fast schmerzhaft bewusst. Dieses Mal brauchte sie kein „So?“ um alle Fragen zu kommunizieren.
„Ich habe einen bestimmten Grund, warum ich dich in die Irre geführt habe. Ich kann es dir jetzt nicht erklären, aber ich hole es nach, versprochen!“ Er zwang sich Natalya weiter anzusehen. „Es war nötig. Zur Sicherheit. Bitte versprich mir...versprich mir, nicht böse zu sein.“
Sie hob die Augenbraue. „So?“ Übersetzt hieß das soviel wie: Warum sollte ich böse sein, wenn ich nicht gar nicht weiß, wie und warum du mich in die Irre geführt hast – und vor allem warum? Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich dir das jetzt schon verspreche!
Bobby nickte. „Ich weiß es ist viel verlangt.“ Nun wendete er den Blick doch ab, ließ in schweifen und warf einen Blick in den Rückspiegel. „Dann bitte ich dich, wenigstens zu bedenken, dass ich einen wirklich guten Grund hatte. Der sich dir erschließen wird.“ Sein Blick glitt weiter und zu Natalya zurück: „Ich habe es nicht getan, weil ich DIR nicht vertraut habe. Es geht nicht um Vertrauen. Sondern um Sicherheit. Und zu deiner, zu Kiras, zu meiner und zu ... zu aller Sicherheit musste ich dich belügen. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Bobby sah sie so fest und ernsthaft an, dass Natalya in diesem Moment bereit gewesen wäre, ihm alles zu glauben. Auch wenn es sie verletzte, dass er sie – in was auch immer – nicht eingeweiht zu haben.
Bobby wartete nicht auf eine Antwort, sondern griff nach der Straßenkarte, die auf Natalyas Schoß lag. Es wunderte sie noch immer, dass er als Technikfan auf eine altmodische und analoge Karte zurückgegriffen hatte, statt ein Navigationsgerät oder das Smartphone zu benutzen. Schmunzelnd hatte Bobby ihr, als sie danach fragte, erklärt, dass eine papierene Karte nicht verfolgbar war.
Der Rotschopf warf einen Blick auf die Karte und kniff die Augen zusammen um im Halbdunklen etwas erkennen zu können. Natalya griff an die Innenraumbeleuchtung und schaltete sie ein. Sie hatte sich bei diesem Raodtrip nicht nur um Kiras Wohlergehen gekümmert, sondern auch Bobby versorgt. Auch beim Autofahren neigte er dazu die Zeit zu vergessen. Er war konzentriert gefahren, obwohl sie fast die ganze Zeit geredet hatten: Über Natalyas russische Verwandtschaft, die sie einmal besucht hatte, Bobbys Aufwachsen in einem der besseren Stadtteile von Bridgeport, ihre Lieblingsbücher und -filme...Es gab fast kein Thema das sie ausgelassen hatten – wenn man von Blake und der Korruptionsaffäre absah. Keiner wollte alte Wunden aufreißen. Nebenbei hatte Natalya dafür Sorge getragen, dass sie regelmäßig Pausen machten, Bobby und Kira aßen und tranken.



Nickend und nachdenklich vor sich hin murmelnd reichte Bobby ihr schließlich die Karte zurück. Sie löschte das Licht und Bobby fuhr weiter. Natalya vergewisserte sich, dass es Kira gut – oder besser: unverändert – ging. Dann sah sie aus dem Fenster und grübelte über Bobbys Worte nach. Mysteriöse Andeutungen zu machen war eher Blakes Art gewesen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie er eines Tages vor gut drei Jahren zu ihr gekommen war, den blassen IT-Spezialisten Bobby im Schlepptau. Sie hatte bis dahin nur ein oder zweimal mit Bobby zusammengearbeitet und wusste fast nichts über ihn. Blake hingegen war zu diesem Zeitpunkt seit einigen Monaten ihr Partner gewesen. Natalya fand, dass sie gut zusammengearbeitet hatten, auch wenn ihr Blakes Art Dinge anzugehen nicht immer gefiel. Doch nach diesem ersten konspirativen Treffen war ihr aufgefallen, dass Blake sich verändert hatte. Er war nach wie vor in vielen Dingen unnahbar, aber er schien nicht mehr über Leichen gehen zu wollen. Er strahlte mehr Freundlichkeit und Empathie aus.  Gleichzeitig schien ihn etwas zu verfolgen. Natalya hatte es immer auf die Korruptionsfälle geschoben, die er aufgedeckt hatte und deren Urheber er mit ihrer und Bobbys Hilfe zur Strecken bringen wollte. Sie waren Mitte letzten Jahres endlich erfolgreich gewesen – es hatte zu großer Aufruhr geführt. Zu Beginn des Jahres waren die Verhandlungen abgeschlossen worden. Mit Blakes Aussagen und den gesammelten Beweise konnten korrupte Polizisten bis ins höchste Glied und einige Kriminelle dingfest gemacht werden. Sie hatten noch versucht Blake mit sich zu ziehen, doch sein frühzeitiges Einschreiten gegen Versuche ihn zu korrumpieren und seine Ermittlungen ließen ihn über jeden Verdacht erhaben werden. Dabei hatte Natalya früher einmal gedacht, dass wenn einer anfällig dafür wäre, es Blake mit seiner Vergangenheit wäre... Doch er hatte sich als aufrechter als alle anderen entpuppt. Natalya sah zu Kira. Und sicher hätte er keine Simropäerin entführt. Dann dachte sie an die Zeit vor seinem Tod: Dieser Schatten war nie von ihm gewichen. Als würde er etwas vermissen, etwas verloren haben.

Es war dunkel, als Bobby auf eine kleine Seitenstraße abbog und kurz darauf eine lange Einfahrt hochfuhr. Sie kamen vor einem alten Bauernhaus aus. Bobby hielt den Wagen an. „Wir sind da.“
Natalya schnallte sich ab und wollte aussteigen, als Bobby sie am Arm zurückhielt. Er wunderte sich, dass sie noch nicht nachgehakt hatte. „Natalya...bitte! Du wirst es verstehen. Und...“ Er warf einen Blick auf die Rückbank. „Halt dich zurück. Ich glaube, wir spielen nur eine kleine Rolle.“
Natalya wollte fragen worin sie nur eine kleine Rolle spielten, doch Bobby ließ sie los und stieg aus. Er bedeutete ihr mit einer Geste am Auto zu warten und ging die Veranda hoch.



Aus dem Haus drang nur schwaches Licht. Natalya hatte es zuvor nicht bemerkt und angenommen, es wäre ein verlassenes Haus. Sie stieg trotzdem aus, froh ihre langen Beine strecken zu können. Sobald würde sie keine längere Autofahrt mehr unternehmen! Sie ging zur Rückbank und schnallte Kira ab. „Dir hängt die Fahrerei bestimmt auch zum Hals raus.“ Langsam schob sie erst Kiras rechtes, dann ihr linkes Band über die Sitzbank, um sie aus dem Auto zu holen. Vom Haus hörte sie eine quietschende Tür, dann Männerstimmen – Bobbys und eine weitere. Sie dachte an Bobbys merkwürdige Bitte. Sie wollte ihm wirklich die Chance geben ihm nicht böse zu sein, aber sie wusste nicht, was er ihr vorenthalten hatte und welches Spiel er wirklich spielte. Auf was hatte sie sich da nur eingelassen?
„Ganz langsam.“ Sie half Kira in eine stehende Position. „Bestimmt sind deine Beine einge-...“ Sie brach ab, als sie schnelle Schritte hinter sich hörte. Ihr Instinkt schrie ihr zu, nach ihrer Waffe zu greifen, um sich verteidigen zu können, doch die hatte sie im Handschuhfach. Sie hatte es nicht ertragen das Holster während der Fahrt zutragen. Natalya verfluchte diese Bequemlichkeit. Da waren die Schritte auch schon bei ihr.



Natalya nahm eine Abwehrhaltung ein, doch die dunkle Gestalt fasst sie einfach um die Hüfte – und stellte sie fast schon sanft zur Seite. Natalya erhaschte einen Blick auf das Gesicht und erstarrte. Während sie gegen die Autotür taumelte und in sprachlosem Schrecken die Hand vor den Mund hob, nahm der die dunkle Gestalt zärtlich Kira in die Arme. In die schien zum ersten Mal seit ihrem Zusammenbruch Leben zu kommen. Sie erstarrte zunächst, dann brachen erneut Tränen hervor. „Darrel!“, hauchte sie heiser, während Natalya ein „Blake!“ hervorstieß. Ihr Blick wanderte zwischen der hellen und zerbrechlich wirkenden Kira und dem dunklen Blake hin und her. Auf einmal ergab alles einen Sinn.
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Fr Feb 05, 2016 10:41 am

Zurück im Leben

Die vergangenen Tage glichen einem Märchen: Prinzessin erfährt das Prinz tot ist, fällt in einen Zauberschlaf, helfende Figuren machen sich auf die Reise um sie wieder zum Prinzen zu bringen, der gar nicht tot ist, sondern sich versteckt, Prinz küsst Prinzessin: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Okay, meine Verfassung war nicht wirklich ein Zauberschlaf. Ein Mediziner oder Psychologe hätte sicher eine Erklärung. Tatsächlich kann ich mich an kaum etwas nach Bobbys und Natalyas Besuch erinnern. Ab und zu huschen Fetzen von Erinnerungen durch meine Gedanken etwa wie wir aus einem Auto steigen, Natalya mir Essen anreicht. Erinnerungsschnipsel, kaum mehr als verwackelte Schnappschüsse. Genau genommen bin ich auch keine Prinzessin und Darrel kein Prinz. Oh, und geküsst hat er mich auch nicht, nur in den Arm genommen. Vielleicht hinkt der Märchenvergleich doch etwas.



Nachdenklich neigte ich den Kopf und sah in Darrels Augen. Wir lagen Arm in Arm auf einer Decke in einem der leeren Räume des Hauses. Er setzte es zur Zeit in Stand – über Küche und Bad war er noch nicht hinausgekommen. Nachdem Darrel mich ins Haus getragen hatte, eine sprachlose und geschockt wirkende Natalya im Schlepptau, war mein Blick auf seinen Schlafsack gefallen und ich hatte hervorgebracht: „Ich dachte du hast von den Dingern genug!“/ Das löste seine und meine Anspannung. Wir brachen in haltloses Gekicher aus. Es war albern, für Bobby und Natalya vollkommen unverständlich, aber es tat uns gut. Ich sah in ein Gesicht, dass nicht Darrels Gesicht war, sondern Blakes, doch als wir zusammen lachten, erschien es mir als würde sich das alte Gesicht darüber legen.
Dieses Gesicht musterte ich nun erneut. Darrel erwiderte meinen Blick. Ich musste für ihn genauso fremd aussehen. Als ich dieses Gesicht das erste Mal gesehen hatte, war ich wie eine Fellrakete darauf zugeschossen und hatte es zerkratzt. Später hatte mich eine ältere Version dieses Gesichts hasserfüllt angesehen, in eine Box gesteckt und erschossen. Ich hatte es gewusst, als ich vor drei Jahren in meinem jetzigen Leben erwacht war. Diese Gesicht jetzt so nah vor meinem zu sehen, war trotzdem komisch. Es war jünger als beim ersten Mal und statt Zornesfalten und einem gehässigen Blitzen in den Augen, sah ich kleine Lachfältchen um die Augen. Aus seinen Augen sprach nichts als Liebe. Vielleicht noch ein bisschen sprachloses Staunen. Ich schauderte.



„Ist dir kalt?“, fragte Darrel. Fürsorglich griff er nach der Decke und zog sie halb über mich.
„Nee.“ Ich hielt seine Hand fest und spielte mit seinen Fingern. „Es ist komisch dich so zu sehen.“
Darrel nickte. Er rieb sich mit der freien Hand über den Kiefer. Diese vertraute Geste wirkte wie ein Beruhigungsmittel auf mich. „Ich weiß Kätzchen.“ Er stützte den Kopf auf. „Es muss für dich schwerer sein, weil ich...“
„Pscht.“ Ich legte ihm den Finger auf die Lippen. „Das ist mindestens zweihundert Jahre her. Ich bin nicht nachtragend.“
Er lachte leise. „Das habe ich anderes in Erinnerung.“ Er zog an meinem Finger. „Allerdings muss ich dir zustimmen: Es ist komisch. Du siehst Annabeth ähnlich.“
„Oh.“ Ich schaute ihn scheel an. „Eigentlich sieht sie mir ähnlich. Würde mir ähnlich sehen. Aber sie wird nicht geboren werden, weil ich hier bin und nicht mit … ähm mit einem gewissen Sim ein Kind bekommen werden, dass Annabeths Mutter sein wird, mit der du ein Kind bekommen wirst, das ich bin.“
Wir starrten uns an, dann kicherte ich. Darrels Mundwinkel zuckten. Wir verschränkten unsere Hände ineinander.
„Vielleicht sollten wir diesen Teil unserer Vergangenheit besser ruhen lassen.“, schlug Darrel vor.
„Ja.“, stimmte ich zu. Ich vertiefte mich in die Betrachtung seines Gesichts. Erst als er mir Tränen aus dem Gesicht strich, bemerkte ich, dass ich wieder zu weinen begonnen hatte. Darrel zog mich fest an sich. Er lebte...ein Teil von mir befürchtete jedoch, dass es mein verletztes Herz war, dass meinem Hirn einen Streich spielte...

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Währenddessen...
Bobby rutschte auf der Decke hin und her. Er starrte auf Natalyas Rücken und wartete darauf, dass sie endlich etwas sagte. Seit Blake – nein, Darrel korrgierte Bobby sich in Gedanken – an ihr vorbei gestürmt war und Kira ins Haus gebracht hatte, hatte sie kaum ein Wort gesagt. Als Bla- Darrel sich kurz von Kira hatte losreißen können, hatte er Natalya und Bobby richtig begrüßt und sich bedankt, dass sie das Mädchen zu ihm gebracht hatten. Woher die beiden sich kannten, was sie miteinander zu tun hatten...Da war Bobby noch immer nicht klüger. Er wusste nur, dass Bl- Darrel ihn gebeten hatte nach einer jungen Frau in Verbindung mit schwarzen Katzen Ausschau zu halten. Dass war bevor er und Darrel den Plan für Darrels Untertauchen ausgeheckt hatten.



Schließlich warf Natalya einen Blick über ihre Schulter. „Ich verstehe dich und Blake.“ Sie seufzte. „Oder Darrel.“ Dann blickte sie wieder ins Kaminfeuer. „Das heißt aber nicht, dass ich es euch so einfach verzeihe.“
Bobby wollte etwas sagen, doch sie hob die Hand um ihn zu unterbrechen. „Ich habe um Blake getrauert. Er war mein Partner, mein Freund, und starb als wir gerade dieses ganze Chaos hinter uns gebracht hatten.“ Sie sah noch einmal kurz zu Bobby. „Wir haben gemeinsam getrauert, Bobby! Und du hast die ganze Zeit gewusst, dass er nicht tot ist.“
Natalya klang nicht zornig oder traurig. Bobby meinte nur Resignation und Verletzung heraus hören zu können. Schuldbewusst senkte er den Blick. Er war dagegen gewesen, Natalya nichts zu sagen. Blake hatte seine Bedenken verstanden und ihm vermittelt, dass es auch ihm schwerfiel. Aber er hatte darauf bestanden, dass es ein Geheimnis zwischen ihnen bleiben sollte. Je weniger Sims davon wussten, desto besser. Bobby war damit einverstanden gewesen, da er begriffen hatte. Er stand zu seiner Entscheidung selbst wenn es seiner Beziehung zu Natalya schadete. Er erinnerte sich sich an das Geräusch, dass er bei Kiras Zusammenbruch gemeint hatte zu hören. Es war das Brechen ihres Herzens gewesen, davon war Bobby überzeugt. Sei Herz war nicht gebrochen, aber es schmerzte. Wegen Natalya. Bobby schüttelte traurig den Kopf. Vermutlich war es ohnehin vermessen zu hoffen, Natalya könnte auch nur ein klitzekleines bisschen mehr als Freundschaft für ihm empfinden. Und nun hatte sein Versprechen einem gemeinsamen Freund gegenüber diese Freundschaft gefährdet.



Bobby stand auf und schlich zu Haustür. „Es tut mir leid Natalya.“
„Wo willst du denn um die Uhrzeit hin?“, fragte sie vollkommen perplex. Sie verließ ihre hockende Position am Kamin und sah ihn fragend an.
„Ich schlaf' im Auto.“
Natalya verdrehte die Augen. Obwohl sie die Antwort kannte, fragte sie: „Warum?“
Dass veranlasste Bobby in seinem Griff nach der Haustür innezuhalten. Nun war es an ihm fragend zu gucken. „Äh...du willst sicher nicht mit mir schlafen, weil ich dich belogen habe. Ich wollte dir Raum geben und...lachst du?“
Tatsächlich kicherte Natalya leise vor sich hin. Bobby war seine Formulierung bestimmt nicht aufgefallen. Er war müde und traurig. Er stand wie ein geprügelte Hundewelpe, die Hand nach der Türklinke gereckt, vor ihr. Sie widerstand der Versuchung zu ihm zu gehen und durch die Haare zu wuscheln – eine Versuchung, derer sie sich schon geraumer Zeit widersetzte. Stattdessen unterdrückte sie ihr Kichern und lächelte leicht. „Bobby, ich bin verletzt deswegen, ja. Aber ich verstehe dich und Blake. Nein, Darrel. Ich brauche ein bisschen Zeit um das alles zu verarbeiten, verstehst du?“
Er nickte gehorsam. Seine Formulierung war ihm wohl wirklich nicht aufgefallen. 'Eigentlich schade', dachte Natalya und erschrak ein wenig über ihre eigenen Gedanken. Schnell fuhr sie deswegen fort: „Du schläfst selbstverständlich hier im Haus am Feuer. Mit mir.“ Diesen Nachsatz fügte sie spontan hinzu und beobachtete Bobbys Gesicht ganz genau dabei. Doch statt eines Errötens oder einer anderen Regung, die vermuten ließ, dass er zwischen den Zeilen gehört hatte, sah er sie nur erleichtert an. Natalya verkniff sich ein Grinsen und beugte sich zu den Schlafsäcken, die ihnen auf der Reise schon gute Dienste geleistet hatten. Sie nahm Bobbys hoch und warf ihm zu dem Rotschopf, der immer noch unentschlossen vor der Tür stand.  
„Willst du im Stehen schlafen?“ Sie rollte ihren Schlafsack aus. Kurz überlegte sie, sich vor Bobby auszuziehen, aber das war wohl doch zu viel des Guten. Außerdem gäbe es sicher eine peinliche Situation sollte Kira oder Darrel aus dem anderen Zimmer kommen. Natalya schnappte sich ihren Kulturbeutel und verschwand im Bad. Als sie wiederkam hatte Bobby seinen Schlafsack am entgegengesetzten Ende des Raumes ausgerollt. Sie verdrehte die Augen und trug seinen Schlafsack näher an ihren, der auf Decken vor dem Kamin lag, während Bobby ins Bad ging. Dann schlüpfte sie in ihren Schlafsack und schloss die Augen. Der Tag war lang gewesen und steckte ihr in den Knochen. Ein Bett wäre ihr lieber, aber das Haus hatte gerade einmal eine funktionierende Küche und ein Bad. Darrel schlief selbst noch in einem Schlafsack, eine Tatsache, die bei Kira aus irgendeinem Grund haltloses Gelächter hervorgerufen hatte.
Natalya dachte gerade über dieses Knistern und fast schon betäubende Gefühl von Nähe und Liebe zwischen Kira und Darrel nach, als Bobby aus dem Bad kam. Auf nackten Füßen schlich er durch den Raum. Er verharrte kurz und wollte seinen Schlafsack dann leise von Natalya fortziehen.
Sie öffnete ein Auge und sah ihn im Halbdunklen tadelnd an. Er hielt inne, Natalya lächelte ihn an und schließlich lächelte Bobby zurück.
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am So Feb 07, 2016 8:06 pm

Ein bisschen geflunkert...

