Wayfar

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Wayfar

Beitrag  GreenPhoenix am Fr Aug 02, 2013 6:12 pm

Die Insel auf der sich meine Apokalypse FaDyCha abspielen wird heißt "Wayfar". Im Original heißt sie Sonnenberg und kann hier runtergeladen werden.

Viel Spaß beim Lesen Smile
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GreenPhoenix
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Prolog

Beitrag  GreenPhoenix am Fr Aug 02, 2013 6:15 pm

Es war so stockfinster, dass man nicht einmal die eigene Hand vor seinen Augen sehen konnte. Kein einziges glitzern eines Sternes schaffte es diese Düsternis zu durchdringen. So eine Nacht hatten die Bewohner der Insel Wayfar noch nie erlebt. Bisher ist sie jedoch an den Einwohnern, die alle selig in ihren Betten schlummerten, ereignislos wie jede Nacht zuvor vorangeschritten.

Dunkel war es, aber bei weitem nicht leise. Der Wind zog seufzend seine Bahnen zwischen den Bäumen, und ließ die Blätter rascheln, jedoch war dies das gewohnte Wiegenlied der Wayfarer, so dass sie weiterhin in ihren Träumen versunken blieben. Wäre es ausnahmsweise einmal windstill gewesen, wäre womöglich der ein oder andere von dem unterdrückten Fluch, der in einem Windstoß unterging, aufgewacht. So aber konnte sich unbemerkt ein Fremder mitten ins Herz von Wayfar einschleichen.

Geduckt hockte der Unbekannte hinter einem Holzstapel, während eine pechschwarze Katze sich auf leisen Sohlen von hinten an ihn heranschlich. Er hatte sich absichtlich von Norden der Siedlung genähert, damit der warme Südwind seinen Geruch nicht in die Nase irgendeines verweichlichten Kätzchens oder Schoßhündchens trug, das womöglich noch ängstlich angefangen hätte zu winseln. Seine geschärften Sinne, dank derer er auch im Dunkeln sehen konnte, warnten ihn im allerletzen Moment. Die Katze setzte gerade zum Sprung an, als ihn ein kribbeln auf seiner Handfläche auf ihre Präsenz hinwies. Bei der anschließenden Drehung, die er vollführen musste um das Mistviech außer Gefecht zu setzen, stieß er sich den Fuß an dem Holzstapel den er als Deckung nutzte. Ein Fluch kam ihn über die Lippen, mehr aus Wut als aus Schmerz, den er zum größten Teil aber runterschluckte. Mitten in der Luft hing die Katze, eingefroren im Sprung, alle viere von sich gestreckt und die grünen Augen weit aufgerissen. Grimmig blickte der Eindringling sie an, und ärgerte sich über sich selbst. Früher wären ihn solche Fehler nicht passiert, er wird anscheinend doch langsam alt. Gut, dies war sowieso sein letzter Auftrag, dann konnte er sich gemütlich zur Ruhe setzen. Er drehte sich wieder um, während die Katze geräuschlos zu Boden glitt und leblos liegen blieb.

Später in der Nacht konnte man beobachten, wie sich aus dem Zentrum der Insel heraus rasend schnell ein Licht ausbreitete. Für einen kurzen Moment war die bis eben noch in dunkelster Finsternis liegende Insel so hell erleuchtet, dass man vor Schmerzen die Augen schließen hätte müssen, wenn es denn jemand gesehen hätte. Der Spuk war genauso schnell vorbei wie er begonnen hatte.
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GreenPhoenix
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1.1

Beitrag  GreenPhoenix am Fr Aug 02, 2013 6:33 pm

„Hast du in letzter Zeit mal wieder was von der Familie Wanderer gehört?“ möglichst unschuldig blickte Saha ihre Großmutter über ihre Hausaufgaben hinweg an. Sie weiß sehr wohl dass ihre Oma von den Geschwistern Wanderer, einschließlich Alice Black, nicht gerade viel hält.

„Hm, nichts neues, wieso fragst Du?“ erwiderte Gerta beiläufig, nachdem sie ihren ersten Schrecken in einem Hustenanfall getarnt hatte.


