Lunar Lakes

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

Lunar Lakes

Beitrag  Akki am So Jan 06, 2013 6:47 pm

Hallo zusammen!

Hier geht es weiter mit Kira, Darrel und Akki.

Der erste Post ist noch einmal die Wiederholung des Interludiums, mit dem die Zuflucht abschließt.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am So Jan 06, 2013 6:47 pm

Was bisher passierte....

Es war meinem heftigsten Streit mit Corey (der in dem er mich als Flittchen bezeichnet hatte). Ich hatte anschließend Akki mein Leid geklagt, die aber plötzlich und ohne Vorwarnung aus dem Chat geflohen war, nachdem sie zuvor wieder davon gesprochen hatte, dass die Beobachter ihr auf den Fersen seien...
Ich sah den dunklen Bildschirm nachdenklich an. Vielleicht litt Akki wirklich nur unter Verfolgungswahn oder aber es war wirklich so, dass die HE sich mal wieder einmischen wollten. Wundern würde es mich nicht, aber ich hatte seit unserer Ankunft hier die Hoffnung, dass wir endlich mal in Ruhe gelassen würden.
Aber offenbar war die Schonzeit vorbei...
Ich verließ die Bibliothek an diesem Tag nicht. Als ich mich erhob, wurde es mir schwarz vor Augen und ich fiel in Ohnmacht.

Als ich wieder zu mir bekam, bemerkte ich als erstes den merkwürdigen Geruch. Es erinnerte mich an etwas, doch bevor ich die Erinnerung fixieren konnte, flog sie schon wieder vorbei. Ich hasste es, wenn mir etwas auf der Zunge lag, ich aber einfach nicht aussprechen konnte. Ich saß in einem ziemlich bequemen Sessel, der halb in die Waagerechte gekippt war. Neben dem Geruch vernahm ich noch ein sirrendes Geräusch, vielleicht so wie von einem Lüfter. Lüfter...Lüftungssystem! Sofort fiel mir ein woher ich den Geruch kannte. Ich fuhr halb aus dem Sessel und sah mich rasch um.



Links und rechts von mir waren zwei weitere Sessel. In einem lag Darrel. Er war noch bewusstlos und machte in seiner Bewusstlosigkeit ein verkrampftes Gesicht. Mir fiel zum ersten Mal auf, wie alt er geworden war. Der andere Sessel war von einer blonden, blassen Frau belegt, die ich nicht kannte. Aber ich hatten den dumpfen Verdacht, dass es Akki sein musste.



Zielsicher suchte ich das Bedienfeld meines Sessels. Ich richtete das Rückenteil auf und ließ den Finger über der Kommunikationstaste schweben. Doch ich musste niemanden von der Besatzung rufen: Ein Alien betrat in diesem Moment die Kabine.
"Du bist wach.", stellte er fest.
"Grandiose Erkenntnis.", grummelte ich. "Happy?"
"Nein. Ich bin ein Grumpy.", erwiderte der Alien säuerlich. Es gab bei einigen Expeditionsteam die Tradition sich nach den sieben Zwergen zu benennen. Bisher war ich immer an Happys geraten. Jetzt war Grumpy an der Reihe. Sein Gesicht war unfreudlich verzogen, passend zum Namen und er machte sich daran, Darrel zu wecken. Schnell sprang ich auf und hielt ihn am Handgelenk zurück. "Lass lieber mich das machen." Ich schob ihn bestimmt zurück, hielt aber dann inne bevor ich Darrel weckte. "Warum sind wir hier?"



Grumpy zog die Augenbrauen hoch. "Wecken wir erst die anderen. Ich hab keine Lust es mehrfach zu erzählen."
Ich schnaubte. So eine Frohnatur. Sanft legte ich meine Hand auf Darrels Schulter und beugte mich vor um seinen Namen zu flüstern. Doch Darrel blinzelte mich bereits aus einem Auge an. Er zwinkerte, um mir anzuzeigen, dass er schon länger wach war. Ich nickte kaum merklich und ließ auch seinen Sessel hochfahren. Hinter uns quiekte die vermeintliche Akki erschrocken auf. Darrel warf mir einen fragenden Blick zu, den ich mit einem Schulterzucken beantwortete.
"Was?", schrie die Frau auf. "Wer? Wo?"
"Sehr eloquent.", bemerkte Grumpy.
"Wie wäre es mit einer Erklärung, statt Beleidigungen?", fuhr ich ihn an. Ein Happy wäre mir lieber gewesen. Oder irgendein anderer Zwerg - äh, Alien.
"Sie haben mich gefunden...", stammelte jetzt die Frau, die für Akki hielt. Sie sah sich panisch um. Als sie mich und Darrel erblickte, wurde sie wenn möglich noch ein bisschen blasser. Ich hob die Hand zum Gruß und auch Darrel nickte ihr zu. Offenbar war er zum selben Schluss wie ich gekommen.
"Kira...Darrel....", stotterte sie und sah zwischen uns hin und her. Dann fiel ihr Blick auf Grumpy. "Bist du von ihnen geschickt worden?" Sie wich vor ihm zurück und kam in unsere Nähe. Hinter ihrem Rücken gab ich Darrel mit einer sehr universellen Geste zu verstehen, dass ich Akki inzwischen für vollkommen durchgeknallt hielt.
"Du hast recht Akki: Die Beobachter sind dir auf die Schliche gekommen.", erklärte Grumpy nun. "Sie finden es eben gar nicht lustig, wenn jemand in ihrem Revier wildert."
"Ich wildere nicht in ihrem Revier! Ich rette Leben!"
Japp - vollkommen durchgedreht.
Grumpy sah sie nur scheel an, bevor er fortfuhr: "Wir haben uns entschieden euch da raus zu holen und Sanctuary dimensional zu verschieben, damit die übrigen Bewohner dort in Ruhe leben können."
Rauszuholen, das verstand ich noch. Einmal fliegende Untertasse landen, beladen und ab dafür. Dimensional verschoben? Was auch immer.
"Ich hab keinen Bock schon wieder zehn Jahre in nem UFO durch die Gegend zu gurken.", maulte ich undiplomatisch.
"Wie heißt es bei euch? Einen geschenkten Gaul...?", entgegnete Grumpy ungerührt. "Wie dem auch sei: die restlichen Leute in Sanctuary sollten jetzt sicher sein, zumal ihr drei nicht mehr dort seid." Er sah uns der Reihe nach an. "Deine Idee, Sanctuary so zu verstecken wie du es getan hast, war gar nicht so dumm, Akki. Aber du hast natürlich nicht weit genug gedacht. Solange ihr der Erde gewesen seid, konnten euch die Beobachter immer aufspüren. Manchmal dauerte es länger, manchmal nicht. Dieses Mal hatte sie euch schon fast am Schlafittchen gepackt. Wir haben rechtzeitig genug eingegriffen."
Eine Mauer dreifachen Schweigens war unsere Entgegnung. Grumpy zuckte mit den Augenbrauen. "Wir haben deinen - bei allem Engagement - doch etwas stümperhaftem Versuch Sanctuary zu verstecken aufgebügelt und euch da rausgeholt. Wir bringen euch in Sicherheit." Er sah mich aus schwarzen Augen durchdringend an. "Ihr braucht nicht zu befürchten, dass ihr 'in einem UFO durch die Gegend gurken müsst'."
Ich widerstand dem Versuch ihm die Zunge raus zu stecken.
"Und wo bringt ihr uns dann hin?", mischte sich Darrel nun zum ersten Mal ein. Es sah so aus, als stände er ganz entspannt neben mir, aber auch wenn er inzwischen ein älterer Mann war, kannte ich ihn lang genug um zu erkennen, dass jeder Muskel seines Körpers angespannt war.
"Nach Lunar Lakes."
Wieder sahen wir in schweigend an. Er seufzte. "Das ist eine Kolonie auf einem Mond. Weit genug weg von jedem Beobachter. Sie haben dort keinen Einfluss."
Akki wurde wieder blass, dabei sollte sie sich doch eigentlich freuen, dass wir außerhalb des Einflussbereichs dieser Art von HEs waren.
"Wir haben dort über die Zeit verschiedene Völker angesiedelt, deren Heimatwelten zerstört worden sind. Von meinem Volk wohnt niemand dort im Moment. "
Yay, mal wieder eine neue Stadt, neue Menschen (oder Aliens) und dieses Mal auch ein ganz neuer Planet - langsam verstand ich wie sich Kinder von Militärangehörigen, die oft umzogen, fühlen mussten.
Grumpys Handgelenkkommunikator meldete sich mit einem unaufdringlichen Zirpen. Er tippte ihn sanft an und aus dem kleinen Gehäuse blubberte die Stimme eines anderen Aliens. Er sprach die Aliensprache, die ich allerdings nie gelernt hatte. Grumpy antwortete in der Mischung aus Pfeif- und Klicklauten. Ein erneutes Tippen bevor er uns wieder ansah. "Wir landen. Setzt euch hin und schnallt euch an." Ohne ein Abschiedswort verließ er den Raum.
"Sympathisches Kerlchen.", murmelte Darrel. Er setzte sich in den Sessel und sah sich interessiert dessen Konstruktion an.
"Der gelbe Knopf mit dem Symbol, dass nach einer Toilette aussieht.", erklärte ich ihm. "Damit schnallst du dich an." Darrel fand den Knopf und betätigte ihn nach kurzem Zögern. Er bedankte sich mit einem Nicken. Der arme Kerl musste kurz vor der Explosion stehen.
Ich wand mich an Akki, die sich nicht vom Platz gerührt hatte. "Komm." Ich fasste sie am Arm und führte sie zu ihrem Sessel. Sie ließ sich widerstandslos führen und hinsetzten. Ich schnallte sie an und wollte mich schon umwenden, als sich mich plötzlich am Arm fasste. "Ich wollte euch retten."
"Das wissen wir."
"Jetzt kann ich nichts mehr tun."
Ich machte mich sanft von ihr los und lächelte sie an. "Wir werden sehen. Jetzt wird es erstmal ein bisschen schaukelig." Ich beeilte mich auf meinen Platz zu kommen und mich anzuschnallen. Dann wendete ich meinen Kopf Darrel zu, um ihn beruhigend anzulächeln.
"In einem UFO rumgurken, ja?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Es war spannend, aber glaub mir, nach spätestens drei Wochen bekommt man einen ziemlichen Koller."
"Na, dann ist ja gut, dass wir gleich landen."
"Sag das nicht - Spucktüten haben sie hier nämlich nicht."
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am So Jan 06, 2013 7:18 pm

Ankunft in Lunar Lakes


Die Tüten brauchten Darrel und ich zum Glück nicht. Akkis Magen hingegen erwies sich als weniger flugfest und sie kotzte in hohem Bogen aus, was sich darin befand. Zum Glück landete davon nichts auf mir, aber der säuerliche Geruch von Erbrochenem begleitete uns noch eine ganze Weile.
Grumpy brachte uns zu einem kleines etwas abgelegenem Häuschen außerhalb des Zentrums von Lunar Lakes. Er erklärte uns, dass die Bewohner von Lunar Lakes extra nach Büchern über die Erde und die Menschen für uns eingerichtet hatten. Nun, ihre Bücher mussten schon etwas älter sein...



Aber wir hatten ausreichend Platz, funktionierende Sanitäranlagen, eine Küche - und vor allem: genügend Betten! Keine Schlafsäcke!
Ich wies Darrel grinsend auf die Betten hin, doch er antwortete nur mit einem müden Lächeln. Offenbar hatte ihm der Flug mehr zugesetzt als es zunächst den Anschein hatte. Er ließ sich einer Couch nieder und machte nicht den Eindruck, als wolle er sich bald wieder davon erheben. Akki rannte ins Badezimmer um sich frisch zu machen - eine Reaktion die ich vollkommen verstand.
"Im Kühlschrank sind ein paar Vorräte." Grumpy wies mit der Hand auf die Küchenzeile. "Hier habt ihr etwas Geld. Ab jetzt müsst ihr alleine klarkommen."
Ich verkniff mir eine bissige Bemerkung. Weder war er besonders hilfreich, noch war es etwas neues für mich, alleine klarzukommen. Ich nahm einige Münzen, die mehr wie Jetons aussahen, entgegen und nickte ihm zum Abschied zu.



"Die Marken haben Werte zwischen eins und zehn.", erklärte ich Darrel bevor ich das "Geld" in seine Hand legte. "Ob es noch größere Beträge gibt?"
Mein Freund zuckte nur mit den Schultern.
"Alles in Ordnung? Du wirkst etwas...mitgenommen." Ich ließ mich neben ihn auf die Couch fallen und bevor er antworten konnte, fuhr ich schon fort. "Wir sind aber auch wieder eine verrückte Geschichte geraten! Erst Sanctuary und dann das!" Ich machte eine Geste, die das ganze Haus und den Mond umfassen sollte. "Und dann auch noch Akki! Ich hätte nie gedacht, sie mal live und in Farbe zu sehen." Ich vergewisserte mich mit einem Blick über die Schulter, dass sie noch im Bad war. "Aber so ganz sauber tickt sie wirklich nicht."
Darrel lächelte mich von der Seite an. "Ja, es ist ... verrückt."
Ich fasste ihn scharf ins Auge. "Du machst dir Sorgen."



Er nickte ob der Feststellung, erklärte aber nicht genau, was seine Sorgen waren. Ich wollte schon nachhaken, aber da kam Akki aus dem Bad. Ihr kinnlanges Haar war noch feucht. Obwohl sie frisch geduscht war, hatte sie nicht den verstörten Blick aus den Augen verloren. Sie sah sich unruhig um, so als erwartete sie, dass die Beobachter sie aus dem Nichts anfallen würden.
"Ist er weg?"
"Grumpy? Jo. Er hat uns etwas Geld dagelassen und den Hinweis, dass wir ab sofort auf eigenen Füßen stehen."
Akki nickte nur. Dann atmete sie tief ein und sagte: "Meine Kräfte sind weg."
Darrel und ich tauschten einen schnellen Blick aus. Kräfte? Nun, Akki hatte bestimmt irgendwelche Kräft gehabt, wie hätte sie uns sonst "retten" sollen? Was sie damals genau getan hatte, war uns nie klargeworden und Akki hatte es nie für nötig befunden uns etwas zu erklären. Stattdessen war sie nie müde geworden zu betonen, dass sie uns gerettet hatte.
"Aha.", machte ich deswegen nur.



"Sie sind weg!" Akkis Stimme überschlug sich ein bisschen hysterisch. "Weg. Weg. Weg."
"Das sagtest du bereits.", fiel Darrel ihr ins Wort, bevor sie noch öfter "weg" sagen konnte. Er erhob sich langsam und mit nur halb so viel Geschmeidigkeit wie früher. Ein Stich fuhr in mein Herz. Darrel war alt geworden.
"Du verstehst das nicht!", schrie Akki auf. Sie sah fahrig zwischen uns hin und her. Auf ihrer blassen Haut machten sich hektische rote Flecken bemerkbar. Darrel zuckte nur mit den Schultern und ging ins Bad.
"Jetzt beruhig dich erstmal.", sprach ich Akki an. Ich klopfte auf den freigewordenen Platz auf dem Sofa. "Setzt dich."
Sie schüttelte den Kopf und legte dann die Hände an die Schläfen. "Jetzt verstehe ich, was der Alien meinte, als er sagte, sie hätten hier oben keinen Einfluss."
"Hä?"



Akki sah mich peinlich berührt an. "Die Beobachter. Sie haben hier keinen Einfluss. Ich ... ich war eine Beobachterin. Zumindest genetisch. Aber ich habe mich von ihren Machenschaften befreit und euch gerettet!"
Ich wedelte unruhig mit der Hand. "Jaja, die Retter-Story kenn ich schon." Und sie hing mir zum Hals raus. "Deine Beobachterkräfte sind also weg. Na und? Das beweist doch nur, dass wir hier wirklich sicher sind." Zumindest hoffte ich das.
Die Blondine senkte den Blick und starrte auf ihre Hände. "Du verstehst das nicht. Es ist als ob ich blind wäre....und gelähmt. Ich kann nichts machen!"



"Dann weisst du ja, wie es normalen Menschen geht.", blaffte ich. Die Reise war auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen. Ich war über die Maße gereizt und hatte keine Nerven mehr für Akkis weinerliches Gehabe. Mal wieder hatte ich meine Familie und Freunde verlassen müssen ohne sicher gehen zu können, dass es ihnen gut ging! Mal wieder musste ich mich auf eine vollkommen neue Situation einstellen. Darrel machte mir große Sorgen, er wirkte sehr erschöpft.
Akki sah mich unglücklich an. Sofort tat es mir leid, dass ich sie angefahren hatte. Ich rang mir ein Lächeln ab. "Wieso ruhst du dich nicht etwas aus? Du kannst das große Zimmer haben, Darrel und ich teilen uns das Hochbett."
Sie nickte traurig. "Ja." Schlurfend und mit hängenden Schultern ging sie in das Zimmer und zog die Tür hinter sich zu.
Ich machte mich auf eine sehr anstrengende Zeit gefasst.

avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Do Jan 10, 2013 3:58 pm

Später Besuch

Nur ein paar Stunden später erhielten wir Besuch. Als es klingelte, sahen Darrel und ich uns bedrückt an, während Akki direkt in ihr Zimmer floh. Ich habe nie einen so ängstlichen Menschen gesehen, der von sich selbst aber immer als Retter denkt.
Weil ich nicht wollte, dass Darrel sich zu sehr anstrengte, stand ich schließlich auf um zu öffnen. Als ich zur Tür ging, fragte ich mich, was für eine Art Alien mich wohl erwartete. Die einzigen, die ich bisher kannte, waren grün, hatten spitze Ohren, übergroße Augen und winzig kleine Nase. Ich malte mir schon sehr exotische und wenig humanoide Wesen aus, so dass ich fast ein bisschen enttäuscht war, als ich schließlich unseren Besuch hereinließ.
Der Frau schien es nicht anders zu gehen. Sie spitzte die Lippen und musterte mich von oben bis unten, was mir Gelegenheit gab, sie ebenso zu betrachten. Sie hatte Akkis Größe, die ziemlich durchschnittlich groß war. Ihre Haut war recht dunkel, so wie Peanuts Haut etwa. Das leuchtende orange-rot ihrer Haare stand in einem reizvollen Kontrast dazu. Alles in allem wirkte sie sehr menschlich und überhaupt nicht wie ein Alien.



"Hi.", sagte ich vorsichtig.
"Hallo.", erwiderte sie mit freundlich sanfter Stimme. Mich wunderte nicht, dass wir uns verständigen konnten, den Grumpy hatte uns noch im Raumschiff einen Chip injiziert, der uns in die Lage versetzte die hier gängige Sprache zu verstehen und zu sprechen. Für mich klang es wie immer, so wie ich auch Sanctuary gesprochen hatte, aber mich überraschte nicht mehr viel...
"Ich bin Olenka.", stellte sie sich vor. Sie warf einen Blick über meine Schulter und nickte Darrel zu, der nach wie vor auf der Couch saß. Dann wand sie sich wieder mir zu. Sie ein wenig aufgeregt, aber zugleich auch sehr neugierig - auf eine professionelle Art.
"Ich bin Kira.", stellte ich mich meinerseits vor. "Das ist Darrel." Ein kurzer Blick über die Schulter. "Und Akki ist gerade...äh beschäftigt." Ich nahm an, Olenka wusste, dass es drei Neuankömmlinge gab.
"Deine Eltern?"
Ich schüttelte den Kopf.
Olenka sah mich fragend an und ich ließ sie zögernd ein.
"Ich bin Ärztin und die Grünen haben mich gebeten euch nach eurer Ankunft durchzuchecken.", erklärte Olenka den Grund ihres Kommens.
"Ich fühle mich ganz wohl.", erklärte Darrel kurz angebunden. "Und die Mädels auch."
Ich warf ihm einen schrägen Blick zu. Darrel wirkte ganz und gar nicht so als ginge es ihm gut.
"Ah, das freut mich zu hören." Olenka strahlte ihn an. "Ich würde euch morgen trotzdem gerne einmal untersuchen. Auch um Vergleichswerte für später zu haben." Sie setzte sich auf mein Zeichen mit mir an den Tisch. "Ich habe zwar ein paar Bücher über ...wie nennt man euch? Menschen? ... bekommen, aber ich möchte euren Organismus doch gerne richtig kennenlernen."
Mich schauderte es kurz. Hoffentlich verstand sie darunter das, was sie als Ärztin darunter zu verstehen hatte und war nicht mehr Wissenschaftlerin.
Olenka schien meine Befürchtung zu erahnen. Sie tätschelte meine Hand. "Keine Sorge. Nur ein kleiner Gesundheitscheck. Ihr seid nichts anderes aus einer Heimat gewöhnt, das versichere ich euch."
Ob sie wusste, ob die medizinische Versorgung der letzten Jahre unseres Lebens aus einem gelegentlichen Abhören und der Einnahme von Tees bestand?