Darrel hatte sich auf die Seite gerollt, den Kopf aufgestützt und beobachtete mich, als ich am nächsten Morgen erwachte.
„Morgen.“, murmelte ich. Hoffentlich hatte ich nicht gesabbert...
„Hey.“ Er grinste. „Ich hab' dich schon schlafen gesehen Kätzchen, du musst dir also keine Sorgen machen.“
„Hab' ich das etwa laut gesagt?“ Ich fummelte an dem Reißverschluss meines Schlafsackes herum.
Darrel lachte leise. Es klang so anders als sein Sanctuary-Lachen, aber trotzdem ließ es mein Herz vor Freude tanzen. Er schlüpfte mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung aus seinem Schlafsack und half mir. Manche Dinge ändern sich nie...
„Nein. Du hast nichts gesagt außer „Guten Morgen“ - auch wenn es eher ein genuscheltes 'Moagn' war. Aber ich kann mir denken, was du gesagt hättest.“
„Pfff.“ Ich schlug meinen Schlafsack auf und setzt mich auf. Darrel grinste mich an, während ich versuchte nicht einen nackten Oberkörper anzuglotzen – bis mir einfiel, dass ich das durfte. Er war ja nicht mehr mein Bruder... Darrel bemerkte meinen Blick und bekam tatsächlich einen verlegenen Ausdruck. Ich war sprachlos. Darrel verlegen? Dann erwiderte er meinen Blick...und mir wurde schlagartig etwas bewusst.



„Oma!“ Ich sprang erschrocken auf und Darrel entging nur dank seiner schnellen Reflexe einem unbeabsichtigtem Kinnhaken. „Wo ist mein Handy?“ Sein verständnisloser Blick verriet mir, dass ich ins seutsche gewechselt hatte. Ich wiederholte meine Frage auf simlish, während ich zur Tür lief und beinahe Bobby über den Haufen rannte, der gerade in Bad wollte.
„Es ist hier.“, rief Natalya aus dem Wohnzimmer nachdem ich meine Frage erneut gestellt hatte. Sie deutete auf meine Handtasche, von der ich gar nicht gewusst hatte, dass ich sie mitgenommen hatte. Ich ließ mich so hart auf die Knie fallen um in der Handtasche zu kramen, dass ich einen Schmerzensschrei unterdrücken musste. Ich fand ein Smartphone in der Tasche, aber es war nicht meins.
„Das ist nicht meins!“ Ich sah verständnislos auf meine Tasche, das Gerät und schließlich zu Natalya.
„Ich musste dein altes loswerden.“, gestand Bobby hinter mir. Er rückte verlegen seine Brille zurecht. „Es sollte uns keiner verfolgen können.“
Das hatte ich ganz vergessen. Darrel hatte mir in der Nacht einiges berichten können. Er war untergetaucht, nachdem er die korrupten Strukturen und die kriminelle Organisation hatte hochgehen lassen. Früher – also in seinem ersten Leben – hatte er sich der Organisation angeschlossen. Bobby und Natalya wollten sich ebenfalls bedeckt halten und hatten mich deswegen aus Bridgeport geschmuggelt. Fast wie in einem Agentenroman. Ich musste schmunzeln.
„Keine Sorge, ich hab' deine Kontaktdaten und Medien gesichert und übertragen.“, fuhr Bobby fort.



Erleichtert suchte ich Omas Nummer und rief sie an. Es dauerte genau zwei Sekunden, dann nahm sie ab. Und schrie mich so laut an, dass ich das Smartphone etwas von meinem Ohr wegdrehen musste.
„Wo bist du gewesen? Kannst du nicht vorstellen, dass ich mir Sorgen gemacht habe?“ Es war das erste Mal, dass ich Oma derartig wütend erlebte. Ich wollte mich entschuldigen, doch sie war noch nicht fertig: „Erst diese komische Nachricht, dass dein Handy gestohlen wurde und dann erzählt mir dein Vermieter auch noch, dass du in einer Nacht- und Nebelaktion ausgezogen bist! Kira, ist alles in Ordnung?“ Sie schien ihr Pulver verschossen zu haben und klang wieder ganz wie Oma.
„Es tut mir leid, Oma.“ Ich zeigte den anderen den erhobenen Daumen. Darrel und Bobby wechselten verständnislose Blicke, während Natalya leise lachte. Sie verstand seutsch offenbar. „Es ist eine echt lange Geschichte, Oma.“
„Hauptsache es geht dir gut!“ Sie klang fast ein bisschen schuldbewusst.
„Mir ging es nie besser, Oma! Alles ist gut geworden, wie du gesagt hast.“ Ich wusste nicht wie viel ich ihr am Telefon offenbaren konnte. „Nachdem ich ein neues Handy hatte, haben Freunde und ich spontan einen Roadtrip unternommen. Die Verbindung war teilweise echt schlecht! Ich hab versucht dich anzurufen, aber es ging einfach nicht! Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Sorry!“
Sie seufzte. „So lange du in Ordnung bist. Nur warn' mich das nächste Mal bitte vor.“
„Versprochen!“ Ich biss auf meine Unterlippe. Hoffentlich musste ich sie nie wieder anlügen. Wobei der Roadtrip-Lüge ein Körnchen Wahrheit anhaftete. „Wie geht es dir? Außer dem Schock.“
Oma lachte. „Ich habe deinen Vater gestern in den Wahnsinn getrieben, also geht es mir hervorragend.“ Sie lachte. „Aber das erzähle ich dir später. Es ist mitten in der Nacht und ich kann jetzt endlich beruhigt schlafen. Seit Tagen.“
„Sorry.“, wiederholte ich. „Schlaf gut. Meld' dich einfach wenn du ausgeschlafen hast.“
„Wenn Fräulein dann so gnädig wäre, auch ans Telefon zu gehen?!“, zog sie mich auf. „Bis später.“
Grinsend beendete ich den Anruf und drehte mich zu den anderen um. Darrel lehnte leicht lächelnd an der Wand, Natalya rollte ihren Schlafsack auf und Bobby gerade aus dem Bad.
„Sorry! Ich musste Oma anrufen. Sie hat sich Sorgen gemacht.“, erklärte ich.
„Oma?“, fragte Darrel.



„Das seutsche Wort für Grandma.“, antwortete Natalya für mich. „Roadtrip mit Freunden?“
Ich zuckte die Schultern. Mir war klar, dass ich mit Natalya und Bobby noch ein längeres Gespräche führen sollte – besonders mit Natalya. Sie musste sich um mein Wohlergehen gekümmert haben. Inklusive Körperpflege.
Ich wandte mich Darrel zu. „Wo waren wir gerade stehen geblieben?“
„Frühstück!“, erwiderte er eine Spur zu schnell und zu hektisch. Ich wurde rot und ließ ihn an mir vorbei in die Küche gehen. Ich glaubte zu hören wie Natalya ein Kichern unterdrückte, aber als ich mich zu ihr umdrehte, begann sie mit neutralem Gesichtsausdruck Bobbys Schlafsack zusammenzulegen.



Ich ließ Natalya als nächstes in Bad und sah mich nach meinen Taschen um. Neben meiner Handtasche hatten auch der Seesack und die beiden Reisetaschen ihren Weg aus meinem Apartment  hierher gefunden. Wo auch immer das war. Ich wühlte in den Taschen nach frischer Wäsche und dem Kulturbeutel. Am Abend zuvor hatte Natalya mir eine Jogginghose in die Hand gedrückt und ich hatte darin und meinem Unterhemd geschlafen.
„Vermisst du etwas?“, sprach Bobby mich vorsichtig an.
„Ich denke nicht. Keine Ahnung...Ist aber auch nicht wichtig.“ Ich lächelte ihn freundlich an. „Ihr habt an alles gedacht oder?“
Bobby räumte seinen Kulturbeutel in seinen Trolley bevor er erwiderte: „Ich hoffe es! Ich hab' in deinem Namen dein Apartment und deinen Job gekündigt. Wir hatten deiner – wie sagst du? - Oma auch eine Nachricht geschrieben. Wir wussten nicht ob wir sie anrufen sollten, nachdem was passiert ist.“ Er wand sich unbehaglich hin und her. „Wir wussten ja nicht, ob es ein dauerhafter Zustand sein würde. Oder ob du...“ Er brach ab, aber mir war klar was er meinte. Ich schauderte. Bisher hatte ich mich nie für einen Selbstmordkandidaten gehalten, aber als Natalya mir gesagt hatte, dass Darrel tot sei, schoss mir der Gedanke unmittelbar bevor ich ohnmächtig wurde durch den Kopf. Ich verdrängte die Erinnerung und zwang mich auf die Geräusche in der Küche zu hören. Darrel lebte! Er war nur ein paar Meter von mir entfernt.
„Besser war es so.“, entgegnete ich schließlich. „Sonst hätte sie sich ernsthafte Sorgen gemacht!“
„Sie klang ernsthaft genug.“
Er hatte recht, aber ich wollte nicht, dass er sich Vorwürfe machte. Ich hatte nur am Rande mitbekommen, dass nur er und Darrel den Tod Darrels fingiert und sein Untertauchen realisiert hatten. Natalya war genauso ahnungslos gewesen wie ich. Ich konnte mir vorstellen, dass sie nicht glücklich damit war. Was das wohl für das Verhältnis zwischen Natalya und Bobby bedeutete? Nach dem was ich seit dem Ende meiner Apathie mitbekommen hatte, waren die beiden in diesem Leben noch kein Paar.  Es stand in den Sternen, ob sie eines werden würden.
„Was ist mit dir und Natalya? Hast du auch Sicherheitsvorkehrungen für euch getroffen?“ Darrel stand mit einem Teller Peanut-Butter-Jelly-Sandwiches im Durchgang zur Küche. „Ich muss erst einkaufen gehen.“, erklärte er. Unter meinem hungrigen Blick stellte er den Teller auf den Küchentisch.



„Natürlich.“, entgegnete Bobby ernst. „Wie du vorgeschlagen hattest, habe ich ein paar falsche Fährten gelegt und so gut es ging unsere Spuren verwischt. Vor allem online. Natalya hat sich um den analogen Kram gekümmert.“ Er zog aus seinem Portemonnaie zwei Ausweise. „Sie weiß es zwar noch nicht, aber Natalya hat einen neuen Nachnamen. Ich auch.“ Er blickte Darrel fragend an. „Meinst du es reicht, dass ich unsere Nachnamen geändert habe?“
„Ich denke schon. Eure Rolle konnten wir zum Glück fast gänzlich geheim halten.“, antwortete Darrel. Er warf mir einen Blick zu, bevor er Bobby anlächelte. „Ich wollte meinen Namen nicht nur zum Schutz wechseln.“ Er zuckte die Schultern. „Dann wiederum wäre es komisch mit dem Namen eines Toten durch die Welt zu gehen.“
„Muss ich auch meinen Namen wechseln?“, schob ich ein. Ich sah kurz zu den Sandwiches. Umziehen und Bad könnten sicher bis nach dem Frühstück warten. Ich war am Verhungern!
„Du MUSST nicht.“, sagte Darrel nach einer kleinen Pause bedeutungsvoll. Ich riss meinen Blick von den Sandwiches los und sah ihn an. Ich öffnete meinen Mund, doch bevor ich etwas sagen konnte, kam Natalya fröhlich pfeifend aus dem Bad. Darrel und ich tauschten einen Blick. Später war genug Zeit für alles... Natalya bemerkte, dass sie etwas unterbrochen hatte und sah fragend zu Bobby. Er wurde rot und schüttelte nur leicht den Kopf.
„Lasst uns frühstücken!“, sagte ich dann. „Ich sterbe vor Hunger!“
„Na, das ist ja mal was ganz neues.“, zog Darrel mich trocken auf.
„Mich würde es nicht wundern, wenn es so wäre.“, meinte Bobby ernsthaft als wir in die Küche gingen. „Du hast in den letzten Tagen fast nichts gegessen.“
Darrel sah mich besorgt an. Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Halb so wild. Mir geht es gut!“ Nachdem wir uns gesetzt hatten, trat ich Bobby unter dem Tisch. Darrel wusste, dass ich der Überzeugung gewesen war, er sei tot, aber die Begleitumstände musste er nicht wissen. Er sollte sich keine Sorgen machen.
Bobby sah mich irritiert an. Ich unterdrückte ein Augenrollen. Natalya bekam den Austausch mit und zog die Augenbraue hoch.
„Wirklich Kira?“, hakte Darrel nach. Natürlich hatte er auch mitbekommen, dass ich Bobby Zeichen gemacht hatte.
„Wirklich.“, erwiderte ich. „Ich hatte einen klitzeklitzklitzekleinen, kurzen vorübergegangenen … äh Verlust des Appetits. Nichts weiter.“ Unter Darrels aufmerksamen Blick griff ich nach einem Sandwich, biss ab und erwiderte mit vollem Mund: „Siescht du?“
Er zuckte mit den Schultern, doch ich kannte diesen Blick: Er würde das Thema später noch einmal ansprechen. Nun, das sollte mich jetzt nicht kümmern – ich hatte Hunger und diese Platte mit Sandwiches wollte vernichtet werden!



Das Frühstück ließ Bobby und Natalya in sprachlosem Staunen zurück. Nachdem ich den letzten Tagen die Nahrung fast gänzlich verweigert hatte, hatte ich nun in kürzester Zeit mehr Sandwiches als die anderen zusammen verspeist. Um ihren ungläubigen Blicken zu entfliehen drängelte ich mich vor Darrel ins Bad. Mir war nach einem ausgiebigen Bad, aber Darrel hatte nur eine Dusche, die dazu noch etwas altersschwach wirkte. Also beließ ich es bei einem raschen Ausflug darunter und hingebungsvollem Zähneputzen. Dabei betrachtete ich mich im Spiegel. Ich hatte Augenringe und sah etwas spitz um die Nase aus. Alles in allem gefiel ich mir aber besser aus als in der Nacht zuvor (nachts hatte ich es noch auf das schlechte Licht im Bad geschoben – wohl wissend, dass ich mich damit selbst belog). Es verwunderte mich noch immer, dass ich wieder die „echte“ Kira war. Dann dachte ich an Darrel, dessen Gesicht in meinen Gedanken immer noch mehr Ähnlichkeit mit dem Sanctuary-Darrel hatte. Ob es ihm auch so ging? Ich kniff die Augen zusammen und zwang mich an den aktuellen Darrel zu denken. Es gelang mir erstaunlich gut. Zufrieden öffnete ich die Augen und spuckte den Zahnpasta-Schaum ins Waschbecken. So langsam fühlte ich mich wieder wie die Alte.



Mit der Ausrede, Tanken und Einkaufen fahren zu wollen, machten sich Bobby und Natalya etwas später aus dem Staub. Ich nahm an, sie wollten uns etwas Zeit alleine geben. Darrel war gerade im Bad zugange, deswegen murmelte ich zu mir selbst: „Hoffentlich finden sie unterwegs ihre Gefühle für einander wieder.“
Darrel kam natürlich just in diesem Moment aus dem Bad. „Was sagst du?“
„Nichts. Selbstgespräche.“ Ich drehte mich zu ihm um und lächelte. Sein schwarzes Haar war noch feucht.
„So wie du in den letzten Tagen nichts hattest?“, erkundigte er sich sachlich.
„Ach, das.“ Ich winkte ihm zu mir in die Küche zu folgen. Dort gab es wenigstens Stühle und sogar ein Sofa. Auf dieses ließ ich mich fallen. „Als Natalya mir mitteilte, dass du tot seist hatte ich einen kleinen Schwächeanfall. Die Ärzte haben mich gehen lassen. Also ist alles okay.“ Zumindest glaubte ich das. Kleiner Schwächeanfall war auch geflunkert. Natalya hatte mich wiederbeleben müssen. Vielleicht sollte ich mich mal durchchecken lassen. „Dass mir im Anschluss ein bisschen der Appetit vergangen ist, ist nachvollziehbar oder?“ Ich zog die Beine an und unterdrückte den Drang los zu heulen. Meine Gefühlswelt stand – obwohl Darrel lebte und bei mir war – immer noch Kopf. Ich atmete langsam ein und aus und warf Darrel dann ein Lächeln zu. Er kam zu mir und ließ sich langsam neben mir nieder. Sein Blick war ernst. Er nahm meine Hand. Als er meinen Puls fühlen wollte, versuchte ich ihm die Hand zu entziehen. Darrel hielt sie fest, lächelte und küsste mein Handgelenk.



„Es geht mir gut.“, beharrte ich. „Mach' dir keine Sorgen.“
„Würdest du dir nicht auch Sorgen machen, wenn ich einen Schwächeanfall hätte?“
Ich stöhnte. „Natürlich, du Depp! Aber du musstest ja auch nicht glauben, ich sei tot.“
Der Schachzug war nicht besonders nett. Darrel sah mich niedergeschlagen an. Er ließ meine Hand los und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. „Es tut mir leid, Kätzchen.“
Ich tätschelte sein Knie. „Du musstest es tun. Es ist mir alle mal lieber als die erste Variante mit allem drum und dran. Inklusive Schrotflinte.“ Ich stieß ihm meinen Ellbogen in die Seite und grinste. „Alles ist gut Darrel.“
Statt einer Antwort, zog er mich auf seinen Schoß und umarmte mich. Ich schlang meine Arme um ihm und sog seinen Geruch ein. Obwohl er einen völlig anderen Körper hatte und anders roch als in Sanctuary, war sein Geruch beruhigend.



„Hauptsache wir sind wieder zusammen.“, murmelte ich an seinem Ohr. „Oh! Da fällt mir ein: Hat Akki mit dir gesprochen?“
Ich spürte sein Nicken. „Ja. Es war ein...bemerkenswertes Telefonat.“ Obwohl ich die Augen geschlossen an seiner Schulter lehnte, sah ich sein versonnenes Lächeln förmlich vor mir. Sein Lächeln mit seinem jetzigen Gesicht. „Sie hat mir versichert, dass es dir gut ginge und du mich finden würdest.“, fuhr er fort. „Ich solle bloß warten. Und keine Dummheiten, wie sie es ausdrückte, machen. Stattdessen sollte ich brav auf dich warten. Wie eine Märchenprinzessin im Turm“
„Prinzessin.“, kicherte ich. „Ich werd' dich nur noch so nennen!“
„Das waren Akkis Worte!“, verteidigte er sich. Als ich mich vor Lachen verschluckte, klopfte er mir fürsorglich auf den Rücken. „Du kannst immer noch nicht ernst sein, was?“
„Hey, ich hab Jahrzehnte gebraucht um mein sonniges Gemüt aufzubauen!“, erwiderte ich, nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte. „Da ändert auch dieses Durcheinander nicht so schnell.“
„Eine gewissen Unverwüstlichkeit kann ich dir wirklich nicht abstreiten.“ Er strich über meine Haare und dann über meinen Rücken.
„Ah, wenn ich noch eine Katze wäre, würde ich jetzt was von sieben Leben erzählen. Aber ich fürchte, da bin ich drüber.“ Sein Streicheln jagte kleine, angenehme Schauer durch mich. Ich lehnte mich gegen ihn. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie es von jetzt an weiter gehen sollte, doch von mir aus könnten wir auch den Rest unseres Lebens hier auf dieser Couch verbringen.
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mi Feb 10, 2016 12:29 am

Riverview

Doch nichts kann ewig währen und so wurde unser Couchaufenthalt ziemlich bald von meinem Smartphone unterbrochen. Oma rief wie versprochen zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln ließ ich Darrel auf der Couch zurück und beantwortete den Anruf. Darrel lächelte zurück. Als er erkannte, dass es ein längeres Telefonat werden würde, verließ er die Küche. Wenig später hörte ich ihn irgendwo im Haus arbeiten. Oma war von Neuigkeiten, dass ich Darrel gefunden hatte, hellauf begeistert. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten in den nächsten Flieger zu steigen. Es gab noch so viel zu klären...

Nach dem Gespräch verzog ich mich mit meinem Laptop und dem Internetstick in das Zimmer, in dem Darrel und ich übernachtet hatten. Ich musste dringend meinen Aufenthaltsstatus überprüfen und verlängern lassen. Dazu brauchte ich einen Job.
Bevor ich mich an die Suche machen konnte, wollte ich jedoch Emails beantworten. Ich hatte sie schon auf meinem Smartphone gelesen und die Beantwortung verschoben. Seufzend schrieb ich meinen Eltern, meinem ehemaligen Vermieter (der sich für die sauber hinterlassene Wohnung bedankte – ein Punkt mehr den ich mit Natalya besprechen musste) und dem Barbesitzer Lee. Auf Omas Emails antwortete ich nicht – wir hatten schließlich schon alles durchgehechelt.