(Gerta Ornelli mit Saha Ornelli)

Saha ging der heutige Schultag nochmals durch den Kopf. Ihre beste Freundin, und Sitznachbarin in der Schule, Manuela Sanger, erzählte ihr heute während des Sportunterrichtes, dass sie Gerta Ornelli in der Bibliothek gesehen hätte. An sich nichts besonderes, da die Bibliothek eines der wenigen Gebäude auf Wayfar war, das mittlerweile wieder errichtet worden war. Seither tummeln sich die meisten Einwohner der Insel dort in ihrer Freizeit. Hellhörig wurde Saha allerdings dann doch, als ihre Freundin meinte sie hätte Alice Black getroffen.


(Alice Black (links) im Gespräch mit Manuela Sanger (rechts))

„Und wo Alice ist, ist meist auch Adrian Wanderer nicht weit.“ Plapperte Manuela munter weiter. Es ist weithin bekannt, dass die beiden schon seit ihrer Kindheit immer zusammen kleben, meistens verkrümeln sich die beiden heutzutage aber in ihrem Haus bzw. Garten, um dort ihren Hobbies nachzugehen.

„Wieso waren die beiden denn in der Bibliothek?“ wollte Saha neugierig wissen.

„Alice wollte mit meiner Mutter sprechen, warum wollte sie mir aber beim besten Willen nicht verraten.“ Empörte sie sich. So beleidigt wie sie klang, hatte sie offensichtlich auch ihre Mutter erfolglos danach gelöchert, worum es in diesem scheinbar nicht ganz so zufälligen Treffen ging. Das kratzte natürlich schon sehr an dem Ego ihrer Freundin, das war Saha völlig klar. Mit Bewegung hatte Manu zwar nicht viel am Hut, aber Reden kann sie, und überzeugend ist sie dabei auch immer. Das hatte sie eindeutig von ihrer Mutter geerbt, die sich schon sehr früh politisch hochgearbeitet hatte. Heute ist sie, Macey Sanger, die Bürgermeisterin von Wayfar, und genießt seit dem großen Unglück vor 15 Jahren sehr großes Ansehen bei den Bewohnern.



(Macey Sanger)

„Und dann dachte ich, ich seh nicht richtig!“ verschwörerisch blickte Manu Saha an.
„Über was plaudert deine Oma gemütlich mit Adrian Wanderer in der Bibliothek? Seit wann hat sie ihre Meinung über die drei Geschwister und Alice geändert?“ fragend blickte sie Saha an, als ob diese wüsste worum es bei der ganzen Sache ging. Tja, wusste sie aber auch nicht.



(Gerta Ornelli im Gespräch mit Adrian Wanderer)

„Ach, und Balthasar war übrigens auch da.“ Grinste sie Manu wissend an.
Als hätte er das Gespräch der beiden Freundinnen gehört, blickte Balthasar gerade in dem Moment rüber zu Saha. Für einen kurzen Augenblick erwiderte sie seinen Blick, ein dämliches Grinsen verzog ihren Mund, dann lief sie rot an und blickte hastig nach unten. Der Pausengong erlöste sie schließlich, und sie konnte sich in der Mädchenumkleide in Sicherheit bringen.



(Alice Black plaudert mit Balthasar Wanderer)

Sahas Augen nahmen einen leicht verklärten Blick an, als sie an Balthasar dachte, den kleinen Bruder von Adrian. Bevor sie weiter in ihren Träumereien versinken konnte, wurde ihr wieder klar wo sie gerade war, und kehrte wiederwillig in die Realität zurück.
„Ach, nur so…“ nuschelte sie ihrer Großmutter noch schnell zu, während ihr schon wieder die Röte ins Gesicht stieg. Ihre Hausaufgaben, mit denen sie noch nicht mal zur Hälfte fertig war, packte sie wieder weg, und floh möglichst unauffällig aus der Wohnküche.