"Ich schätze, es schadet nichts.", sagte ich mit Blick auf Darrel. Ich zog minimal die Augenbrauen hoch, um Olenka zu verstehen zu geben, dass Darrel bezüglich seines Zustandes gelogen hatte. "Akki hatte ziemliche Magenprobleme nach der Landung."
"Ich bin noch nie interstellar geflogen. Ist es sehr unheimlich?"
Ich zuckte mit den Achseln. "Halb so wild."
"Ah.", machte Olenka und lehnte sich zurück. "Ich wollte euch außerdem ein bisschen etwas über Lunar Lakes erzählen. Ich weiß ja nicht, wie viel euch die Grünen erzählt haben?"
"So gut wie nichts.", antwortete ich. "Heißen sie wirklich die "Grünen"?"
Olenka lachte anmutig. "Nein, nein. Der Name ihres Volkes ist so unaussprechlich, dass selbst mein Mann ihn nicht aussprechen kann. Und er studiert Sprachen mit großer Hingabe. Unsere Vorfahren haben sie so genannt."
Darrel schien das Gespräch mir überlassen zu wollen. Er hörte zwar aufmerksam zu, aber brachte sich nicht ein. Deswegen bedeutete ich Olenka fortzufahren.
"Die Grünen brachten als erstes die Pyre her. Wenn ich mich recht entsinne, waren sie damals Handelspartner der Grünen, bis sie von einer ... Seuche heimgesucht wurden." Olenka sah kurz zu Boden. "Diejenigen, die hier noch leben sind noch betroffen, aber für uns andere besteht keine Gefahr. Die Grünen haben die Pyre soweit verändert, dass die Seuche sie nicht mehr tötet, aber sie müssen einige Einschränkungen hinnehmen."
"Bist du sicher, dass wir Menschen uns nicht anstecken können?", hakte ich rasch nach.
Wieder tätschelte sie meine Hand. "Ganz sicher. Die Grünen haben das noch einmal bestätigt." Sie fuhr fort. "Danach kam mein Volk, die Czarownici. Unser Sonnensystem ist einer Supernova zum Opfer gefallen."
"Das tut mir leid.", sagte ich automatisch.
"Ah, das ist viele Generationen her. Ich kenne keine andere Heimat als Lunar Lakes." Olenka wirkte nicht im Geringsten betrübt. Sie lächelte mich freundlich an. "Die Neraid und die Weren kommen ursprünglich von gleichen Planeten, aber die Neraid waren auf der südlichen Hälfte, die Weren auf der nördlichen Seite angesiedelt. Es kam zu einer Polkappenverschiebung, was das komplette Ökosystem durcheinander wirbelte. Bis auf einige wenige - die Vorfahren, der heute hier Lebenden, bekriegten sich die Angehörige der beiden Völker danach, weil er Auseinandersetzungen um die Lebensräume gab. Die Grünen retteten diese Friedliebenden von ihrem Planeten und brachten sie hier her."
Kam es nur mir so vor oder hatten die "Grünen" genauso einen Helferkomplex wie Akki ihn hatte (oder meinte zu haben)?
"Und die Nachkommen wohnen alle hier in Lunar Lakes?" Die Stadt war mir von oben nicht so groß vorgekommen.
"Lunar Lakes ist nur eine von mehreren Städten auf diesem Mond. Außerdem gibt es noch andere Kolonien, zum Teil von den Grünen zum Teil von anderen Rassen." Olenka lächelte. "Allerdings gibt es kaum Austausch zwischen den anderen Planeten und uns. Wir sind zum Glück vollkommen autonom und müssen nicht interstellar handeln."
Ob das nun ein Glück war oder nicht konnte ich nicht beurteilen. Aber immerhin mussten wir uns erstmal nur in einer Stadt akklimatisieren.
"Wenn ich die Grünen richtig verstanden habe, bist du noch eine Heranwachsende, Akki?", stellte Olenka nur ihrerseits eine Frage. Sie sah kurz zwischen mir und Darrel hin und her, als wolle sie unsere Phänotypen miteinander vergleichen.



"Sozusagen.", antwortete ich schmunzelnd. "Ich befinde mich quasi im vierten von sechs Entwicklungsstadien." Auch Pubertät genannt.
"Interessant! Bei uns ist es genauso!"
Ich hatte ohnehin den Verdacht, dass sich zumindest die Czarownici nicht großartig von uns unterschieden. Olenka hätte auch ein Mensch sein können - zumindest rein äußerlich.

Die Tür zu Akkis Zimmer öffnete sich zögerlich und sie spähte hinaus. Offenbar war sie neugierig geworden und da keine Gemetzelgeräusche aus dem Wohnbereich zu ihr gedrungen waren, hatte sie beschlossen zu uns zu stoßen.
"Das ist übrigens Akki." Ich wies Olenka mit dem Kopf auf unsere Mitbewohnerin hin.
Olenka stand höflich auf und begrüßte Akki. "Deine Tochter hat mir bereits geholfen euch ein bisschen besser zu verstehen."
"Sie ist nicht meine Mutter.", erinnerte ich Olenka sanft, warf Darrel aber einen augenrollenden Blick zu. Er grinste müde. Ich nahm mir fest vor, ihn im Zweifel eigenhändig ins Krankenhaus zu zerren. Hoffentlich war Olenka eine so gute Ärztin wie sie freundlich war!
Akki musterte Olenka misstrauisch, erwiderte aber ihre Begrüßung. Auch sie erklärte, dass ich nicht ihr Kind war. Dann setzte sie sich neben Darrel auf die Couch, ganz so, als wolle sie sich hinter ihm verstecken. Darrel quittierte es mit einer kurzzeitig hochgezogener Augenbraue.
"Aber ihr seid für Kira verantwortlich oder?", erkundigte sich Olenka verwundert. Ich galt vermutlich auch nach Lunar Lakes-Kriterien nicht als volljährig. Was angesichts meiner ganz persönlichen Geschichte natürlich Quatsch war, aber das konnte ich Olenka schlecht erklären.
Akki suchte Darrels Blick und zuckte dann hilflos mit den Schultern. Darrel hingegen nickte und erwiderte: "Kira ist ein selbstständiges Mädchen und kann das meiste selbst entscheiden. Aber wenn es um einen gesetzlichen Vertreter gibt, das wäre dann wohl ich. Ich bin mir ihrem Vater eng befreundet."
Das schien Olenka zufriedenzustellen. Sie nickte beruhigt. "Das ist gut." Sie lächelte freundlich und griff in ihre Tasche, aus der sie drei Gegenstände holte, die verdächtigt nach Handys aussahen. "Wir haben euch drei Kommunikator besorgt, damit ihr untereinander und mit den anderen Bewohnern, die ihr hoffentlich bald kennenlernen werdet, in Kontakt bleiben könnt." Sie reichte mir das erste. Ich besah es mir kurz und drückte probehalber ein paar Knöpfe. Ich kannte mich einigermaßen mit Alientechnologie aus, aber das war gar nicht nötig. "Es funktioniert wie ein Handy.", erklärte ich Akki und Darrel. "Olenka hat ihre Nummer und die Notrufnummern schon eingespeichert."
Die Ärztin sah mich überrascht an. "Du kennst dich damit aus?"
Ein schräger Blick von mir. "Von wann ist dein Wissen? Anno 1950?"
Das wiederum irritierte Olenka, so dass ich nur abwinkte und freundlich erklärte, dass auch wir Menschen so was hatten, es allerdings Handy nannten.



"Handy.", wiederholte Olenka. "Das ist natürlich kürzer als Kommunikator. Die Kinder und Jugendlichen - drittes und viertes Entwicklungsstadium - nennen es schon mal den "Kommi". Ich glaube Handy gefällt mir besser."
Ich zuckte mit den Schultern und sparte mir die Erklärung, dass Handy in diesem Fall ein Kunstwort war. Von mir aus konnte man das Ding Handy, Mobiltelefon, Kommunikator, Kommi oder Kom nennen - es erfüllte einen Zweck, auf den ich seit einer gefühlten halben Ewigkeit verzichtet hatte. Ein paar Stunden in Lunar Lakes und schon hatte ich mehr Technologie in der Hand als in den letzten vierzig Jahren in Sanctuary.
Olenka verabschiedete sich bald darauf. Sie bat uns noch einmal darum, dass wir am Morgen im Krankenhaus erschienen und erklärte uns den Weg dorthin. Ich brachte sie zur Tür und sah ihr noch nach, wie sie sich auf einen Gegenstand schwang, der verdächtig nach einem Besen aussah. Diese Art des Abgangs würde ich Akki und Darrel erst einmal verschweigen.

Es war ein langer und ereignisreicher Tag gewesen, so dass ich uns nur etwas wie Müsli machte, bevor wir uns in unsere Zimmer zurückzogen.
"Was hältst du von alledem?", fragte ich Darrel, nachdem ich in einem der Kleiderschränke ein Nachthemd gefunden und angezogen hatte. Ich kraxelte über die Sprossen des Hochbetts auf die obere Matratze.
Darrel erwiderte zunächst nichts, sonder spähte aus dem Fenster in die tiefschwarze Nacht. Unsere Situation entsprach gewiss nicht seinem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis. Schließlich zuckte er mit den Achseln und wand sich zu mir um. Er rang sich ein müdes Lächeln ab. "Nun, meinen Lebensabend habe ich mir so sicher nicht vorgestellt." Er ließ sich auf die Matratze gleiten.



"Ist doch nur vorübergehend.", entgegnete ich leichthin. "Wer weiß wo wir im nächsten Leben landen."
"WENN wir irgendwo landen." Seine Stimme klang ganz und gar tonlos. Erschrocken setzte ich mich auf und stieß mir den Kopf an der Decke. Ich unterdrückte einen Schmerzenlaut und beugte mich kopfüber über das Geländer um Darrel anzusehen. "Wie meinst du das?"
Stumm erwiderte er meinen Blick, als wolle er seine Kräfte sammeln, bevor er mir erklärte was er meinte.
"Grumpy hat es uns erklärt und Akkis Kräfteverlust bestätigen es: Die Beobachter haben hier keine Macht."
"Ja - und?"
"Wegen wem werden wir denn wiedergeboren? Glaubst du, es ist nur ein Zufall? Nein. Ich befürchte, -" Er brach ab und wich meinem Blick aus. "Ich befürchte, dies wird unser letztes Leben."
Seine Worte hauten mich um. Unser letztes Leben? Endgültig finito? Richtig tot?
"Glaubst du das wirklich?", fragte ich schließlich kleinlaut. Ich hatte ein dumpfes Gefühl im Kopf und mein Magen wollte das Müslizeugs von eben am liebsten wieder die Speiseröhre hochjagen. Das konnte allerdings auch an meiner Position liegen: Kopfüber hing ich halb aus dem Bett.
Darrel hob eine Hand und strich mir sanft über die Wange. "Ich hoffe wirklich, dass es nicht so ist." Da beruhigte mich etwas, doch seine nächsten Worte ließen die eben aufgekeimte Hoffnung wie Eis in der Sonne schmelzen. "Aber wenn meine Vermutung stimmt und wir tatsächlich durch das zutun der Beobachter wiedergeboren werden - es spricht alles dafür, findest du nicht auch? - dann könnte es wirklich unser letztes Leben sein."
Ich war zunächst sprachlos, doch dann schossen mir die Tränen in die Augen. Schnell griff ich nach Darrels Hand, um sie an meiner Wange zu behalten. Ich hatte bisher nie Angst vorm Tod gehabt, wusste ich doch, dass er nur vorübergehend war. Wenn mein Leben - meine Leben - nun so enden sollte, dann konnte ich kaum beschweren, nicht genug davon bekommen zu haben. Aber was mich wirklich schockte und was mir die Tränen in die Augen trieb, war die Erkenntnis, dass es mein letztes Leben mit Darrel war - und es sah nicht so aus, als würden wir viel Zeit miteinander haben.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Do Jan 10, 2013 8:04 pm

On the rocks...

Umso mehr drängte ich Darrel am nächsten Morgen mit ins Krankenhaus zu kommen. Schließlich kam ich - ein Teenager - mit zwei Erwachsenen an der Hand, die ich ungezogenen Kleinkindern gleich mit mir zerrte, etwas verspätet dort an. Olenka wartete schon vor dem Krankenhaus, das sich wie die meisten Institutionen unterirdisch befand. Sie verkniff sich ein Grinsen, als sie meinen entnervten Gesichtsausdruck sah. Ich warf meinen Begleitern einen fuchsteufelswilden Blick zu und nickte der Ärztin zur Begrüßung nur zu.
"Manchmal macht sie mir Angst.", raunte Akki Darrel zu, der amüsiert schnaubte. Ich glaube, er amüsierte sich prächtig. Ich wollte ihn schon angiften, doch dann wurde mir bewusst, dass wir möglicherweise nicht mehr viel Zeit hatten, also schluckte ich meine Worte herunter.
Olenka brachte uns mit dem Fahrstuhl in die tieferen Ebenen. Wir begegneten ein paar anderen, die uns alle interessiert ansahen und freundlich begrüßten. Schon bald konnte ich mir ein ungefähres Bild von den anderen Rassen machen: die Czarownici, wie Olenka eine war, hatten alle recht dunkle Haut und oranges bis rotes Haar. Im Gegensatz zu ihnen waren die Pyre eher violett bis lila, mit ebensolchem Haar und merkwürdig leuchtenden Augen. Auch die Augen der Weren leuchteten intensiv, nur war ihre Haut eher blau, genau wie die Haare und die ausgeprägte Körperbehaarung. Auch waren sie meist etwas kräftiger und muskulöser gebaut. Am ungewöhnlichsten erschienen mir allerdings die Neraid, auf deren Rücken sich zarte, durchschimmernde Flügelchen befanden. Die Neraid waren alle sehr schlank, ihre Haut und ihr Haar gelblich oder grün. Sie schien ein stetes Glimmern zu begleiten, dass ich zugleich schön und irritierend empfand.
Schließlich kamen wir in einem Untersuchungsraum an. Man bat Darrel und Akki draußen zu warten, so dass Olenka mich als erste untersuchung konnte. Während sie meine Herz- und Atemgeräusche abhörte, den Bauch abtastete, den Blutdruck maß und mir später etwas Blut abnahm, erläuterte sie mir den Weg zur Schule, wo ich mich heute auch noch einzufinden hatte. Ich sollte mich dort anmelden, der Vertrauenslehrer Cleytus würde auf mich vor dem Schulgelände warten. Olenka trug alles meine Werte aufmerksam in ein Gerät ein, das wie ein Tabloid aussah. Sie bat mich, mich auf eine Waage zu stellen und maß anschließend meine Körpergröße so wie dem Umfang des Kopfes, die Länge der Gliedmaßen und so weiter. Bevor sie mich entließ, sah sie mich ernst an.
"Du machst dir Sorgen um deinen Vater, nicht wahr?"
"Er. Ist. Nicht. Mein. Vater.", wiederholte ich betont langsam. "Aber ja, das tue ich."
"Entschuldige, wir sind hier nur das klassische Haushalt-Modell gewöhnt: Eltern, Kinder, vielleicht noch Haustiere oder andere Verwandte."
Ich schmunzelte über ihre Formulierung, nickte aber verständnisvoll. "Was Darrel angeht: Bevor wir herkamen, war er nicht so schwach. Ich glaube, die Reise ist ihm nicht gut bekommen."
Die Ärztin legte mir mitfühlend die Hand auf die Schulter. "Du hängst sehr an ihm, auch wenn er nicht dein Vater ist, das merke ich. Ich werde mich gut um ihn kümmern." Sie sagte das so ernst und strahlte eine solche Zuversicht aus, dass es mir tatsächlich etwas leichter ums Herz wurde. Ich drückte ihre Hand kurz und verließ den Behandlungsraum, um Akki hinein zu schicken. Sie und Darrel hatten auf Stühlen im Gang gesessen, neugierig beobachtet von einer jungen Neraid, die vorgab den Boden zu wischen. Als ich sie freundlich angrinste, wurde sie rot, sammelte ihr Putzzeug auf und verschwand im nächsten Gang.
"Ich muss mich jetzt in der Schule anmelden. Wegen der Untersuchung musst du dir keine Sorgen machen. Ist wirklich wie zuhause beim Arzt.", beruhigte ich Akki, bevor ich sie in den Raum schob. Sie wollte protestieren, aber Olenka nahm sie rasch am Arm und schloss die Tür hinter sich. Ich setzte mich neben Darrel. "Sei kooperativ und lass dich von ihr untersuchen, ja?" Ich sah ihn dabei eindringlich an, schließlich wusste ich, dass er eigentlich nicht kooperativ sein wollte. "Ich mache mir Sorgen um dich, vielleicht kann sie dir ja helfen."
"Ich bin alt, Kira, dagegen gibt es kein Medikament."
Ich puffte ihn in die Seite. "Lass dich untersuchen. Vielleicht brauchst du ja einfach nur ein paar Vitamine oder so."
"Du gibst die Hoffnung nie auf, stimmts?"
"Nein." Ich erhob mich. "Wenn deine Vermutung stimmt, ist Hoffnung das einzige was mir bleibt." Mit einem raschen Kuss auf seine Stirn beeilte ich mich den Gang zum Aufzug entlang zu eilen.

An der Schule waren wir auf dem Hinweg schon vorbei gekommen. Auch sie befand sich unterirdisch, so dass ich mich langsam zu fragen begann, was es damit auf sich hatte. Andererseits waren alle Wohnhäuser überirdisch, so dass es sich wohl kaum um eine wichtige Schutzmaßnahme handeln konnte.
Am frühen morgen waren keine Schüler oder Lehrer an dem Aufzug in die Tiefe zu sehen gewesen und auch jetzt wartete nur ein einziger Neraid vor dem Aufzug. Er stellte sich als Cleytus vor. Während er mit mir zum Aufzug ging, fragte er mich nach meinem Wohlbefinden. Ich antwortete eher einsilbig, denn ich war mit meinen Gedanken wo anders.
Im Sekretariat der Schule wurden meine Daten aufgenommen und ich musste mich für einen Schwerpunkt entscheiden: naturwissenschaftlich, musisch, sprachlich oder sportlich. Aus einer spontanen Eingebung heraus wählte ich naturwissenschaftlich, obwohl ich mich bisher noch nie großartig dafür interessiert hatte. Cleytus quittierte meine Wahl mit einem wohlmeinenden Nicken und führte mich durch den Bunker, der die Schule war.



Hier waren alle Jahrgangsstufen untergebracht, von den kleinen Vorschulkindern bis zur Abschlussklasse. Im Moment lief der Unterricht, so dass ich vor allem die langen Gänge und Aufzüge zu Gesicht bekam. Im Aufenthaltsraum hielten sich ein paar ältere Schüler auf, die wohl gerade eine Freistunde hatten. Sie sahen interessiert zu uns herüber und Cleytus stellte mich ihnen vor. Wie schon im Krankenhaus fiel mir auf, dass die Völker meist unter ihres gleichen blieben. Ich sprach Cleytus darauf an, als er mich mit dem Aufzug wieder zur Oberfläche brachte.
"Tja, so ist das eben. Es ist nicht so, als wäre es verboten, sich mit den anderen Völkern abzugeben, aber die meisten von uns haben so ein paar Eigenheiten, die eben einfacher von Leuten verstanden werden, die genau so sind." Er hob etwas hilflos die Schultern. "Aber zum Beispiel ist mein bester und ältester Freund ein Weren. Nach der Schule egalisiert sich das meistens auch etwas mehr."
"Hm. Da werde ich wohl nicht so schnell Anschluss finden.", bemerkte ich grinsend.
"Oh." Cleytus sah mich besorgt an. "Du musst dir keine Sorgen machen, unsere Schüler sind alle wirklich sehr freundlich und nett! Wir haben fast keine Probleme mit irgendwelchen Rowdys oder so."
Ich winkte ab. "Ich komm schon klar."
"Das muss alles schrecklich verwirrend für dich sein! Eine ganz andere Welt und so viele neue Leute." Der Lehrer machte eine kummervolle Miene. "Du kannst immer zu mir kommen, ich bin nicht umsonst Vertrauenslehrer!"
"Ich werds mir merken."
Wir hatten die Oberfläche erreicht. Ich bedankte mich artig bei Cleytus und trabte zum Krankenhaus zurück. Die Sonne (ich fragte mich, in welchem Sonnensystem wir uns wohl befanden) stand inzwischen hoch am Himmel. Es war recht warm und man sah in der künstlichen Atmosphäre kein Wölkchen am Himmel. Dass die Atmosphäre künstlich war, hatte mir Cleytus zuvor erzählt: die Grünen hatten sie erschaffen, ebenso wie ein zyklisches Klima, damit man sich hier wohlfühlte. Zuletzt hatte ich einen nie endenden Sommer erlebt, Jahreszeiten oder meteorologische Veränderungen hatte ich schon fast vergessen.
Von der Straße zum Krankenhaus aus, hatte ich einen guten Überblick über Lunar Lakes. Es war überhaupt nicht so wie die Erde. Die Farben und die Luft waren ganz anders. Trotzdem empfand ich unser neues Zuhause, so aus der Höhe betrachtet, irgendwie als schön. Anders, aber hübsch.