Ich wollte gerade mit der Suche nach einem Job beginnen (erschwert durch die Tatsache, dass ich nicht wusste wo ich war), als Darrel sich zu mir gesellte. Er hockte sich neben mich.
„Ich such' einen Job.“, erklärte ich ihm, obwohl er nicht danach gefragt hatte. „Ich hab' nur ein Arbeitsvisum und das kann nur mein Arbeitgeber verlängern. Aber dazu brauch' ich erst mal einen.“
Aus dem Augenwinkel sah, ich wie Darrel mich musterte. Ich wendete ihm mein Gesicht zu und wartete.
„Es gibt auch eine andere Möglichkeit.“, sagte er nach einem kurzen Moment.
Mir war die Möglichkeit, die er vorschlagen wollte, auch schon durch den Kopf gegangen. Er hatte es vorhin ja schon angedeutet, wenn auch in einem anderen Zusammenhang.
Wir sahen uns tief in die Augen. Ich überlegte was ich auf seine angedeutete Frage erwidern sollte.
„Ehrlich gesagt ist eine Greencard ein ziemlich unromantischer Grund zum heiraten.“



Darrel starrte mich an. Dann schlug er sich die Hand vors Gesicht. „Manchmal Kira...“
„Was? Könntest du mich erschießen? Da waren wir schon. Kann ich nicht noch mal empfehlen.“ Ich hätte mir am liebsten auf die Zunge gebissen, aber es war zu spät. Warum konnte ich mich nie zurückhalten?
Darrel nahm die Hand vom Gesicht und schüttelte fassungslos den Kopf. Ich machte einen entschuldigenden Gesichtsausdruck. „War nicht so gemeint.“
„Ich weiß.“, seufzte er. Er griff nach meiner Hand. „Trotzdem solltest du darüber nachdenken.“ Wieder sahen wir uns lange an. „Ich würde dich ja nicht nur wegen der Greencard heiraten.“
„Ich weiß.“
Sein Gesicht war ganz nah an meinem und unsere Lippen nur Zentimeter von einander entfernt.
„Wir sind wieder da!“, schallte es da aus dem Nebenraum und unterbrach so den Moment. Darrel und ich stöhnten gleichzeitig entnervt auf. Dann sahen wir uns noch einmal in die Augen und gaben uns schweigend ein Versprechen.

Natalya und Bobby waren inzwischen zur Küche vorgedrungen und damit beschäftigt Einkäufe auszupacken. Als wir zu ihnen stießen fiel mir auf, dass beide etwas gelöster und entspannter wirkten als am Morgen.
„Wo sind wir eigentlich?“, fragte ich. Ich scannte die Einkäufe auf dem Küchentisch. Damit würde ich etwas mehr als PBJs hinbekommen – auch wenn gegen PBJs nichts einzuwenden war. Oma würde sie lieben!
Natalya sah mich irritiert an. „Die Frage fällt dir aber früh ein.“
Schulterzuckend nahm ich eine Packung Eier und stellte sie in den Kühlschrank. „War mir jetzt noch nicht so wirklich wichtig.“



Bobby sah von mir zu Darrel und lächelte nachsichtig. Natalya hingegen schüttelte den Kopf. „Riverview.“, antwortete sie dann. Nun musste auch sie lächeln. „Es ist wirklich schön hier. Kleinstädtisch und provinziell, aber es gefällt uns hier.“ Sie warf Bobby einen Blick zu, den dieser jedoch nicht bemerkte, da er ihr den Rücken zugekehrt hatte. Darrel hatte den Blick ebenfalls bemerkt und zwinkerte mir unauffällig zu.
„Ich hab noch nie von Riverview gehört.“
„Wundert mich bei einer Simropäerin nicht.“, gab Bobby freundlich zu bedenken. „Aber es ist tatsächlich eine ziemliche versteckte kleine Stadt. Das war ja auch beabsichtigt.“
Darrel nickte mir grinsend zu. „Mitten im Nirgendwo und weit ab vom Schuss. Allerdings mit den Errungenschaften der modernen Welt: Fließend Wasser, Strom, Telefonnetz, einer funktionierende Infrastruktur und schnellem Internet.“ Wir lachten, während Bobby und Natalya uns irritiert ansahen. Sie tauschten einen Blick und zuckten mit den Schultern.
„Wollt ihr bleiben?“, fragte Darrel dann. Ich sperrte interessiert die Ohren auf, während ich mich Gemüse und Obst sortierte. Es erinnerte mich an meinen Garten in Sanctuary. Das Grundstück war riesig. Plante Darrel Gemüse und Obst anzubauen?
„Wir haben darüber gesprochen.“, erwiderte Natalya.



Wieder sahen Darrel und ich uns an. Den beiden musste man ja alles aus der Nase ziehen... „Und?“, hakte ich nach.
„Es hängt davon ab, ob wir Jobs und Wohnungen finden.“, erwiderte Bobby. Er betrachtete sehr angestrengt ein Marmeladenglas.
Wohnungen. Plural. Ich unterdrückte das Bedürfnis mir die Hand vor die Stirn zu schlagen.
„Ihr könnt erst mal hier bleiben.“, bot Darrel an. „Wenn es euch nichts ausmacht zusammen im Wohnzimmer zu schlafen.“
„Wir wollen euch nicht stören!“, wendete Bobby ein, doch Natalya sagte gleichzeitig: „Das macht mir gar nichts!“ Die beiden sahen sich überrascht an, während ich mich beeilte den Kopf in den Kühlschrank zu stecken und so zu tun, als würde ich Gemüse einräumen.



„Das macht wirklich nichts, Bobby.“ Auch wenn seine Stimme eine andere war, hörte ich in Darrels Ton Belustigung. „Fühlt euch wie zuhause. Soweit das in Schlafsäcken geht.“
Ich schnaubte und schloss die Kühlschranktür. „Wie du weißt kann das ganz ausgezeichnet funktionieren.“ Wir tauschten grinsend einen Blick.
„Woher kennt ihr euch eigentlich?“, fragte Natalya. Sie versuchte beiläufig zu klingen, doch man sah ihr an, dass sie sich diese Frage schon länger gestellt hatte. Auch Bobby stellte die Marmelade zur Seite, rückte seine Brille zurecht und musterte Darrel. Dessen Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, bevor er mich ansah. Ich zuckte mit den Schultern.
Darrel öffnete ein paar mal den Mund und setzte an, doch er schien von der gleichen Sperre wie ich befallen zu sein. Auf seinen bittenden Blick hin, probierte ich es ebenfalls. Nach wenigen Versuchen brach ich frustriert ab. „Es geht einfach nicht.“ Ich zog einen der Stühle zu mir und setzte mich. „Ich hab schon versucht Oma davon zu erzählen: Es klappt nicht. Ich kann die Worte denken, aber ich kann es nicht sagen.“
„Mir geht es genauso.“
Bobby machte einen verwirrten Gesichtsausdruck, während Natalya die Stirn kraus zog.



Ich versuchte zu erklären, dass wir es einfach aussprechen KONNTEN. Doch selbst das gelang mir nicht so sicher.
„Es ist wie in einem Märchen.“, sagte ich schließlich. „Wir sind verzaubert und können es nicht sagen.“ Meine Mundwinkel zuckten, ich musste an den Märchenprinzessin-Vergleich denken. Darrel sah mich säuerlich von der Seite an. Er hatte meinen Gedankengang erraten. Ich lächelte entschuldigend. „Wir kennen uns … lange.“ Ich war ein bisschen überrascht, dass ich das über die Lippen brachte. „Sehr lange.“
Darrel nickte. „Ich würde es euch gerne sagen können. Wenn überhaupt irgendjemandem, dann euch beiden.“ Er griff nach meiner Hand. „Ohne euch hätte ich nicht verschwinden können. Und ihr habt Kira wieder zu mir gebracht.“ Wir sahen einander an.
Irgendwann räusperte sich Natalya leise. Wir mussten uns lange angesehen haben. Ich errötete etwas und sprang auf um etwas zum Mittagessen zuzubereiten.
„Irgendwelche Lebensmittelallergien oder Abneigungen?“, fragte ich betont beiläufig. Ich warf einen Blick über die Schulter und sah Kopfschütteln.
„Habt ihr versucht es aufzuschreiben?“ Bobby rückte die Brille zurecht. Natalyas Gesicht war nichtssagend, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie uns nicht glaubte.
„Nee.“, antwortete ich. Nach kurzem Überlegen entschied ich mich für Omelett. Darrel erhob sich ebenfalls, warf einen Blick auf die Zutaten, die ich zusammen suchte und begann mir zuzuarbeiten. Lächelnd wechselten wir einen Blick. Wie oft hatten wir so zusammen in Sanctuary in der Küche gestanden?
„Ich hab's auch noch nicht versucht. Ich befürchte, es wird nichts bringen.“
„Vielleicht sollten wir es trotzdem versuchen.“
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mi Feb 10, 2016 10:45 pm

Ein neuer Job?

„So kannst du das nicht schreiben.“ Ich beugte mich über Darrels Rücken, entwendete seiner Hand die Maus und löschte ein paar Zeilen. „Du musst ihnen ja nicht unter die Nase reiben, was im ersten Leben alles falsch gelaufen ist.“
Darrel schon meine Hand sanft zur Seite, nahm die Maus und klickte auf „rückgängig machen“. Ich lehnte mich gegen seinen Rücken und machte ein ungehaltenes Geräusch.
„Es gehört nun mal zu mir.“ Darrel legte die Finger auf die Tastatur, schrieb jedoch nicht weiter. „Um zu erklären... um uns zu erklären, muss ich auch diese Dinge schreiben. Falls es überhaupt jemand außer uns lesen kann.“



Bobby hatte einen seiner Laptops in der Küche aufgebaut. Er besaß keinen Internetzugang und war mit so viel Sicherheitssoftware gesichert, dass Fort Knox dagegen ein Witz war. Nachdem wir gegessen hatten, hatte Darrel begonnen seinen Teil der Geschichte aufzuschreiben. Bobby hatte abgewaschen und war dann mit Natalya ins Wohnzimmer gegangen um den Wohnungsmarkt zu prüfen. Ich schlich hinter Darrel auf und ab. Als er gesagt hatte, dass Bobby und Natalya ein Recht darauf hatten zu erfahren, was in meiner und Darrel Vergangenheit gelegen hatte, war ich davon ausgegangen, dass er eine bereinigte Version aufschreiben wollte. Oder es zumindest kürzen wollte. Doch Darrel schien alles haarklein aufzeichnen zu wollen.
„Ich bezweifle ohnehin, dass die beiden es lesen können.“ Er deutete mit dem Kopf Richtung Wohnzimmer. „Warum sollten sich die Beobachter sich solche Mühe geben und erreichen, dass wir nichts aussprechen können und dann vergessen, dass wir es aufschreiben könnten.“
„Oder aufmalen. Zeichensprache.“, überlegte ich laut. „Sie könnten auch versuchen uns abzuhören. Damit müssten Natalya und du euch ja auskennen.“
Darrel brummte zustimmend, doch es klang wenig begeistert.. Er speicherte das Dokument ab, erhob sich und küsste sanft meinen Scheitel. „Ich möchte bestimmt nicht abgehört werden, wenn ich mit dir alleine bin.“, erklärte er heiser.



Ich spürte wie mir das Blut in die Wangen schien. Darrel bemerkte es und lächelte vielsagend. Verlegen kicherte ich und legte meinen Kopf gegen seine Brust. Es erstaunte mich sein Herz so schnell schlagen zu hören. Dann hörte ich Schritte.
„Wir habe-...oh entschuldigung.“ Bobby lief rot an und sah verlegen zur Seite, während Darrel und ich einen Schritt auseinander machten. Wir tauschten einen kläglichen Blick.
„Kein Problem.“, sprach ich dann Bobby an. „Was gibt`s?
„Äh....“ Bobby musterte seine Fußspitzen. Dann straffte er die Schultern. „Kennst du die Stadt schon etwas Darrel? Wir haben ein paar Wohnungen rausgesucht, aber wissen nicht, ob die Lage und die Preise in Ordnung sind.“
In diesem Moment hätte ich ihn erwürgen können. Wegen so etwas profanem... Doch ich behielt meine Gesichtsmuskulatur einigermaßen unter Kontrolle. Darrel hatte sein Pokerface aufgesetzt. Inzwischen war Natalya an Bobby herangetreten. Sie erfasste die Situation mit einem Blick und seufzte. „Wir wollten euch nicht stören. Bobby und ich können alleine fahren.“
„Nein, nein. Das ist kein Problem.“, erwiderte Darrel. Er fuhr den Laptop runter. „Ich habe eh noch was in der Stadt zu erledigen.“ Er warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Ich lächelte, trat an ihn heran und flüsterte: „Und schließlich haben wir ein ganzes Leben Zeit.“ Darrel drückte mir einen weiteren Kuss auf den Scheitel. Ich erinnerte mich allerdings auch daran, dass wir diese Mal nur ein Leben hatten.

Etwas später saßen wir zusammen in Darrels Pickup. Bobby und Natalya hatten die Adressen einiger in Frage kommender Wohnungen aufgeschrieben. Darrel fuhr sie ab, aber er hatte in jeder Nachbarschaft etwas auszusetzen. Ich war froh, dass ich auf dem Beifahrersitz saß und so mein breites Grinsen vor Bobby und Natalya verstecken konnte. Sie ahnten es noch nicht, doch Darrel hatte sich offenbar fest vorgenommen, den beiden etwas auf die Sprünge zu helfen.
Darrel setzte uns schließlich im Stadtzentrum ab. Er hatte bereits angekündigt, dass er noch etwas zu erledigen hatte. Ganz kurz überkam mich Misstrauen. Er würde doch nicht in etwas illegales verstrickt sein? Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen als wir uns verabschiedeten, doch der kleine Zweifel nistete sich ein. Gemeinsam mit Natalya und Bobby erkundete ich trotzdem das Stadtzentrum. Sie machten keinerlei Anstalten mich auszufragen, sondern schienen ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Wir waren alles andere als eine fröhliche Ausflugsgruppe.

Die Front eines Ladens machte mich ausfmerksam: Offenbar eröffnete ein neuer Bioladen, der noch dringend Angestellte suchte, die sich mit Lebensmittelns auskannten. Noch hatte der Laden nicht geöffnet, doch im inneren sah ich zwei Sims. Bobby war gerade in die Bibliothek gegangen, während Natalya im Drogeriemarkt nebenan ein paar persönliche Dinge kaufen wollte. Kurz entschlossen klopfte ich an die Fensterscheibe und machte mit meinem strahlendsten Lächeln auf mich aufmerksam.



„Ja? Wir öffnen erst in einer Woche.“ Der Mann, der mir öffnete, musste in meinem Alter sein. Er klang ziemlich k.o.
„Ja, das hab ich gesehen. Aber ich hab auch euren Aushang gesehen.“, flötete ich freundlich. Es war zwar kein Restaurant, aber gerade war mir jeder (naja, fast jeder) Job recht.
Der zweite Sim kam zu uns. Er war etwas älter und wirkte im Gegensatz zu seinem Gefährten ziemlich entspannt.
„Willst du dich bewerben?“ Es klang freundlich, doch er musterte mich argwöhnisch. Ein Baseballshirt, Jeans und Boots waren vielleicht nicht das optimale Outfit für ein Bewerbungsgespräch. „Du kommst nicht von hier.“, fuhr der Ältere fort. „Dein Akzent sagt mir nichts.“



„Ich bin aus Seutschland.“, erwiderte ich und versuchte nicht gekränkt zu sein. Bisher war ich immer der Meinung, dass man es meinem Simlisch nicht anhörte.
„Wirklich? Ich hätte eher Süden getippt. Sunset Valley oder so.“ Er wirkte nachdenklich. „Wo du schon mal hier bist. Warum willst du hier arbeiten?“
„Warum wollen die meisten Sims wohl arbeiten?“, fragte ich augenrollend. „Ich brauche einen Job.“ Ich sah keinen Sinn darin den beiden Honig ums Maul zu schmieren. Sie wirkten trotz ihres Misstrauens eher bodenständig und ehrlich. Warum sollte ich es nicht auch sein. „Ich bin ausgebildete Köchin, scheine in Simerika aber kein Glück bei der Arbeitssuche zu haben. Ich bin erst seit gestern in Riverview, aber euer Aushang ist mir direkt ins Auge gesprungen.“ War es wirklich erst gestern gewesen?!
„Gelernt in Seutschland?“, hakte der Ältere nach. Der jüngere Sim sah zwischen uns beiden hin und her und schien sich voll und ganz auf dessen Urteil zu verlassen.


Horace

„Ja. Ich hab meine Zeugnisse und Unterlagen zu Hause. Ich kann sie euch mailen.“ Es war komisch, Darrels Haus als Zuhause zu bezeichnen. Ich hatte ja erst eine Nacht darin geschlafen. Aber es war dort wo Darrel war. Von mir aus hätte es auch eine Müllhalde sein können. Zuhause war wo Darrel war.
Ich musste einen dämlichen Blick aufgesetzt haben. Die beiden Männer stießen sich gegenseitig nachsichtig lächelnd an. „Bist du wegen der Liebe hergekommen?“, fragte der jüngere interessiert.
Ich wurde rot. „Oh, so offensichtlich?“
Beide kicherten und nickten.
„Tja, ähm.“, stotterte ich. „Ich bin Kira.“ Ich hielt den beiden nacheinander die Hand hin, die sie artig schüttelten. „Ich bin Horace, das ist Lucas.“, stellte der Ältere beide vor. „Uns gehört der Laden. Wir hoffen er kommt gut an.“
„Warum denn nicht? Bio ist doch voll im Trend.“
„Ja, aber hier auf dem Land...“ Lucas schüttelte den Kopf. „Wir werden sehen.“


Lucas

Horace legte ihm die Hand tröstend auf die Schultern. Etwas an seiner Geste sagte mir, dass sie mehr als nur Geschäftspartner waren. „Lucas ist hier geboren worden und wollte so gerne wieder wohnen. Auch um sich um seine Eltern zu kümmern. In Hidden Springs hatten wir auch einen Bio-Laden. Der lief prima.“
Ich lächelte beiden aufmunternd zu. „Dann habt ihr also Erfahrung! Das klappt bestimmt. Besonders wenn ihr mich und mein umfassendes Wissen über Nahrungsmittel einstellt. Ich kann auch Rezepte aufschreiben, die könnte man den Einkäufen beilegen. Oh, und wenn ihr wollt verkaufen wir Biobackwaren.“ Ich deutete auf eine der Theken.

„Ähm.“, machte Lukas überfordert. In diesem Moment öffnete sich die Tür und Darrel trat ein. Lukas hatte sie wohl nicht verschlossen.
„Ich hoffe du benimmst dich nicht daneben?“, fragte er lächelnd.
„Darrel!“, riefen die Männer und ich gemeinsam aus. Ich sah die beiden überrascht an. „Ihr kennt euch?“



Darrel kam zu mir, drückte kurz meine Hand. „Lukas' Vater gehört die Autowerkstatt hier. Er hat mir den Pickup verkauft.“
Lukas verdrehte die Augen. „Er vergisst zu erwähnen, dass der Umbau des Ladens ohne ihn nicht möglich gewesen wäre!“ Er warf dramatisch die Hände in die Luft.
Horace ließ der derweil seinen Blick zwischen Darrel und mir schweifen. Er lachte leise. „Ah, Darrel dir ist klar, dass du die Herzen aller Singles in Riverview brichst?“
„Ist das so?“, fragte ich betont gelassen und funkelte Darrel an. Er hob abwehrend die Hände.
„Keine Sorge.“, beruhigte mich Horace sogleich. „Er hat eine blütenweiße Weste.“ Dann wechselten Lucas und er einen langen Blick. „Komm morgen nochmal vorbei, dann können wir uns über die Arbeitszeiten und dein Gehalt unterhalten.“
Ich strahlte die beiden an. Darrel sah nicht besonders glücklich aus, doch er machte gute Miene. Wir verabschiedeten uns und gingen zum Wagen, an dem Bobby und Natalya schon warteten.