Zuletzt von GreenPhoenix am Mo Aug 05, 2013 6:31 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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1.2

Beitrag  GreenPhoenix am Mo Aug 05, 2013 6:29 pm

„Saha schmeißt heute Abend eine Party und ich darf nicht mit? Das ist sowas von fies!!“ gekränkt blickte Manu ihre Mutter an. Aber diese ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken.
„Erstens, junges Fräulein, gibt die „Party“, wie du es nennst, nicht Saha, sondern ihr Großvater Ronny.“ Manus Augen blitzten, doch Macey war immer noch die Ruhe selbst. „Und Zweitens ist das überhaupt keine Party, sondern das jährliche Treffen der Bürgersprecher von Wayfar, das diesmal die Ornellis ausrichten.“ Fuhr sie geduldig fort.
„Aber Saha wird auch dort sein!“ meckerte Manu kleinlaut weiter, sie wusste ja dass sie bereits verloren hatte. Das Treffen fand viel zu spät statt, um noch vor der Ausgangssperre wieder zu Hause sein zu können. Das würde sie zwar nicht aufhalten, aber wenn sie ihrer Mutter direkt so vor den Augen aller Anderen auf der Nase herumtanzte, würde auch ihr Vater nicht mehr darüber hinwegsehen. Und der drückte sonst bei seinen Kindern immer beide Augen zu. Außerdem hatte der Babysitter auch keine Zeit, deshalb blieb es wie so oft an ihr hängen, auf ihren kleinen Bruder Don aufzupassen. Dass sie das eigentlich sehr gerne machte, wollte sie ihrer Mutter aber auch nicht auf die Nase binden. Trotzdem passte es ihr überhaupt nicht, dass sie nicht mit durfte. Aber Saha war ja da, schließlich wohnte sie ja dort, also konnten sie ihr auch nicht verbieten dabei zu sein. Ein Grinsen wollte sich auf ihr Gesicht schleichen, als sie daran dachte, dass ihre beste Freundin ihr morgen sowieso alles brühwarm erzählen würde. Das heißt, soweit es etwas Interessantes gab. Diese Treffen waren meist sehr langweilig und zäh. Aber hier ging es schließlich ums Prinzip. Sie konnte gerade noch verhindern, dass ihr ihre Gesichtszüge entgleisten, und versuchte eine unverfängliche Mine aufzusetzen.


(v.l.n.r. Macey Sanger, Don Sanger und Manuela Sanger)

Macey schloss kurz die Augen und atmete einmal tief durch, ihre Fassade der Ruhe begann langsam zu bröckeln. „Manuela, „ begann sie erneut „wie oft müssen wir das noch durchkauen?“
Eine Antwort darauf blieb ihr erspart, denn ihr Vater betrat genau in diesem Moment das Zimmer.
„Wir sind schon spät dran, kommst du?“ fragend blickte er seine Frau an. Manu konnte sehen wie unruhig ihr Vater war, sie wusste wie sehr er es hasste zu spät zu kommen.
Ihre Mutter warf ihr noch einen mahnenden Blick zu, und damit war die Diskussion endgültig beendet.
Während Macey ihre Jacke holen ging, ließ Leo es sich nicht nehmen seinen Sohn noch einmal ordentlich durch zu kitzeln, was dieser mit einem freudigen Lachen quittierte. Lächelnd setzte er seinen Sohn ab und wuschelte ihn zum Abschied noch einmal durch seine blonden Haare.


(Don Sanger mit seinem Vater Leo Sanger)

„Danke, dass du dich so lieb um Don kümmerst.“ Liebevoll sah er seine Tochter an, bevor er sie noch kurz in die Arme schloss.
Nachdem sie das Auto ihrer Eltern wegfahren hörte, setzte sich Manu auf den Boden zu ihrem Bruder. Sie liebte den kleinen Don wahnsinnig, und mit ihm zu spielen war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen.
Ihre Eltern hätten normalerweise trotzdem den Babysitter gerufen, selbst wenn sie zu Hause war. Nicht weil sie ihr nicht trauen würden, sondern weil es vor allem ihrer Mutter am liebsten war, wenn sie sich um ihre Bildung kümmerte. Ihr machte das Lernen auch unheimlich Spaß, und am Unterricht in der Schule beteiligte sie sich mit großem Elan. Was ihren Noten auch deutlich anzusehen war, sehr zum Stolz ihrer Eltern. Mal abgesehen vom Sportunterricht.
Ein prickeln durchlief ihren ganzen Körper, während sie mit Don spielte. Sie musste gerade an Wolle denken, dem Babysitter. Sie war sich selber nicht so ganz klar darüber, ob sie sich darüber freute, dass er heute Abend nicht auf ihren kleinen Bruder aufpassen konnte. In letzter Zeit fühlte sie sich immer unsicher wenn er in ihrer Nähe war, und es fiel ihr schwer zu sprechen. Das ist ihr bisher noch nie passiert, sonst hatte sie immer eine freche Antwort parat. Andererseits ertappte sie sich immer häufiger dabei, wie sie an ihn dachte.
„Manu, spielen!“ sie schreckte aus ihren Grübeleien hoch, als ihr kleiner Bruder sie mit seinen großen blauen Augen unschuldig anblickte, nachdem er sie mit einem Holzwürfel seiner Steckbox beworfen hatte. Sie kitzelte ihn einmal durch, was Don einen freudigen Quietscher entlockte. Dann spielte sie für den Rest des Abends zusammen mit ihm an seinem Lieblingsspielzeug.