Vor dem Krankenhaus saßen an auf einer Bank Akki und Darrel. Sie machten besorgte Gesichter. Ich beeilte mich, die letzten Meter zu ihnen zu überbrücken.
"Was?", fragte ich etwas außer Atem, als ich bei ihnen ankam. "Was ist passiert?"
Akki stand etwas ungelenk auf und sah kurz auf Darrel nieder. "Ich geh schon mal vor." Sie mied meinen Blick und entfernte sich langsam in Richtung unseres Hauses.
"Reg dich nicht auf, Kira.", begann Darrel.
"Ich soll mich nicht aufregen? Wir befinden uns vor einem Krankenhaus und ihr macht Gesichter wie auf einer Beerdigung und ich soll mich nicht aufregen?"
Darrel ergriff meine Hand und zog mich sanft auf die Bank neben mich. "Still jetzt."
Ich machte den Mund auf, um erneut loszuzetern, doch sein Blick ließ mich innehalten. Besorgte verschränkte ich die Arme vor der Brust und bedeutete ihm fortzufahren.
"Mir ist die Reise - aus welchem Grund auch immer - nicht so gut bekommen wie dir - oder, was das angeht sogar Akki. Vielleicht liegt es an meinem Alter oder weil ich ein Mann bin - ich weiß es nicht. Olenka übrigens auch nicht."
Komm zum Punkt, dachte ich mir, zwang mich jedoch unbeweglich und geduldig zu zuhören.
"Mein Herz ist ziemlich aus dem Takt und auch mit den anderen Werten stimmt etwas nicht." Er nahm meine Hand und drückte sie. "Um es kurz zu machen: Olenka kann nicht sagen, wie viel zeit mir noch bleibt und ob sie es in dieser Zeit schafft, mir zu helfen."
Ich fühlte mich, als habe mich ein Laster überfahren. Die Hoffnung, dass alles schon nicht so schlimm sein würde, die ich unbewusst seit meiner eigenen Untersuchung in mir getragen hatte, war mit einem Mal zerplatzt wie eine Seifenblase. Die Welt um mich herum verschwamm ein bisschen und ich stellte fest, dass ich wieder Tränen in den Augen hatte. Undeutlich vernahm ich, dass Darrel noch sprach.
"Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten: abwarten und auf den Tod warten - der ziemlich sicher eher früher als später kommt - oder mich einfrieren zu lassen."
"WAS?!"
Darrel rang sich ein unehrliches Grinsen ab. "Offenbar kann ich mich einfrieren und nach ein paar Jahren wieder auftauen lassen. In dieser Zeit könnte Olenka oder die anderen Ärzte herausfinden was mir fehlt oder eine Therapie finden, die mein Alter aufhebt." Er schnaubte. "Beides sehr unwahrscheinlich, aber..."
"Es bedeutet Hoffnung.", beendete ich leise seinen Satz. Ich wischte mir schnell die Tränen aus den Augen, atmete tief durch und zwang mich zu Gelassenheit. Rasch drückte ich Darrel.
"Genau.", bestätigte er und dieses Mal war sein Lächeln ehrlicher, wenn auch etwas unsicher. "Ich werde mir ein Beispiel an dir nehmen und die Hoffnung nicht aufgeben."
Sofort war meine erzwungene Gelassenheit dahin und ich warf mich an seine Brust und heulte los. Er strich mir sanft über den Rücken und ließ mich weinen.
Ich weiß nicht wie lange wir dort saßen, aber irgendwann stieß Olenka zu uns. Sie machte eine angemessen ernste Miene.
"Wir haben alles vorbereitet.", sagte sie in sachlichem Tonfall. Dann trat sie bis zum Aufzug zurück, um uns noch etwas Zeit zu geben.
"Du hast zugestimmt, bevor du mit mir geredet hast.", stellte ich fest.
Darrel ergriff meine Hände und in dem Druck den er ausübte, spürte ich noch etwas seiner alten Kraft. "Ich würde alles tun, damit ich mit dir mehr Zeit verbringen kann. Wenn ich mich dafür einfrieren lassen muss: dann bitte einmal Darrel on the rocks."
Ein riesiger Kloß in meinem Hals verhinderte, dass ich ihm antworten konnte. Er drückte noch einmal meine Hände und zwinkerte mir schelmisch zu. "Pass auf dich auf." Dann ließ er los und folgte Olenka in den Aufzug.

Akki war wohl doch nicht nach Hause gekommen, sondern hatte sich nur höflich entfernt. Nun kam sie zu mir und legte mir den Arm um die Schulter. Ich sah sie dankbar an, war aber immer noch unfähig zu sprechen. Akki seufzte, dann führte sie mich heimwärts.
Am nächsten Morgen wäre mein erster Schultag gewesen, doch Akki als meine neue Erziehungsberechtigte, rief in der Schule an und meldete mich krank. Dann bekam sie einen wahren Putzanfall und verbrachte Stunden mit Reinigung des Hauses, das es eigentlich nicht nötig hatte. Anschließend starrte sie stundenlang aus dem Fenster, ein Verhalten, das ich in Zukunft noch häufiger erleben sollte. Ich hingegen lag den ganzen Tag im unteren Bett und grübelte.



Ich schwankte zwischen Hoffen und Bangen. Die Einfrierung war immerhin gut von statten gegangen, hatte Olenka vermeldet. Sie versuchte mich aufzuheitern und erklärte mir, dass sie bereits ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen hatte, dass sich mit Darrels Zustand beschäftigen sollte. Sie wirkte optimistisch, aber auch ihre freundliche Stimme konnte mich kaum aufheitern.
Akki wusste wohl nicht so recht, wie sie mit umgehen sollte. Sie fragte mich ein paar Mal, ob es mir gut gehe und ob ich etwas essen oder trinken wollte, doch ich drehte mich immer nur zu Seite, so dass sie unverrichteter Dinge wieder aus dem Zimmer schlich (und weiter aus dem Fenster starrte). Sie wimmelte Cleytus am Telefon ab, der sehr besorgt darüber schien, dass seine neue Schülerin gleich am ersten Schultag ausfiel und ging früh zu Bett.
Ich lag den ganzen Tag und fast die ganze Nacht wach, bevor ich den Entschluss fasste mich nicht unterkriegen zu lassen. Ich konnte Darrel nicht helfen, wenn ich depressiv in der Ecke hockte und vor Selbstmitleid zerfloss. Nein! Hatte ich nicht aus einer Eingebung heraus den naturwissenschaftlichen Schwerpunkt gewählt? Was lag da näher als alle Energie in die Schule zu stecken und später ebenfalls Ärztin oder Wissenschaftlerin zu werden und eine Therapie für ihn zu finden?
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am So Jan 13, 2013 9:47 pm

1 x 1 = 1?

Mein Entschluss mich nicht unterkriegen zu lassen, wäre am nächsten Morgen beinahe einem Anfall von Selbstmitleid zum Opfer gefallen. Ich erwachte, nicht besonders erholt, aber auch nicht total zerschlagen, und dachte an Darrel. Sofort stiegen mir die Tränen in die Augen, aber ich zwang sie mit einem Würgen hinfort. Pah! Ich war Kira, ich hatte schon so viel erlebt und war immer wieder mit heiler Haut aus dem größten Schlamassel raus gekommen. Naja, das eine Mal, als Darrel mich mit der Schrotflinte erschossen hatte zählte nicht. Auch nicht die Episode in der Ubahn, als Darrel und ich überfallen wurden. Oder...nein, ich durfte es mir nicht durchgehen lassen, jetzt an früher zu denken!
Ich rieb mir entschlossen das letzte bisschen Schlaf aus den Augen und kletterte aus dem Bett. So ganz konnte ich die Gedanken an früher nicht aus dem Kopf kriegen, musste nun aber darüber lächeln. Akki war schon wach und las mit kritischem Blick die Inhaltsangaben auf der Müslipackung.
"Guten Morgen.", begrüßte ich sie. "Stimmt was mit dem Müslizeugs nicht?"
"Hm.", machte sie und schüttete etwas davon in eine Schale. Dann holte sie eine weitere Schale heraus und sah mich fragend an. Ich nickte zustimmend. "Alles was ich lese - egal wo und wie, erscheint mir in meinen Begriffen. Ich glaube nicht, dass es hier Haferflocken gibt, aber das steht hier drauf." Sie klopfte auf die Müslischachtel bevor sie sie wieder in den Schrank räumte. "Und es sieht auch nicht aus wie Haferflocken."
"Schmeckt aber wie Müsli.", erwiderte ich seelenruhig.
Akki goss Milch in unsere Schalen. "Schon, aber findest du das nicht merkwürdig?"
Ich zuckte mit den Achseln und nahm mein Frühstück entgegen. Wir setzten uns, die Schalen auf dem Schoß balancierend, auf die Couches. "Wahrscheinlich übersetzt der Chip manches einfach äquivalent. Wenns hier nunmal keine Haferflocken gibt, aber diese Dinger hier das Äquivalent dazu sind, nennt der Chip es einfach Haferflocken. Und es schmeckt wirklich wie Müsli."
Bei der Erwähnung des Chips zog Akki unbehaglich die Schultern hoch. Sie hatte sich quasi mit Händen und Füßen gewehrt als Grumpy mit der Spritze angerückt war. Nur mein gutes Zureden und die Tatsache, dass ich nicht tot ungekippt war, als ich meinen Chip erhalten hatte, war es zu verdanken, dass sie sich hatte spritzen lassen. Schweigend löffelten wir unser Müsli weiter, jede in Gedanken wo anders. Schließlich beendeten wir unser Frühstück und Akki nahm unsere Schüsseln um sie in die Spülmaschine zu stellen. Sie sah auf die Küchenuhr und meinte: "Du musst dich langsam fertig machen, der Schulbus kommt gleich." Sie grinste mich daraufhin breit an. "Das wollte ich schon immer mal sagen!"
Ich sah sie scheel an. "Ihr Beobachter habt kein sonderlich spannendes Leben, oder?"
Sie wirkte pikiert und wollte etwas erwidern, besann sich jedoch eines besseren. Stattdessen zuckte sie mit den Schultern. "Ich muss mich erst daran gewöhnen, wie ein normaler Mensch zu leben." Sie musterte ihre Fingernägel.
Achselzuckend verschwand ich im Bad. Akki war schon sehr eigen. Aber bitte, ich hätte es schlimmer treffen können. Auch wenn ich bisher eigentlich nie Schwierigkeiten gehabt hatte, mich an meine neuen Leben zu gewöhnen, war ich ganz froh, nicht ganz allein in Lunar Lakes zu sein. Auch wenn Akki ziemlich beschrubbert war.



Der Schulbus sah so ziemlich genauso aus wie in jeder beliebigen irdischen Stadt. Entweder hatten uns die HE gefoppt und wir waren weiterhin in einer ihrer Welten oder die Außerirdischen hatten gefallen an menschlicher Fortbewegung gefunden.
Offenbar war ich der erste Schüler auf der Route. Der Weren-Fahrer tippte sich kurz an die Mütze, nachdem er mich einige Sekunden angestarrt hatte. Tja, ich war wohl sein erster Mensch. Als ich an ihm vorbeihuschte um mich auf eine Bank zu setzten, stieg mir dezent der Geruch von Hunden in die Nase.
Olenka hatte gestern von Haustieren gesprochen, vermutlich gab es hier auch Hunde-Äquivalente. Warum sollten die nicht genauso riechen wie unsere Hunde? Und vermutlich hatte der Fahrer einen und dessen Geruch war in seine Kleider gekrochen.
Während der Fahrt sah ich aus dem Fenster. Mehr und mehr Schüler stiegen ein, die mich meistens interessiert musterten. Der Platz neben mir blieb jedoch frei. Das machte mir nichts aus. Bisher hatte ich immer schnell Anschluss gefunden, wenn ich ihn den wollte. Jetzt hatte ich allerdings eine Mission, viel Zeit für Freunde würde ich wohl nicht finden.

Cleytus wartete vor der Schule auf mich.
"Geht es dir besser? Möchtest du über das, was mit deinem...äh, Ziehvater ... ist, sprechen? Ich bin immer für dich da.", überfiel er mich nach einer kurzen Begrüßung.
Entnervt schüttele ich den Kopf. "Keine Sorge. Bin wieder ganz ich selbst."
Der Vertrauenslehrer sah mich besorgt an. Ich grinste und richtete die Daumen nach oben. "Siehst du? Alles bestens!" Das hier grundsätzlich geduzt wurde, fand ich sehr angenehm.
Er wirkte so irritiert, so dass ich ihm erklärte, was es mit den nach oben gerichteten Daumen auf sich hatte. Wir betraten mit einigen jüngeren Schülern den Aufzug. Sie sahen mich sehr neugierig an. Ich ignorierte sie, weil ich Cleytus aufmerksam zuhörte.
"Du musst jetzt erstmal Tests in allen Fächern ablegen, damit wir dich einstufen und den entsprechenden Kursen zuweisen können. Wir haben keine feste Klassenverbände, sondern Kursstrukturen, damit wir jeden Schüler so individuell wie möglich fördern können. Es kann also sein, dass du in Kurse mit älteren oder jüngeren Schülern besuchst. Sabina hier zum Beispiel -" Er zersauste einer jungen Czarownici das weiße Haar. "besucht einen Literaturkurs, in dem sie mit Abstand die jüngste ist."
Sabina sah verlegen zu Boden.
"Du musst Olenkas Tochter sein.", sprach ich sie an. Die Ärztin hatte mir von ihren Kindern erzählt.
Sabina nickte. "Ja. Meine Mutter hat mir von dir erzählt." Und von dem was mit deinem Ziehvater ist, schwang im anschließenden Schweigen mit.



Ich lächelte sie an. Das würde mir wohl eine Weile nachlaufen: Das arme Mädchen, ohne Eltern und der Ziehvater im Kyroschlaf!
"Du interessierst dich also für Literatur?", nahm ich das Gespräch wieder auf, vor allem um die Stille zu brechen, aber auch um nicht an die Tests zu denken, die mir blühten. Cleytus hätte mir ruhig früher davon erzählen können.
Sofort leuchteten die Augen des kleinen Mädchens auf. "Aber ja! Ich liebe es zu lesen und wir lernen auch selbst Texte zu verfassen. Das macht mir fast noch mehr Spaß." Etwas mutiger fragte sie mich, ob wir denn auf der Erde auch Bücher hätten. Ich schmunzelte.
"Haben wir. Manche sind gut und andere grottenschlecht." Ich zog eine Grimasse. "Die grottenschlechten müssen meistens als Schullektüre herhalten."
Alle im Aufzug sahen mich verwundert an. Ich grinste still in mich hinein.
"Wir müssen unbedingt mal über das Schulsystem auf der Erde sprechen.", meinte Cleytus abwesend als wir angekommen waren. Er fasste mich sanft am Arm und zog mich in einen Gang, während die Kinder in einen anderen gingen. Ich drehte mich um und zwinkerte ihnen zu. Sabina lächelte vorsichtig und winkte, bevor sie sich den anderen anschloss.

Die Sprachtests fielen hervorragend aus, aber irgendwie schummelte ich ja auch. Es gab auch Kurse zu Sprachen der Herkunftsplanenten, aber die waren offenbar nicht für mich vorgesehen (auch da hätte der Chip mir geholfen, doch einen Sinn in so einem Kurs sah ich nicht direkt für mich). Ich wurde erstmal in den Fortgeschrittenen-Kurs eingestuft, mit Aussicht auf den Spezialisten-Kurs (so ganz vertraute man meinen Kenntnissen wohl doch nicht). Der Literaturtest war durchwachsen, da ich die Kompetenzen zur Analyse und kreativem Schreiben sehr gut beherrschte, nur meine Kenntnisse über Lunar Lake'sche Literatur ließen - naturgemäß - zu wünschen übrig. Ich bekam eine Empfehlung für den Anfängerkurs (nur eine Stufe über dem einfachsten Kurs, ich war empört!) und eine ellenlange Liste mit Pflichtlektüre. In Geschichte, Geographie, Politik und Sozialwissenschaften wurde ich ganz ohne Test in den Grundlagen - sprich Basis - kurs gesteckt. Yay, lernen mit Kindern., doch andererseits hatte ich ja wirklich keinen Schimmer von der Geschichte dieses Planeten.
Die naturwissenschaftlichen Tests, mit Ausnahme von Biologie, erlaubten mir die Anfängerkurse zu besuchen, auch wenn ich ganz schön ins Schwitzen kam. Da es mein Schwerpunkt war, kam ich dort nicht in die allgemeinen Kurse, sondern in die Schwerpunktkurse, wo die Messlatte noch höher war. Ein Anfängerkurs in einem Schwerpunktfach war genauso anspruchsvoll wie ein Fortgeschrittenenkurs in einem allgemeinem Fach. In Biologie schnitt ich noch etwas schlechter ab, weil meine Kenntnisse natürlich auf dem Ökosystem der Erde beruhten. Der Aufbau von Zellen und so was war n auch hier gleich, aber ich konnte nicht eine konkrete botanische oder zoologische Bestimmung vornehmen. Ein weiterer Grundlagenkurs, genau wie in Alchemie, einem Schulfach von dem ich noch nie gehört hatte, und was mir ziemlich unwissenschaftlich vorkam.
Alles in allem schienen die Lehrer zufrieden mit mir zu sein. Ich selbst war es nicht. Da hatte ich schon so viele Leben auf dem Buckel und war nicht in einen Spezialistenkurs gekommen! Ich empfand es geradezu als persönliche Beleidigung und schwor mir in kürzester Zeit aufzuholen.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Di Jan 15, 2013 7:32 pm

Wie man sich einen Pyre zum Feind macht....und wie zum Freund

Cleytus brachte mich anschließend in meinen ersten Kurs - Grundlagen Biologie. Die Stunde erdete mich - in kürzester Zeit konnte nicht einmal ich das aufholen! Sah ganz danach aus, dass ich eine sehr arbeitsintensive Zeit vor mir hatte. Ich bekam gefühlte hundert Seiten Hausaufgaben, die sich im Laufe des Tages noch multiplizierten. Ich würde keine Zeit für IRGENDWAS anderes haben! Aber gut, so hatte ich es mir ausgesucht (so mehr oder weniger).
In Gedanken bei den vielen Stunden, die ich am Nachmittag vor den Hausaufgaben verbringen würde, schlenderte ich nach meinem letzten Kurs (Literatur, was mir den Glauben an mich selbst wieder etwas zurückbrachte) zum Aufzug. Andere Schüler strömten an mir vorbei oder trotteten hinter mir her.
"Hey, Erdenmädchen."
Ich schrak ein bisschen zusammen, so vertieft war ich gewesen, und hätte beinahe meine Mappe fallen lassen. Ein junger Pyre war neben mich getreten und grinste mich unverschämt an. Etwas hinter uns stand eine Gruppe weiterer Pyre, vermutlich seine Clique. Ihr verstohlenes Grinsen ließ mich aufmerken. Ich wusste wie Teenager waren und konzentrierte mich deswegen auf mein Gegenüber.
"Ich heiße Kira. Nicht Erdenmädchen.", korrigierte ich ihn, ließ ihn aber mit einem Lächeln wissen, dass ich nicht biss.
Bei ihm war ich mir aber nicht ganz so sicher. In seinem Grinsen ließ er seine scharfen Eckzähne aufblitzen. In meinem Hinterkopf regte sich ein Gedanke, den ich aber nicht sofort zu fassen bekam.
"Angenehm. Ich bin Geoffrey.", stellte er sich seinerseits vor. "Wir haben zusammen Literatur."



"Ah ja. Freut mich dich kennenzulernen."
Sein Lächeln hatte etwas einnehmendes und ich strahlte ihn gerade zu an. Die nächsten Minuten mussten wir uns über den Literaturkurs unterhalten haben, aber so ganz sicher bin ich mir nicht. In meinem Kopf breitete sich eine Schwerelosigkeit aus und ich war ganz gefangen von Geoffreys Gesicht und seinen leuchtenden Augen. Nur die spitzen Zähne störten mich aus irgendeinem Grund. Ich vertrieb diesen Gedanken immer wieder, doch plötzlich wirkte es so als wollte Geoffrey mich küssen! Oberflächlich war ich gerade zu begierig darauf ihn zu küssen, doch dann sprangen mir seine Zähne wieder ins Auge.
Gerade noch rechtzeitig riss ich meine Mappe zwischen unsere Gesichter. Spitze Zähne! Dieses Gefühl im Kopf! Pyre waren nichts anderes als Vampire. Erschrocken darüber, wie leicht ich ihm auf den Leim gegangen war, schlug ich ihm meine Mappe ins Gesicht. Dann sah ich ihn fuchsteufelswild an.
"Jetzt hör mir mal zu, du mieser kleiner Blutsauger!" Ich funkelte ihn wütend an. "Versuch das noch einmal bei mir und ich jage dir einen Pflock so heftig ins Herz, dass sich noch deine Vorfahren erschrecken."
Geoffrey wurde erst bleich, dann verfärbte sich seine violette Haut noch dunkler. "Wie kannst du es wagen?!"
"Wie kannst DU es wagen?!", erwiderte ich gefährlich leise. "Du hast keine Ahnung was du hättest anrichten können. Wenn man schon über Fähigkeiten wie deine verfügt, sollte man damit verantwortungsbewusster umgehen." Ich wirbelte herum und sah seine Freunde zornig an. Sie hatten zunächst gekichert, wirkten jetzt aber genauso empört wie Geoffrey. Offenbar war "Blutsauger" eine ernstzunehmende Beleidigung. Zeit sich ein paar Feinde zu machen.
"Und ihr Idioten von Blutsaugern sollte euch was schämen. Ihr wolltet wohl euren Spaß haben und dem dummen Erdenmädchen einen Streich spielen? Und habt den dümmsten unter euch vorgeschickt? Es sollte euch eine Lehre sein, dass Geoffrey hier so auf die Schnauze gefallen ist. Noch so'n Ding und ihr werdet ein ernstzunehmendes Problem bekommen."
"Mit dir?", fragte Geoffrey höhnisch, doch seine Nase schwoll von dem Schlag mit meiner Mappe an und raubte ihm das letzte bisschen Stolz.
"Ja mit mir!" Ich wendete mich ihm wieder zu. "Du hast keine Ahnung, zu was wir Erdenmädchen so in der Lage sind, Blutsauger. Und mit einem wie dir werde ich mit links fertig."
Mit einem letzten vernichtenden Blick maß ich ihn und stolzierte zum Aufzug. Einige andere Schüler hatten die Auseinandersetzung mitbekommen und steckten nun tuschelnd die Köpfe zusammen. Ich hielt den meinen hocherhoben und ließ tödliche Blicke durch die Menge regnen. Sollte mir heute noch einer dumm kommen, konnte ich für nichts garantieren.