Darrel hielt mich kurz zurück. „Kira, du musst das nicht tun.“
Ich wusste er meinte einen Job. Ich zog die Schultern hoch und machte ein unbestimmtes Geräusch.  Natürlich wäre es mir lieber zuhause zu bleiben und den ganzen Tag mit Darrel zusammen zu sein, aber so lange ich keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung hatte, würde das nicht gehen. Ich erklärte es Darrel.
„Du könntest mich heiraten.“, versuchte er es noch einmal.
Seufzend nickte ich. „Ja. Aber dann haben wir die Einwanderungsbehörde am Hals, die prüft ob es eine Scheinehe ist. Ich habe Bobby gefragt wie wasserdicht deine neue Identität ist. Er meint sie sei bombensicher, aber ich will nichts riskieren.“Ich sah ihn an und zwang mich zu einem Lächeln.
„Alles beim alten nicht? Du würdest alles tun um mich zu schützen?“, fragte er so leise, dass ich Mühe hatte ihn zu verstehen.
Ich lachte und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Wie schön das meine Mühen nach so langer Zeit endlich bemerkt werden.“
Darrel ergriff meine Hand und sah mich intensiv an. Ich drückte seine Finger. „Du weißt, dass ich alles tun würde.“



„Werd nicht so?“, zitierte er mich. „Darüber bin ich hinweg. Dank einer unglaublich nervigen kleinen Schwester...“
„Oh, erinnere mich bitte nicht daran. Ich kämpfe immer noch damit, dass wir es nicht mehr sind!“ Ich rollte mit den Augen. „Auch wenn unsere beiden Mitbewohner wirklich das beste Timing haben.“ Ich verschwieg, dass ich den Unterbrechungen bisher nicht gänzlich undankbar gegenüberstand. Obwohl ich tief in meinem Inneren wusste, dass ich Darrel liebte und unendlich glücklich und dankbar war, dass wir diese Chance bekommen hatten, war ich unsicher. Wieviel unsere Zuneigung zueinander hing von unserer Geschichte als Poppy und Basil ab? Was wenn er mich nicht attraktiv fand? Oder es einfach nicht klappte, weil was bisher nur ein Traum war, jetzt wahr werden konnte. Mit anderen Worten: Ich hatte Angst vor der Verwirklichung meiner Wünsche.
Meine Sorgen mussten sich auf meinem Gesicht abgezeichnet haben. Darrel zog mich in eine Umarmung. „Alles wird gut, Kätzchen.“
„Das sagt Oma auch immer!“, murmelte ich in seine Weste. „Und hey, ich dachte ich bin die positiv Denkende von uns beiden?!“
Darrel küsste mein Haar. Er lachte leise. „Dieses Mal tragen wir die Last gemeinsam.“
„Was? Positiv zu denken?“ Ich boxte in seine Seite – sanft wie ich meinte, doch Darrel stöhnte auf.
„Wenigstens hast du deine fiese Rechte nicht verloren. Ein Grund weniger um den ich mir Sorgen machen muss.“ Er sah mich liebevoll an.
„Pfff, wenn sich hier einer Sorgen machen muss, dann bin das ja wohl ich! „Blütenreine Weste“ - ich hoffe nur, da hatte Horace auch recht mit.“
Darrel sah mich erschüttert an. „Glaubst du ernsthaft ich hätte dich betrogen?“
„Natürlich nicht! Ich mach' nur Spaß.“ Ich boxte ihn ein weiteres Mal, dieses Mal vorsichtiger und zog ihn zum Auto. Ich hoffte mein schlechtes Gewissen wegen Konrad zeichnete sich nicht auf meinem Gesicht ab.
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Sa Feb 13, 2016 10:18 pm

Endlich

Horace und Lucas stellten mich auf einer Halbtags-Basis ein. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe nach einem Job als Köchin zu gucken, da beide sich auch bereit erklärten der Einwanderungsbehörde die nötigen Unterschriften zu leisten, die meinen Aufenthaltsgenehmigung zumindestens erst mal verlängern würden. Bis zur Eröffnung schob ich einige unbezahlte Überstunden, so dass wir den Laden rechtzeitig fertigstellen konnten. Darrel begleitete mich, denn in handwerklichen Dingen waren Horace und Lucas einfach hoffnungslose Fälle. Zwar hatte ich mir in der Zeit in Sanctuary die ein oder andere Fähigkeiten angeeignet, aber Darrel war einfach ein Naturtalent.



Bobby und Natalya suchten immer noch Wohnungen, aber Darrel vereitelte jeden Versuch der beiden getrennte Apartments zu finden. Schließlich tat er zu Haus auf, das zu vermieten war und schlug den beiden vor eine WG zu gründen. Natalya war sofort Feuer und Flamme, aber Bobby legte Zurückhaltung an den Tag. Er hatte einen Job als Informatiker in der wissenschaftlichen Station gefunden. Natalya war ebenfalls dort angestellt, allerdings als Sicherheitskraft. Beide wollten den Kopf unten halten und sich nicht auf ihre Bridgeport-Dokumente und -zertifikate verlassen.

Es hatte sich bald herausgestellte, dass weder Bobby noch Natalya unsere Aufzeichungen lesen konnten. Aber Bobby war der Ansicht, dass man ein Muster darin erkennen konnte und der festen Überzeugung das es sich um einen Code handelte. Er schrieb ein Analyseprogramm, das er regelmäßig updatete und erneuerte. Er las sich durch so viele Fachzeitschriften und Bücher über Geheimcodes und Entschlüsselung, dass wir ihn kaum ohne ein Buch vor der Nase zu sehen bekamen. Natalya beschloss deswegen allein, dass sie gemeinsam das Haus mieten würden. Sie schob Bobby den Mietvertrag eines Tages einfach unter. Erst nachdem Natalya aufgebrochen war, wurde es ihm klar.

Er saß am Tisch, legte sein Buch weg und rang mit den Händen. Ich warf ihm einen schrägen Blick zu.
„Das war der Mietvertrag oder?“
„Yo.“ In Gedanken war ich beim Gebäck, dass ich zur morgigen Eröffnung des Ladens backen wollte. Da ich gerade den Salat für das Mittagsessen vorbereitete, musste ich mich jedoch zusammenreißen, denn Zimt und Zucker würden im Dressing nicht unbedingt auf viel Liebe stoßen. Wobei es definitiv auszuprobieren wäre, besonders bei einem Salat mit... Entschlossen schob ich die Gedanken weg und sagte zu Bobby: „Was ist das Problem?“



Bobby hörte auf mit seinen Händen zu spielen, rückte die Brille zurecht und senkte den Blick. Er verweigerte eine Antwort.
„Natalya schnarcht nicht, macht ihren Teil der Hausarbeit immer äußerst gewissenhaft...“, begann ich aufzuzählen, auch wenn ich mit einiger Sicherheit wusste, dass es nicht an Natalyas Eigenschaften als Mitbewohnerin lag. Bobby starrte weiterhin den Fußboden an.
„Ich weiß, dass ihr gern allein sein wollt.“, sagte er schließlich.
„Ach Bobby, wir wollen euch ja auch nicht rausschmeißen!“, log ich. Tatsächlich war ich inzwischen so angespannt davon, dass Darrel und ich uns nicht näher gekommen waren, dass ich fürchtete zu explodieren. Ja, wir konnten uns umarmen und wir schliefen nebeneinander, aber es ergab sich einfach nicht mehr. Entweder kamen Bobby oder Natalya dazu oder wir waren einfach zu erschöpft. Neben der Arbeit im Laden renovierten wir unserem Haus weiter. Immerhin hatten wir das obere Bad gefliest und die Holzverkleidung im Flur auf Vordermann gebracht. Außerdem zeigte Darrel mir den Garten: Einen Apfelbaum hatte er gepflanzt.



Ich zwang meine Gedanken in die Gegenwart zurück. „Also Bobby, raus mit der Sprache: Was ist das Problem.“ Ich probierte das Dressing, befand es für gut und stellte es beseite. Bobby machte keine Anstalten mir zu antworten. „Dann sag ich dir jetzt was das Problem ist: Du hast Angst mit Natalya zusammenzuziehen, weil du in sie verliebt bist.“ Ich sah ihn über die Schulter an. Bobby sah mich erschreckt an. „Oh, ich bin noch nicht fertig!“ Währenddessen hatte ich den Salat vermengt und stellte nun Dressing und Salat auf den Tisch. Ich setzte sich neben ihn. „Das ist wirklich nicht schlimm, Bobby. Ich finde es wirklich süß."



„Süß?“, stieß er hervor. Ich legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.
„Ja, weil Natalya genauso empfindet.“
Bobby war wie vom Donner gerührt. Er starrte mich sprachlos an. „Du musst dich irren.“, sagte er dann. Ich hörte Zorn in seiner Stimme.
„Bobby, ich will dich nicht auf den Arm nehmen!“
„Ach nein?“, fragte er. Er erhob sich ruckartig. „Das war...ist.“ Er brach ab, weil Natalya zurückkam. Offenbar war sie Joggen gewesen. Bobby stürmte an ihr vorbei. Sie sah ihm irritiert nach.



„Ist er sauer wegen des Mietvertrags?“
Ich beeilte mich den Kopf zu schütteln. „Er ist sauer auf mich.“ Verlegen biss ich mir auf die Unterlippe. „Ich fürchte ich bin ihm etwas zu nahe getreten.“
„So?“, fragte Natalya und verschränkte die Arme.
Ich schluckte. Sie würde Bobby bis aufs Blut verteidigen und ich hatte mich etwas ungünstig positioniert. „Ähm...also... Pass auf, ist dir eigentlich klar, warum Bobby so zögert mit dir zusammenzuziehen?“



Sie sah mich nach wie vor scharf an, doch nun wurde ihr Blick etwas sanfter. Trotzdem schwieg sie und schüttelte nur den Kopf.
„Oh komm schon, du kannst nicht auch so blind sein!“, stöhnte ich.
„Auch so blind?“, echote sie. „Willst du damit sagen, Bobby hat es nicht bemerkt?!“
Nun war es an mir zu starren. „Ähm. Nein.“ Dann kicherte ich. „Deine Signale sind für ihn vielleicht ein bisschen ZU subtil.“
Natalya ließ die Schultern hängen. „Ich dachte ich wäre für ihn durchschaubarer.“ Sie begann die Kopfhörer ihres Smartphones aufzurollen. „Ich bin nicht wirklich erfahren was Beziehungen angeht.“
Ich machte ein unbestimmtes Geräusch. „Glaub mir, es wird nicht besser.“
„So?“ Sie musterte mich interessiert. Ich biss mir auf die Zunge und schwieg. Natalya forderte meinen Blick heraus. Als ich ihren Blick nur erwiderte und nicht antwortete, beschloss sie schließlich, etwas zu sagen. „Darrel ist mein Freund, Kira. Meine Loyalität liegt bei ihm. Ich kenne dich kaum und weiß nichts über dich. Ich hoffe dir ist klar, dass du es mit mir zu tun bekommst, solltest du Darrel verletzen!“ Das Funkeln in ihren Augen machte mir klar, wie ernst sie es meinte. Widerwillig musste ich lächeln. Es war wundervoll, dass Darrel in diesem Leben Natalya auf seiner Seite hatte.



„Ich weiß Natalya. Und ich bin sehr froh darüber.“ Ich nickte ihr achtungsvoll zu. „Es gibt nichts in meiner Vergangenheit, was Darrel nicht weiß.“ Oh, außer diesen einen Kuss mit Konrad...
„Und nichts, was Kira nicht von mir weiß.“
„Argh, musst du dich immer so anschleichen?!“ Darrel hatte die Hintertür genommen. Ich sah ihn gespielt zornig an. „Wie lange lauscht du schon?“
„Ich habe nicht gelauscht.“, erwiderte er hoheitsvoll. Er ging ans Waschbecken und wusch sich die Hände. „Ich habe zufällig euer Gespräch mitbekommen. Aber nur weil Kira diese unnachahmliche Art hat „leise“ zu sein.“
Ich streckte ihm die Zunge raus. Er trocknete seine Hände ab, kam zu mir und fuhr durch meine Haare. „Aber sie hat mit einem Recht: Bobby hat nichts mitbekommen. Kira und ich können es lediglich sehen, weil wir es wi-... wir Außenstehende sind.“
Natalya sah zwischen uns hin und her. Dann seufzte sie. „Ich geh duschen.“ Mit hängenden Schultern schlich sie ins Badezimmer.
„Du kannst froh sein, dass dieses Mal auf deiner Seite ist.“, flüsterte ich. Ich gab mir dabei besonders viel Mühe leise zu sein.
Darrel grinste und küsste meinen Scheitel. „Ich weiß. Noch wichtiger ist mir aber, dass du auf meiner Seite bist.“
„Sonst hätte ich mich wohl nicht so angestrengt!“ Ich begann den Tisch zu decken. „Ist Bobby gegangen?“
„Er hat sich in die Scheune verzogen. Was hast du ihm gesagt?“
Ich erzählte es ihm. Er schüttelte den Kopf. „Du warst auch schon mal geschickter.“
„Vielleicht bin ich etwas aus der Übung.“ Ich zuckte mit den Achseln und schob den Auflauf, den es zum Salat geben sollte, in den Ofen. Dann ließ ich mich auf die Couch fallen. Darrel nahm den Geheim-Laptop, wie er ihn scherzhaft nannte und öffnete unser Textdokument.



„Wo bist du gerade?“, fragte ich, während er sich im Schneidersitz auf den Boden niederließ.
„Hm...“, machte er. Er vermied meinen Blick und ich sah, wie sich eine leichte Röte auf seinen Wangen breit machte.
„Oh, das interessiert mich jetzt aber!“ Ich ließ mich von der Couch gleiten und griff nach dem Notebook. Darrel versuchte nicht mich aufzuhalten. Ich las die letzten Zeilen und wurde ebenfalls rot. An die Szene in meinen Schlafzimmer in Sanctuary erinnerte ich mich sehr gut...
„Du willst nicht meine Gedanken in diesem Moment wissen.“, sagte ich heiser. Darrel stellte den Laptop neben sich auf den Boden und streckte seine Beine aus. Ich glitt halb auf seinen Schoß und legte meine linke Hand auf seine Wange. Meine Selbstzweifel waren zumindest für diesen Moment wie weggeblasen.
„Eigentlich würde ich sie sogar ziemlich gerne wissen.“, erwiderte er ebenso rau. Er umfasste meine Hüften und zog mich näher.



Natürlich kam in diesem Moment Natalya zurück. „Oh.“
Genervt unterdrückte ich ein Seufzen. Ich stand auf und reichte Darrel die Hand um ihm aufzuhelfen (nicht dass er meine Hilfe gebraucht hätte). Er drehte sich so geschickt zu Seite, dass Natalya nur seine Rückansicht zu sehen bekam. Sie bemerkte es wohl und hielt sich schnell die Hand vor den Mund, um ihr Grinsen zu verbergen.
„Ich hol Bobby.“, verkündete er rasch und schob sich an mir vorbei. Natalya starrte betont zur Decke. Mir fiel auf, dass sie ihr Haar noch nicht hochgesteckt hatte. In sanften Wellen fiel es ihr dicht ins Gesicht. Sie trug kein Makeup. Dadurch wirkte sie jünger. Außerdem trug sie nicht eines ihrer üblichen Tops, sondern einen gemütlich aussehenden Sweater. Auf Schuhe und Socken hatte sie verzichtet.



„Jetzt fährst du wohl die stärkeren Geschütze auf?“, fragte ich während ich nach dem Auflauf sah.
Sie sah mich ehrlich erstaunt an. „Wie meinst du das?“
„Du hast wirklich keine Ahnung...“, murmelte ich. Natalya wirkte nicht so taff wie sonst und nicht nur jünger, sondern auch verletzlicher. „Ich hoffe nur die Jungfrau in Nöten Nummer zieht bei Bobby.“ Natalya hatte noch immer nicht begriffen, was ich meinte. „Egal.“
Sie wollte nachfragen, doch die Männer kamen in diesem Moment in die Küche. Bobby bemühte sich weder Natalya noch mich anzusehen, während Natalya seinen Blick suchte.
„Was liegt heute noch an?“, fragte ich beim Essen. „Ich muss gleich nochmal in den Laden. Die machen heute Bilder für die Zeitung.“
„Ich fahr dich. Ich hab noch was zu erledigen.“ Dabei grinste er. Ich musste lachen. Die Phrase „Ich hab noch was zu erledigen“ , hatte sich zum Glück aufgeklärt: Darrel hatte sich einen Ruf als Handwerker gemacht und half vielen Sims in Riverview bei Arbeiten am Haus. Im Gegenzug bekam er häufig Vergünstigungen. So hatte die Polsterei, deren Dach er neu gedeckt hatte, die Couchgarnitur neu bezogen. Für die Kacheln des oberen Bades hatte er einen Nachlass bekommen, weil er das Fahrrad des Sohnes des Ladenbesitzers repariert hatte. Darrel ging in diesen Tauschgeschäften völlig auf. Seit unserer Zeit in Santuary hatte auch für mich Geld seinen früheren Stellenwert verloren, doch mit Darrel Vorgeschichte war es noch etwas anderes. Wenn es nach ihm ging, würden wir ganz ohne Geld auskommen und Selbstversorger werden.
Darrel und ich wechselten schnell das Thema bevor Bobby und Natalya vorschlagen konnten uns zu begleiten. Schweigend beendeten wir unser Mahl. Ich verschwand im Badezimmer.

Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen hatte ich mich für das Wollkleid entschieden, das ich zuletzt auf der Weihnachtsfeier (ja, DIESE Weihnachtsfeier) getragen hatte. Vielleicht brachte es ja Kussglück? Leise öffnete ich die Tür zum Badezimmer und spähte ins Wohnzimmer.



Bobby und Natalya saßen auf der Couch. Bobby wirkte verlegen. Natalya sah unglaublich süß aus. Wenn Bobby das nicht sah, war er wirklich blind. Sie sprachen so leise miteinander, dass ich nicht hören konnte, was sie sagten. Natalya rückte näher an Bobby heran und legte sanft ihre Hand an seine Wange. Ich befürchtete einen Moment, er würde zurückzucken. Sie nahm seinen Arm, legte ihn um ihre Hüfte. Die Gesichter der beiden kamen einander immer näher und...



Ein Schatten fiel auf den Spalt der Tür. Darrel drückte mich sanft zurück in Badezimmer und schloss leise die Tür.
„Du kleine Spannerin.“, schalt er mich grinsend.
„Sind die beiden nicht süß?“
Darrel grinste. Dann nahm er mein Gesicht in meine Hände. „Das beste daran ist, dass die beiden gerade abgelenkt genug sind, damit ich endlich ohne Unterbrechung tun kann, worauf ich seit langem warte.“



„Dafür, dass du mich küssen willst, machst du ganz schön viele Wor-...“


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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mo Feb 15, 2016 7:02 pm

Ein langer Weg

Es hatte einen kurzen peinlichen Moment gegeben, als Darrel und ich aus dem Badezimmer kamen und es dieses Mal WIR waren, die Bobby und Natalya in ihrer Zweisamkeit störten. Aber Darrel musste in zu einem Kunden und ich zum Laden. Ich meinte ein „Geschieht mir recht“ von Bobby gehört zu haben, aber ich mochte es mir auch einbilden.
Am Abend hatte Darrel immerhin ein Bett für uns aufgestellt. Er hatte es in der Schreinerei eines Bekannten selbst gebaut. Wir betrachteten es eine Weile. Dann wies ich auf die Holzpaneele.
„Erinnerst du dich an diesen einen Tag in Sanctuary so ungefähr neun Monate vor Gwyns Geburt?“, fragte ich seufzend.
Darrel nickte und rieb sich über das Gesicht. „Holzbett, Holzverkleidung.“
Ich nickte. „Und dein Haus ist nicht wirklich weniger hellhörig als Gobias' Haus.“
Darrel unterdrückte ein Seufzen und sah zur Decke. Schließlich seufzte er doch und lächelte mich an. „Erstens hast du leider recht. Zumindest in dieser Etage dürfte man etwas hören.“



„Sag ich ja.“ Ich drehte ihm den Rücken zu und wechselte in meinen Schlafanzug.
Ich hörte sein leises Lachen. „Ich war noch nicht fertig, Kätzchen. Zweitens ist es nicht „mein“ Haus. Sondern unser Haus.“ Ich hörte seine Kleidung rascheln. Lächelnd legte ich meine Sachen zusammen.
„Rechtlich gesprochen bist du der Eigentümer.“, fuhr ich fort nachdem ich mich aufs Bett gesetzt hatte. Traumhaft! Ich hatte schon fast vergessen wie toll Betten waren. Zum Glück hatte ich nur ein paar Wochen im Schlafsack schlafen müssen. In Santuary waren es Jahre gewesen. Meine Gedanken mussten sich auf meinem Gesicht abgezeichnet haben.
„Ich weiß dir war ein Bett wichtig.“, sagte Darrel. Er ließ sich ebenfalls aufs Bett nieder, nicht ohne mir einen raschen Kuss zu geben.
Ich lächelte ihn glücklich an. „Schon, aber ich hätte auch noch weiter im Schlafsack genächtigt – so lange dein Schlafsack neben meinem liegt.“
„Immer.“, versprach er mir und schlüpfte unter die Decke. Ich tat es ihm gleich und kuschelte mich an ihn.
„Wir haben schon mal in einem Bett geschlafen – ohne Konsequenzen.“, erinnerte ich ihn, als ich spürte wie er sich versteifte.
Darrel lachte. Er küsste mich sanft, drehte sich dann aber um. Ich sah auf seinen Rücken und hörte ihn sagen: „Da warst du noch meine Schwester. So willensstark bin ich dann doch nicht.“
„Das ist ein Argument.“, erwiderte ich seufzend bevor ich ihm ebenfalls den Rücken zu drehte.