(Manu spielt mit Don)
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1.3

Beitrag  GreenPhoenix am So Aug 11, 2013 5:29 pm

Der Morgen hatte gerade erst begonnen, und Alice war bereits in ihrem Garten anzutreffen. Nach einem herzhaften Gähnen schüttelte sie sich noch einmal um halbwegs wach zu werden. Mit dem frühen Aufstehen hatte sie eigentlich nie Probleme, aber das Treffen der Bürgersprecher gestern Abend hatte sich dann doch bis weit in die Nacht hinein gezogen. Anschließend saß sie noch lange mit Adrian zusammen in der Küche um den kommenden Tag zu besprechen. Prompt löste sich die Düse von der Gießkanne, und ein Schwall Wasser ergoss sich über die Tomatenpflanze die sie gerade gießen wollte. Sie fluchte lautstark als ihr das eiskalte Nass über die nackten Füße schwappte. Jetzt wurde ihr auch bewusst, dass sie in ihrem Nachthemd draußen stand.


(Alice Black in ihrem Garten)

Zurück in der Küche begann sie das Frühstück vorzubereiten. Sie wollte noch gemütlich mit Adrian Essen, bevor sie beide das Haus verlassen mussten. Als ihr beim umrühren des Waffelteiges ständig der halbe Inhalt um die Ohren flog, war sie sich sicher, dass sie das Kochen heute wohl besser ihrem Mitbewohner überlassen hätte. Der war von ihnen beiden bei weitem der motorisch Begabtere. „Sim, ich komm mir vor als hätte ich heute nochmals meinen ersten Schultag, so zappelig wie ich bin“ musste sie grimmig denken.
Die Waffeln waren gerade im Ofen, als sie von einem lauten Knall abgelenkt wurde. Sie hörte wie Adrian einen Fluch hervor presste, und eilte ins Schlafzimmer um zu sehen was passiert war. Ihr bester Freund hüpfte auf einem Bein, und ließ sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück auf sein Bett fallen. Schnell war sie bei ihm „Geht’s dir gut?“ besorgt blickte sie ihn an.
„Hab mir den Fuf am Frank angeftoffen und dabei auf die Funge gebiffen!“ brachte er hervor, während er sich mit einer Hand den verletzen Fuß hielt, und mit der anderen ins Gesicht fasste. Als sie zur Kommode blickte, konnte sie auch sehen was den Lärm verursacht hatte. Die Pflanze die darauf stand, lang nun umgeben von Scherben auf dem Boden.
„Warte, ich hol dir schnell Eis für deinen Fuß.“ Beim Öffnen der Küchentür kam ihr bereits eine schwarze Wolke entgegen. Panisch lief sie zum Herd und holte mit hängenden Schultern die verbrannten Waffeln aus dem Ofen. Heute war wirklich nicht ihr Glückstag.