Der Schulbus wartete bereits und ich beeilte mich einzusteigen. Es war der selbe Fahrer wie am Morgen und wieder roch es nach Hund als ich an ihm vorbeiging. Ich grüßte ihn mit einem Nicken und ließ mich auf die erste freie Bank fallen. Die Schüler, die nach mir einstiegen, sahen mich entweder misstrauisch oder verwundert an. Ich erwiderte ihre Blicke kühl.
"Darf ich?" Wieder war es ein Pyre, der auf den leeren Platz neben mit deutete. Eigentlich hatte ich von denen genug.
"Wenn's sein muss.", erwiderte ich denn auch ungehalten. Ich wendete mich von ihm an und sah aus dem Fenster. Vor dem Aufzug standen Geoffrey und seine Freunde. Sie unterhielten sich angeregt und dann und wann wurden böse Blicke in meine Richtung gefeuert. Ich zog nur die Augenbraue hoch.



"Ich habe gerade mitbekommen, wie du mit meinen Bruder umgesprungen bist.", begann mein Sitznachbar.
"Na und? Willst du dir auch eine fangen?" Ich blickte ihn unfreundlich an. Sofort hob er abwehrend die Hände und lächelte beruhigend.
"Nein nein, kein Bedarf. Ich wollte dir eigentlich gratulieren, dass du nicht auf seinen Streich hereingefallen bist." Er hielt mir seine Hand hin. "Ich bin Richard, der kleiner Bruder vom größten Idioten an unserer Schule."
Das nahm ihn etwas für mich ein. Ich war nicht bereit direkt Freundschaft mit einem Pyre zu schließen, nahm seine Hand jedoch an.
"Kira."
"Ich weiß. Es tut mir leid, dass Geoffrey dich reinlegen wollte."
"Hm."
"Er ist ziemlich aufgeblasen - genau wie der Rest seiner Clique. Sie halten sich für was besseres."
"Weil sie Pyre sind?"
Richard zuckte mit den Schultern. "Zum Teil. Die meisten von ihnen - wie auch Geoffrey und ich - kommen außerdem aus ziemlich angesehen Familien."
"Es sind also Snobs."
"Sozusagen. Aber ich kann dich beruhigen: weder sind alle Schüler noch alle Pyre so drauf wie er."
"Wie tröstlich."
"Du bist ziemlich abweisend, weißt du das?"
Ich lachte bitter auf. "Wie wärst du denn drauf, nach dem was eben passiert ist?"
Er zuckte mit den Achseln. "Wahrscheinlich hast du recht."
Sabina stiegt mit einem Jungen ein, der ihr Bruder sein musste. Sie lächelte mich freundlich an. "Hallo Kira. Toll, dass du's Geoffrey gezeigt hast.", flüstere sie schnell. Der Junge bei ihr lächelte verhalten.
Ich musste grinsen. Offenbar litten einige unter diesem Mistkerl.
Richard sah den Kindern nach, während sie weiter hinten eine freie Bank fanden. "Sie ärgern vor allem die jüngeren Schüler."
"Pff. Dabei sagte mir Cleytus vorgestern noch, dass es an dieser Schule keine Probleme mit solchen Rabauken gäbe."
"Die Lehrer kriegen längst nicht alles mit was so läuft."
"Warum sollte es hier auch anders sein als auf der Erde." Ich zuckte mit den Schultern.
Geoffrey und der Rest stiegen nun auch endlich ein. Mich ignorierten sie, Richard hingegen sahen sie vernichtend an. Der Bus konnte losfahren.
"Du machst dich gerade nicht eben beliebt.", stellte ich fest.
"Das ist ein Zustand, den ich kenne."
"Bist wohl das schwarze Schaf?"
"Oh ja!" Er grinste verschmitzt. "Was hast du so für Kurse?"
Richard schien ein anderes Kaliber als sein Bruder und dessen Clique zu sein. Er wirkte sehr freundlich und offen. Dass er ein Pyre war störte mich zwar ein kleines bisschen, was ich aber meinem Erlebnis mit Geoffrey zuschrieb. Man sollte ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen.
Da Richard einen musischen Schwerpunkt hatte und in den meisten Fächern im Fortgeschrittenen-Kurs, stellten wir fest, dass unser Stundenplan kaum Übereinstimmungen aufwies. Er erzählte mir noch etwas über die Cliquen an der Schule (das übliche Sammelsurium an Snobs, Jocks, Nerds und so weiter) und berichtete mir von den Nachmittagsveranstaltungen. Er empfahl mir ob meines Schwerpunktes den Wissenschaftsclub. Außerdem gab es noch Förderangebote in allen Fächern, die bei den Hausaufgaben oder vor Klausuren von großer Hilfe sein würde. Als er aussteigen musste (und mit ihm auch Geoffrey, der wieder so tat als sei ich Luft, was mir nur recht war), bedankte ich mich höflich bei ihm. Richard grinste nur.

"Wie war es in der Schule?", fragte mich Akki etwas später. Sie sah so aus, als wäre es wieder so ein Satz, den sie schon immer einmal sagen wollte. Ich lächelte sie nachsichtig an.



"So wie Schule immer ist."
Akki sah mich nachdenklich an, bevor sie die Schultern hob und das Thema wechselte. "Ich war heute einkaufen."
Das musste sie viel Überwindung gekostet haben, so ganz alleine durch eine unbekannte Stadt zu gehen. Noch am Morgen hatte sie sich kaum aus dem Haus getraut um Müll hinauszubringen.
"Wirklich? Das ist ja prima.", erwiderte ich deswegen fröhlich.
Sie strahlte. "Ich habe Obst und Gemüse gekauft, dass offenbar die Äquivalente für unser normales Obst und Gemüse ist. Es sieht alles etwas anders aus, aber das was ich probiert habe, schmeckt wie zuhause."
Ich bedeutete ihr mit einer Hand fortzufahren, während ich mir der anderen mein Haar zu einem schnellen Knoten schlang, damit es mir bei den Hausaufgaben nicht dauernd ins Gesicht fiel. Da mir ein Haargummi fehlte, löste er sich sofort wieder. Nach zwei Versuchen gab ich entnervt auf.
"Ich habe auch versucht etwas zu kochen. Aber es ist angebrannt und ich musste es wegschmeißen."
"Passiert. Aber apropos: ich habe Hunger."
"Ich habe danach noch einen Salat gemacht. Steht im Kühlschrank."
Während ich mir einen Teller Salat holte, erkundigte ich mich bei Akki, wie ihr Tag sonst noch gelaufen war. Sie hatte eingekauft, es aber wohl vermieden mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen. Als sie mir das gestand, sah sie verschämt zu Boden. Akki war schüchtern und ziemlich gehemmt. Ich versuchte sie aufzuheitern, indem ich ihren Salat lobte, der wirklich gut schmeckte. Ansonsten hatte sie nicht viel gemacht: etwas aufgeräumt und geputzt (schon wieder?!) und aus dem Fenster gesehen.
"Du musst viel nachdenken, nicht wahr?", erkundigte ich mich vorsichtig. Den Salat hatte ich aufgegessen, jetzt lagen meine Hausaufgaben vor mir.
"Hm.", stimmte sie mir zu. Etwas verlegen sah sie mich an. "Du nicht?"
Nickend pflichtete ihr bei. Wir hatten wirklich viel nachzudenken.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am So Jan 20, 2013 8:46 pm

Man lebt nur einmal

„Können wir uns zu dir setzten?“
Es waren Sabina, ihr Bruder Jerzy und ein weiterer kleiner Junge, ein Weren, den ich nicht kannte. Die Mensa war gut gefüllt, denn wir hatten alle gleichzeitig Mittagspause. Es war laut: schwirrende Schülerstimmen, vermischt von den tieferen Stimmen der Lehrer und des Mensapersonals (allen voran eine grimmig dreinschauenden Werenfrau, die das Kommando innehaben zu schien und ihren Untergegeben mit Stentorstimme Befehle zu brüllte). Besteck klapperte auf Tellern, dann und wann schepperte es, weil etwas zu Bruch ging. Kannten sie hier keine Plastikteller?
„Warum nicht.“, erwiderte ich. „Ist ja genug Platz.“ Ich schob meine Bücher zusammen, die ich neben meinem Tablett ausgebreitet hatte und nickte den drei Kindern zu. Nur das Alchemiebuch ließ ich aufgeschlagen. Ich nahm es in die linke Hand und las weiter an der Stelle, an der mich Sabina unterbrochen hatte. Mit rechts schob ich meine Nudeln hin und her. Richtig Hunger hatte ich längst keinen mehr. Seit ich hier zur Schule ging, kam es mir so vor, als hätte ich nie wirklich Zeit zu essen, weil es soviel zu lernen gab. Man sah mich immer mit einem Buch oder Arbeitsblatt in der Hand.
„Lernst du auch beim Essen?“, fragte der Werenjunge schüchtern. Er war ein hübsches Kind und sah mich aus großen leuchtenden Augen an.
Ich nickte nur geistesabwesend.
„Meine Mutter sagt, man sollte beim Essen nicht lesen.“, erklärte Sabina. Der Gesichtsausdruck, den sie dabei zog, ließ mich vermuten, dass sie das öfter von Olenka hörte.
„Oder Fernsehen gucken.“, fügte Jerzy an. „Das lenkt vom Essen ab und dann kriegt man gar nicht mit, was man ist.“
Eine lila Hand schob sich in mein Gesichtsfeld und klappte das Alchemiebuch zu. Richard balancierte sein Tablett in der einen Hand und hielt mein Buch in der anderen. „Da haben die Knirpse recht. Wenigstens beim Essen solltest du die Bücher mal weglegen.“
Ich seufzte entnervt auf. „Bitte, wie ihr meint.“
Richard setzte sich neben den Sabina und grinste die Kinder der Reihe nach an. Dabei zeigte er seine spitzen Eckzähne, die mir in Erinnerung riefen, dass Pyre Vampire waren. Statt der Nudeln stand auf seinem Tablett nur ein großer hübsch dekorierter Kirschshake – Blutshake korrigierte ich mich in Gedanken. Da alle vier offenbar beschlossen hatten mich vom Lernen abzuhalten, wendete ich mich dem Weren zu.
„Wir kennen uns noch nicht: ich bin Kira.“
Da er gerade den Mund voll hatte, stellte Jerzy ihn vor. „Das ist Taggrash. Er ist heute eingeschult worden.“


Jerzy

Es gab keinen gemeinsamen Einschultag, sondern Schüler kamen sobald sie fünf Jahre alt und als schulfähig eingeschätzt wurden in die flexible Grundschulphase. Dort blieben sie, bis sie lesen und rechnen konnten, bevor sie wie wir anderen in Kurse verteilt wurden.
„Freut mich dich kennenzulernen. Hoffentlich gefällt dir die Schule.“ Ich lächelte den kleinen Taggrash an. Außer dem Busfahrer war er der erste Weren, dem ich so nah war. Auch der Junge roch nach Hund, nur nicht ganz so durchdringend. Offenbar war das eher der Eigengeruch der Weren. Nachdem er seinen Mund geleert hatte, lächelte er mich etwas unsicher an. Auch Weren hatten kräftige Eckzähne, aber sie erinnerten eher an Hunde oder Wölfe.
„Es sind viele Leute hier. Alles riecht so anders.“, erklärte er schüchtern.
„Du gewöhnst dich bestimmt schnell ein.“, munterte Sabina ihn auf. „Wir kennen Taggi schon. Sein Dad und meine Eltern sind befreundet.“ Sie sah mich streng an. „Du solltest aufessen. Hier gibt es nur gesundes Essen, das dir genug Energie liefert, damit du den Tag auch durchstehst.“
„Da hat Sabina recht: Wenn du lernen willst, muss du auch fit dafür sein.“ Richard tippte mit dem Finger an meinen Teller. „Ich kann zwar zu eurem Essen nichts sagen, aber mein Essen gibt mir immer das Gefühl danach besser denken zu können.“
Ich sparte mir den Kommentar, dass das bei Vampiren normal sei.
„Oder magst du das nicht? Esst ihr auf der Erde was anderes?“, mischte sich Jerzy ein. Er hatte seine Nudeln längst aufgegessen. Eigentlich hatte er immer Hunger, was möglicherweise daran lag, dass er trotz seiner jungen Jahre ja schon Leistungssportler war. „Wenn du willst esse ich dein Essen auf.“
„Bitte.“ Ich schob es ihm zu. „Bedien dich.“
„Du bist so verfressen, Jerzy.“, empörte sich Sabina. „Kira muss doch bei Kräften bleiben!“
Ich rollte mit den Augen und warf einen Blick an die Decke. Irgendwie waren die Kids ja rührend, aber sie strengten mich auch an. In Gedanken war ich längst bei dem Experiment, das ich nach der Mittagspause noch in Chemie durchführen musste. Und in Alchemie stand ein Testat an. Ich hatte dafür gelernt, aber ich wollte die Zeit in der Mensa nutzen noch mal ins Buch zu gucken.
„Nächste Woche ist Leisure Day.“, wechselte Sabina nun das Thema. Offenbar hatte sie ihren Bruder genug getriezt. „Gehst du zum Fest?“
Ich zuckte mit den Schultern und sah sie gleichzeitig fragend an. Leisure Day sagte mir nichts.
„Das ist der Sommerfeiertag.“, erklärte Richard. „Wir haben in jeder Jahreszeit einen Feiertag. An dem Tag sind die meisten Familien auf dem Festgelände. Vielleicht hast du es schon gesehen, es hat immer schon eine Woche vorher offen.“
Ich hatte es noch nicht gesehen, denn ich hatte meine Zeit in der Schule, zuhause oder in der Bibliothek verbracht und gelernt. Akki hatte mir auch nichts davon erzählt, aber sie traute sich auch kaum aus dem Haus. Ihre Einkäufe vom zweiten Tag hatten immerhin eine gute Woche gehalten, bevor sie erneut losgezogen war. Inzwischen hatten wir noch die Hälfte unseres Startkapitals. Deswegen musste ich auch noch etwas unternehmen.
„Das Beste an den Feiertagen ist, dass Schule ausfällt.“, kommentierte Jerzy. Meinen Teller hatte er in Windeseile geleert. Nun sah er satt und zufrieden aus und nippte an seiner Milchtüte.
„Kein Unterricht?“, hakte ich nach.
„Alle haben frei, auch die Erwachsenen. Nur ein paar haben Notdienste: Ärzte und so.“, erklärte Richard. „Man kann die Feiertage nutzen um endlich mal etwas auszuspannen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.“ Er warf mir einen vielsagenden Blick zu.
Ich jedoch dachte gar nicht ans Ausspannen. Einen Tag keinen Unterricht bedeutete, dass ich mich den ganzen Tag mit meinen Büchern eingraben und Stoff aufholen konnte. Das würde mir einen guten Vorsprung geben, so dass ich vielleicht früher als erwartet in die höheren Kurse wechseln konnte. Ein zufriedenes Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit.
„Du musst unbedingt zum Fest kommen. Es macht total viel Spaß und alle Leute sind da.“, riss Sabina mich aus meinen Gedanken.
„Und es gibt super leckeres Essen.“, fügte Jerzy hinzu. „Und Spiele.“
Daraufhin tauschten sich die vier über ihre Erlebnisse auf den Festen aus. Sie sprachen alle durcheinander und hörte nur mit halbem Ohr hin, während ich diesen Leisure Day im Kopf verplante. Am schwersten fielen mir Physik und Astronomie. Diesen beiden Fächern würde ich den Tag widmen. Außerdem wollte ich die Einführung über Alchemie, die mir mein Lehrer ausgeliehen hatte, zu Ende lesen. Überraschenderweise machte mir der Kurs sehr viel Spaß, auch wenn ich gelegentlich das Gefühl hatte, es sei eher eine Fortbildung zum Heilpraktiker. Wir lernten alles über Pflanzen und wie man sie zu Tränken, Tinkturen, Salben und Umschlägen verarbeiten konnte um Krankheiten zu heilen, vorzubeugen oder andere vorteilhafte Wirkungen zu erzielen. Es gab auch eine dunkele Seite der Alchemie, vor der uns der Lehrer wieder und wieder warnte: Liebestränke (noch die harmloseste Variante) und Gifte. Das wurde uns aber nicht beigebracht.
„Wenn du willst, nehmen wir dich mit.“, bot Sabina mir gerade an, als die Glocke ertönte, die die Mittagspause beendete. „Unsere Eltern haben bestimmt nichts dagegen.“


Taggrash

Weil ich ihr nicht vor den Kopf stoßen wollte, erwiderte ich, dass ich es mir überlegen würde.
Gemeinsam mit Richard verließ ich die Mensa, während die drei Jüngeren sich in eine andere Richtung trollten. Wir passierten Geoffrey und seine Clique, die uns böse ansahen. Ich meinte auch das ein oder andere Zischen zu hören, doch ignorierte es gleichermaßen.
„Du solltest wirklich hingehen.“, nahm Richard das Thema Fest wieder auf. „Du lernst zu viel.“
„Ach.“ Ich winkte mit der Hand ab. Ich deutete auf den Gang, in dem es zu den naturwissenschaftlichen Räumen ging. „Ich hab jetzt Chemie. Du?“
„Bildhauerei.“ Er verzog das Gesicht. Ich wusste nicht, ob es an Bildhauerei lag oder daran, dass ich das Thema so abrupt gewechselt hatte.
Ich zuckte mit den Schultern. „Dann mal viel Spaß.“ Ich winkte kurz und schlenderte zu meinem Chemieraum.