Ein paar Wochen später zogen Natalya und Bobby aus. Wir waren alle glücklich darüber, auch wenn ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten vermissen würde. Bobby und Natalya hatten ihr Haus schnell eingerichtet, weil sie nicht Darrels Anspruch hatten, alles selbst zu machen. Zwei, drei Trips ins Möbelhaus und es war fertig. Mir machte Darrels Tempo nicht das geringste aus. Es erinnerte mich an Santuary. Außerdem war das Geld knapp. Mein Lohn war in Ordnung, aber große Sprünge konnten wir damit nicht machen. Darrel bekam in den seltensten Fällen Geld, sondern meistens Tauschleistungen, so dass mein Gehalt meistens für anfallende Rechnungen wie Strom und Wasser eingesetzt wurde. Die Rücklagen, die Darrel aus seinem alten Leben mitgebracht hatte, waren durch den Kauf des Hauses und die ersten Anschaffungen aufgebraucht worden.





Einen kleinen Bonus, denn ich von Horace und Lucas erhalten hatte, hatte ich jedoch still beiseite gelegt. Auf meinen Wunsch hatte Darrel an unserem Schlafzimmer einen kleinen Wintergarten angebaut, der vom Wohnzimmer aus erreichbar war. Ich hatte in Darrels Gegenwart lediglich ein bisschen von Pflanzen überwintern sprechen müssen und schon ein paar Tage später zeigte er mir seine Pläne. Bauen, basteln und tüfteln machte ihm Spaß und er bemühte sich mir jeden Wunsch bezüglich des Hauses zu erfüllen. Ich fragte mich, ob er ein schlechtes Gewissen hatte, weil das Haus noch unfertig war. Doch ich begriff schließlich, dass er unser Haus mit mir gemeinsam gestalten wollte. Es ließ mein Herz tanzen.

Am Abend des Umzuges von Bobby und Natalya hatte ich Bobby gebeten, Darrel noch etwas hinzuhalten, während Natalya und ich noch einmal zu unserem Haus fuhren.
Natalya hatte für mich aus dem Möbelhaus eine Staffelei und zwei hängende Sessel besorgt. Wir bauten sie gemeinsam auf, wobei wir uns gewissenhaft an die Aufhänganleitung für die Sessel hielten. War ja nicht auszudenken, was passieren konnte, wenn einer aus der Deckenverankerung riss. Anschließend schleppten wir noch ein Bücherregal und ein Beistelltischchen, die Darrel auf meinen Wunsch angeblich für das Schlafzimmer gebaut hatte, in den Wintergarten. Ich dekorierte den Raum noch mit ein paar Blumen und räumte Bücher ins Regal, während Natalya – sichtlich aufgedreht – zu ihrem neuen Zuhause fuhr. Ich grinste still vor mich hin. Dann betrachtete ich unser Werk. Ich war zufrieden. Die Staffelei sollte eine Überraschung für Darrel sein. Er hatte in Sanctuary oft gemalt. Im Gegensatz zu mir war er musisch begabt. Oma würde ihn lieben (sie sollte es besser).



Während ich auf Darrel wartete, saß ich mit einem Buch einen der Sessel Probe. Ich konnte mich nicht wirklich auf den Inhalt konzentrieren – zu gespannt war ich auf Darrels Reaktion. Und darauf, was der Abend noch bringen würde...



Ich musste halb weg gedöst sein, denn plötzlich stand Darrel im Raum. Er lächelte mich an. Rasch rieb ich mir die Augen und legte das Buch weg. Er setzte sich in den zweiten Sessel. Lange sah er sich im Raum um, sein Lächeln wurde breiter als er die Staffelei betrachtete. Schließlich streckte er seine Hand aus, ich ergriff sie und er sagte: „Danke.“
„Für dich immer.“



Darrel stand auf und zog mich an meiner Hand zu sanft zu sich. Ich legte meine Hände um sein Gesicht und für einen Moment sahen wir uns nur in die Augen. „Ich liebe dich.“, flüsterte ich, fast überwältigt von der Intensität meiner Gefühle und Darrels Gefühlen in seinem Blick. Er küsste mich leidenschaftlich. „Ich liebe dich auch, Kätzchen.“ Ich war atemlos von diesem Kuss und drängte meinen Körper gegen seinen. Meine Lippen suchten seine. Darrel fasste mich sanft um die Taille und hob mich hoch. Ich schlang meine Beine um seine Hüfte. Wir küssten uns wieder.
„Wir haben ein Bett.“, erinnerte er sich heiser und trug mich ins Schlafzimmer.


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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mi Feb 17, 2016 7:49 pm

Wir werden darüber reden müssen

Unbegeistert scannte ich den Inhalt des Kühlschranks. Mir war nach einem Mitternachtssnack, denn bevor Darrel und ich im Schlafzimmer verschwunden waren, hatten wir zuletzt mittags bei Bobby und Natalya gegessen. Meine Gedanken waren jedoch nicht so ganz bei der Sache. Zum einen war ich noch glücklich betäubt von dem leidenschaftlichen Sex, zum anderen...Mein Blick wanderte zum Mülleimer. So leidenschaftlich und erregt Darrel auch gewesen war, er hatte (im Gegensatz zu mir) an Verhütung gedacht. Eigentlich sollte man diese Verantwortungsbereitschaft bei einem Simo schätzen, aber mich störte es. Wir hatten noch nicht über Kinder gesprochen – immerhin war ich diejenige, die jeden Versuch Darrels von Ehe zu sprechen abschmetterte. Aber irgendwie war es mir immer logisch erschienen, dass wir Kinder bekommen würden. Andererseits war die finanzielle Lage nicht rosig und das Haus noch unfertig. Es gab also Gründe, die dagegen sprachen. Dann wiederum hatte das in Sanctuary niemanden gestört.



Heftig schloss ich den Kühlschrank. Der Gedanken an Sanctuary hatte mir die Augen geöffnet. Als unser Leben dort geendet war, war Darrels Sohn Corey gerade ein paar Jahre alt gewesen. Er hatte ihn zurücklassen müssen. Wie schon seinen Sohn Edmund in Bridgeport. Beide Male hatte er keinen Einfluss auf sein Verschwinden gehabt – wir waren ja quasi entführt worden. Ich kannte Darrel gut genug und wusste, dass ihn der Gedanken an die beiden Kinder ihm mehr zu schaffen machte, als er es sich jemals gestehen würde. Trocken schluckend ging ich zur Obstschale und nahm einen Apfel. Während ich ihn aß, musste ich daran denken, dass ich als Lethe wissentlich meine Familie verlassen hatte um den Riss im Raum-Zeit-Kontinuum zu reparieren, denn Darrel verursacht hatte. Lange war ich deswegen wütend auf Darrel gewesen. Aber der Sensemann hatte mir damals klar gemacht, dass ich so oder so gestorben wäre. Und wenn ich den Weg betrachtete, den Darrel und ich seitdem zurückgelegt hatten... Ich erinnerte mich ans Schlafzimmer und lächelte. Wie sehr ich ihn liebte...
„Kannst du nicht schlafen?“
Vor lauter Schreck ließ ich bald meine Apfelkitsche fallen. „Simmer, Darrel! Willst du das ich einen Herzinfarkt kriege?!“
Er sah mich erschrocken an und sofort bereute ich meine Worte. Zwar wusste er immer noch nicht, wie schlimm mein Zusammenbruch gewesen war, aber er machte sich dennoch Sorgen deswegen.
„Ich hab mich nur erschreckt. Als ich aufgestanden bin, hast du noch selig geschlafen.“ Ich warf die Kitsche in den Müll. Ganz kurz sah ich das in ein Taschentuch gehüllte Kondom. Wir würden darüber sprechen müssen. Darrel sah mich lächelnd und so glücklich an, dass ich entschloss es auf ein anderes Mal zu verschieben. Auf nackten Füßen – ich hatte mir nur rasch meine Unterhose und meine Sweatjacke gegriffen – tappte ich zum ihm und schloss ihn die Arme. „Soll ich dir helfen, wieder so selig zu schlafen?“, fragte ich kokett. Als Antwort zog Darrel mich fester an sich und küsste mich.



In den nächsten Tagen ergab sich keine Gelegenheit, Darrel auf das Thema Verhütung anzusprechen. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass er das Thema auch um jeden Preis vermied. Da wir allerdings auch kaum aus dem Bett kamen, neigte sich seine Kondompackung schließlich auch dem Ende zu und ich konnte das als Aufhänger benutzen.
„Hast du eigentlich einen bestimmten Grund für … das?“ Darrel lag auf dem Bett und entspannte sich. Ich ließ mich neben ihn fallen und wedelte mit der fast leeren Präservativpackung. Meine Worte verband ich mit einem unschuldigen Lächeln.



Darrel antwortete nicht sofort. Er starrte eine Weile an die Decke, dann sah er mich an. „Ich hab' mich schon gefragt, wann du mich deswegen ansprichst.“
„Wir müssen nicht jetzt darüber reden, aber wir werden darüber reden müssen.“
Darrel rieb sich über das Gesicht. Er drehte sich auf die Seite und stützte seinen Kopf in die Hand. Mit undeutbarem Gesichtsausdruck musterte er mich. „Vermutlich wirst du mir nicht glauben, wenn ich finanzielle Gründe anführe?“
Ich schüttelte den Kopf. „Es ist wegen Edmund und Corey?“
Schmerz zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Wieder rieb er sich über das Gesicht. Rasch legte ich meine Hand auf seine. „Das ist in Ordnung, Darrel. Ich verstehe, dass du darunter leidest. Sie waren nicht meine Kinder, aber ich fühle mich deswegen auch furchtbar.“
Darrel legte den Arm um mich und zog mich an sich. „Unsere Leben als Basil und Poppy – beide Male – waren verrückter als alle anderen. Sie endeten so plötzlich und ich musste die Kinder zurücklassen. Sie waren noch so klein!“
„Das war nicht deine Schuld. Wir sind benutzt worden.“
Er küsste dankbar meinen Scheitel. „Das ändert aber trotzdem nichts daran, dass ich … dass ich Edmund und Corey zurückgelassen habe.“
Mir ging auf, dass er die Namen der Jungen das erste Mal in diesem Leben benutzt hatte. Mein Herz wurde schwer. Tröstend umschlang ich ihn. „Es tut mir so leid.“, flüsterte ich in seine Haare. Wir hielten uns lange, doch schließlich bettete Darrel mich auf den Rücken und küsste meine Stirn.
„Ich weiß, dass Kinder für dich eine wichtige Rolle spielen. Aber ich habe Angst.“
„Dieses Mal wird nichts passieren, Darrel. Akki hat gesagt, die Beobachter lassen uns in Ruhe. Natürlich gibt es andere Unwägbarkeiten, immerhin könnte uns ein Meteor auf den Kopf fallen oder so, aber wir sind zu zweit.“ Er sah mich scheel an und ich lachte. „Ok, die Wahrscheinlichkeit für Meteoriten ist nicht sooo hoch. Aber es kann passieren. Ich hab's schon erlebt!“
Er küsste mich. Ich zog ihn über mich. Wir waren zwar nicht zu einem abschließenden Ergebnis gekommen, aber immerhin hatten wir das Thema abgesprochen. „Nur Darrel? Können wir vielleicht anders verhüten? Ich will dich ohne Latex spüren.“
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Mi Feb 17, 2016 10:20 pm

Mein Freund, seine Schwiegeroma und ich

„Bist du etwa aufgeregt?“ Amüsiert versuchte ich aus Darrels Gesichtsausdruck schlau zu werden. Dann warf ich einen Blick auf die Uhr. Wir hatten noch etwas Zeit bevor wir Oma vom Flughafen abholen mussten. Es war Sommer geworden.
„Nicht direkt aufgeregt, aber...“ Er lächelte verlegen. Mein Herz flog ihm entgegen.
„Es ist nur so: Deine Oma ist – trotz all unseren Leben – offenbar ziemlich wichtig für dich. Ich hoffe sie ist nicht enttäuscht von mir.“
„Damit ich mich nicht umentscheide? Aaaaaaw Darrel, das ist ja süß.“ Ich warf mich in seine Arme. „Oma wird dich lieben. Und selbst wenn...“ Ich schob ihn auf Armlänge von mir fort. „Dass was wir erlebt haben und das was ich für dich empfinde...es ist größer als alles andere.“
„Ich weiß.“, erwiderte er rau. Sanft fasste er mein Kinn, hob es an und küsste mich. Obwohl wir inzwischen seit Monaten eine sehr intensive intime Beziehung führten, wurden meine Knie weich und ich drückte meinen Körper gegen ihn. „Ich liebe dich.“, flüsterte ich und ließ meine Hände über seinen Körper gleiten. Er stöhnte leise, schob meine Hände jedoch weg. „Wir müssen gleich los.“



„Aaah, sei kein Spielverderber.“ Ich nestelte an seiner Hose. „Oma hat bestimmt Verständnis.“
Ich hätte nichts abtörnenderes sagen können, aber Darrel musste lachen. „Du würdest deiner Oma wirklich sagen: Oh sorry, wir sind zu spät, weil wir noch ne Runde gevö**** haben?“
Ich musste ebenfalls schmunzeln. „Vielleicht nicht. Wobei sie sehr...aufgeschlossen ist.“
Er küsste mich noch einmal – ganz züchtig – und meinte: „Ist trotzdem nicht die Art auf die ich bei ihr vorstellig werden will.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Dann halt nicht. Du weißt nicht, was dir entgeht.“
Darrel legte seine Hand auf meinen Hintern und schob mich sanft zur Tür. „Zum Glück weiß ich das sehr genau. Umso mehr bedauere ich, dass wir jetzt keine Zeit haben. Und jetzt ab zum Auto, sonst kann ich gleich nicht fahren.“ Er deutete nach unten.
Ich lachte. „Zum Glück haben wir ausprobiert ob man im Gästezimmer was hört.“
„Wir haben auch noch die Scheune.“
„Und das Auto. Oh, und die Dusche, aber ich traue der Duschkabinenwand nicht ganz. Wir sollten wirklich bald eine neue Dusche installieren und es dann ausprobieren.“
„Kira....lass es gut sein, bitte!“

Oma und Darrel verstanden sich auf Anhieb. Darrel probierte es einmal mit Mrs. Müller, was ihm einen schrägen Blick einbrachte, dann mit Henriette, wobei uns seine Aussprache Tränen lachen ließ und landete schließlich bei Henny. Oma hielt sich zum Glück zurück und machte keine anzüglichen Bemerkungen. Sie fand das Gästezimmer toll – aber sie hatte auch genaue Anweisungen gegeben, was sie brauchte: Ein hohes Bett mit einer harten Matratze und ein gut erreichbares Nachtlicht.





Wir hatten eigentlich nicht sobald ein Gästezimmer einrichten wollen, sondern erst das Badezimmer und die Küche modernisieren wollen. Da das Kinderthema zunächst ruhte, waren Küche, Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer die Räume, denen unsere Aufmerksamkeit galt. Im Wohnzimmer hatten wir mittlerweile einen Fernseher und einen selbst gebauten Schachtisch. Unser Schlafzimmer verfügte endlich über Schränke und Kommoden, so dass wir nicht mehr aus dem Koffer leben mussten. Doch als Oma ihren Besuch ankündigte, hatten wir unsere Prioritäten geändert und einen der oberen Räume hergerichtet. Tatsächlich hatte Oma mir sogar etwas Geld überwiesen, so dass wir eine hervorragende Matratze für das von Darrel gebaute Bett kaufen konnten. Oma in einem Schlafsack übernachten zu lassen, kam nicht in Frage!




Oma hatte sich ihre Begeisterung und ihre Neugierde erhalten. Sie erkundete mit uns Rieverview, fand es wundervoll Bobby und Natalya kennenzulernen – auch wenn sie den beiden eine Standpauke hielt, warum sie nicht dafür gesorgt hatten, dass ich mich während unseres „Roadtrips“ gemeldet hatte.




Bobby stammelte daraufhin, während Natalya halb amüsierte, halb genervte Blicke zu mir schickte. Als wir später auf Bobbys und Natalyas Terrasse Dart spielten, entschuldigte ich mich bei ihr.
„Ich kann irgendwie verstehen, dass du deiner Oma nichts sagen willst.“, erwiderte Natalya. „Sie wirkt zwar unzerstörbar, aber sie ist nicht mehr die Jüngste.“



„Ich will nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen macht.“ Ich reichte Natalya die Pfeile. „Du bist dran.“
Selbstverständlich warf Natalya viel geschickter. „Hast du mit Darrel wegen deines....Schwächeanfalls gesprochen?“
„Ähm...“ Ich musterte meine Schuhspitzen. „Nee. Aber seitdem geht es mir auch viel besser!“
Natalya unterbrach sich und musterte mich lange im Halbdunklen. „Eigentlich bin ich dafür, dass du es ihm sagst, aber Bobby hat mir die Tage einen Artikel zu lesen gegeben. Es gibt wohl so etwas wie ein Broken-Heart-Syndrom. Wenn es das war, dann müsstest du jetzt ok sein.“
„Eine Stress-Kardiomyopathie?“, hakte ich nach.
„Du hast davon gehört?“ Natalya schien überrascht. „Und dann bist du selbst nicht darauf gekommen?“



Ich schüttelte den Kopf und versuchte mich zu erinnern, wann ich schon einmal davon gehört hatte. Es fiel mir schließlich ein und ich war froh, dass sich Natalya wieder ganz auf das Werfen konzentrierte. So sah sie den traurigen Ausdruck auf meinem Gesicht nicht. Jacob hatte mir in meinem Leben als Lethe mal davon erzählt.

Als wir später zuhause waren und Oma endlich im Bett (die Frau hatte definitiv zu viel Energie für ihr Alter!), sprach Darrel mich an.
„Was ist los, Kätzchen? Du wirkst traurig.“ Er streichelte liebevoll mein Schienbein.
„Ach...“, ich machte eine wegwerfende Handbewegung. Ich würde ihm bestimmt nicht sagen, dass ich heute an einen meiner Verflossenen gedacht hatte. Naja, an mehr als einen. Natalya hatte mich an Jacob erinnert, was mich daran erinnerte, dass in einer anderen Gegenwart Natalya und Bobby Terrys Eltern waren...
„Es ist nur....“, begann ich schließlich doch.



„Es ist nur, dass uns manchmal unsere früheren Leben einholen?“, schlug Darrel freundlich vor.
Ich sah ihn überrascht an. „Ich vergesse immer, wie gut du mich kennst.“
Darrel lachte leise. „Ich kenne diesen Gesichtsausdruck, den du bekommst, wenn du an früher denkst.“ Er stütze sich hoch und schloss mich tröstend in seine Arme. „Ich bin für dich da.“
Erleichtert legte ich meinen Kopf an seine nackte Brust. Ich würde ihm nicht genau erzählen, an was und wen ich gedacht hatte, aber ich wusste, dass er mich verstand. Ging es ihm mit Edmund und Corey nicht genauso?

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Erinnerungen stürmten auf mich ein. So sehr ich auch versuchte sie wegzuschieben, ich schaffte es nicht. Es war außerdem furchtbar heiß geworden, so dass ich schließlich aufstand, duschte und mir ein leichteres Nachthemd anzog. Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank und warf mich auf einen Sessel um fernzusehen.
Oma schien auch nicht schlafen zu können, denn ich hörte recht bald die Treppe knarzen. Grinsend setzte sie sich neben mich. Sie nahm mir die Flasche ab, nahm einen tiefen Zug und gab sie mir zurück.