(Alice Black in der Küche)


~~~


Zum gefühltem hundertsten Mal blickte Manu nach vorne auf die große Uhr, die über der Tafel hing. Es war kurz vor 8Uhr und der Unterricht würde gleich beginnen. Obwohl einige Stühle frei waren, war Saha die Einzige Schülerin die noch fehlte. Sie hatten ausgemacht, dass sie sich heute früher als gewöhnlich in der Schule treffen würden, um ausgiebig über den gestrigen Abend reden zu können. Ungeduldig klopfte sie mit den Fingern auf der Tischplatte herum, da wurde gerade die Tür zum Klassenzimmer geöffnet. Sie warf einen vernichtenden Blick in Richtung des Neuankömmlings. Sie wollte Saha deutlich zeigen, dass sie sauer war weil sie so lange warten musste. Als sie realisierte wer da gerade hereingekommen war, und sie jetzt frech angrinste, fiel ihr buchstäblich die Kinnlade auf den Schreibtisch. Ein Feuerwerk breitet sich in ihrem Bauch aus, und lief in allen Richtungen gleichzeitig durch ihren Körper. Ihre Hände wurden schweißnass und langsam wurde ihr schwindelig. Dann wurde ihr klar, dass sie die Luft angehalten hatte, und sie atmete geräuschvoll aus. Wolle zwinkerte ihr zu als er den freien Platz vor ihr ansteuerte. Sie wollte zurück lächeln, was ihr kläglich misslang, da ihr Mund immer noch sperrangelweit offen stand. Das wurde ihr erst in diesem Moment klar. Sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter, soweit das überhaupt möglich war.
„Hey, Manu!“ sprach er sie gut gelaunt an. Jetzt wo sie endlich ihren Mund geschlossen hatte, war es schwer ihn wieder zu öffnen. Alles was sie raus bekam war ein piepsiges „Hi!“ Wolle zwinkerte ihr nochmals zu bevor er sich umdrehte. Den Rucksack den er lässig über seiner rechten Schulter getragen hatte, setzte er in einer fließenden Bewegung neben dem Tisch ab, während er sich auf dem Stuhl niederließ. Er begann nach seinem Block und Stiften zu graben, und Manu wäre jetzt am liebsten vor Scham im Boden versunken. „Was machte Wolle in ihrem Klassenzimmer?!?!“ dachte sie panisch, während sie verstohlen seinen Rücken anstarrte.
Vor ihrem geistigen Auge sah sie wieder, wie sie zum ersten Mal mit ihm gesprochen hatte. Don war gerade erst auf die Welt gekommen, und Wolle war zum Babysitten bei ihr zu Hause. Als sie von ihren Nachmittagskursen zurück kam, stand er gerade vor ihr als sie das Haus betrat. Damals hatte er sie genauso angegrinst wie gerade eben. Natürlich hatte sie ihn schon vorher gesehen, er ging ja in die gleiche Schule wie sie, nur eben in die Parallelklasse.


(Manuela Sanger mit Wolle Schnapp)

Eine Hand fuchtelte vor ihrem Gesicht herum und weckte sie so aus ihrer Starre. Als sie den Kopf drehte blickte sie in das Gesicht von Saha, die sie mit hochgezogenen Augenbrauen angrinste. Manu war so durch den Wind, dass sie sogar vergaß wie sauer sie eben noch auf ihre Freundin war. Mit Blicken gab diese ihr zu verstehen nach vorne zu Schauen. Sie tat wie geheißen und konnte gerade noch verhindern, dass ihr schon wieder die Kinnlade nach unten viel. Eben war sie so auf Wolle fixiert gewesen, dass sie gar nicht mitbekam wie noch mehr bekannte Gesichter das Zimmer betraten, welche hier normalerweise nichts zu suchen hatten.