Entweder war Cleytus wirklich furchtbar aufmerksam oder er hatte Spitzel unter den Schülern (ich tendierte dazu letzteres anzunehmen). Eine Woche später, am Tag vor dem Leisure Day, bat er mich in sein Büro.
Sein Raum hätte auch in einer Waldorfschule stehen können: Sanfte Farben, fließende Übergänge, keine scharfen Kanten oder kalte Stoffe. Ich seufzte. War ja klar.
„Ich mache mir ein bisschen Sorgen um dich, Kira.“, begann er mit seiner ruhigen und sanften Stimme. „Du bist vielleicht die fleißigste Schülerin, die wir hier je hatten, aber ich habe ein wenig Sorge deswegen.“
„So?“ Ich saß auf einem gemütlichen Stuhl, der mit pastellgelbem Stoff bezogen war.
„Ja siehst du: ich fürchte, du arbeitest soviel für die Schule, dass du viele wichtige Dinge aus den Augen verlierst: Freizeit, Hobbys, Freunde…“ Seine Stimme verstummte kurz und er sah mich nachsichtig an. „Vielleicht versuchst du ja, indem du dich so auf die Schule konzentrierst, dich von deinem Kummer abzulenken. Wegen deines Ziehvaters.“
Nun, es gab ja tatsächlich eine Korrelation zwischen Darrel und meinem Einsatz für die Schule, nur war sie anderer Natur als Cleytus annahm.
Ich seufzte. Warum meinten sich eigentlich alle Leute in mein Leben einmischen zu müssen? "Es ist wirklich rührend, dass ihr euch alle Sorgen macht, aber ich komme schon klar. Mir geht es gut." Ich streckte die Daumen hoch.
Doch Cleytus runzelte die Stirn. "Kira, du sollst dein Leben doch auch genießen! Man ist nur einmal jung."
Er schien mir nicht zu glauben, dass es mir wirklich nichts ausmachte zu lernen. Wäre ich ein normaler Teenager hatte ich vermutlich weder die Energie noch die Disziplin ein so hohes Pensum zu schaffen wie ich es tat. Klar, abends war ich schön ziemlich platt, aber ich hatte immer ein sehr zufriedenes Gefühl. Ich hatte schließlich ein Ziel und davon konnte mich nichts abbringen. Ich würde alles tun um Darrel zu retten, vor allen Dingen wenn wir wirklich nur noch dieses eine Leben hatten...
"Cleytus." Ich beugte mich vor uns sah ihn sehr ernst an. "Ich verstehe, dass es dir und den anderen komisch vorkommen muss, dass ich in meinem Alter so intensiv lerne und einen so großen Ehrgeiz an den Tag lege. Aber ich möchte deine Aussage etwas umformulieren: es ist nicht nur so, dass man nur einmal jung ist, sondern man lebt auch nur einmal. Und ich habe mir für dieses eine Leben ein Ziel gesetzt, das ich auf jeden Fall erreichen werde. Wenn ich dafür in meiner Jugend auf die ein oder anderen Dinge verzichte, die gemeinhin üblich sind, die mir aber nicht fehlen, dann soll es so sein." Ich lehnte mich wieder in dem gemütlichem pastellgelben Stuhl zurück. "Ich kann meine Kräfte ganz gut selbst einschätzen. Ich übernehme mich nicht."
Der Vertrauenslehrer sah mich nachdenklich an. Seine Flügel zuckten nervös. Schließlich nickte er. "Ich kann nicht sagen, dass ich verstehe WAS du tust, aber ich akzeptiere, dass du dein eigenes Ding durchziehen willst. Aber...achte bitte auf dich. Wenn du zusammenbrichst, wirst du dein Ziel nicht erreichen."
Ich nickte. "Das stimmt. Aber bisher ist der Akku noch jeden Morgen wieder frisch aufgeladen." Ich grinste. "Außerdem haben wir morgen schließlich frei und obwohl ich eigentlich lernen wollte, werde ich mit Akki tatsächlich das Fest besuchen. Vielleicht sehen wir uns dann ja."
Das schien Cleytus etwas zu erleichtern. Die Idee mit Akki auf das Fest zu gehen hatte ich erst just an diesem Morgen entwickelt. Wir brauchten Geld. Dazu musste Akki einen Job annehmen. Und dazu musste sie erst mal etwas von ihrer Scheu ablegen und ein paar Leute kennenlernen. Allerdings wusste Akki noch nichts von ihrem Glück...
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Mo Jan 21, 2013 3:20 pm

Das Fest

Ich eröffnete Akki beim Abendessen, dass wir am nächsten Tag gemeinsam zum Sommerfest gehen würden. Sie verschluckte sich an ihrem Salat (wir aßen meistens Salat, denn den bekam Akki hin ohne an den Herd zu müssen - sie befürchtete stets, die Herdplatte nicht ausgeschaltet zu haben und hatte Angst, unser Haus anzustecken) und wurde blass.
"Zum Fest?"
"Ganz genau. Ich finde wir haben uns eine Pause verdient! Und es wird bestimmt lustig!" Ich hoffte sehr, dass sie nicht merkte wie sehr ich die Begeisterung spielen musste. "Es wird auch mal Zeit, dass du ein paar neue Leute kennenlernst."
"Ich kenne dich. Und Olenka.", wandte sie ein.
"Ich zähle nicht. Und Olenka auch nicht so richtig. Sie kommt übrigens mit ihrem Mann und ihren Kindern hin."
Akki sah auf ihren Salat nieder und seufzte. Ich wappnete mich für eine zweite Runde, vielleicht gab sie ja nicht so schnell auf.
"Und was ist wenn es einen wichtigen Anruf gibt? Zum Beispiel wegen Darrel? Da muss doch einer zuhause sein!"
"Das ist ein ziemlich unfairer Schachzug.", maulte ich sie an. "Es ist nicht nett, dass du versuchst Darrel gegen mich einzusetzen. Mal ganz davon abgesehen, dass wir Handys haben. Wenn es etwas wichtiges gibt, wird der Anruf auf das Handy kommen." Ich stocherte wütend in meinem Salat rum. "Ich versteh überhaupt nicht, was du dich so anstellst. Es ist ein Fest, es gibt Musik, Spiele, leckeres Essen und es sind ein paar Leute da. Kein Grund zur Panik!"
Akki seufzte erneut, dieses Mal so abgrundtief, dass es schon Mitleid erregend war. Ich klopfte ihr auf die Schulter. "Keine Sorge, Akki. Ich bin ja bei dir und halte dir den Rücken frei. Du wirst sehen, es macht Spaß!"
Fast hatte ich erwartet, dass Akki am nächsten Morgen eine plötzliche Erkrankung vorschob, um doch nicht mitzumüssen. Doch sie wartete schon gestiefelt und gespornt auf mich.
"Je eher wir los gehen, desto eher hab ich's hinter mir.", erklärte sie mir Grabesstimme als sie meinen verdutzten Blick sah.
"Ahja.", erwiderte ich und beeilte mich, um ebenfalls fertig zu werden.
Da es noch recht früh war, war noch nicht all zu viel los. Olenka und ihre Familie waren tatsächlich schon da. Die Kinder umsprangen mich hoch erfreut und wollten mich bald hier hin bald dort hin zerren. Für Akki hatten sie nur einen höflichen Gruß übrig, was der aber ganz recht zu sein schien. Olenka, die offenbar ahnte, dass Akki nicht gerade der Partylöwe war, nahm sich ihrer an und zog sich zum plaudern in eine ruhige Ecke des Parks zurück.



Nachdem ich eine Weile mit den Kindern getobt hatte, gönnte ich mir eine Limonade und begrüßte einige Mitschüler mit einem Nicken. Ich hatte keine Lust auf weitere Konversation und suchte nach Akki. Falls sie inzwischen die Nase voll hatte, könnten wir heim gehen. Das was ich wollte hatte ich schließlich erreicht: man hatte uns gesehen und Akki war über ihren Schatten gesprungen. Also konnten wir auch wieder abziehen.
"Buh!", machte es auf einmal hinter mir.
Vor lauter Schreck sprang ich glatt ein Stück in die Höhe. Die Limonade landete auf meinem Top und mein Herz legte eine Extraschicht ein.
"Verdammt noch mal Taggi, willst du mich umbringen?", motzte ich los, denn ich hatte die Stimme sehr wohl erkannt, die mich aus meinen Gedanken gerissen hatte.
Der junge Weren sah mich halb schuldbewusst halb schelmisch an. Er murmelte eine halb ernst gemeinte Entschuldigung.
"Ist ok. Ich hab mich nur tierisch erschreckt!", Ich zauste ihm das Haar und legte meine Arm um seine schmalen Schultern. "Bist du mit deiner Familie hier?"
Taggrash verzog das Gesicht. "Nur mit Dad. Onkel Storr und Tante Rikka sind zuhause geblieben, weil das Baby jeden Moment kommen kann." Er deutete mit der Hand auf einen Weren, der gerade Anstalten machte sich Akki vorzustellen. Hoffentlich fiel sie nicht in Ohnmacht!
"Ich wusste gar nicht, dass es bei euch Nachwuchs gibt."
"Hm.", machte Taggrash. Er sah sehnsüchtig zum Essensstand. "Das kam auch ganz plötzlich! Auf einmal ist Rikka bei uns eingezogen und ihr Bauch wurde immer dicker und dicker! Und Dad hat mir erzählt, dass Onkel Storr und Rikka deswegen ein Baby bekommen. Und das kommt jetzt bald."



Ich schmunzelte. "Na, dann hast du bald einen kleinen Cousin oder eine kleine Cousine. Komm, wir holen uns was zum Naschen."
Begeistert ließ sich Taggrash von mir zum Stand begleiten, wo er sich einen zuckrigen Kuchen aussuchte. Ich blieb lieber flüssig und machte die Limonade in meinem Bauch mit Kaffee bekannt. Natürlich war es kein Kaffee wie auf der Erde - es war wieder so eine Äquivalenzsache - aber er schmeckte ähnlich und hatte den selben Effekt.



"Ist das deine Mutter?", fragte Taggrash zwischen zwei Happen Kuchen.
Akki und sein Vater unterhielten sich inzwischen ohne das meine Ziehmutter in Ohnmacht gefallen war. Es geschahen noch Zeichen und Wunder.
"Nee. Nur meine Ziehmutter."
"Was heißt das?"
"Das heißt, dass meine richtigen Eltern nicht hier sind und ich deswegen einen anderen Erwachsenen brauche, der offiziell und rechtlich für mich zuständig ist." Die Tatsache, dass ausgerechnet die unselbstständige Akki das für mich übernahm, war schon eine Ironie.
Taggrashs kleine Hand griff nach meiner und drückte sie. "Das tut mir sehr leid. Bist du sehr traurig deswegen?"
Ich lächelte ihn freundlich an. "Nein. Ich bin ja schon ein großes Mädchen und kann auf mich allein aufpassen." Und auf Akki gleich mit.
"Ich bin schon manchmal traurig, dass ich keine Mutter mehr hab.", gestand Taggrash mir daraufhin. Nun war ich es, die seine Hand drückte.
"Das kann ich auch verstehen, Taggi. Es ist ganz normal deswegen traurig zu sein. Ich vermisse meinen echten Vater manchmal auch." Was nicht ganz stimmte. Hector war toll gewesen, aber ich hatte einen Neurotiker gegen den nächsten getauscht. Wenn man außerdem so lange lebte wie ich, verloren manche Beziehungen einfach auch ihre Tiefe. "Und ich bin wirklich sehr traurig, dass mein Freund Darrel eingefroren werden musste."
Taggrash nickte langsam. "Die Ärzte können ihm bestimmt helfen." Er bot mir ein Stückchen Kuchen an, dass ich ihm zu liebe annahm. Es war zum Schreien süß und ich spülte schnell mit Kaffee nach.
"Und wenn die Ärzte ihm jetzt nicht helfen können, dann finden wir ein Hilfsmittel! Ich helf' dir!", fuhr Taggrash fort.
Das war so süß, dass ich ihn schnell an mich drückte und einen Kuss auf seine Locken platzierte. Er war noch jung genug das ohne große Einwände über sich ergehen zu lassen.
"Danke Taggrash."
"Wir sind doch Freunde!", erwiderte er etwas verlegen.
"Das sind wir." Ich klopfte ihm auf die Schulter. "Willst du mich mit deinem Vater bekannt machen? Vielleicht müssen wir ihn ja vor meiner Ziehmutter erlösen?"



Doch das schien nicht nötig. Lorn, Taggrashs Vater erklärte Akki gerade wie sich Werennamen bildeten. Es stellte sich nämlich heraus, dass Akki auch ein weiblicher Werenname sein könnte: Er war kurz, hatte zwei aufeinanderfolgende Konsonanten und endete auf ein I (die anderen Möglichkeiten waren E und A). Sie hatten keine tiefere Bedeutung, außer das sie in Werenohren hübsch klangen. Akki fand das ziemlich spannend, ich nehme an, da kam die Beobachterin in ihr zu Tage.
Sabina und Jerzy gesellten sich zu uns und wollten unbedingt am Hot-Dog-Wettessen teilnehmen. Ich mochte Hot Dogs nicht sonderlich, weswegen ich aussetzte. Taggrash war nach seinem süßen Kuchen der Appetit vergangen und Lorn wollte schon wieder mit seinem Sohn heim. Also überredeten die Kinder ihren Vater Aleksy und Akki mitzumachen. Offenbar war Akki etwas aufgetaut, denn sie zierte sich nur ganz kurz. Auch ihr Blick verriet mir, dass das wieder so eine schon immer mal ausprobieren Sache war. Ich wünschte ihr viel Erfolg, auch wenn ich insgeheim eher auf Jerzy setzte. Gemeinsam mit Olenka feuerte ich die vier Teilnehmer an. Während wir zusahen, wie sie das Essen herunter schlangen, erzählte Olenka, dass sie ein drittes Kind erwarteten. Sie versicherte mir aber, dass darunter ihre Arbeit an Darrels Fall nicht ruhen würde. Ich gratulierte ihr und erwiderte, dass es wichtig sei, dass sie sich auf ihre Familie konzentrierte. Schließlich waren noch andere Forscher an dem Projekt beteiligt - und ich würde einfach ganz schnell mit der Schule fertig werden müssen. Während Jerzy als erster das letzte Hot Dog in sich rein schob, musste ich an Taggrashs Angebot denken und lächelte. Irgendwie würde ich Darrel schon retten.

"War das Fest jetzt so schlimm wie du dachtest?", fragte ich Akki auf dem Heimweg.
Sie schüttelte den Kopf. "Ich habe mich am Anfang etwas unwohl gefühlt wegen der vielen Leute. Aber ... es war ganz lustig." Sie verzog das Gesicht. "Nur an einem Wettessen will ich so schnell nicht mehr teilnehmen."
"Tja, gegen Jerzy hatte aber auch keiner von euch eine Chance. Das Kind isst wie ein Scheunendrescher."



Ich lachte. "Übrigens... was hältst du davon, wenn du dir einen Job suchst? Dann kommst du öfter mal raus und um ehrlich zu sein: Wir brachen Geld."
Akki nickte. "Ich habe auch schon darüber nachgedacht. Aber ich hab so was noch nie gemacht!"
"Dann wird es aber Zeit. Ist das nicht vielleicht auch so eine Sache, die du immer schon mal machen wolltest?"
"Hm." Sie senkte den Kopf. "Vielleicht."
"So oder so, du hast in dieser Sache leider keine Wahl. Ich kann nicht arbeiten gehen, ich muss für die Schule lernen. Also bleibt es an dir hängen.", erklärte ich ihr brutal. Manchmal musste man den Dingen einfach ins Auge sehen.
"Du hast ja recht. Hilfst du mir?"
"Das liebe Akki, ist eine Selbstverständlichkeit."
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Mo Jan 21, 2013 8:26 pm

Settling down

Wir forschten in den nächsten Tagen ein bisschen nach und fanden schließlich ein Stellenaufruf für den Supermarkt. Waren einräumen fand Akki in Ordnung, sie hoffte nur, dass sie nicht zu häufigen Kundenkontakt hatte. Ich coachte sie einen Nachmittag lang bevor sie sich dem Vorstellungsgespräch stellte. Ich machte mir deswegen keine großen Gedanken, sie würde das Kind schon schaukeln.
In der Tat bekam sie die Stelle, insbesondere als sie anbot auch zu putzen (es war ihr zu dreckig in den Gängen). Dafür handelte sie sogar einen kleinen Bonus aus - so viel Geistesgegenwart hatte ich ihr gar nicht zugetraut.



Von diesem Tag an war ich nachmittags allein. Akki verließ gegen drei Uhr das Haus und kam abends gegen acht Uhr wieder. Sie war die erste Zeit furchtbar aufgeregt und machte sich fast ins Hemd, aber nach einer Weile gewöhnte sie sich an das Arbeitsleben.
Mit meinem Lernvorhaben kam ich gut voran. So gut, dass ich gelegentlich mal mit einem der Kids nach Hause ging und ihnen bei den Hausaufgaben half oder mit ihnen spielte. Manchmal kam auch Richard nach der Schule mit zu mir. Er floh regelrecht vor seiner Familie, die alle so versnobt waren wie Geoffrey. Wir hörten dann Musik (sehr ähnlich wie zuhause) oder sahen fern. Dabei quatschten wir über alles mögliche. Richard erschloss mir so meine neue Heimat und die Gesellschaft in der wir lebten.



Taggrashs kleiner Cousin Garr war noch in der Nacht des Festes geboren worden. Ich durfte nach ein paar Wochen mal gucken kommen (eigentlich bequatschte mit Taggrash, bis ich nachgab, er war sehr stolz auf seinen kleinen Cousin). Storr, Taggrashs Onkel war Polizist, ich hatte ihn schon gelegentlich in der Stadt gesehen. Er war ein freundlicher und zurückhaltender Mann. Seine Freundin Rikka war noch schüchternder als Akki; sie versteckte sich am liebsten hinter ihrer dichten Mähne oder hielt das Baby wie einen Schutzschild vor sich, wenn jemand im Haus war, den sie nicht kannte. Lorn, Taggrashs Vater war Soldat. Die Armee auf diesem Planeten war nicht so sehr für den Verteidigungsfall (oder gar Eroberungen) gedacht, sondern unterstützte die Polizei und die Feuerwehr. Außerdem forschten sie gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Labor an verschiedenen Projekten. Im Grunde waren sie eher wie das THW als wie eine richtige Armee, auch wenn sie im unerwarteten Verteidigungsfall zu den Waffen greifen konnten.



"Siehst Du? Ist ganz einfach." Ich unterstrich Taggrash noch einmal den richtigen Weg für das schriftliche Addieren. Er nickte begeistert und hatte es offenbar verstanden. Ich sah rasch auf die Uhr. "Dein Dad müsste auch gleich heimkommen."
Der Werenjunge nickte und sprang vom Tisch auf. "Sollen wir solange noch ein bisschen zocken?"
"Warum nicht." Ich setzte mich zu ihm auf die Couch. Taggrash war ein begeisterter Videospieler. Das hatte er mit Lorn und Storr gemeinsam. Natürlich zockte er mich ab, er hatte einfach viel mehr Übung als ich.



Lorn kam kurz danach heim. "Hey ihr zwei. Ich hab deine Mutter mitgebracht, Kira. Wir haben uns im Supermarkt getroffen."
"Ziehmutter.", korrigierten Akki und ich ihn unisono.
Lorn hob die Augenbraue. Taggrash kicherte.
"Rikka hat noch Suppe gekocht bevor sie mit Garr zu Olenka gefahren ist.", änderte ich das Thema. "Aber die ist echt scharf."
"Willst du auch einen Teller?", fragte Lorn, der bereits die Kühlschranktür geöffnet hatte.
Akki hatte sich diskret umgesehen. Das Haus genügte offenbar ihren Sauberkeitsansprüchen und sie nickte unsicher. Ich war echt froh um Rikkas Suppe gewesen, auch wenn sie höllisch scharf war. Inzwischen hing mir Salat nämlich zum Hals raus. Wenn der nächste Feiertag anstand, würde ich die Zeit nutzen um selbst etwas zu kochen und einzufrieren. Im Kochen hatte ich nämlich genug Übung.
Lorn und Akki betrieben Smalltalk, während Taggrash mich ein weiteres Mal besiegte. Anschließend sahen wir uns alle gemeinsam den Wetterbericht an, eine Tätigkeit die sich in ganz Lunar Lakes großer Beliebtheit erfreute. Da eine Vollmondnacht anstand, machten Akki und ich uns zeitig auf den Weg um Lorn, Taggrash und die mittlerweile wieder heimgekehrte Rikka nicht in Verlegenheit zu bringen. Weren waren nichts anderes als Werwölfe. Sie konnten sich nach belieben in Wölfe oder eine Form zwischen Humanoidem und Wolf verwandeln, aber bei Vollmond mussten sie sich verwandeln. Die Weren schämten sich nicht deswegen, aber sie wussten, dass es den meisten Leuten unangenehm war, sie in dieser Form oder bei der Verwandlung zu sehen. Von daher baten sie die meisten Leute immer zeitig aus dem Haus, wenn Vollmond anstand.
Vollmond war natürlich eine Umschreibung, schließlich waren wir auf einem Mond. Vollmond war die Phase, wenn wir das Licht direkt abbekamen und unser Mond als Vollmond auf dem Planeten, dessen Trabant unser Mond war, schien. Der Planet war allerdings unbewohnt, so dass dort niemand den Vollmond sah.



Akki und ich beeilten uns nach Hause zu kommen, denn manches Mal konnte man nicht sicher sein, was sich bei Vollmond noch so rum trieb. Wir kamen am Haus von Olenka vorbei und winkten rasch, als wir sie vor an einem der großem Fenster stehen sahen. Sie winkte zurück. Im Hintergrund konnte man Sabina und Jerzy miteinander spielen sehen. Inzwischen waren mir die Kinder und ihre Familien ans Herz gewachsen. Insgeheim war Taggrash schon mein Liebling, aber ich mochte auch Sabina und Jerzy sehr. Ihre Eltern waren immer freundlich zu mir und Akki. Olenka und Akki hatten sich irgendwie angefreundet (vielleicht betrachtete Olenka Akki aber auch nur als interessantes Forschungsobjekt). Aleksy half mir oft in Alchemie aus. Er galt als Koryphäe auf dem Gebiet und teilte sein Wissen gern. Ich fand es sehr erstaunlich, dass Olenka Schulmedizinerin und Aleksy Alchemist war. Die Ansätze widersprachen sich oft und trotzdem waren die beiden eines der harmonischsten Paare, das ich je kennengelernt hatte.
Auch mit Taggrashs Vater Lorn und dessen Bruder Storr kam ich gut klar. Rikka war immer noch sehr zurückhaltend, aber ich glaube wir waren auf einem guten Weg.



Die einzige Familie meiner Schulfreunde die ich nicht kannte, waren Richards Verwandte. Ich wusste, dass er mit seinen Eltern, Geoffrey und einer kleinen Schwester in der Nähe der Schule wohnte, aber das war schon alles. Ich legte keinen gesteigerten Wert darauf sie kennenzulernen - Geoffrey reichte mir. Außerdem hatte ich mittlerweile herausgefunden, dass die Eltern von Richard Angehörige anderer Völker als minderwertig betrachteten. Warum sollte ich mich dort also blicken lassen? Da war es mir lieber wenn Richard mit zu mir kam oder wir durch die Stadt stromerten. Er bekam oft Ärger von seinen Eltern, weil er sich mit Nicht-Pyre einließ und auch sonst nicht ihren Anforderungen gerecht wurde. Obwohl er keinen Verbündeten in seinem Haus hatte, hielt Richard die schlechte Stimmung daheim mit bemerkenswert unverwüstlicher Laune aus.