„Du hättest fragen können.“
„Ach, ich wollte nur wissen, ob ich das Zeug immer noch nicht mag.“, gab sie lachend zurück. „Was ist los, Kira-Kind?“
„Nichts. Es ist nur so warm.“ Ich schaltete den Fernseher aus. „Und bei dir?“
„Naa, ich glaube dich hält nicht nur die Wärme ab.“
„Jaaa ... vielleicht.“ Ich nippte am Bier.
„Bist du glücklich, Kira?“



Ein wenig verwundert sah ich sie an. Oma war stets direkt, aber dieses Mal übertraf sie sich selbst. Ich kicherte. „Du hältst nicht viel davon um den heißen Brei zu reden.“
„Das fällt dir erst jetzt auf?“ Sie zog die Augenbraue hoch. „Du kommst da ganz auf mich.“
Ich nickte. „Das stimmt. Aber um deine Frage zu beantworten...Ja, ich bin glücklich. Sehr.“ Es war die Wahrheit. Natürlich suchten mich die Erinnerungen an meine anderen Leben regelmäßig heim. Darrel ging es nicht anders. Aber davon abgesehen, fühlte ich mich glücklich, angekommen und geliebt.
„Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast? Mit ihm?“ Sie neigte den Kopf in Richtung Schlafzimmer. „Und mit deiner Arbeit? Du bist keine Köchin.“
„Ich fang mit der letzten Frage an.“ Ich stellte die inzwischen leere Falsche auf den Boden neben mich, so dass ich nicht meine bequeme Haltung aufgeben musste. „Ich arbeite zwar nicht in der Küche, aber der Job im Bioladen macht mir großen Spaß. Und ich backe für den Laden. Ist also fast so was wie Kochen, nur ohne eine nervenaufreibende Küchencrew.“
Oma nickte nur. Ihre Mundwinkel zierte ein hauchfeines Lächeln.



„Und was Darrel angeht: Es ist anders als ich es mir vorgestellt habe, weil ich es mir gar nicht vorstellen konnte! Es ging nur darum ihn zu finden. Weiter habe ich nie gedacht.“ Auf Omas aufmunternde Geste hin fuhr ich fort: „Aber es ist gut und richtig so wie es ist. So soll es sein.“
„Argh, wenn ich mir dein süßes Grinsen so ansehe, muss ich doch noch meine Zuckermedikamente holen.“, ätzte Oma grinsend. „Eigentlich hätte ich mir die Frage auch sparen können. Es ist für Singles kaum aushaltbar in eurer Nähe. Auch wenn ihr glücklicherweise keines dieser Rosarote-Brille-Paare seid und euch dauernd Schätzi oder so nennt.“
Ich rollte mit den Augen, aber dann mussten Oma und ich lachen. Sie stand auf, klopfte meine Schulter und ging wieder ins Bett. Ich blieb noch einen Moment im Sessel sitzen und starrte ins Nichts. Dann grinste ich, erhob mich und brachte die leere Flasche weg. Als ich zurück ins Schlafzimmer ging, dachte ich, dass es wirklich nicht anders sein konnte und sein sollte. Ich war da wo ich hin gehörte – mit meiner Vergangenheit.
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am So Feb 21, 2016 3:53 pm

Ja

Oma blieb einige Wochen. Aus dem Frühsommer wurde der noch heißere Hochsommer. Oma flog an einem der heißesten Tage zurück nach Simropa - nachdem sie sich ausgiebig erfrischt hatte.



Die Hitze verging langsam und mündete in einem goldenen Spätsommer und einem sonnigen Herbst. Wir feierten unser erstes gemeinsames Weihnachten (Regen, Regen, Regen), dann kam der Frühling. Wir hatten das obere und das untere Bad herrichten können und den Garten so weit ausbauen können, dass ich mein Gebäck ausschließlich mit selbst angebautem Obst belegen konnte. Wir kochten und legten überzähliges Obst und Gemüse ein und verkauften es ebenfalls im Laden. Der Frühling verging und ein neuer Sommer kam.





Seit einem Jahr waren Darrel und ich nun vereint. Wir genossen jeden einzelnen Tag. Doch es gab auch diese klitzekleine Wolken – eine für Darrel, eine für mich: Er vermied das Thema Heirat, ich das Thema Kinder. Darrel wollte mich unbedingt heiraten. Es wunderte mich, denn wozu brauchten wir eine offizielle Urkunde darüber, dass wir zusammen gehörten? Seine Bedenken was Nachwuchs anging, konnte ich hingegen sehr gut verstehen. Aber ich verspürte das dringende Bedürfnis ein Kind zu bekommen und damit etwas bleibendes zu schaffen. Etwas von mir und Darrel, dass unseren Tod überdauern würde.

Es war ein besonders heißer Spätsommerabend in unserem zweiten Jahr in Riverview. Horace und ich hatten den Laden über die Mittagszeit geschlossen und dafür am Abend länger geöffnet. Die Klimaanlage lief auch Hochtouren und mir graute schon jetzt davor, den Laden zu verlassen und auf die immer noch warme Straße zu treten. Dass sich der Asphalt noch nicht verflüssigt hatte, grenzte an ein Wunder. So aber dampfte er die Hitze noch nach Sonnenuntergang aus. Die Tür öffnete sich und eine Stammkundin kam herein. Wir tauschten ein paar Nettigkeiten aus. Ich ignorierte das Vibrieren meines Smartphones, während ich sie bei der Auswahl ihres heutigen Einkaufs beriet. Erst als sie selbst nach ihrem Telefon griff, um mit ihrem Mann die existenzielle Frage „Zucchini oder Aubergine?“ auszudiskutieren, warf ich einen raschen Blick auf das Display. Darrel hatte versucht mich anzurufen und eine Nachricht mit der Bitte ihn zurückzurufen hinterlassen. Mein Herz schlug schneller und mir stieg ein Kloß in den Hals. Sofort beschlich mich ein schlechtes Gefühl. Darrel wusste, dass ich heute länger im Laden blieb – wir hatten darüber beim Mittagessen gesprochen.



„Schlechte Nachrichten, Liebes?“ Die Kundin sah mich besorgt an. Sie war eine dieser älteren simerikanischen Damen, die jeden mit „Liebes“, „Darling“ oder „Honey“ ansprachen. Da wir uns seit bald einem Jahr kannten, war ich ihr in diesem Moment sogar dankbar.
„Ich bin nicht sicher.“, erwiderte ich. „Haben Sie sich entschieden?“
„Aaach, Greg will beides nicht im Auflauf! Ich schau mich noch ein bisschen um, bevor ich mich endgültig entscheide.“ Sie zwinkerte mich an. „Wie wär's wenn Sie prüfen, ob's wirklich schlechte Nachrichten sind?“
Dankbar warf ich ihr eine Kusshand zu und wählte Darrels Nummer.
„Hey. Du hast angerufen...Was gibt’s?...Du bist WO?!“



Mein Herz krampfte sich zusammen und ich befürchtete einen Moment, dass sich die Szene aus meinem Apartment in Bridgeport wiederholen würde. Ich tastete mit der freien Hand nach der Kasse und stützte mich ab. Horace kam aus dem Lager und sah mich besorgt an. Ich musste laut geworden sein.
„Kira?“, hörte ich Darrel am Telefon sagen. „Du verstehst das falsch. Mir ist nichts passiert. Ich wollte dich nur bitten mich am Krankenhaus abzuholen.“
„Ich. Bring. Dich. Um.“, stieß ich erleichtert hervor, auch wenn ich noch nicht ganz begriffen hatte, was passiert war. „Ich komm' sobald ich hier fertig bin.“
Horace gab mir mit einem Wink zu verstehen, dass ich sofort fertig war. Ich dankte ihm, raffte die Zutaten für einen Salat ohne Zucchini und Aubergine zusammen, nahm eines der fertigen Dressings aus dem Regal und drückte alles der Kundin in den Arm. „Bei dem Wetter würde ich eher einen Salat vorschlagen.“ Im Hinausgehen verabschiedete ich mich und rannte zum Auto. Da an diesem Tag selbstgemachtes Eis für den Laden transportiert hatte, hatte ich Darrel am Sägewerk abgesetzt. Er half zurzeit dort aus. Als er mir gesagt hatte, dass er im Krankenhaus war, hatte ich Horrorvisionen von der großen Kreissäge bekommen... Mir wurde sofort schlecht und ich musste mich zusammennehmen, bevor ich den Wagen startete und ausparkte. Darrel hatte gesagt, es ginge ihm gut. Er würde mich nicht anlügen.



Ich parkte im Halteverbot, vergaß beinahe abzuschließen und schaffte es schließlich ohne weitere Unfälle zum Eingang des Krankenhauses. Ich zwang mich zum Durchatmen und fasste mich etwas. Seit wann war ich so hysterisch. Ach ja, seit ich wusste, dass Darrel und ich nur dieses eine Leben hatten …
„Hey … du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ Darrel stand so urplötzlich neben mir, dass ich beinahe aus der Haut fuhr.
„Du willst wirklich, dass ich einen Herzinfarkt bekomme.“, murmelte ich, während ich in seine Arme glitt. „Bitte ruf mich nie wieder mit den Worten „Ich bin im Krankenhaus“ an!“



Darrel strich über meinen Rücken. „Schsch.“, machte er. „Es tut mir leid. Ich muss selbst etwas neben mir gestanden haben. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Was zum Teufel ist denn passiert?“ Ich atmete tief ein und aus. Wir ließen einander los. Darrel strich sich die Haare aus der schweißnassen Stirn.
„Lass uns nach Hause fahren. Ich hasse Krankenhäuser. Ich erzähl's dir unterwegs.“
„Außerdem hat das Auto eine Klimaanlage. Oh, und ich steh im Halteverbot.“
Darrel legte lachend dem Arm um mich. Ich bemühte mich, ihm nicht zu zeigen wie sehr mich sein Anruf aus der Bahn geworfen hatte.



Im Sägewerk hatte es einen Unfall gegeben. Einer der Arbeiter war mit dem Arm in die große Säge geraten. Nur dem geistesgegenwärtigen Handeln des Vorarbeiters und Darrels war es zu verdanken, dass er seinen Arm nicht verlieren würde. Sie hatten ihn abgebunden, Eis darum gelegt und ihn ins Krankenhaus gebracht. Da Darrel die selbe Blutgruppe hatte, hatte er im Krankenhaus Blut gespendet.
„Jack wird’s überleben. Ob er seinen Arm wieder voll benutzen kann, wissen die Ärzte noch nicht.“ Wir waren inzwischen zuhause angekommen. Ich nötigte Darrel zu einem großen Glas Wasser und Eiscreme mit Pfirsichkompott. Er war tatsächlich etwas blass, auch wenn sie ihm im Krankenhaus Traubenzucker und Limonade gegeben hatten.Ich ärgerte mich darüber, dass sie sich nicht besser um ihn gekümmert hatten, aber dann erinnerte ich mich daran, dass das Krankenhaus in Riverview ziemlich klein und notorisch unterbesetzt war. Jacks Verwundung und die Hitzeopfer würden es in ein Irrenhaus verwandelt haben.
„Ist er nicht gerade Vater geworden?“, fragte ich und schmuggelte noch ein Löffelchen Kompott auf Darrels Teller.
Er nickte düster. „Der Vorarbeiter will morgen eine Sammlung starten. Er ist der Alleinverdiener und die Krankenhausrechnung wird hoch.“
Ich nickte und dachte an das Krankenversicherungssystem in Seutschland. Es war nicht perfekt, aber gar keine Versicherung zu haben war noch schlechter. Für Darrel und mich hatte ich auf eine Versicherung bestanden, auch wenn die Summen horrend waren und längst nicht alle medizinischen Eventualitäten abgedeckt waren. Ich hatte noch ein Notfallkonto, auf das ich jeden Monat etwas Geld überwies. Der Unfall im Sägewerk führte mir vor Augen, wie wichtig solche Notgroschen sein würden. Wenigstens war die Gemeinschaft in Riverview sehr gut und eng. Man half einander.
„Kira, mir ist nichts passiert.“, sprach Darrel mich an. Offenbar war ich wieder in mein abwesendes Starren gefallen. Er legte seine Hand auf meine.
„Ich weiß.“, erwiderte ich schließlich. „Aber es könnte dir auch etwas passieren.“ Ungewollt traten mir die Tränen in die Augen. „Das hättest auch du sein können.“
„Ich war es aber nicht. Du weißt, dass ich vorsichtig bin. Ich lass' dich nicht allein.“ Er erhob sich und zog mich in eine Umarmung. „Es sei denn es fällt uns doch ein Meteorit auf den Kopf, dann wird’s schwierig.“



Gegen meinen Willen musste ich schmunzeln. Dann sah ich ihn ernst an. „Frag mich noch mal.“
Zuerst sah er mich irritiert an, dann küsste er mich lachend. „“Was? Es muss erst jemandem halb der Arm abgesägt werden, bevor du einwilligst mich zu heiraten?“
Ich boxte ihm in die Seite. „Definitiv ein bessere Grund als eine Namensänderung oder eine Greencard!“
Darrel rieb sich die Seite. „Wie du meinst...“ Dann sah er mich ernst an.
„Jetzt frag einfach, aber spar' dir bitte das auf die Knie fallen und Ring rausholen.“
Darrel seufzte. „Manchmal...“ Dann küsste er mich rasch. „Willst du mich heiraten?“
Nun gab ich ihm einen Kuss, grinste und sagte: „Ja.“



Wir heirateten im Herbst. Am Abend nach unserer Trauung – kurz und sachlich auf dem Standesamt, nur begleitet von Bobby und Natalya – hatten wir eine kleine Feier bei uns. Ich war froh, dass wir die Trauung endlich hinter uns hatten. Im Vorfeld waren wir gleich dreimal bei der Einwanderungsbehörde, wo wir mit endlosen Fragerunden gequält wurden. Nach dem dritten Treffen hatten wir den Beamten endlich überzeugt, dass wir keine Scheinehe eingehen und so eine Greencard erschleichen wollten.

Oma wäre gern gekommen, aber meine Eltern hatten Lennard bei ihr abgeliefert bevor sie in zwei unterschiedliche Flieger zu zwei unterschiedlichen Konferenzen aufgebrochen waren. Ich hatte ihr vorgeschlagen, mit Lennard zu kommen, aber Oma hatte versprochen Lennard jeden Tag zu seinen Frühförderungskursen zu bringen. Normalerweise war Oma ja immer dafür die Regeln zu brechen. Aber sie war so glücklich, dass ihre Tochter ihr ihren Sohn anvertraute, dass sie brav und folgsam war.



Unsere Feier war mehr ein fröhliches Zusammenkommen in der Küche. Immer wenn wir Besuch hatten endeten wir alle in der Küche, nur im tiefsten Winter zog man das Wohnzimmer und seinen Kamin vor. Ich fragte mich, ob es nicht sinnvoller wäre in der Küche einen Kamin zu installieren. Doch selbst in den neuen Planungen für eine Küche, war kein Kamin vorgesehen. Darrel arbeitete bereits an den neuen Küchenschränken. Einen neuen Herd hatten wir schon in der Scheune stehen. Es war ein antikes Stück, dass noch ein bisschen Zuwendung und Liebe brauchen würde. Viel Zuwendung und Liebe. Ich schob den Gedanken daran weg und konzentrierte mich auf Suppe, die ich auf dem gegenwärtigen Herd erwärmte.



Als die Gäste gegangen waren und wir die Küche in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt hatten, nahm Darrel mich in die Arme.
„Mrs. Kira Felinger.“, sprach er mich an.
„Mhm. Ich weiß immer noch nicht wie du auf diesen Nachnamen gekommen bist.“
„Ich dachte das wäre offensichtlich. Für Dich zumindest.“ Auf meinen irritierten Blick hin fuhr er fort: „Es ist die Kontraktion von felis niger. Schwarze Katze.“
„Oh...aber eigentlich müsste es felis nigra heißen. Felis ist Feminin.“
Darrel umarmte mich und murmelte. „Klugscheißerin.“
„Das hab ich gehört!“ Ich machte mich von ihm los. Darrel griff nach mir und kitzelte mich. Ich versuchte mich zu wehren, doch Darrel war größer und stärker. Schließlich zog er mich in seine Arme. „Ich liebe dich.“



Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen raschen Kuss. „Ich liebe dich auch, Darrel.“
„Warum warst du jetzt doch bereit mich zu heiraten?“, fragte Darrel nachdem wir uns schmusend und küssend ins Schlafzimmer vorgearbeitet und uns umgezogen hatten. Warum wir uns überhaupt die Mühe machten uns Nachtwäsche anzuziehen, blieb mir allerdings schleierhaft...
„Damit du daran denkst, dass du eine arme kleine Frau zuhause sitzen hast, wenn du dich einer Säge oder so näherst.“, erwiderte ich sarkastisch. Er warf mir einen scheelen Blick zu. „Darrel, ich mach' Witze...naja, vielleicht ist ein bisschen was wahres dran. Aber … ich weiß, dass es dir wichtig ist. Mir ist egal, ob wir ein Zertifikat darüber haben oder nicht. Du bist mein Mann, mein Partner. Mein Seelenverwandter. Dazu brauch ich keine Urkunde.“ Er unterbrach mich, indem er mich in seine Arme zog und küsste.
„Mir geht es auch so.“, sagte er nachdem sich unsere Lippen getrennt haben. „Aber dies ist unser letztes Leben und das will ich mit dir auch offiziell leben.“ Mit der Hand fuhr er die Kontur meines Gesichts nach. „Außerdem...ich hätte ungern einen anderen Nachnamen als unsere Kinder.“
Mit großen Augen sah ich ihn an. „Darrel! Meinst du das wirklich?“
„Ich habe lange darüber nachgedacht. Edmund und Corey zurückzulassen … Ich werde sie vergessen und sie werden immer einen Platz in meinem Herzen haben.“ Darrel zog mich noch enger an sich. „Ich liebe dich und ich will Kinder mit dir. Kinder, die etwas von dir und von mir haben.“
„Das heißt dann wohl ja.“, erinnerte ich mich trocken an meine Frage. Er verdrehte die Augen.
„Du bist unmöglich, Kira.“
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Di Feb 23, 2016 11:19 pm

Kitty

Als Oma uns im nächsten Frühling zum zweiten Mal besuchte, konnten wir ihr die frohe Nachricht überbringen, dass sie im Herbst Uroma werden würde. Sie war außer sich vor Freude. Umso mehr, als sie erfuhr, dass auch Natalya und Bobby, die Oma quasi adoptiert hatte (sie telefonierte fast häufiger mit Natalya als mit mir), ebenfalls ein Kind erwarteten. Seit ihrem Auszug waren die beiden langsam aber stetig ihren Weg als Paar gegangen. Inzwischen hatten sie sich sogar zu einem gemeinsamen Schlafzimmer vorgearbeitet.



Natalya war erleichtert, dass sie nicht allein durch die Schwangerschaft gehen musste. Sie war ein nervöses Wrack. Bobby, der versuchte das ganze wissenschaftlich anzugehen, war keine große Hilfe. Ich nahm Natalya unter meine Fittiche. Sie konnte nicht verstehen, wie Darrel und ich so gelassen sein konnten. Nun, wir hatten schließlich beide jede Menge Übung – wenn auch nicht zusammen. Darrel machte kein großes Getue um mich, auch wenn ich ihn oft dabei erwischte wie er mich beobachtete. Er nahm jede Geste, jeden Gesichtsausdruck und jedes Wort zur Kenntnis, aber er kannte mich gut genug, dass er mir nicht auf den Geist ging. Wir machten beide mehr Aufstand um Natalya, um sie in so viel Liebe und Zuneigung zu hüllen, um ihre Ängste und Angespanntheit zu beruhigen. Darrel sprach auch lange mit Bobby. Er war ängstlich und hatte versucht seine Furcht hinter kühler Logik zu verbergen. Ich erinnerte mich nicht daran, dass es in seinem anderen Leben auch so gewesen war, aber da war ich zunächst nur eine Katze und hatte es vielleicht nicht bemerkt.  Nach dem Gespräch mit Darrel schien Bobby erleichterter. Er kümmerte sich mehr um Natalya und begann sich ernsthaft auf das Baby zu freuen. Ich fragte mich wie viel dieses Kind mit ihrem Kind aus dem anderen Leben teilen würde. Immerhin hatte Bobby kein Teleskop und von Alienentführungen hatte ich auch noch nichts gehört. Da musste ich mir wenigstens keine Gedanken um einen bestimmten Halbalien machen...