~~~


Alice folgte Adrian, der etwas humpelte, in das Klassenzimmer. Sie hatten es, nach einem hastig gefrühstückten Müsli, auf den letzten Drücker noch geschafft rechtzeitig in der Schule anzukommen. Und jetzt kam sie sich vor wie der Depp vom Dienst, als sie da zusammen mit den anderen Erwachsenen, zufällig der Größe nach sortiert wie Orgelpfeifen, vor den Jugendlichen stand. Nervös rang sie ihre Hände, und fragte sich zum wiederholten Mal, ob das Ganze so eine gute Idee gewesen war. Schließlich ging sie die Geschichte nochmals im Kopf durch, während der Direktor, Ronny Ornelli, mit seiner Ansprache begann.
Nach der großen Katastrophe wollten die Überlebenden nicht von der Insel wegziehen. Für die Kinder bestand selbstverständlich weiterhin Schulpflicht. Glücklicherweise stand das Schulgebäude noch, nur Lehrer hatten sie keine. Die Eltern die auf Wayfar blieben, wollten ihren Nachwuchs aber auch nicht aufs Festland, oder gleich ins Internat schicken. Als Übergangslösung stellte man schließlich Lehrer ein, die sich bereit erklärten in den Notunterkünften zu leben. Auf lange Sicht ein teurer Spaß, also musste eine andere Lösung her. Denn die Gehälter der Lehrer verschlangen sämtliche Einkommen, welche die Insel bisher aus Exporten erzielen konnte. Es war unmöglich, dass Wayfar so wachsen und sich weiterentwickeln würde.
Deshalb kam man auf die Idee, die Lehrer selbst zu stellen, ohne Gehalt. Von dem gesparten Geld war es geplant Einrichtungen zu errichten, die allen zu Gute kommen würden. Damit die Bewohner selbst unterrichten durften, mussten sie aber zuerst einige Prüfungen bestehen. Nun da dies geschafft war, konnten sie keinen Rückzieher mehr machen.
Das Gefühl das Richtige zu tun, minderte die Nervosität die Alice jetzt empfand, in keinster Weise. Sie spürte Adrians Blick auf sich ruhen, und wandte ihm ihre Aufmerksamkeit zu. Er sah sie auffordernd an und nickte ihr zu. Dann bemerkte sie, dass die anderen Erwachsenen gerade dabei waren das Klassenzimmer wieder zu verlassen. Rasch schloss sie sich ihnen an, als ihr wieder einfiel das Adrian die erste Stunde hielt. Da sie noch Zeit hatte bis sie an der Reihe war, machte sie sich auf den Weg Richtung Lehrerzimmer, in der Hoffnung sich irgendwie ablenken zu können.


~~~


„Wo warst du heute Morgen so lang?“ fuhr Manu ihre Freundin vorwurfsvoll in der ersten Pause an, welche die beiden bei dem schönen Wetter im Freien genossen.
Entschuldigend guckte Saha sie an. „Mein Fahrrad hatte einen Platten. Den Reifen zu wechseln war immer noch schneller als her zu laufen. Mein Opa war auch schon lange weg, deshalb konnte er mich nicht mitnehmen. Du hast ja mitbekommen, dass er heute besonders früh in der Schule war, wegen der Vorstellung unserer neuen Lehrer.“ Versuchte sie das Thema zu wechseln. Manu machte eine wegwerfende Handbewegung und ging bereitwillig darauf ein.
„Ja, das wurde bereits vor einem Jahr schon angekündigt, ich hatte das nur irgendwie wieder vergessen.“ Saha grinste sie wissend an, und erinnerte sie so wieder an Wolle. Sie wollte sich jetzt gerade nicht auf dieses Thema einlassen. In der Unterrichtsstunde zuvor hatte sie schon fast überhaupt nichts mitbekommen. Ihre Gedanken kreisten so sehr um ihren neuen Mitschüler, dass sie erst wieder einen klaren Kopf bekam, als um sie herum alle anfingen laut zu lachen. Warum? Was war ihr entgangen? Alles was sie registrierte war, dass Adrian rot anlief. Dann wurde sie so sehr von Wolles herzhaftem Lachen abgelenkt, dass sie wieder wegdriftete. Unfreiwillig entrang sich ihrer Kehle ein Stöhnen. Wie sich herausstellte haben doch einige Eltern, unter anderem auf Grund des Lehrerwechsels, beschlossen wegzuziehen. Dadurch waren sie jetzt deutlich weniger Schüler, so dass es nur noch eine Klasse in ihrem Jahrgang gab. Was hieß, dass sie Wolle ab sofort ständig vor sich hatte. Sie wusste beim besten Willen nicht wie sie es fertig bringen sollte, sich weiterhin im Unterricht zu konzentrieren. Wie Saha das aushielt, jeden Tag Balthasar im Unterricht zu sehen, war ihr ein Rätsel. Darüber wollte Manu aber gerade nicht reden, also fuhr sie eilig fort: „Jetzt erzähl mal was gestern Abend los war. Hast du rausgefunden worum es bei dem Treffen in der Bibliothek letztens ging?!“