Akki hatte außerdem die Bekanntschaft von Cleytus Frau Celeste gemacht. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund stand sie eines Tages mit ihrer kleinen Tochter Deianira vor unserer Tür und begann mit Akki zu plaudern. Da diese inzwischen täglich Kontakt mit anderen Menschen hatte, fiel es ihr immerhin etwas leichter mit anderen zu sprechen, aber die flatterhafte Celeste schien sie doch etwas zu überfordern. Sie sprang von Thema zu Thema, lästerte mit Begeisterung über Leute, die wir nicht kannten und war insgesamt kaum still zu bekommen. Die kleine Deianira saß derweil brav auf dem Boden und spielte ruhig vor sich hin.



Ihren älteren Bruder Galyn kannte ich schon, er besuchte einige Kurse mit Sabina zusammen und kam immer häufiger mit zu uns an den Tisch. Weil sein Vater Lehrer an unserer Schule war, hatte er es nicht immer leicht. Da unsere Truppe ohnehin ungewöhnlich war und die meisten anderen Cliquen uns in Ruhe ließen, suchte er natürlich Schutz bei uns.
Mir machte das nichts aus, denn Galyn war ein freundlicher Junge. Er galt gemeinhin als Klassenclown und hatte auch immer irgendeinen Witz parat, aber vor allem wenn Richard und ich dabei waren, war er sehr höflich.



Mittlerweile lebten Akki und ich schon fast zwei Monate in Lunar Lakes, man merkte schon dass es kühler wurde. Genauso lange war Darrel schon eingefroren. Es gab noch keine neuen Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt. Manchmal wunderte ich mich, ob es ein Haltbarkeitsdatum für den Kyroschlaf gab. Ich musste am Ball bleiben...
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Fr Jan 25, 2013 11:20 pm

Wie alles so kam wie es kam...
oder
Das Kapitel, das dem werten Leser Erhellung oder Verwirrung bringt Wink

Der Herbst flog nur so vorbei. Mein Plan am Herbstfeiertag, den Spooky Day, der mich sehr an das irdische Halloween erinnerte, zum Kochen und lernen zu nutzen, wurde von Akki durchkreuzt. Sie war es, die dieses Mal unbedingt zum Fest wollte. Also trabte ich meiner Ziehmutter hinterher, als sie mit großen staunenden Augen über das Festgelände stolperte und einem Kind gleich alles ausprobieren wollte. Sie spielte bei Apfeltauchen mit, lief durch das Spukhaus (und kam kreidebleich und zitternd wieder heraus) und aß so viele der Festspezialitäten, dass sie den restlichen Tag über Bauchschmerzen klagte. Es kam mir mehr so vor, als wäre ich die Mutter und sie das Kind (was – rein an Lebenserfahrung gerechnet – ja auch stimmte). Mir war bis zum Spooky Day nie ganz klar, wie alt Akki war, aber ich war sicher älter zu sein.



Meine Schulfreunde besuchten natürlich ebenfalls das Fest. Dieses Mal ließ sich sogar Richard blicken, der sich bereit erklärte mit Sabina und Taggrash das Spukhaus zu besuchen. Ich sparte mir den Besuch und unterhielt mich mit Olenka, deren Babybauch man inzwischen recht deutlich sah. Sie versicherte mir zwar ständig, dass die Arbeit im Forschungsprojekt gut laufe, aber ich merkte, dass sie Floskel wiederholte. Ich begann mir deswegen langsam Sorgen zu machen. Als Akki von einem ihrer Ausflüge zum Essensstand wiederkam (das war kurz bevor sie anfing über Bauchschmerzen zu klagen), bemerkte sie meine schlechte Stimmung und schlug vor, nach Hause zu gehen. Ich stimmte ihr einsilbig zu, auch wenn Sabina und Taggrash der Meinung waren, dass wir noch nicht lange genug geblieben wären. Ich schüttelte die Kinder mit einem entnervten Blick ab, der sie etwas verschreckte. Sie sahen mich so traurig an, dass es mir sofort leid tat. Richard nahm die beiden an die Hand und zwinkerte mir zu, bevor er den Kindern erklärte, dass ich einen schlechten Tag hatte und morgen schon wieder die alte Kira sein würde. Ich beließ es dabei, hakte mich bei Akki unter, die langsam grün im Gesicht wurde, und ging mit ihr heim.

„Mir ist sooo schlecht.“, jammerte meine Ziehmutter auf dem Heimweg.
„Dann hättest du nicht so viel essen sollen. Es wird dir gut tun, dass wir heim laufen.“
„Hmm.“, machte sie. Sie rieb sich den Bauch und sah mich von der Seite an. „Olenka hatte wohl keine guten Nachrichten?“
Ich seufzte. „Sie sagt immer, alles ginge gut voran und sie würden verschiedene Tests durchlaufen lassen. Aber irgendwie hat nichts davon wirklich Substanz. Ich fürchte sie treten auf der Stelle.“
Akki musste aufstoßen. „’Tschuldigung…Aber immerhin hat sie dir auch nicht gesagt, dass es schlecht läuft.“
„Vielleicht hast du recht und keine Nachrichten sind gute Nachrichten.“, stimmte ich ihr zu. „Aber ich habe Angst, dass sie nichts finden, was Darrel helfen kann.“
Sie sah mich freundlich an. „Dann findest du eben was.“
„Wenn es denn so einfach wäre!“ Ich raufte mir die Haare. „Bei der Hälfte meiner Kurse verstehe ich inzwischen gar nichts mehr. Ich sehe noch nicht, wie ich jemals die Schule mit einem guten Zeugnis verlassen und Medizin oder so was studieren soll.“ Es ziepte in meinen Augen und mir wurde bewusst, dass ich unter großem Druck stand.



„Setzt dich doch nicht selber so unter Druck.“, meinte Akki sodann auch. „Es hilft nix, wenn du zusammenbrichst.“
„Du hast gut reden! Um was geht es denn für dich?“
Akki sah mich verletzt an. Ich hatte sie laut angefahren, obwohl sie doch nur helfen wollte. Ich schlug die Hände vors Gesicht und atmete tief in meine Handflächen, die noch nach den Fritten rochen, die ich auf dem Fest gegessen hatte. Dann nahm ich Hände herunter und sah meine Ziehmutter entschuldigend an. „Es tut mir leid.“
Es half nichts gegen ihren waidwunden Blick. Akki hatte Tränen in den Augen und ich erinnerte mich daran, wie hilflos sie eigentlich war: Sie hatte doch vom Leben keine Ahnung, hatte immer in ihrer Blase gelebt. Was sollte sie schon tun?
„Vielleicht hätte ich mich nie in dein Leben einmischen sollen.“, sagte sie schließlich heiser.
Ich zog die Augenbraue hoch. „Wie meinst du das?“
„Naja.“ Sie rieb sich wieder den Bauch und sah dann zum Horizont. „Du weißt ja, dass ich eine Beobachterin bin. Nur eine ziemlich ungewöhnliche.“
„Ich dachte du stammst aus deiner Familie von Beobachtern.“
„Schon. Aber siehst du, es gibt verschiedene Arten von Beobachtern: Solche wie meine Familie, die sichtbar sind und am Leben „ihrer“ Menschen teilhaben. Sie reproduzieren sich durch ihre Kinder. Dann gibt es noch die unsichtbaren Beobachter: Sie sind körperlos und altern nicht. „Ihre“ Menschen sehen sie niemals und sie sind meistens auch nicht nur an eine Stadt gebunden. Sie mischen sich dauernd in das Leben ihrer Menschen ein. Das sind die wirklich fiesen Beobachter.“
Mir lief ein Schauder über den Rücken. All die Jahre war ich also von unsichtbaren Beobachtern begleitet und gelenkt worden. Zu wissen, dass man nie alleine war und diese Geschöpfe einem vielleicht noch nicht einmal wohlwollend gegenüber waren, war sehr beängstigend. Ich schüttelte mich, um das unangenehme Gefühl loszuwerden. Akki beobachtete mich und nickte.
„Eigentlich hätte ich nur die Kräfte der sichtbaren Beobachter haben sollen, aber ich bildete mich fort und gelangte irgendwann an die Kräfte der unsichtbaren.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung wie ich das geschafft habe.“
Es kam mir ironisch vor, dass ausgerechnet Akki, eine der lebensuntüchtigsten Personen die ich kannte, so etwas vollbracht hatte.
„Ich konnte also genauso in Raum und Zeit wechseln, wie die Unsichtbaren und ich konnte eingreifen wie sie das taten. Außerdem konnte ich mein Altern anhalten.“
„Ich frage mich schon die ganze Zeit, wie alt du wohl bist.“
„Ich fing an diese Kräfte zu entwickeln, als du als Poppy Hill geboren wurdest.“
Also eine lange Zeit. Mein freiwilliger Tod als Kira-Poppy in Sanctuary war jetzt über sechzehn Jahre her. Ich war damals fast vierzig gewesen. „Hast dich gut gehalten, Akki.“
Sie grinste. „Dein Leben als Poppy – und Darrels Leben als Basil – machte mich auch auf euch aufmerksam. Ich konnte auf die Archive der Beobachter zurückgreifen – dafür musste ich einbrechen, aber mich haben sie damals noch nicht bemerkt – und fand immer wieder Querverweise auf euch.“
Wieder ein Schauder. Das wurde ja immer unheimlicher!
„Tatsächlich lag es an meiner Urahnin – Akki I. wenn du so willst – dass du wiedergeboren wurdest.“
„Ich dachte das läge an meinem Deal mit dem Sensemann?“
Sie schnaubte. „Ja klar. Wer glaubst du lenkt den Sensemann? Oder alle anderen Kreaturen auf der Erde? Ich dachte sogar, die Beobachter würden die Aliens lenken, aber da habe ich wohl falsch gelegen.“
Das, oder die Beobachter hatten uns gründlich reingelegt – eine Option, die ich immer im Hinterkopf hatte.
„Akki I. war eine Unsichtbare. Weil sie für deine Wiedergeburt gesorgt hatte, wurde sie dann aber bestraft und zu einer Sichtbaren gemacht und nach Snowy Island verbannt. Kurz darauf entdeckten die Unsichtbaren aber, wie unglaublich unterhaltend du bist.“ Sie lachte bitter. „Und stellten dir einen Gegenpart auf.“
„Darrel.“
„Genau. Sie pflanzten euch beide eine tiefe Antipathie gegeneinander ein, so dass ihr die nächsten paar Leben damit verbracht habt, euch gegenseitig auf den Keks zu gehen.“
Wir waren inzwischen fast zu Hause angekommen.
„Dann passierte das mit deinem Gedächtnis. Ich glaube die Aliens hatten ihre Finger im Spiel, aber ich kann’s nicht beweisen. Ich muss mich für alles was vor deinem Leben als Poppy passiert ist auf die Berichte verlassen.“ Akki betrachtete unser kleines Haus das von einem Hügel auf uns nieder zu sehen schien. Sie musste unwillkürlich lächeln. Vielleicht war sie inzwischen doch etwas froh über unser neues Leben?
„Darrel erkannte dich – warum nennt er sich übrigens Darrel? Das ist doch der Name, den er in deinem Lethe-Leben hatte und nicht sein eigentlicher Name.“
„Sein eigentlicher Name war Blake. Er fühlt sich aber als Darrel wohler.“ Ich musste schlucken. „Weil er sich erst als Darrel wie ein liebenswerter Mensch gefühlt hat.“
Akki nickte weise. Wir bogen in die kleine Straße ein, die zu unserem Haus führte. „Ich verstehe. Wie dem auch sei…Dadurch, dass du nicht wusstest wer er war, konntet ihr einander anders begegnen.“
„Er wusste von Anfang an, wer ich war. Und ich hatte Angst vor ihm.“
„Trotzdem war es etwas anderes. Und du erkanntest, dass Darrel seinen Sohn sehr liebte, also durchaus fähig war, sich für andere Menschen zu interessieren. Deswegen hast du wohl beschlossen, ihn in eurem neuen Leben als Geschwister positiv zu beeinflussen.“
Es schmeckte mir nicht besonders meine Motivationen und Handlungen so von Akki unterstellt zu bekommen, auch wenn sie einen wahren Kern hatten. Es kam mir komisch vor, dass sie mein Leben offenbar so gut untersucht hatte. Erneut überlief mich ein Schauder. Akki war eine von ihnen! Auch wenn sie…anders war.
„Als Poppy und Darrel entwickeltet ihre euch nicht so, wie die Beobachter es wollten: Ihr ginget euch nicht an den Kragen. Deswegen verursachten sie einige Zufälle, die euch wieder auseinander treiben sollten.“



Wir waren daheim. Akki schloss die Haustüre auf und wir setzten unser Gespräch am Küchentisch fort.
„Joy, Darrels Ausflug in die Kriminalität und der Unfall seiner Frau…das alles wäre als nicht passiert, wenn sie nicht eingegriffen hätten?“, fragte ich erstaunt. Wie ruhig und beschaulich unser Leben hätte sein können!
„Ganz genau. Als ihr dann nach Bridgeport gezogen seid, ging es weiter. Letztendlich gipfelte es in der Schießerei in der Ubahn. Ich glaube du hast die Beobachter sehr geärgert, als du dich vor Darrel geworfen hast um ihn zu retten. Das war definitiv nicht vorgesehen!“
„Hat nur leider auch nicht viel geholfen.“
Akki zuckte mit den Schultern. „Ich hab euch ja gerettet.“
Da war es also wieder auf dem Tablett. Sie hatte sich echt lange damit zurückgehalten. Aber ich sah darüber hinweg, weil sie mir so viele Informationen gab.
„Inzwischen hatte ich genug erfahren, um zu wissen, dass ich euch vor den Beobachtern retten musste. Ich hatte ein Versteck geschaffen – Sanctuary – und Vorkehrungen getroffen um dort euch und andere zu verstecken. Also griff ich ein, in letzter Minute, wie ich wohl meinen will, und holte euch von der Schwelle des Todes. In Sanctuary ward ihr vorerst sicher.“
„Gemeinsam mit den anderen.“ Ich sah sie misstrauisch an. „Wonach hast du eigentlich ausgesucht, wen du nach Sanctuary bringst?“
„Ihr hattet alle eins gemeinsam: ein Netz von verschiedenen Beobachtern hat auf euch alle ausgewirkt. Es tauchten immer wieder dieselben Namen auf, ob jetzt bei dir und Darrel oder bei Lynn und den Koffis. Es erschien mir sinnvoll.“
„Und das du damit ziemlich vorhersehbar wurdest, kam dir nicht in den Sinn?“ Das war eigentlich Darrels Art zu denken, aber es hatte wohl abgefärbt.
Akki errötete. „Nein. Ich war mir meiner Mission sehr sicher.“
„Und vor allem warst du sehr von dir selbst überzeugt.“
„Ja.“ Sie nickte. Die Röte auf ihren Wangen nahm noch etwas zu bevor sie nachließ. „Ich war einfach nicht vorsichtig genug.“
„Hm.“, machte ich. „Und dann?“
„Ich glaube, dass ich Fawn zu euch brachte, war der entscheidende Fehler.“ Sie rieb sich den Bauch. „Kannst du mir einen Tee kochen? Ich hab Bauchweh.“
Ich erhob mich und setzte Wasser auf. Während ich Tassen und Teebeutel aus dem Schrank holte, bedeutete ich ihr mit einer Geste fortzufahren.
„Ich glaube Fawn war markiert – so wie man es mit Geldscheinen macht. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum danach alles anfing schief zu laufen.“ Sie musterte nun sehr intensiv ihre Fingerspitzen. „Außerdem hatte ich nicht erwartet, dass sie und Darrel…na du weißt schon.“
Ich befestigte äußerst sorgsam die Teebeutelfäden an den Tassenhenkeln. Das war ein Thema, dem ich mich nicht so gerne nähern wollte. Wir vermieden es uns anzusehen und schwiegen einige Minuten.
„Ich verstehe echt nicht, warum du die beiden verkuppelt hast.“, platzte es schließlich aus Akki heraus.
„Sie schienen glücklich zu sein – zumindest bis dieses Monsterkind auf die Welt kam.“, erwiderte ich mit größtmöglicher Gleichgültigkeit, die ich jedoch nicht verspürte.
„Pff.“ Akki sah mich noch scheeler an als sonst. „Und was war mit deinen Gefühlen?“
Ich verzögerte die Antwort in dem ich vorgab im Schrank nach Zucker zu suchen. Doch Akki war geduldig und sah mich erwartungsvoll an, auch nachdem ich den Zucker auf den Tisch gestellt und das Wasser in die Teetassen gegossen hatte.
„Wir waren Geschwister.“, wich ich schließlich aus.
„Nein ward ihr nicht. Ich habe das geändert.“, erwiderte sie seelenruhig.
„WAS?! Und das sagst du mir JETZT?!“
Akki nickte nur.
Ich zwang mich auf den aufsteigenden Dampf aus meiner Tasse zu blicken. Hätte ich das geahnt! Ich hätte Fawn und Darrel nicht zugeredet ein Paar zu werden. Und vor allem wäre ich nicht für Fawn gestorben!
Sofort schalt ich mich für diesen Gedanken. Das war nicht nett. Ich hatte damit ein Geschenk gemacht und Geschenke sollte man nicht zurückfordern. Wer weiß wie es sich entwickelt hätte, wenn Darrel und ich gewusst hätten, dass wir keine Geschwister mehr waren. Vielleicht wäre alles noch schlimmer gekommen?!
„Fawn war also deiner Meinung nach der Grund, warum Sanctuary nicht geklappt hat?“, nahm ich schließlich den Faden wieder auf.
„Ich nehme es an. Darrel hatte auf einmal Fawn, du meintest dich opfern zu müssen und warst mal wieder tot….Es hat eine Weile gedauert dich zu finden und Hector nach Sanctuary zu bringen…Tja und dann…hatten sie mich auf einmal gefunden.“ Akki wurde ob der Erinnerungen blass. „Ich sagte vorhin, die Beobachter seien zum Teil unsichtbar. Das stimmt für normale Menschen, aber wir können einander natürlich wahrnehmen. Sie hatten mich gefunden und umstellt. Sie waren ziemlich aufgebracht und drohten mir mit den abscheulichsten Strafen. Vor allem aber wollten sie Sanctuary zerstören und dich und Darrel wieder auseinander reißen.“
„Das schaffen wir ja meistens auch ohne Hilfe.“, brummelte ich im Versuch sie aufzumuntern.
Akki überging meinen Kommentar. „Doch dann waren auf einem die Grünen da! Ich dachte immer sie gehörten zu unserer Welt und wären damit Bestandteil der Beobachter. Sie hätten uns nicht sehen sollen. Doch das taten sie. Sie lähmten meine Verfolger und ich fiel in Ohnmacht bis Grumpy mich im Raumschiff weckte. Und dann kamen wir her.“
„Und dann kamen wir her.“, echote ich. „Und Darrel musste eingefroren werden.“
Wir sahen uns lange an, bevor ich die Teebeutel aus unseren Tassen fischte. Akki seufzte. Sie war inzwischen wieder blass geworden.
„Ich entdeckte, dass ich über keinerlei Kräfte mehr verfügte. Ich war quasi blind, taub und gelähmt. So kam es mir zumindest vor. Inzwischen habe ich mich etwas daran gewöhnt, aber es ist hart für mich nichts tun zu können.“ Sie suchte meinen Blick. „Ich kann nichts! Ich bin so hilflos wie ein Baby.“
„Das nennt man Menschsein.“
„Ja. Das stimmt wohl.“ Sie lehnte sich zurück und nippte vorsichtig an ihrem Tee. „Ich kann auch nichts für Darrel tun.“
„Hm.“; bestätigte ich. „Ich weiß.“
„Weißt du auch, dass ich alles tun würde, wenn ich könnte?“
Ich sah sie ein wenig überrascht an. Sie wurde verlegen. „Ich fühle mich für euch verantwortlich.“
Ich musste kichern. „Das ist süß.“
Akki lachte leise. „Es muss dir komisch vorkommen.“
„Du hast keine Vorstellung davon wie komisch.“

Wir bliesen in unsere Teetassen und versanken in Schweigen.
„Dieser Richard…läuft da was zwischen euch?“, traute sich Akki schließlich zu fragen.
Ich sah sie empört an. „Nein natürlich nicht. Wie kommst du darauf?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Kam mir so vor.“