Worüber wir uns Gedanken machen mussten, war ein Name. Da wir beide so lange gelebt und so viele Kinder gehabt hatten, war es nicht so einfach einen gefälligen Namen zu finden, den wir entweder noch nicht vergeben hatten oder mit dem wir nichts unangenehmes verbanden. Wir entschieden uns – im Gegensatz zu Natalya und Bobby – das Geschlecht schon vor der Geburt bestimmen zu lassen. So mussten wir uns nur um den Namen für ein Geschlecht Sorgen machen.
„Du bekommst einen Urenkel.“, berichtete ich Oma nach dem letzten Ultraschall. „Ja, alles ist in Ordnung. Der Arzt ist sehr zufrieden mit uns. …. Ja, sicher. … Wir haben uns noch nicht endgültig entschieden. Wir wollen sicher sein, schließlich muss der Kleine sein ganzes Leben mit dem Namen rumlaufen! Da nennt man sein Kind nicht einfach was-weiß-ich Horst-Dieter oder so. … Ja...Ich dich auch.“



Als ich auflegte, hörte ich Darrel schmunzeln. „Horst-Dieter?“ Er hatte sich Seutsch von Oma und mir beibringen lassen und seine Aussprache hatte sich immens verbessert.
„Ganz bestimmt nicht!“, sagte ich entschieden. „Oma ist so aufgeregt, ich mache mir fast ein bisschen Sorgen deswegen. Sie wird nicht jünger.“
„Henny ist unverwüstlich.“, beruhigte er mich. „Sie wird nicht ewig leben, aber sie wird sich vermutlich weigern, vor der Geburt ihres Urenkels zu sterben.“
„Ja. Jonas wird seine helle Freude mit ihr haben.“ Ich lehnte mich gegen Darrel. „Was uns wieder zurück zu dem Namensproblem führt. Und nein, Horst-Dieter steht nicht zur Diskussion!“



Kurz vor der Niederkunft konnten wir endlich die Renovierung der Küche beenden. Durch die Schwangerschaft und die notwendigen Ausgaben hatten wir uns dagegen entschieden, neue Fliesen zu legen. Wichtiger war die Anschlüsse zu erneuern und die Küchenmöbel rechtzeitig aufzubauen. Herzstück der Küche war der antike Ofen, der dank Darrels Einsatz wieder wie neu glänzte. Überhaupt hatte er sich selbst übertroffen. Schweren Herzens hatten wir uns vom Küchensofa verabschiedet. Doch wir bedachten jetzt schon den Platz für Damians Hochstuhl. Ja, wir hatten uns auch endlich auf einen Namen einigen können.





Das war auch gut so, denn kurz darauf setzten die Wehen ein. Ein paar Tage später konnten Damian und ich von Darrel nach Hause gebracht werden. Damian war ein pflegeleichtes Baby – im Gegensatz zu Natalyas und Bobbys Sohn Jeremy, der ein paar Tage später zur Welt kam. Die beiden taten mir fast ein bisschen leid: Darrel und ich als erfahrene Eltern wären mit einem Quengler wie Jeremy wahrscheinlich besser klar gekommen. Doch trotz durchwachter Nächte wollten die beiden ihr Söhnchen auf gar keinen Fall mehr hergeben. Bobby nahm sich einen Monat Urlaub um jeden Tag bei Natalya und Jeremy zu sein. Er liebte den Kleinen abgöttisch. Selbst verständlich hätten Darrel und ich Damian auch nicht mehr hergeben. Ich hatte für jedes meiner Kinder einen Platz in meinem Herzen und jedes dieser Kinder war etwas Besonderes. Doch ich kam nicht umhin, in Damian noch etwas mehr zu sehen als in den Kindern vor ihm – er war das Produkt von Darrel und mir. Wenn man bedachte, dass wir einst Erzfeinde gewesen waren, fand ich er ist wirklich etwas Besonderes...



Damian war knapp drei Monat alt, als wir zu Beginn des Winters ein merkwürdiges Paket erhielten. Ich konnte den Poststempel nicht entziffern und zögerte zunächst es zu öffnen. Es war etwa so groß wie ein Wasserkasten, aber sehr leicht. Ich schüttelte es sanft, hörte aber nur Füllmaterial rascheln. Ein Absender stand natürlich auch nicht darauf. Mit der Hoffnung, dass es schon keine Bombe sein würde, nahm ich es mit in die Küche und öffnete es vorsichtig.
Als erstes fiel mir ein handgeschriebener Brief in die Hände. Ich überflog ihn rasch. Meine Augen wurden immer größer und mein Herz begann schneller zu schlagen. Schließlich ließ ich den Brief sinken und fluchte herzhaft. Sobald Damian älter wurde, musste ich mir das dringend abgewöhnen!
Im Paket war eine Puppe. Ich erkannte die Art von Puppe und zusätzlich stand in dem Brief noch, was uns erwartete. Seufzend nahm ich die Puppe und ging ins Schlafzimmer. An der Tür hielt ich inne. Darrel sang Damian leise vor. Natürlich war es nicht die selbe Stimme wie in Sanctuary, aber seine Sprachmelodie hatte sich erhalten. Und natürlich war Darrel auch in diesem Leben musikalischer als ich in allen Leben zusammen. Manchmal fand ich die Verteilung von Talenten ungerecht... Ich lauschte eine Weile und wischte mir dann verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Hey.“, unterbrach Darrel meine Gedanken. „War was wichtiges in der Post?“
„Sozusagen.“ Ich kam in den Raum und präsentierte ihm die Puppe.



„Nicht gerade eine Schönheit.“, bemerkte er.
Ich hielt der Puppe die Ohren zu. „Hör nicht auf das, was der böse Onkel sagt!“ Ich seufzte und begann dann zu erklären: „Die Puppe hat Akki geschickt. Sie ist mit ihrer Strafe offenbar durch und untergetaucht. Sie schrieb, dass sie nicht mehr über ihren Aufenthaltsort sagen könne, aber sie sich bemühe uns auf dem Laufenden zu halten und und weiterhin beschützen will.“
„Ja. Genau. Wir wissen wie es beim letzten Mal geendet ist.“, bemerkte Darrel grimmig.
„Denk' nicht darüber nach. Sie ist gewiss, dass wir sicher sind. Allerdings....“ Mein Blick wanderte zwischen Damian und der Puppe hin und her. „Es sieht so aus, als würden die Beobachter spätestens in Damians Generation versuchen wieder die Kontrolle zu erlangen.“
Ich wusste nicht wie ich es Darrel schonender hätte beibringen können. Als ich Akkis Brief in der Küche gelesen hatte, hatte sich mein Magen zusammengezogen und ein dicker Kloß in meinem Hals gebildet. Ich wertete es als gutes Zeichen, dass mein Herz nur ein bisschen schneller geschlagen hatte. Ich war wütend geworden. Doch dann hatte ich mich beruhigt. So lange Darrel und ich lebten würden wir Damian beschützen und ihm. Ich gab nicht viel auf Akkis Hilfe oder ihre Beteuerungen, aber sie schien weiterhin auf unserer Seite zu sein. Sie wollte auch für Damian und eventuelle weitere Kinder da sein. Oder zumindest aus ihrem Exil helfen...
Ich konnte an Darrel Gesicht sehen, was er dachte. Er war wütend und würde am liebsten zu den Beobachtern marschieren und ihnen den Garaus machen. Ich wäre sofort mit ihm gegangen! Doch dann beruhigte sich sein Ausdruck und sah lange auf Damian nieder, der mit wachem Blick zu mir sah.
„Und die Puppe?“ Darrels Stimme klang kontrolliert, doch ich wusste wie angespannt er war.
„Erinnerst du dich daran, dass Peanut ursprünglich ein imaginärer Freund war?“



Darrel nickte. Seine Kiefermuskeln mahlten. Ich hatte ihn lange nicht mehr so durcheinander gesehen. Sanft legte ich meine Hand auf seinen Arm und produzierte ein aufmunterndes Lächeln. „Diese Puppe kann zu einem imaginären Freund werden. Wenn Damian sie ins Herz schließt und es schafft durch seine Zuneigung einen Lebensfunken in der Puppe zu entzünden, dann kann die Puppe ein Eigenleben entwickeln. Und Damian könnte sie später zu einem richtigen Sim machen. Akki will, dass sie ihm zur Seite steht und ihn beschützt.“
„Peanut war auch mal so eine Puppe?“, fragte Darrel nachdem er lange geschwiegen hatte. Er wiegte Damian sanft hin und her. Dabei ließ er die Puppe nicht aus den Augen. Ich nickte.
„Bist du sicher, dass sie von Akki kommt?“
„Ja. Der Stil in ihrem Brief ist identisch mit dem Stil aus den Unterhaltungen. Ich kann sie förmlich vor mir sehen, auch wenn ich nicht weiß wie sie aussieht.“
„Traust du ihr?“



Dieses Mal überlegte ich lange, bevor ich antwortete. Ich sah auf unseren süßen, unschuldigen Sohn nieder und dachte darüber nach, was in Santuary geschehen war. Ich dachte an das Telefonat, dass ich mit Akki vor fünf Jahren geführt hatte. Damals hatte ich gedacht, sie wäre aus meinem Leben verschwunden.
„Akki ist vielleicht nicht die geschickteste und sehr von ihrer Helferrolle überzeugt, aber sie hat nie etwas getan, was uns geschadet hat. Zumindest nicht absichtlich. Sie meint es gut und sie ist ehrlich. Ich vertraue ihr.“
Darrel bettete Damian in seiner Armbeuge um. Dann fuhr er sich mit der Hand über den Kiefer. „Ich bin zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Ich mag Akki nicht, aber ich glaube sie will uns wirklich helfen.“ Er sah die Puppe kritisch an. „Gut. Damian kann die Puppe haben. Wenn sie seinem Schutz dient...“ Er brach ab und sah mich traurig an. Ich drückte seine Schulter. „Zuallererst werden wir Damian schützen. Wir werden dafür Sorgen, dass er sich zu wehren weiß und die Beobachter nicht einlässt. Wenn uns die Puppe dabei helfen kann – umso besser!“
Darrel beugte sich vor uns gab mir einen Kuss auf den Scheitel. Ich kicherte leise. „Nur sollten wir der Puppe nicht einen so dämlichen Namen geben.“
Das brachte auch Darrel zum Lachen. „Da hast du recht. Er tat mir immer leid deswegen.“ Er warf einen Blick auf die Puppe. „Sie ist fast schwarz. Was hältst du von Kitty?“
„Kitty?“
„So wie wir dich als schwarze Katze genannt haben. Passend zu Felinger.“
Ich sah die Puppe an und nickte. „Kitty. Ok.“ Ich legte die Puppe in Damians Kinderbett. „Auch wenn ich immer noch meine, dass es Felingra heißen müsste...“
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am Fr Feb 26, 2016 4:44 pm

Zurück nach Seutschland

Es kam wir ein Déjà-vu vor. Wieder stand ich vor Omas Wohnung und wieder ließ mich der Hausmeister ein, da Oma nicht zuhause war. Seufzend stellte ich meine Reisetasche in den Flur und machte mich rasch im Bad frisch. Der lange Flug steckte mir in den Knochen. Die verschärften Sicherheitsvorkehrungen machten das Reisen noch anstrengender. Ich setzte mich vor der Couch auf den Boden nachdem ich ein Feuer im Kamin entzündet hatte. Der Frühling ließ in Seutschland noch auf sich warten. Während ich auf Oma wartete starrte ich in die Flammen und ließ mir die letzten Wochen durch den Kopf gehen.



Ich hatte im Laden von dem Unglück in Sindien gehört. Da ich in einem Kundengespräch war, hatte ich dem Radiobericht keine allzu große Aufmerksamkeit gewidmet. Doch irgendwie ließ mich der Bericht nicht los. Als ich heimkam, warf ich einen Blick ins Internet. War im Radio noch von einem  Unglück die Rede gewesen, so fanden sich jetzt neue Erklärungen: Es könnte ein Anschlag auf das Büro einer Hilfsorganisation gewesen sein. Meine Erinnerung kam zurück....
Darrel kam wenig später mit Damian von seinem Besuch bei Bobby und Natalya wieder. Er sah mit einem Blick, dass etwas nicht stimmte. Er nahm den schlafenden Damian aus dem MaxiCosi und brachte ihn in sein Bett. Kurz darauf kam er mit dem Babyphon in der Hand zurück in die Küche.
„Was ist passiert?“
Ich deutete auf den Bildschirm des Laptops. „Ich erinnere mich an den Anschlag.“
Darrel beugte sich über mich und überflog den Newsticker.



„Ich habe davon im Geschichtsunterricht gehört. Hätte er nicht eigentlich schon vor - ich weiß nicht dreißig Jahren? - passieren müssen?“
„In deiner Zeitlinie. Ja. In meiner Zeitlinie passt es.“ Ich erinnerte ihn daran, dass unsere Rückkehr in unsere ersten Leben die Zeitlinien durcheinander gebracht hatten, da ich eigentlich dreißig Jahre älter war. „In meiner Zeitlinie passierte der Anschlag, als ich Mitte zwanzig war.“ Darrel kannte mein Alter.
Er nickte verstehend und rieb sich über seinen Unterkiefer. „Es gibt nichts was du hättest dagegen unternehmen können.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das weiß ich.“ Ich fuhr mir durch die Haare. „Meine Mutter ist bei dem Anschlag umgekommen.“
Mit großen Augen sah die Liebe meiner Leben mich an. Er griff meine Hand und drückte sie bevor er mich vom Stuhl in eine Umarmung zog. „Es tut mir so leid!“
„Ach.“, sagte ich und suchte Trost an seiner Schulter. „Ist ja nicht so, dass ich besonders an ihr hängen würde. Habe ich damals auch nicht. Aber … vielleicht hätte ich sie warnen können?!“
Darrel streichelte meinen Rücken. Nach einer Weile erwiderte er: „Ich fürchte es gibt nichts, was du hättest tun können.“
„Aber vielleicht hätte ich etwas tun müssen!“
Er schob mich auf Armlänge von sich weg und sah mich ernst an. „Kira, nein. Du konntest daran nichts ändern. Erinnerst du dich an das was der Sensemann gesagt hat? Als Fawn starb?“
Wie könnte ich das vergessen? Sofort schossen mir die Tränen in die Augen. Darrel zog sich wieder an mich. „Nicht Kätzchen. Das ist vorbei. Aber erinnere dich: Wenn das Todesdatum feststeht, dann kann man nichts daran ändern!“ Er klang gefasster als ich es erwartet hatte. Wir hatten in diesem Leben nie über Fawn gesprochen.
„Davon abgesehen – hast du vor den Nachrichten von heute jemals an den Anschlag erinnert?“



Ich schüttelte den Kopf und wischte mir die Tränen aus den Augen.
„Wie hättest du deine Mutter dann warnen können? Und hätte sie überhaupt auf die gehört?“
Ich biss mir auf die Unterlippe. „Nein. Sie hätte mir nicht geglaubt. Und ich hätte es ihr vermutlich eh nicht sagen können. Wir können ja nicht über die Vergangenheit sprechen.“
„Siehst du?“ Er küsste meinen Scheitel. „Ich verstehe, dass es dich aufregt und du durcheinander bist. Ich bedaure die Opfer und mein Mitgefühl gilt den Angehörigen. Aber wir hätten es nicht verhindern können. Nicht mit den Einschränkungen, die uns auferlegt sind.“ Er entließ mich aus der Umarmung, suchte ein Taschentuch und reichte es mir. „Ich hätte nicht erwartet, dass sie manche Dinge aus unseren ersten Leben wiederholen. So vieles ist anders!“
Nachdem ich mir geräuschvoll die Nase geputzt hatte, nickte ich. „Mir geht es auch so. Ja, Natalya und Bobby haben sich trotzdem gefunden, aber viel früher als beim ersten Mal. Und ihr erstes Kind heißt nicht John. Und Bobby ist nicht von Aliens entführt worden.“ Das „Noch nicht“ sparte ich mir – wer wusste schon ob ihm das nicht noch blühte. „Vielleicht wussten die Sensemänner nicht, wie sie so viele Sims, deren Todesdatum heute sein sollte und die sich dort aufgehalten haben, auf einmal einkassieren sollen. Also musste der Anschlag wieder passieren.“ Mir war nicht nach Galgenhumor, aber es half mir etwas.

Das war vor zwei Wochen gewesen. Einige Tage später erhielt ich einen Anruf von Oma. Entgegen ihrem ansonsten sonnigen Gemüt und ihrer unzerstörbaren guten Laune, war sie in Tränen aufgelöst. Da ich den Anruf erwartet hatte, konnte ich gefasster damit umgehen. Ich versuchte sie möglichst zu beruhigen und buchte noch am selben Abend einen Flug nach Seutschland. Darrel bot an mich zu begleiten, aber ich wollte Damian nicht alleine zurücklassen. Es war schlimm ohne die beiden zu fliegen.



Omas Rückkehr riss mich aus meinen Gedanken. Sie sah schlecht aus und älter als ich sie in Erinnerung hatte. Wortlos stand ich auf und nahm sie in den Arm.
„Keine Mutter sollte ihr Kind begraben müssen.“, sagte sie schließlich. Sie richtete sich auf und strich ihre Kleidung glatt. „Nicht mal, wenn sie so ein schlechtes Verhältnis zu ihrem Kind hat. … hatte.“ Dann musterte sie mich. „Wie geht es dir?“



Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nicht sicher. Um ehrlich zu sein, seit ich in Riverview bin, habe ich kaum Kontakt zu ihr gehalten. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft wir telefoniert haben. Sie schien auch nicht besonders an meiner Heirat oder Damian interessiert zu sein.“ Ich führte Oma zur Couch. „Aber ich habe mich genauso wenig für ihr Leben interessiert. Es tut mir leid, dass sie so früh und dann so sterben musste. Und ich habe Mitgefühl mit dir, Vater und Lennard.“ Ich warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Wie kommt ihr klar?“
Oma schien sich wieder gefangen zu haben. Sie nickte bevor sie antwortete: „Ich schlage mich durch. Isabellas und mein Verhältnis war immer noch angespannt, aber seit Lennards Geburt haben wir wieder mehr Kontakt gehabt. Sie hat mir immer noch meinen Lebenswandel übel genommen.“



Oma war immer ein Freigeist gewesen. Nach der Schule war sie mit anderen Künstlern durch Simropa gereist und einen unsteten Lebenswandel geführt. Sie war früh schwanger geworden und ich hatte meine Mutter einmal sagen hören, dass sie sicher wäre, dass Oma nicht einmal wusste wer ihr Vater sei. Oma hatte Isabella bei ihren eigenen Eltern abgeliefert und hatte noch eine Zeitlang ihr Leben wie zu vor geführt. Bevor Isabella jedoch in den Kindergarten gekommen war, war Oma zurück nach Seutschland gekommen und hatte ihre Tochter zu sich genommen. In eine Kommune. Sie blieben dort bis Isabella auf die weiterführende Schule ging. Erst danach hatte sich Omas Leben etwa stabilisiert, auch wenn sie weiterhin eine unkonventionelle, alleinerziehende Künstler-Mutter blieb.