Saha verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Nein, aber Alice hat so komische Andeutungen mir gegenüber gemacht.“ Manus Augen begannen zu leuchten, begierig auf jeden noch so kleinen Fetzen Information. Saha beeilte sich weiter zu reden, bevor ihre Freundin sie mit Fragen überhäufen konnte. „Sie meinte ich würde mich, wenn es dann so weit wäre, genau so sehr darüber freuen wie Adrian. Was auch immer „es“ sein sollte, wann „es“ sein sollte, und was das mit Adrian und mir gemeinsam haben sollte, weiß ich nicht. Mehr war wirklich nicht aus ihr heraus zu bekommen. Als dann meine Oma plötzlich dazu kam, verfiel sie in Schwärmereien über die Natur“


(v.l.n.r Alice Black, Saha Ornelli, Gerta Ornelli)

Enttäuscht zog Manu eine Schnute, wollte so schnell aber nicht aufgeben. „Ich wette, „es“ hat etwas mit der nächsten Lieferung vom Festland zu tun, die nächsten Monat hier eintreffen wird. In der Zwischenzeit tut sich hier ja sowieso nichts“ grübelte sie laut darüber nach. Sie wurde ihn ihrem Gedankengang unterbrochen, als ihr Blick auf Saha fiel, die unendlich traurig aus der Wäsche guckte. Manu ahnte bereits was ihrer Freundin so zu schaffen machte, hakte aber trotzdem vorsichtig nach: „Was ist noch gestern Abend passiert?“
Saha blickte nach unten und starrte auf ihre Schuhspitzen. Sie druckste etwas herum, platzte dann aber schließlich doch damit heraus: „Meine Oma und Alice Black haben sich mal wieder gestritten. Ihr passte es überhaupt nicht, dass die Wanderer Geschwister und Alice uns jetzt unterrichten werden.“


(im Vordergrund v.l.n.r Alice Black, Saha Ornelli, Ronny Ornelli, Gerta Ornelli; im Hintergrund links Adrian Wanderer, rechts Ronja Wanderer)

Manu hob hilflos die Schultern. „Das war aber abzusehen. Sie hatte wohl gehofft die drei würden die Prüfungen nicht schaffen. Aber vielleicht hat das Ganze ja auch etwas Gutes, und ihr Ansehen steigt bei deiner Großmutter zukünftig etwas.“ Versuchte sie Saha aufzumuntern. Immer noch niedergeschlagen hob ihre Freundin langsam den Kopf. Ein Funken Hoffnung begann in ihren Augen zu klimmen. „Dann hat sie bestimmt auch nichts mehr gegen Balthasar“ konnte sich Manu nicht verkneifen mit einem großen Grinsen im Gesicht noch hinzuzufügen.
Der letzte Kommentar führte dazu, dass Saha knallrot wie eine Tomate anlief. Ihre roten Haare verstärkten den Effekt nur noch mehr, wodurch Manu in ein unverschämtes Kichern verfiel.
„Mmh… das spielt ja eigentlich gar keine Rolle, Balthasar beachtet mich ja sowieso nicht.“ Brachte ihre Freundin etwas verlegen hervor.
„Ach was, so ein Blödsinn. Du solltest mal sehen wie er dich ansieht wenn du gerade nicht hinsiehst. Ich sag dir, der ist sowas von verknallt in dich.“ Führte Manu in dem ihr eigenen Elan aus.
„Du meinst so wie du Wolle immer ansiehst?“ Konterte Saha mit hochgezogenen Augenbrauen.
Verdammt, damit hatte Manu jetzt nicht gerechnet, das nahm ihr jetzt völlig den Wind aus den Segeln. „Ich, äh… wir sollten wieder reingehen, die nächste Stunde fängt gleich an“ stammelte sie. „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass meine Mutter schwanger ist? Ich bekomm noch ein weiteres Geschwisterlein.“ Versuchte sie weiter ihre Freundin abzulenken. Diese grinste sie nur an, während sie sich in Richtung Klassenzimmer auf den Weg machten. Sie wussten beide, dass sie dieses Thema schon mehr als ausführlich erörtert hatten.
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1.4

Beitrag  GreenPhoenix am Mo Aug 19, 2013 6:43 pm