„Ich glaube nicht, dass ausgerechnet du eine Ahnung von so was hast.“
„Ich bin eine Beobachterin…gewesen. Ich beobachte.“
„Manche Verhaltensweisen legt man wohl nie ab.“, brummelte ich. Sie sah mich herausfordern an. „Aber es ist wirklich nichts. Er ist ein Freund, so wie die Kleinen auch. Ich…warte.“
„Auf Darrel.“, stellte sie fest.
„Auf Darrel.“, bestätigte ich. Sie wirkte zufrieden, doch mir war zum Heulen zu muten. Ich musste Darrel retten!
„Wir befürchten….wir befürchten, dass dies unser letztes Leben sein könnte.“, offenbarte ich ihr mit unsicherer Stimme.
Akkis Blick wurde traurig. Als sie nickte, vermeinte ich auch in ihren Augen Tränen zu sehen. „Ich weiß. Und ich fürchte auch, dass es so ist.“ Sie rieb sich fahrig mit dem Handrücken über die Augen und ergriff meine Hand. „Ich wünschte ich könnte etwas tun.“
Ich drückte ihre Hand. „Wir finden schon einen Weg…wenigstens in diesem Leben glücklich zu werden. Wenn es das letzte ist, können wir es dann wenigstens gemeinsam abschließen.“
„Wenn ich irgendetwas tun kann…“ Akkis Stimme brach.
„Ich weiß.“ Seufzend zog ich meine Hand zurück und umfasste mit beiden Händen die Tasse. „Ich muss es einfach schaffen ein Heilmittel zu finden, falls Olenka keinen Erfolg hat. Alles was du solange tun kannst, ist mir den Rücken freizuhalten und selber zu lernen, wie du dieses Leben genießen kannst.“ Ich rang mir ein Grinsen ab. „Fang an wie ein normaler Mensch zu leben.“
Sie sah mich etwas panisch an, nickte aber. „Es ist alles so ungewohnt, auch wenn ich manches langsam begreife….aber vieles macht mir noch Angst.“
„Das nennt man Menschsein.“, wiederholte ich. „Man gewöhnt sich dran. Glaub mir, als Katze ist es nicht einfacher.“ Wir brachen in haltloses Gelächter aus. Es löste etwas von der Anspannung, die auf uns gelastet hatte.
„Apropos Katze.“, begann ich, nachdem wir ins beruhigt hatten. „Kennst du schon Olenkas Kater? Waclaw?“
„Das ist keine Katze.“, antwortete Akki düster. „Er sieht aus wie eine Katze, aber ich bin sicher er ist keine.“
„Das Gefühl habe ich auch.“
„Er spukt in meinem Kopf rum, wenn ich Olenka besuche.“, erklärte Akki. „So als würde er versuchen mit mir zu sprechen.“
„Ich verstehe was du meinst. Ich glaube er ist eine Art Telepath. Mit Olenka und ihrer Familie verständigt er sich wohl richtig, aber offenbar sind wir Menschen dafür nicht geeignet.“
„Was ihn nicht hindert es doch immer wieder zu versuchen.“ Akki leerte ihre Tasse. „Olenka hat mir erklärt, dass alle Katzen – wobei ich glaube, dass hier deine Äquivalenztheorie wieder zutrifft – so sind wie Waclaw.“ Sie sah sich unwohl um. „Bitte lass uns keine Katze ins Haus holen. Sie machen mir Angst.“
„Keine Sorge. Ich habe gar nicht die Zeit mich um ein Haustier zu kümmern.“



Wie unwahr diese Aussage war, stellten wir einige Tage später fest. Der Herbst neigte sich schon seinem Ende zu und es wurde immer kälter und kälter. Eines Nachmittags fand ich nach der Schule einen Hund vor unserer Tür. Er sah genauso aus wie Meppel, mein allererster Hund in meinem allerersten Leben. Das nahm ihn sofort für mich ein. Er kam mit wackelndem Stummelschwanz zu mir und ich ließ ihn an meiner Hand schnüffeln. Im Gegensatz zu Waclaw versuchte er nicht in meine Gedanken einzudringen. Allerdings wusste ich auch aus dem Biologieunterricht, dass die Katzen auf Lunar Lakes vom selben Planeten stammten wie Olenkas Volk und schon damals von ihnen als Haustiere gehalten wurden. Die Czarownici hatten sich mit sich gebracht, als die Grünen sie evakuiert hatten.
Hunde hingegen stammten von der Erde. Die Grünen hatten sie schon einige Zeit vor Darrel, Akki und mir nach Lunar Lakes gebracht, um zu teste ob Erdenkreaturen hier überleben konnten. Hunde konnten es, deswegen nahm man an, dass auch wir überleben würden (klappte bisher mit der Ausnahme von Darrel ja auch irgendwie). Die hergebrachten Hunde erfreuten sich großer Beliebtheit als Haustiere (besonders bei den Weren, was mich nicht wunderte), aber wie auf der Erde gab es auch Streuner.



Dieser Meppelklon schien mir einer zu sein. Er war struppig und dreckig und als ich ihn streichelte, konnte ich seine Rippen zählen. Er war so zutraulich und freundlich, dass ich beschloss ihn zu behalten. Schließlich hatte Akki nur von Katzen gesprochen.
Meine Ziehmutter war noch zuhause, bereitete sich aber gerade auf ihre Schicht vor. Sie kam auf mein Rufen hin aus dem Bad. Als sie den Hund sah, seufzte sie. „Den willst du wohl behalten?“
Ich nickte und Meppel wedelte mit seinem Stummelschwänzchen. Akki seufzte. „War ja klar. Ich bringe dann nach der Arbeit Hundefutter mit.“
„Und ein Körbchen.“ Ich tätschelte den Kopf des Hundes. „Oh und einen Kauknochen, sonst zerstört er uns die Einrichtung.“
„Wie willst du ihn nennen?“
„Ich dachte an Meppel.“
Akki grinste. „So wie deinen ersten Hund?“
Auf meinen verdatterten Blicke erwiderte sie mit wissendem Lächeln: „Ich sagte dir doch, ich habe Berichte gelesen.“
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Di Feb 12, 2013 7:18 pm

Im Winter

Meppel gewöhnte sich schnell ein und ebenso schnell gewöhnte sich Akki an Meppel. Sie verwöhnte den Hund und ließ ihm alle Unartigkeiten durchgehen, so dass ich meine liebe Mühe damit hatte, dafür zu sorgen, dass Meppel nichts vom Tisch bekam, nicht in den Betten schlief und Besuch nicht freudig absprang. Akkis Standardausrede war: er guckt doch so süß! Sie war Butter in seinen Pfoten.
Natürlich war der Hund wirklich süß und er wusste genau, was er tun musste, damit wir Menschen nach seiner Pfeife tanzen. Meine Freunde hatte er bald um den Finger gewickelt. Wenn ich bei Taggrash und seiner Familie war, musste ich Meppel immer mitbringen. Die Weren-Familie liebte ihn und ich glaube, am liebsten hätten sie ihn gleich da behalten. Gerade im Winter, der mittlerweile Einzug gehalten hatte, verbrachten Meppel, Akki und ich ohnehin viel Zeit bei ihnen.



Ich kam oft nach der Schule mit Taggi heim um mit ihm zu lernen. Nach seiner Eingangsphase wollte er unbedingt auch den naturwissenschaftlichen Zweig einschlagen, damit er mir später bei meinen Forschungen helfen zu können. Ich fand das so herzerwärmend, dass ich darüber hätte weinen können. Taggrash war trotz seiner jungen Jahre der treuste Freund, den ich jemals hatte. Ich erinnerte ihn jeden Tag daran, dass er den Schwerpunkt wählen sollte, der ihm Spaß machte und mit dem er sich wohlfühlte. Dann sah er mich immer mit freundlichem Blick an und erklärte, mir helfen zu können wäre genau das was er wollte.
Wenn wir mit den Schulaufgaben fertig waren, tollten wir herum oder beschäftigten uns mit seinem kleinen Cousin Garr. Dem Baby konnte man quasi täglich beim wachsen zusehen.



An manchen Tagen kam auch Sabina mit, dann ließ ich die beiden Kinder alleine spielen und lernte. Seit dem Spooky Day und meinem Gespräch mit Akki, versuchte ich etwas entspannter an meine Aufgaben heranzugehen. Ich war noch immer sehr ehrgeizig und hatte es immerhin schon in Biologie und Alchemie aus den Anfängerkursen heraus geschafft, aber ich setzte mir jetzt jeden Tag Grenzen. Es half ja schließlich nichts, wenn ich zusammenbrach, da hatte Akki schon recht.



Akki kam meistens mit Lorn zurück. Er hatte zur selben Zeit Dienstschluss wie sie und nahm sie deswegen mit. Meppel, der inzwischen zum Supermarkt-Maskottchen avanciert war, wurde natürlich auch mitgenommen. Er durfte während der Fahrt auf Akkis Schoß sitzen. Dort thronte er dann, die Vorderpfoten auf dem Armaturenbrett und sah aus dem Fenster.
Ich fand es immer sehr verblüffend, dass Akki und Lorn sich so gut verstanden. Sie sprachen nämlich kaum miteinander (vielleicht sprachen sie auch nur dann miteinander, wenn sie allein waren). Sie fuhren meistens schweigend vor, aber ich hatte nie das Gefühl, dass es ein unangenehmes Schweigen war. Die beiden schienen nach ihrem Arbeitstag immer ganz froh zu sein, in stiller Eintracht heimzufahren.



"Eigentlich könnt ihr doch auch hier einziehen.", schlug Taggrash eines Abends vor. Wir waren mal wieder zum Essen dageblieben.
"Und wo sollen die beiden schlafen?", fragte Storr seinen Neffen. Er zwinkerte ihm freundlich zu.
"Ich habe doch ein Hochbett. Das können Akki und Kira haben und ich schlaf dann bei Dad im Bett."
"Und wo soll Garr dann schlafen, wenn er größer wird?" Ich deutete auf den Säugling, der zufrieden an seinem Fläschchen nuckelte.
"Dann bauen wir noch ein Bett auf." Taggrash sah uns der Reihe nach an. Er fand seine Idee gut und auch folgerichtig, denn wir waren wirklich oft da.
"Es ist wirklich lieb von dir, Taggi, dass du uns hier haben möchtest.", sagte Akki nun mit überraschend ruhiger Stimme. "Aber es würde sehr eng hier werden. Ich glaube nicht, dass dein Dad, Storr und Rikka es so toll fänden, wenn hier noch zwei Leute - und natürlich Meppel - hier wohnen würden." Sie zauste ihm sein Haar. "Außerdem müssten wir auch noch Darrel unterbringen, sobald du und Kira ihn gerettet haben und dann würde es wirklich eng hier."
Taggrash zog einen Schmollmund. "Stimmt das Dad? Fändest du das nicht gut?"
Lorn sah seinen Sohn nachdenklich an. "Storr und Akki haben nicht so unrecht: wir haben einfach nicht genug Platz für noch mehr Leute." Er warf mir und Akki schnell einen freundlichen Blick zu. "Außerdem wollen die beiden Mädchen bestimmt nicht einmal im Monat über Fellfetzen stolpern."
Ich kicherte. Akki sah zunächst etwas pikiert aus, kicherte dann aber auch.
Taggrash wirkte unzufrieden. "Wenn wir also mehr Platz hätten, würde es gehen. Das heißt wir müssen anbauen."
"Taggi.", sprach ich ihn ermahnend an. "Die Erwachsenen finden die Idee aus verschiedenen Gründen nicht so gut. Lass uns ein anderes Mal darüber sprechen. Außerdem schreibst du morgen einen Einstufungstest, deswegen solltest du langsam ins Bett gehen."
"Die Erwachsenen...", kicherte Akki in sich hinein. "Wirklich Kira, das aus deinem Mund."
Ich schoss einen unbegeisterten Blick in ihrer Richtung. Ich wusste selber, dass es mir selten gelang mich "altersgemäß" zu verhalten. Akki kicherte ungeniert weiter, so dass Storr, Lorn und Rikka sie verwundert ansahen.
"Ich glaube so langsam sollten wir heimgehen.", erklärte ich säuerlich. "Bevor Akki noch erstickt." Ich drückte Taggi kurz an mich und wünschte ihm eine gute Nacht, bevor ich meine Ziehmutter und meinen Hund einsammelte. Lorn half uns in die dicken Jacken. Mit einem Blick aus dem Fenster, bemerkte er, dass es schon wieder schneite. Seine Augen leuchteten dabei noch mehr auf. Ich hatte längst bemerkt, dass die Weren Kälte liebten. Sie schienen erst dann richtig aufzublühen, wenn meine Zähne vor Kälte aufeinander schlugen. Überraschenderweise teilte Akki diese Vorliebe. Sie erklärte, dass es in ihrer Heimat - auf Snowy Island - immer so kalt war. Klar, bei dem Namen hatte ich es mir schon fast gedacht. Akki stand auf jeden Fall total auf Schnee und Eis. Sie spielte im Schnee wie ein Kind, baute auf unserem kleinen Grundstück einen Schneemann nach dem anderen oder lief stundenlang mit Meppel durch die verschneite Landschaft. Zum Glücke rubbelte sie den Hund anschließend gründlich trocken und warm, so dass der Terrier sich noch keine Erkältung zugezogen hatte. Akki selbst schien vor Erkältungen gefeit, sie hatte - wenn man von ihren quasi chronischen Festtagskoliken absah - eine sehr robuste Konstitution. Ich hatte mir in der Schule schon ein paar Mal im Herbst und Winter Erkältungen zugezogen, aber zum Glück wurde ich nie ernsthaft krank.



Galyn hingegen erwischte es richtig. Er und seine kleine Schwester Deianira mussten mit erhöhter Temperatur und den üblichen Begleiterscheinungen eines grippalen Infektes das Bett hüten. In dieser Zeit bekamen sie ein weiteres Geschwisterchen, ein Mädchen namens Achlys. Das Neugeborene wurde von seine Geschwistern isoliert, damit es nicht auch krank wurde.
Inzwischen war auch Olenkas Kind auf der Welt, ebenfalls ein Mädchen, das den Namen Ivona erhalten hatte. Da Aleksy von zuhause aus arbeitete, konnte Olenka schon sehr bald ins Krankenhaus zurückkehren, wo sie neben ihrer üblichen Arbeit auch die Beschäftigung mit Darrels Fall wieder aufnahm. Dennoch blieben die Nachrichten von dort entmutigend - man konnte nichts finden.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Sa März 02, 2013 7:13 pm

It don't matter if you're black or white

Der Winter schien nicht enden zu wollen. Kaum war der erste Schnee verschwunden, fiel schon wieder neuer. Es war bitterkalt und ich verließ das Haus selten mit weniger als drei Schichten Kleidung. Akki und den Weren schien es weiterhin nichts auszumachen, die Neraid hingegen froren sich fast die zarten Flügelchen ab. Die Pyre und die Czarownici hatten da wohl eher ein ähnliches Empfinden wie Menschen (normale Menschen, Akki zählte nicht).
Für uns Schüler bedeutete der massive Schneefall recht häufige Unterrichtsausfälle. Die meisten fanden es toll keinen Unterricht zu haben, aber ich sah meinen Zeitplan in Gefahr, weswegen ich mich auch an den Tagen zum Lernen aufraffte an denen morgens die Nachricht umging, dass schneefrei war. Akki musste trotzdem jeden Tag zur Arbeit. Oft marschierte sie schon einige Stunden vor Arbeitsbeginn los um auch pünktlich zu kommen (ich glaube, sie würde sterben, wäre sie nur einmal im Leben unpünktlich). Aber da sie das Schneetreiben ohnehin liebte, machte ihr so ein Spaziergang nichts aus. Gelegentlich lief sie nach ihrer Schicht auch wieder heim, oder sie behielt unsere Tradition bei und fuhr mit Lorn zu dessen Haus. Da ich aber wegen des häufigen Schneefreis eher selten in seinem Haus war, kam Akki meistens heim, um mich nicht allein zu lassen. Das fand ich sehr liebenswert, auch wenn es mir nichts ausmachte mich mit meinen Büchern einzunisten. Was mir für meine Heimstudien jetzt noch wirklich fehlte, waren ein Alchemielabor und ein Chemietisch. Leider hatten wir dafür keinen Platz und auch nicht das Geld für den Anbau eines weiteren Modul (so nannten sie hier schlicht Wohnräume: Schlafmodul, Essmodul...es lag vermutlich daran, dass es alles einen kubischen Aufbau hatte). Immerhin konnte ich - wenn ich denn hinkam - die Räume in der Schule nutzen.



"Es ist überhaupt kein Durchkommen mehr. Die Polizei hat sogar durchgegeben, dass man nach Möglichkeit das Haus nicht verlassen soll."
"Hm.", machte ich. Ich telefonierte mit Sabina, die ziemlich erregt über die Wetterlage war. Eigentlich sollte es langsam Frühling werden und Sabina hatte für das kommende Wochenende ihre Geburtstagsparty geplant und sah sie förmlich verschneien. "Ich mach mir ein bisschen Sorgen um Akki. Sie ist noch nicht zuhause und so wie es da draußen schneit..."
"Akki? Die hab ich vorhin mit Lorn an unserem Haus vorbeifahren sehen. Die sind bestimmt schon im Warmen.", konnte Sabina mich beruhigen. Dann sagte sie etwas zu Jerzy, der sich im Hintergrund darüber beschwerte, dass Sabina nun schon eine ganze Weile die Leitung besetzte. Sabinas Bruder war im Winter in die Höhe geschossen und inzwischen mehr ein schlaksiger Teenager, als ein Kind. Er war nach wie vor einer der besten Leichtathleten an unserer Schule und litt unter dem Wetter mindestens genauso sehr wie ich, weil er nicht auf den Sportplatz kam. Das Fitnessstudio war da nur ein ärmlicher Ersatz.
Meine kleine Freundin wimmelte Jerzy irgendwie ab. Auch bei ihr kam es mir so vor, als würde sie langsam in die Pubertät kommen. Ich hatte ein kleines bisschen Mitleid mit Olenka und Aleksy, dass sie demnächst zwei Hormonschleudern UND ein Kleinkind im Haus hatten...
"Jerzy hat übrigens immer noch nicht rausgefunden, warum Galyn seit ein paar Wochen so komisch ist.", flüsterte Sabina verschwörerisch ins Telefon.



Ich verdrehte die Augen und kickte Meppels bevorzugten Ball mit dem Fuß durchs Wohnzimmer. Da der Hund im Schnee fast absoff musste ich ihn in den letzten Tagen hauptsächlich drinnen beschäftigen, denn mehr als ein schnelles Geschäft wäre ohne Unterkühlung nicht möglich. Begeistert hetzte Meppel dem Ball unter die Couch nach.
"Ich glaube er ist noch immer nicht auf dem Damm. War ja lange krank.", erwiderte ich dann ausweichend. "Ich will dich auch nicht abwürgen, aber ich ruf lieber mal Akki an. Will wissen ob alles gut ist."
"Ok.", sagte sie gedehnt. Sie klang ein kleines bisschen beleidigt, aber ich wusste sie war nicht nachtragend. "Dann kann Jerzy auch mit wem auch immer telefonieren. Glaubst du, wir haben morgen Schule?"
"Pff. Wovon träumst du nachts? Nee, ich schätze der ganze Rest der Woche fällt flach."
"Dann sehen wir uns wohl erst am Wochenende."
"Aber klar. Machs gut!"
"Du auch."



Ich legte auf und nahm Meppel wieder den Ball ab. Ich sollte wirklich Akki anrufen. Wenn die Straßen gesperrt waren, würde sie die Nacht bei Lorn und Taggi verbringen müssen. Rikka, Storr und der kleine Garr waren erst vor wenigen Tagen in ein eigenes Haus gezogen. Natürlich hatte Taggi gleich darauf gefragt, ob wir dann jetzt einziehen würden. Ich mochte die Familie und Taggi insbesondere zwar sehr gern, aber ich hatte nicht vor gleich bei ihnen einzuziehen. Ich mochte unser Haus und plante fest hier wohnen zu bleiben - zumindest bis ich zum College ging. Mittlerweile hatte ich mich mit den Zugangsvoraussetzungen auseinandergesetzt. Wenn ich Glück hatte konnte ich schon in einem Jahr an die Uni gehen, wenn ich alle Voraussetzungen erfüllte und die Zulassungsprüfung bestand. Dafür war das Studium dann kostenlos. Die Voraussetzungen waren schlicht in einer bestimmte Anzahl von Fortgeschrittenenkursen mit einer bestimmten Bewertung abzuschließen. Man musste nicht einmal in den Spezialistenkursen sein. Natürlich wäre es von Vorteil, wenn man zum Beispiel etwas naturwissenschaftliches studieren wollte, auch einen entsprechenden Schwerpunkt zu haben, aber er gab am College auch Einsteiger- und Auffrischungskurse im ersten Semester. Trotzdem musste ich noch einige Arbeit hineinstecken um an die geforderte Zahl von Kursen zu kommen. Man dufte nicht einfach nur Kurse aus seinem Schwerpunkt gegen rechnen. Die wurden zwar stärker gewichtet aber man musste aus allen Bereichen außer Sport und den musischen Fächern (es sei denn natürlich dort lag der Schwerpunkt) mindesten drei Fortgeschrittenenkurse aufweisen. Wenn ich mein Tempo beibehielt (und mich das beknackte Wetter nicht so ausbremsen würde), konnte ich im nächsten Winter schon studieren gehen.
Denn Ball für meinen Hund werfend, wählte ich Akkis Mobilnummer. Die Verbindung war grottenschlecht, aber immerhin bekam ich sie bald dran. Sie befand sich tatsächlich bei Lorn und Taggi. Obwohl es ein unerwartetes Ereignis war, klang Akki ziemlich aufgeräumt. Sie reichte das Telefon schließlich an Taggi weiter. Den schien Sabina mit ihrer Neugier wegen Galyn angesteckt zu haben. Tatsächlich hatten die beiden sich am Tag zuvor noch getroffen und sich in Verschwörungstheorien geübt. Auch Taggi antwortete ich ausweichend und berief mich schließlich auf Meppel, der genau JETZT sein Futter brauchte. Tatsächlich interessierte den Hund im Moment nichts mehr als sein Ball, auf den er gerade liebevoll abschleckte.
"Oh man." Ich ließ mich auf die Couch plumpsen und überlegt kurz Galyn anzurufen. Alle witterten, dass sich etwas bei ihm verändert hatte und ich hatte keine Ahnung, wie lange ich noch dicht halten konnte.