„Dein Vater funktioniert auf Autopilot.“, fuhr Oma fort. „Lennard scheint seine Mutter bisher noch nicht zu vermissen.“
„Hat sie es wieder so gemacht wie bei mir?“
Oma nickte. „Für sie hat die Arbeit immer im Vordergrund gestanden. Sie hat Lennard geliebt und wollte bestimmt nur sein Bestes, wie auch Daniel. Aber du weißt, wie sich das bei deinen Eltern äußert.“
Ja, das wusste ich: KiTa von Geburt an, Frühförderung, eine meistens körperlich abwesende Mutter und ein meistens geistig abwesender Vater. In einem waren sie sich allerdings einig: Leistung und ein „ordentliches“ Leben inklusive „ordentlicher“ Beruf waren die wichtigsten Punkte in ihrem Leben und dem ihrer Kinder. Ich seufzte.
„Ganz genau!“ Oma stand auf. „Kaffee? Ich glaube ich lebe im Moment von dem Zeug.“
Ich erhob mich ebenfalls und musterte sie erneut. „Pass auf dich auf ja? Es hilft nichts, wenn du dich gleich neben sie legst.“
Das brachte mir einen schrägen Blick ein, doch schließlich lachte sie. „Keine Sorge. Ich will mindestens hundert werden. Mit Kaffee. Und Zucker. Und Milch. Und all den ungesunden Dingen die das Leben lebenswert machen.“ Während sie zur Küchenzeile ging, fuhr sie fort: „Das ist allerdings etwas, dass ich nicht vermissen werde: Isabellas ständiges Genörgel wegen meiner Gesundheit.“
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am So Feb 28, 2016 12:40 pm

Lennard

Oma und ich zogen in den nächsten Tagen vorübergehend bei meinem Vater ein. Er brauchte Unterstützung bei der Organisation der Beerdigung und Lennards Versorgung. Oma hatte Recht: Vater lief mehr oder weniger auf Autopilot. Er wirkte wie ein Roboter und brachte kaum mehr als zwei Worte über die Lippen. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nie klar gewesen, wie sehr mein Vater an meiner Mutter gehangen hatte. Er litt unter ihrem Verlust und ich hatte großes Mitleid mit ihm. Ich musste an Darrel denken und das trieb mir die Tränen in die Augen. Wir telefonierten jeden Tag und er schickte mir Unmengen an Bildern von Damian. Trotzdem vermisste ich die beiden schmerzhaft. Ich hoffte, dass ich die Beerdigung bald hinter mich gebracht hatte.



Der einzige Lichtblick war Lennard, der inzwischen drei Jahre alt war. Selbstverständlich konnte er sich nicht an mich erinnern, aber er mochte mich auf Anhieb. Schon nach dem ersten Tag bat mein Vater mich, Lennard nachts mit zu mir ins Zimmer nehmen. Es war offensichtlich, dass er das Kind nicht um sich haben konnte ohne an seine Frau zu denken. Und Lennard war in der Nähe meines Vaters sehr angespannt. Er schien zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Wie Oma schon bemerkt hatte, schien er seine Mutter nicht zu vermissen. Aber er war es ja auch gewöhnt, dass sie selten da war. Lennard würde sehr viel besser zurecht kommen als mein Vater.

„Henny, kannst du mit Lennard bitte ins Wohnzimmer gehen? Ich muss etwas mit Kira besprechen.“, bat mein Vater Oma am Abend vor der Beerdigung nachdem wir gegessen hatten. Oma nahm ihren Enkel wortlos auf den Arm und verließ das Esszimmer. Sie warf mir einen kurzen Blick zu. Ich hoffte nur, Vater würde mich nicht bitten auf der Beerdigung eine Rede zu halten -  ich wüsste nicht, was ich sagen sollte.



„Kira, als Isabella … als Isabella und ich uns entschieden haben, Lennard zu bekommen haben wir notariell festgelegt, dass du die Vormundschaft bekommst, sollte uns etwas passieren.“, eröffnte er mir.
Ich zog die Augenbrauen steil in die Höhe. Ich fragte mich, wann sie mir das mitteilen wollten. Wahrscheinlich nie – es sei denn der Fall der Fälle trat ein. „Du lebst noch.“ Das war eine Feststellung und sie war nicht besonders feinfühlig.
Vater nickte langsam. Die Trauer hatte seine Falten noch vertieft und er sah so viel älter aus als er war. „Ja. Aber ich...ich weiß nicht wie ich mich um Lennard kümmern soll!“
„Du hast dich doch auch um mich gekümmert, wenn Mutter nicht da war. Und ich schätze bei Lennard war es bisher nicht anders.“ Mir schwante etwas.
Abermals nickte er. „Als du klein warst, war ich jünger. Isabella kam immer zurück. Jetzt kehrt sie niemals zurück.“
Ich griff über den Tisch und drückte mitfühlend seine Hand. „Es tut mir so leid, Vater.“



Er starrte auf meine Hand, dann erwiderte er kurz und kraftlos den Druck. „Ich weiß einfach nicht wie es weitergehen soll. Bitte, kannst du Lennard nicht zu dir nehmen?“
Behutsam zog ich meine Hand zurück und versuchte meine Gesichtsmuskulatur unter Kontrolle zu halten. „Vater, Lennard ist kein Möbelstück, das mein einfach in der Verwandtschaft verteilen kann, wenn es nicht mehr passt. Er ist dein Sohn! Meinst du nicht, dass er dich braucht?“ Es kostete mich große Mühe meine Stimme ruhig und kontrolliert zu halten. „Oma ist auch hier. Sie kommt hervorragend mit Lennard klar und kann dir in der ersten Zeit helfen.“
„Wärst du so herzlos und ließest deinen Bruder im Strich?“ Obwohl er mir in den letzten Tagen wie ein Roboter vorgekommen war, war er nun gegenwärtig genug um auf mein schlechtes Gewissen zu setzen.
Selbstverständlich würde ich Lennard nicht im Stich lassen. Ich hatte ihn sofort in mein Herz geschlossen und mir graute vor dem Moment meiner Abreise. Erst recht jetzt, wo ich wusste, dass mein Vater Lennard nicht wollte...



„Du willst ihn nicht.“ Grimmig sah ich ihn an.
Es brauchte eine Weile, bis Vater antwortete. „Ich will das beste für ihn. Das bin nicht ich und nicht das Leben, das ich ihm bieten kann.“ Er klang besiegt. Seine Stimme war brüchig und es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass er weinte.
Schweigend wendete ich den Kopf ab. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Inzwischen wäre es mir fast lieber, er hätte mich gebeten eine Trauerrede zu halten.
Nach einer Weile hörte ich meinen Vater sich schnäuzen, dann räusperte er sich. Ich hob den Kopf und sah ihn an.
„Es wäre das Beste für Lennard. Selbstverständlich werde ich Unterhalt bezahlen, aber du würdest die Vormundschaft und alle Entscheidungsbefugnisse erhalten.“ Er war wieder ganz der Beamte.



„Hast du mal daran gedacht, dass ich im Simerika wohne? Dass ich verheiratet bin und selbst einen Sohn habe?“ Er wollte mich unterbrechen, doch ich hob die Hand. „Du glaubst vielleicht, dass du jetzt nicht weißt wie du mit Lennard umgehen sollst oder glaubst, dich nicht um ihn kümmern zu können. Was ist in ein paar Monaten? Nächstes Jahr? In zehn Jahren? Wenn dir dann auf einmal einfällt, dass du doch noch mal Vater spielen möchtest, kommst du dann und reißt Lennard wieder aus seiner gewohnten Umgebung?“
„All das habe ich bedacht. Wenn du ihn zu dir nimmst, dann komme ich nur um ihn zu besuchen. Nicht um ihn dir wegzunehmen.“
„Verdammt noch mal! Hier geht es nicht um mich! Es geht um einen kleinen Jungen!“, entfuhr es mir.
Doch Vater fuhr – scheinbar ungerührt – fort: „Die eingangs erwähnte notarielle Verfügung legt fest, dass du die Vormundschaft erhältst, wenn auch nur einer von uns beiden stirbt oder pflegebedürftig wird.“



„Großartig. Einfach nur großartig.“, murmelte ich und fuhr mir durch die Haare. Ich sah über den Tisch zu meinem Vater.
„Du solltest mit deinem Mann sprechen.“, beendete er unser Gespräch.
Wie ein kleines Kind, das fortgeschickt wird, erhob ich mich gehorsam und verließ das Esszimmer. Ich bemühte mich leise die Treppe hochzugehen, schloss vorsichtig die Tür zum Gästezimmer, warf mich aufs Bett und schrie meine Frustration in das Kissen.



Meine Telefonrechnung in diesem Monat würde ungeahnte Höhe erklimmen. Darrel und ich sprachen fast zwei Stunden. In Riverview war es mitten am Tag, so dass Darrel irgendwann sein Headset einklemmte, damit er gleichzeitig mit mir sprechen und sich um Damian kümmern konnte. Wir waren beide der Meinung, dass meine Eltern mit ihrer verkorksten Einstellung besser kein zweites Kind hätten kriegen sollen. Aber wir waren auch der Meinung, dass Lennard nichts dafür konnte und mehr verdient hatte.



„Und schließlich ist es nicht so, als hättest du etwas gegen große Familien … aaah...ich wusste ich hätte ein Tuch zum Bäuerchen machen über die Schulter legen sollen.“
„Man könnte meinen, dass du das inzwischen gelernt hast.“ Ich sehnte mich so sehr nach den beiden. Das lange Telefonat tröstete mich nur ein bisschen. „Ich werde ein paar Tage länger bleiben müssen, bis ich alles geregelt habe.“ Mir graute jetzt schon vor den Gängen zum Jugendamt, dem simerikanischen Konsulat und wer-weiß-was-noch alles auf mich zu kam. „Darrel, ist es wirklich ok für dich? Tun wir das richtige?“
Ich hörte ihn kurz mit Damian sprechen, der natürlich nur mit Gluckslauten antworteten konnte. „Ja Kätzchen. Es ist gut so. Ich weiß nicht, ob es das richtige ist, aber Lennard hat eine Familie verdient, die ihn will. Er ist nicht die erste verlorene Seele, die du einsammelst. Wir kümmern uns um den Jungen und sorgen für ihn wie für Damian.“ Ich hörte wie er durch das Haus ging. „Und Damian bekommt so früher ein Geschwisterchen als geplant. Einen älteren Bruder.“
„Ich liebe dich.“, sagte ich spontan. „Ich wünschte ich wäre bei euch.“



„Es dauert nicht mehr lang. Setz' einfach bei den Ämtern deine Krallen ein. Wart' mal kurz....So jetzt bin ich ganz dein. Damian ist in der Schaukel und ist wie immer begeistert von dem Mobile.“ Kurz darauf ertönte die Kindermusik aus dem Lautsprecher der Schaukel. Die hatte ich eigentlich nicht vermisst. „Ich liebe dich auch Kätzchen. Kopf hoch. Wir kriegen das schon hin! Wenigstens musst du dich dieses Mal nicht mit einem Teenager prügeln.“
Ich musste lachen, als ich an Neo und Charis dachte, die wir bei uns ins Sanctuary aufgenommen hatten. Darrel hatte recht: Lennard wäre nicht die erste verlorene Seele, die wir aufnahmen.



„Mit der verlorenen Seele meinte ich nicht die Kinder, Kira.“ Wie immer hatte Darrel meine Gedanken gelesen. Selbst auf die Entfernung. Vielleicht hatte ich aber auch nur wieder laut gedacht.
„Ich meinte mich. Du hast mich gefunden und gerettet.“
„Du weißt schon, dass das voll kitschig klingt?“ Kaum hatte ich das ausgesprochen, da biss ich mir auf die Unterlippe.
Doch Darrel lachte nur. „Und mir vorwerfen, eine Greencard wäre ein unromantischer Grund zum heiraten!“
„Darauf wirst du noch rum reiten wenn wir alt und grau sind...“
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Re: Felinger Legacy

Beitrag  Akki am So Feb 28, 2016 7:55 pm

Abschied und Aufbruch

Ich suchte im Gesicht meines Vaters nach einem Anzeichen für Zufriedenheit oder Überlegenheit, als ich ihm später am Abend unsere Entscheidung mitteilte. Doch seine Mimik verriet nichts, als er sich bedankte. Wir würden am Tag nach der Beerdigung die nötigen Schritte in die Wege leiten.
Oma nahm die Nachricht zwiegespalten auf. Auf der einen Seite war sie froh, dass Lennard so zu einem fürsorglichen Familienleben kam, auf der anderen Seite bedeute es, dass sie von ihren beiden Enkeln getrennt war. Doch ein gewisses Funkeln in ihren Augen sagte mir, dass Oma noch einen Weg finden würde um das zu ändern.
Nach der Beisetzung fand eine Trauerfeier im Gemeindehaus statt. Ich verabschiedete mich relativ bald und benutzte Lennard als Ausrede. Mit Oma im Schlepptau, trafen wir bald in meinem Elternhaus ein. Wir legten Lennard zu seinem Mittagsschlaf in mein Bett und begannen Kaffee zu kochen und Schnittchen zu machen. Vater hatte angedeutet, dass der ein oder andere nach der Feier noch hier auftauchen würde.



Tatsächlich kam Vater wenig später mit einigen anderen Sims. Die meisten kannte ich noch aus meiner Kindheit: Enge Freunde oder Nachbarn meiner Eltern. Ich entdeckte Alriks Mutter und beeilte mich, Land zu gewinnen. Lennard war inzwischen wach deswegen ging ich nach oben und wickelte ihn frisch. Er sprach sehr gut und lief ohne Probleme, aber die Sache mit dem Töpfchen erschloss sich ihm nicht so richtig. Die Pampers war doch viel bequemer! Kein lästiges Ausziehen, kein kalter Töpfchensitz...
„Lennard, du bist doch schon ein großer Junge. Da brauchst du die Windel doch nicht mehr!“
„Bin ich groß?“
„Im Vergleich zu Damian, ja.“
„Wer ist das?“
„Damian ist mein Sohn und er ist noch ganz klein. Möchtest du mit zu mir kommen und ihn kennenlernen?“ Ich war nicht sicher, ob und wie ich Lennard klar machen konnte, dass er in Zukunft bei uns leben würde.
„Ja!“ Lennard sprang vom Töpfchen und wollte mit runter gelassener Hose losmarschieren.
„Nicht so schnell!“ Ich fing ihn auf, bevor er sich lang machte. „Das ist eine lange, lange Reise. Die müssen wir erst vorbereiten.“
Er wartete geduldig bis ich ihn angezogen hatte. „Mit Auto?“
„Mit dem Auto und mit dem Flugzeug.“



Er machte große Augen und steckte sich den Daumen in den Mund. Dann strahlte er, rannte zu seinem Bücherregal und holte ein Bilderbuch. Es war über Flugzeuge. „Flugzeug!“
Ich war erstaunt wie präzise und gut er sich ausdrückte. Offenbar hatten die Frühförderungskurse doch etwas gebracht. Ob er sie vermissen würde in Simerika? Darrel und ich hatten einfach nicht die Zeit und das Geld ein Kleinkind an mehreren Tagen in der Woche durch die Gegend zu fahren. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mehr davon hielt, mich selbst mit den Kindern zu beschäftigen als andere dafür zu bezahlen.

Nachdem ich Lennard zweimal das Flugzeug-Buch vorgelesen hatte, traute ich mich mit seiner Unterstützung wieder nach unten. Die meisten waren schon gegangen. Vater saß mit Alrik und seinen Eltern auf der Couch. Ich nickte ihnen freundlich zu. Vater und Alriks Eltern erhoben sich und verabschiedeten sich. Zögerlich ließ ich mich mit Lennard auf dem Arm neben Alrik auf die Couch.



„Ich möchte dir mein Beileid zum Tod deiner Mutter ausdrücken.“, sagte er etwas steif.
„Danke.“ Lennard zappelte und rutschte von meinem Schoß. Ich gab ihm das Spielzeugauto, dass wir mitgebracht hatten.
„Wie geht es dir?“, fragte Alrik. Ich hatte nicht wirklich Lust auf Smalltalk mit ihm, aber ich hatte mich ja selbst neben ihn gesetzt.
„Gut. Danke. Und dir?“
„Gut. Danke.“ Er sah auf meine Hände. „Ich hab gehört, du seist verheiratet.“ Auf mein Nicken hin fuhr er fort. „Du trägst gar keinen Ring.“



Ich lachte leise. „Bloß nicht. Den würde ich dauernd bei der Gartenarbeit oder beim Kochen verlieren. Darrel trägt nicht gerne Ringe, die stören ihn beim Arbeiten. Also haben wir uns dagegen entschieden.“
„Ich kann mich dich gar nicht bei der Gartenarbeit vorstellen.“ Alrik rückte seine Brille zurecht und grinste spitzbübisch. „Früher hast du dich nicht gerade für die Natur interessiert. Und jetzt züchtest du Rosen?“
„Rosen? Um simmers willen.“ Ich kicherte. „Nein, wir pflanzen Obst und Gemüse an.“
Bald waren wir in ein freundschaftliches Gespräch verstrickt. Es war nicht länger unangenehm mit ihm zu sprechen, erst recht nicht, als ich erfuhr, dass er sich auch vor kurzem verlobt hatte. Es hatte mich schon gewundert, dass er rasiert, frisiert und mit einem richtig zugeknüpften Hemd aufgetaucht war. Irgendjemand musste ihm also geholfen haben.



Die nächsten Tage waren noch stressiger als vor der Beerdigung. Mit den seutschen Behörden gab es keine größeren Schwierigkeiten, außer den üblichen Verzögerungen. Ein Problem war, ein Visum  für Lennard zu bekommen. Ein unbefristet Visum war undenkbar und das bedeutete, ich müsste regelmäßig mit ihm zurück nach Seutschland. Ich hatte inzwischen eine Greencard, aber da Darrel und ich erst anderthalb Jahre verheiratet waren, konnte ich noch nicht die Staatsbürgerschaft beantragen. Die Dame aus dem Konsulat war zunächst reichlich unwirsch und entnervt, aber schließlich drückte ich auf die Tränendrüse und erzählte ihr, dass Lennard seine Mutter bei dem Attentat verloren hatte und mein Vater aufgrund seiner Trauer einfach nicht in der Lage war sich um ihn zu kümmern. Das stimmte sie tatsächlich milder und gemeinsam konnten wir nach einer Lösung suchen. Schließlich fanden wir eine Lösung: Darrel und ich würden Lennard adoptieren müssen. Als simerikanischer Staatsbürger erhielten alle Kinder von Darrel – so sie nicht ohnehin in Simerika geboren waren – eine Greencard und konnten später die Staatsbürgerschaft beantragen. Damit wäre Lennards Einreise und sein Aufenthaltsstatus geklärt.



Darrel erklärte sich dazu bereit, sofern mein Vater einverstanden war. Dieser erbat sich nicht einmal Bedenkzeit, sondern veranlasste sofort die Einleitung des Adoptionsverfahrens. Es ging viel Papierkram hin und her, aber endlich konnte ich Lennard nehmen und mit ihm nach Simerika fliegen. Insgesamt war ich fast zwei Monate von Darrel und Damian getrennt und ich wusste nicht, wie lange ich es noch aushalten konnte. Lennard hatte sich sehr an mich gewöhnt und schien nicht von meiner Seite – beziehungsweise von meinem Arm – weichen zu wollen. Er war unglaublich anhänglich geworden und ich fürchtete den Moment in dem er realisierte, dass er mich würde teilen müssen.



Doch diese Befürchtung stellte sich als unbegründet heraus. Mit großen Augen sah Lennard seinen kleinen Neffen an. Ganz andächtig sagte er immer wieder „Baby. Baby Damian.“. Vorsichtig streichelte er Damians Köpfchen, zuckte aber etwas ängstlich zurück als dieser unkoordiniert nach ihm patschte. Wir erklärte ihm, dass Damian das noch nicht konnte, weil er so klein war.
„Und ich bin groß.“, stellte er mit einer anbetungswürdigen Mischung aus seutsch und simlish fest. Ich hatte langsam begonnen mit im simlish zu sprechen – nur um festzustellen, dass er in eine zweisprachige KiTa gegangen war und simlish gut verstand.
„Ja, du bist groß.“, erwiderte Darrel und kitzelte ihn, während er ihn in sein Bettchen legte. Wir hatten ein zweites Gitterbettchen in unser Schlafzimmer gequetscht, denn ich brachte es nicht übers Herz ihn oben alleine schlafen zu lassen.



Lennard überlegt kurz, dann streckte er die Ärmchen nach Darrel aus. „Dann geh ich jetzt Töpfchen.“
Rasch verbarg ich mein Lachen in Damians Bauch. Der prustete los, weil ich ihn dabei mit der Nase kitzelte.
„Ok, dann geht’s noch mal aufs Töpfchen für den großen Jungen.“, erwiderte Darrel seelenruhig. Er war so wunderbar mit beiden Jungs. Lennard hatte ihn zu Beginn etwas irritiert angeguckt. Ich hatte ihm zwar von meinem Mann erzählt, aber so ganz begriffen über was ich sprach hatte Lennard es zunächst nicht. Doch nach ein paar Stunden hatte er sich akklimatisiert und war Darrel genauso aufgeschlossen gegenüber wie mir.
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Re: Felinger Legacy

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