Es regnete, um nicht zu sagen es schüttete wie aus Eimern, und das schon seit ein paar Tagen. Gerta Ornelli blickte nach oben in den Himmel und genoss das Gefühl von Regen auf ihrer Haut. Ein Lächeln zog über ihr Gesicht, als sie an das Frühstück heute Morgen dachte. Denn Ronny meinte scherzend: „Es wird wirklich langsam Zeit, dass die da oben einen ordentlichen Handwerker bestellen, bei dem Rohrbruch im Himmel!“ Saha und sie mussten losprusten, während er ihr verschmitzt zuzwinkerte. Ihr Ehesimo war schon wirklich ein seltsamer Kauz, aber sie liebte ihn immer noch so sehr wie am Tag ihrer Hochzeit.


(Saha und Ronny Ornelli beim Frühstück)

Ein Geräusch ließ sie aus ihren Gedanken hochschrecken, worauf sie sich suchend umblickte. Nicht weit entfernt konnte sie eine Krähe ausmachen, die sie jetzt wieder, selbst über den heftigen Regen hinweg, krächzen hörte. Unwillkürlich entfuhr Gerta ein Seufzer während sie platschend ihren Weg fortsetzte. Sie war gerade dabei gewesen in ihrem Gemüsegarten nach dem Rechten zu sehen, aber das ging jetzt vor.
Ihre gute Laune verflog schlagartig und sie musste an Früher denken. Damals gab es sehr viele Tiere auf Wayfar. In jedem Haushalt gab es mindestens eine Katze, einen Hund oder ein Pferd, meistens sogar mehr. Das seltsame war, dass alle Tiere spurlos verschwunden waren seit der großen Explosion vor 15 Jahren. Wieso man das Ereignis „die große Explosion“ nannte ist ihr bis heute immer noch unklar. Wäre es wirklich eine Explosion gewesen, hätte man doch irgendwo Zeichen von Zerstörung, oder zumindest irgendwelche Trümmer vorfinden müssen. Die Insel machte aber eher den Eindruck, als hätte jemand einfach alles fein säuberlich wegradiert, wie auf einer Landkarte. Nur ist er dabei etwas schlampig vorangegangen und hatte ein paar Gebäude und Sims übersehen, denen nicht mal ein Haar gekrümmt wurde. „Zumindest waren ihre Kleidungsstücke die sie am Leib trugen nicht wegradiert, das Aufwachen war so schon peinlich genug.“ musste sie sarkastisch denken. Der Humor ihres Ehesimos hatte anscheinend abgefärbt.

Langsam näherte sie sich der Krähe, und als sie schließlich vor ihr stand, entdeckte sie nicht weit entfernt noch eine Echse. Vorsichtig fing sie die beiden Tiere ein und verstaute sie in den mitgebrachten Transportboxen. Da Tiere so selten auf Wayfar waren, war es die Pflicht jedes Bewohners sie einzusammeln und in einer tiergerechten Box ins Stadion zu bringen. Von dort aus wurden sie dann zur Untersuchung aufs Festland gebracht. Nach einem Gesundheitscheck wurde ihnen ein Chip implantiert um sie nach der Freilassung auf Wayfar wiederzuerkennen. Man hofft auf diese Weise vielleicht Hinweise auf die Ereignisse vor 15 Jahren zu finden, bisher aber ohne Erfolg.


(Gerta Ornelli beim einsammeln der Tiere)

Gerta machte sich auf den Weg um die Tiere abzuliefern. Ihre gute Laune von heute Morgen kehrte wieder zurück, als sie daran dachte, dass nächste Woche die neue Lieferung vom Festland eintrifft. Saha würde sich so sehr freuen, und es machte sie und Ronny einfach glücklich wenn es ihrer Enkelin gut ging. Die Kleine hatte es bisher wahrlich nicht leicht in ihrem Leben gehabt. Naja, dass hatte eigentlich keiner der hier auf Wayfar lebte, zumindest seit den Ereignissen vor 15 Jahren.
Thalia, Gertas und Ronnys Tochter, hatte gerade herausgefunden, dass sie schwanger war. Der Vater des ungeborenen Kindes hatte sich daraufhin aus dem Staub gemacht, und war nirgendwo mehr auffindbar. Bei Sahas Geburt starb Thalia.
Gerta frägt sich bis heute, ob es eine Rolle gespielt hätte, wenn ihre Tochter damals nicht gestorben wäre. Denn in der gleichen Nacht, nur wenige Stunden später, fand die große Explosion statt. Wahrscheinlich hätte Thalia das gleiche Schicksal wie die meisten Bewohner der Insel geteilt. So oder so, Saha wächst seither ohne Mutter auf.
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Re: Wayfar

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