Es war nur ein paar Wochen her. Ich war eigentlich mit Richard im Kino verabredet, aber der hatte abgesagt, weswegen ich alleine ging. Das hätte ich normalerweise nicht gemacht (wen sollte ich denn dann mit meinen Kommentaren belästigen?), aber es handelte sich um eine Literaturverfilmung, deren Buchvorlage ich eigentlich lesen musste. Also schleppte ich mich allein ins Kino, kämpfte die ganze Vorstellung über mit der Müdigkeit. Der Film war extrem langweilig. Wenn die Vorlage nur halb so langweilig war, würde ich selbst beim Lesen einpennen, etwas das mir sonst nie passierte. Als ich nach zwei ewig lang erscheinenden Stunden gähnend aus dem Kino stolperte, rannte ich fast Galyn über den Haufen. Er wirkte mehr als erschreckt, was mich wunderte. Da ich annahm, dass er mit Jerzy im Kino war, drehte ich mich nachdem ich ihn begrüßt hatte um. Doch kein Jerzy war zu sehen, stattdessen sah ich noch den Schatten eines Mädchens hinterm Kino verschwinden. Ich drehte mich grinsend zu Galyn um. Neraid waren allgemein als ziemlich frühreif bekannt und Cleytus' Sohn machte da keine Ausnahme.
"Du musst dicht halten! Bitte!", flehte er mich an.
"Meine Güte, wo ist denn das Problem, wenn du mit einem Mädchen ausgehst?"
"Es ist ... kompliziert." Er sah ziemlich bedröppelt und ängstlich aus.
"Ahaaa." Ich verschränkte die Arme. "Hat sie eigentlich einen Freund?"
"Nein!"
"Ist sie viel zu jung?"
"Nein."
"Zu alt?"
"Nein."
"Wo ist dann das Problem?"
Galyn seufzte. "Du verstehst das nicht Kira, weil du nicht hier geboren bist. Versprich mir einfach die Klappe zu halten. Bitte!"
Ich nickte. Was hätte ich auch davon den armen Galyn zu verpetzen? Ich bin ja Klatsch und Tratsch nicht abgeneigt, aber das würde ich nicht auf dem Rücken von Teenagern austragen.



Inzwischen war ich zu dem Schluss gekommen, dass Galyns Freundin vermutlich keine Neraid war (ich hatte auch keine Flügel bemerkt) und da das Problem lag. Von unserer Clique einmal abgesehen fand doch eine starke Segregation in der Schule statt. Bei den Erwachsenen war es oft nicht anders, besonders die Pyre blieben hauptsächlich unter sich. Die Eltern meiner Freunde waren da allerdings lockerer und pflegten viele Kontakte zwischen den Völkern. Es machte mich deswegen umso trauriger, dass diese Polarisierung auch auf meine Freunde wirkte, die sich davon sonst kaum beeinflussen ließen.
Ich kannte bisher kein gemischtes Paar und wusste auch nicht, ob sie sich zum Beispiel fortpflanzen konnten. Den Teil hatte der Biologiekurs bisher ausgespart.
"Wuff." Meppel stupste den Ball in meine Richtung. Offenbar hatte er ihn hinreichend abgeleckt und wollte ihm nun wieder hinterher jagen. Ich trat nach dem Spielzeug und sofort flitzte der Hund los. Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Es schneite immer noch. Die Lichtstimmung erinnerte mich daran, dass Vollmond war.
Arme Akki, dachte ich und ging an den Kühlschrank um mir etwas zum Abendessen zu machen. Rasch füllte ich auch Meppels Schale auf, schließlich hatte ich Taggi gegenüber behauptet, ich müsste den Hund noch füttern. Ob Akki sich im Gästezimmer einschloss? Wir hatten bisher noch keinen Weren in ihrer Wolfsform gesehen, geschweige denn eine Verwandlung miterlebt. Ob meine leicht labile Mitbewohnerin das verkraften würde? Andererseits lagen sie und die Weren oft erstaunlich stark auf einer Wellenlänge. Man musste nur an die geteilte Begeisterung für Schnee denken. Vielleicht sah sie einfach drüber hinweg. Andererseits ... Akki war schon speziell.
Ich nahm mir übriggebliebene Waffeln vom Frühstück heraus und wärmte sie in der Mikrowelle auf. Meppel hatte das Interesse an seinem Ball endlich verloren und bewachte nun seinen gut gefüllten Futternapf.



Kaum hatte ich meine Waffeln verspeist, klingelte mein Telefon. Diesmal war es Richard.
"Ich wollte nur fragen, ob alles ok ist und du was brauchst. Du bist da oben bestimmt ziemlich eingeschneit. Soll ich dir was vorbeibringen?"
Ich lachte. "Wie willst du denn bei dem Schnee zu Fuß hierher kommen? Bleib mal schön zuhause, sonst finden wir deine Leiche erst im Frühjahr, wenn's taut."
"So empfindlich bin ich nicht."
"Richard, dass ist wirklich lieb von dir, aber Meppel und ich haben alles was wir brauchen um im Zweifel auch ein paar Tage hier durchzuhalten."
"Bist du allein? Ist Akki nicht da?"
"Die kommt nicht durch und übernachtet bei Lorn und Taggi."
"Es ist Vollmond."
Das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt, räumte ich den Tisch ab. "Ich weiß. Sie wird es überleben."
"Hm. Ich hab gehört, die Weren können recht verstörend wirken, wenn Vollmond ist."
"Jetzt fang du nicht auch noch an..." Rechtzeitig biss ich mir auf die Zunge. "Was habt ihr eigentlich alle gegen die anderen Völker?"
Das ließ Richard eine Weile schweigen, bevor er sachlich erwiderte: "Ich habe gar nichts gegen die anderen, dass weißt du. Sonst wäre ich nicht mit dir und den anderen befreundet. Aber...wir haben nun mal alle so unsere Eigenheiten. Du verstehst das nicht, weil du nicht von hier bist."
"Das habe ich schon mal irgendwo gehört.", murmelte ich.
"Es ist ja auch nicht so, als könntest du nicht auch ziemlich ausfallend werden - insbesondere was Pyre angeht.", rief Richard mir ins Gedächtnis.
"Ach das.", meinte ich abwiegelnd. "Ich hätte deinen Bruder auch zur Schnecke gemacht, wenn er ein Mnsch wäre. Es lag nicht daran, dass er ein Va...ein Pyre ist. Er ist einfach ..."
"...ein Arschloch, ich weiß."



Natürlich war das nicht hundertprozentig ehrlich. Ich hatte Vorurteile gegenüber Vampiren - oder von mir aus Pyre, die unterschieden sich ja höchstens in der Hautfarbe.
"Was ich aber meinte ist, dass ihr euch allen nicht so hundertprozentig traut.", nahm ich den Faden wieder auf. "Wenn du mal von uns absiehst, gibt es keine gemischten Cliquen. Gibt es überhaupt gemischte Paare? Können zum Beispiel ein Weren und eine Neraid ein Kind bekommen?"
Wieder schwieg Richard einen Moment, bevor er antwortete. "Gemischte Paare sind eher selten. Was Kinder angeht, keine Ahnung. Da musst du Olenka fragen." Er zögerte kurz. "Ich habe nichts gegen gemischte Paare."
"Hm.", machte ich. "Es gibt bei uns auf der Erde nicht nur Menschen, weißt du. Dort gibt es auch gemischte Paare. Mit Kindern. Vor nicht allzu langer Zeit war es allerdings in vielen Ländern noch ein Problem wenn die Partner auch nur unterschiedlich dunkle Haut hatten oder verschiedenen Ethnien angehörten Und die homosexuellen Pärchen haben es auch nicht wirklich leid."
Das war wohl ein bisschen zuviel Info für Richard. Ich hatte den Eindruck, er sei pikiert. Hatte ich einen wunden Punkt getroffen?
"Wenn du sagst, du hast nichts gegen gemischte Paare, würdest du zum Beispiel eine Neraid oder eine Czarownici daten?", fuhr ich deswegen schnell fort. "Oder eine Weren?"
Etwas lahm antwortete er: "Wenn mir das Mädchen gefällt, klar." Er klang nicht wirklich überzeugend. "Würdest du?"
"Mich mit einem Mädchen treffen? Generell eher nicht, nein.", alberte ich herum.
"Kira.", entfuhr es ihm genervt.
"Ich würde ja." Ich nahm das Telefon wieder in die Hand. "Ich habe kein Problem damit. Ich war schließlich mit einem Halbalien zusammen." Kaum hatte der Satz meinen Mund verlassen, schlug ich mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Ich Depp. Manchmal sprach ich schneller als ich dachte.
"Du hast auf der Erde einen Freund?", hakte Richard betont beiläufig nach.
Ich klopfte mir verärgert vor die Stirn. "Ähm ja..habe ich....äh hatte...also ... er ist gestorben.", stammelte ich schließlich.
"Aha."
Wir schwiegen in die Telefone. Schließlich fragte ich ihn, ob er etwas von Galyn wusste, nur um das Gespräch am Laufen zu halten. Aber Richard stieg nicht darauf ein.
"Jaaaaa.", sagte ich dann gedehnt. "Ich geh dann jetzt mal ins Bett. Mehr kann man bei dem Wetter ja nicht machen. Schlaf gut."
"Ja. Du auch.", entgegnete Richard einsilbig.
Ich legte das Telefon verärgert über mich selbst auf den Tisch. Großartig. Jetzt hatte ich mich beinahe verplappert. Meine vielen Leben auseinander zu halten und die Erinnerungen zu jonglieren, stellte mich manchmal vor ungeahnte Schwierigkeiten. In solchen Momenten wünschte ich mir Darrel noch sehnlicher als sonst an meine Seite. Mit ihm konnte ich ohne Sorgen über alles sprechen. Warum sich Richard allerdings so beleidigt verhielt, war mir nicht so ganz klar. Das ganze Gerede über Segregation war ihm wohl auf die Stimmung geschlagen.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Mo März 04, 2013 12:58 am

Vollmond

Ich verbrachte eine unruhige und kurze Nacht mit merkwürdigen Träumen. Zum ersten Mal seit langer Zeit spielte Terry darin eine Rolle. Kein Wunder, dass ich am nächsten Morgen sehr durcheinander war. Mein Gefühlsleben war ziemlich aus den Fugen, als ich mich aus dem Bett quälte und einen Blick aus dem Fenster warf. Draußen begann ganz langsam die Dämmerung einzusetzen.
Es hatte die ganze Nacht über geschneit und der Schnee lag jetzt so hoch wie noch nie. Ich musste gar nicht erst auf den Schneefrei-Anruf warten um zu wissen, dass Schule heute ausfallen würde.
Nachdenklich betrachtete ich die weißen Flocken, die auf den Boden fielen. Terry war lange Zeit der einzige Mann gewesen, zu dem ich eine so tiefe Verbundenheit gespürt hatte, dass sie sogar den Tod überdauert hatte. Als ich vorübergehend mein Gedächtnis verloren hatte, hatte ich damit auch einen Teil dieses Gefühls verloren - das allerdings mit einer großen Portion schlechtem Gewissen zurückkehrte, als ich meine Erinnerungen wiederfand. Inzwischen hatte sich das schlechte Gewissen einigermaßen beruhigt, aber wenn ich an Terry dachte, dann schmerzte es noch immer. Ich hatte in ihm meinen Seelenverwandten gesehen. Vielleicht stimmte das auch für meine Jahre mit ihm, aber inzwischen empfand ich so eher für Darrel. Terry war zwar auch einmal wiedergeboren worden, aber die Endlosschleife kannte so nur Darrel. Und nur Darrel war genauso Spielball der HE wie ich. Allein das schuf eine tiefe Verbundenheit zwischen uns. Darüber hinaus empfand ich mittlerweile noch ganz anders für Darrel...

Es war Meppel, der mich aus meinen Gedanken riss. Er kam winselnd ins Schlafzimmer und stupste mich an. Offenbar hatte er ein dringendes Geschäft zu erledigen. Schnell warf ich mir ein paar Klamotten über bevor ich mit dem Schneeschieber bewaffnet die Terrasse und ein Stückchen Auffahrt frei räumte. Lange würde das nicht halten, aber es reichte Meppel um schnell das Bein zu heben, bevor er schnell ins Haus zurück rannte. Ich würde ihn noch häufiger raus lassen müssen, aber lange hielt er es bei der Kälte nie aus.



Obwohl das Schneeschieben anstrengend gewesen und ich dabei ordentlich ins Schwitzen geraten war, war es mir nun doch eher kühl und ich beschloss, mir etwas Warmes zum Frühstück zu machen. Während die Milchsuppe vor sich hin köchelte erhielt ich den erwarteten Anruf von der Schule. Es war wie immer eine automatische Ansage, die besagte, dass auf Grund der Witterungsverhältnisse der Unterricht heute ausfiel. Neu war allerdings die Hinzufügung, dass er Unterricht tatsächlich den Rest der Woche ausfallen würde und alle Schüler und ihre Familien dringend angehalten wurden, nach Möglichkeit das Haus nicht zu verlassen. Jetzt begann ich mir doch etwas Sorgen zu machen. Ich überprüfte die Lebensmittelvorräte, was mich beruhigte. Akki war zum Glück ein kleiner Hamster. Frische Lebensmittel waren nicht allzu viele vorhanden, die brachte Akki lieber von der Arbeit mit, aber an Konserven und Tiefkühlkost sollte es mir nicht mangeln, auch wenn wir eine Woche oder länger eingeschneit waren. Auch Meppel würde keinen Hunger leiden müssen. Blieb nur noch zu hoffen, dass die Strom- und Wasserleitungen sowie die Heizungen ihren Dienst nicht versagten.



Dass die Telefonverbindungen noch in Ordnung waren hatte mir ja schon der Anruf der Schule gezeigt, so dass ich die Zeit nach dem Frühstück damit verbrachte Akki anzurufen. Oder es zumindest versuchte. Sie ging nicht an ihr Handy. Ich versuchte es einige Male, bis ich es schließlich am Festanschluss von Lorn und Taggi probierte. Auch da dauerte es sehr lange bis jemand abhob.
"Morgn.", murmelte ein sehr verschlafen klingender Taggi ins Telefon.
"Taggi? Alles in Ordnung bei euch? Ist Akki da? Ich versuche schon die ganze Zeit sie anzurufen."
Am anderen Ende der Leitung gähnte mein jüngster Freund herzhaft. "Ach du bist's Kira."
Ich verdrehte die Augen. "Falls du den Anruf verpennt hast: Schule fällt übrigens aus."
"Wie spät ist es denn?" Er klang noch immer wie im Halbschlaf.
"Gerade acht durch. Kannst du mir Akki geben?"
Wieder ein Gähnen. "Ich geh sie mal suchen." Ich hörte wie er durch das Haus schlurfte, sich gelegentlich an einem Möbel stieß und dabei immer wieder gähnte. Was hatte der Junge die ganz Nacht nur getrieben?
"Taggi?", rief ich schließlich. Nicht das er noch im Gehen einschlief.
"Hm?"
"Wann bist du denn gestern ins Bett gegangen? Du kommst mir arg müde vor."
Der Werenjunge dachte kurz nach. "So vor zwei Stunden oder so." Er wurde etwas lebhafter. "Dad hat mich heute Nacht zum ersten Mal mit auf die Jagd genommen! Akki hat ihn überredet, dass er uns beide mitnimmt! Es war total spannend, auch wenn es echt anstrengend war im Schnee zu laufen, vor allem auf vier Beinen!"
"Oh. Mein. Gott.", hauchte ich ins Telefon und ließ mich auf die Couch fallen. Meppel warf mir irritierte Blicke zu.
Taggi hingegen schien mein Ausruf nicht zu stören, er fuhr aufgeregt fort: "Akki konnte natürlich gar nicht mithalten, weil sie ja nur zwei Beine hat, deswegen hat Dad sie dann getragen. Weil sie dabei so lachen musste, haben wir keine Beute gemacht, aber es war total lustig! Ich fand es so toll, dass sie dafür gesorgt hat, dass ich mit durfte!"
"Aha.", machte ich schwach. Akki unterwegs mit Werwölfen. Entweder hatte sie ihren Sinn für Abenteuerlust entdeckt oder es entsprach einfach ihrem Wahnsinn, bei Vollmond mit Weren um die Häuser zu ziehen. Im Winter. Bei Schnee.
"Das ist wirklich großartig. Ich freue mich für dich, Taggi!", zwang ich mich zu sagen. Seine Freude war herzerwärmend, so dass ich nicht einmal lügen musste.
"Akki hat gesagt, sie kommt gerne jederzeit wieder mit. Dann müsse sie aber noch lernen auch leise zu sein, hat Dad gesagt. Akki meinte dann, dass könne er ihr dann ja beibringen."
Ich schlug mir mit der Hand vor die Stirn, konnte aber noch verhindern, wieder ein Stoßgebet auszusprechen. "Das ist ... toll. Hast du Akki inzwischen gefunden?"
"Nö. Sie ist nicht in der Küche oder im Wohnzimmer." Ich hörte Geschirrklappern. "Aber sie und Dad müssen schon gefrühstückt haben. Hier steht ihr Geschirr."



Gedanklich zählte ich bis zehn. "Ok. Warum suchst du nicht in Ruhe weiter und bittest sie mich sofort anzurufen, wenn du sie gefunden hast?"
Im Hintergrund hörte ich Lorn seinen Sohn begrüßen. Vielleicht konnte er ja einen Hinweis auf Akkis Verbleib geben. Taggi wünschte seinem Vater einen guten Morgen und überfiel ihn dann gleich mit der Frage nach Akki. "Weil, Kira ist am Telefon und will sie sprechen."
Lorn stieß ein "Äh" hervor, bevor er zusammenhangloses Zeug vor sich hinstotterte. Ich verbarg mein Gesicht in der freien Hand, unsicher ob ich lachen oder weinen sollte. Offenbar teilten Lorn und Akki mehr als nur die Vorliebe für Schnee...Hatte ich da etwas übersehen?
"Hm, ich glaube Akki schläft noch.", schloss Taggi schließlich, der das Gestammel seines Vaters besser verstand als ich. "Ich sag ihr, sie soll dich anrufen, wenn sie aufwacht ja?"
Ich murmelte eine Zustimmung und legte auf. Betäubt sah ich aus dem Fenster und grübelte. Schließlich lachte ich auf. Es war doch das natürlichste der Welt, wenn Akki sich verlieben sollte. Ich freute mich für sie. Und wenn irgendeiner dieser Rassisten ihr oder Lorn das Leben schwer machen würde, dann würde ich die Krallen ausfahren!
"Ha.", sagte ich laut. Meppel hob neugierig den Kopf. "Und dann rappelst im Karton!" Beruhigt, dass es sich offenbar nur um die üblichen Grillen seines Frauchens handelte, legte Meppel sich wieder hin.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Mo März 04, 2013 7:07 pm

Telefonate mit Folgen

Als Akki einige Stunden später zurückrief, klang sie ziemlich aufgekratzt. Allerdings erzählte bestätigte sie Taggis Version der vergangene Nacht erst auf meine Nachfrage hin. Sie antwortete ziemlich ausweichend, es schien ihr peinlich zu sein. Meine Lippen verzogen sich ob ihrer vagen Äußerungen zu einem amüsierten Grinsen. Sobald wir wieder face-to-face miteinander sprechen konnten, würde ich ein ernstes Gespräch mit ihr führen. Ich kam mir so vor als würde ich eine Tochter oder zumindest eine jüngere Schwester bei ihren ersten amourösen Schritten beobachten.
Nach dem Telefonat war ich irgendwie beschwingt. Ich alberte mit Meppel herum und brachte ihm bei eine Zeitung zu apportieren. Es war gut, dass ich eine alte Zeitung zum Üben benutzte, denn die war danach ziemlich eingespeichelt und zerbissen. Der Hund schien Freude an der neuen Übung zu haben und darüber ganz zu vergessen, dass er kaum hinaus kam. Ich ließ ihn noch einige Male auf die Terrasse und schob einige weitere Meter frei. Es schneite inzwischen nicht mehr so stark, so dass die frei geräumten Teile der Terrasse begehbar blieben. Nach einem kalten Mittagessen begann ich wieder zu lernen, was mir an diesem Tag sehr leicht fiel. Meine morgendliche Verwirrtheit schien sich in Luft aufgelöst zu haben.



Gegen Nachmittag rief Sabina mit Grabesstimme an.
"Mama ist krank."
"Oh, das tut mir leid.", sagte ich etwas geistesabwesend. Ich schlug die Bücher zu und spazierte ins Wohnzimmer. Mittlerweile schneite es wieder stärker.
"Papa hat versucht zu kochen, aber es ist alles angebrannt. Das haben dann Jerzy und ich gemacht, damit wir wenigstens was zu essen haben."
"Geht's deiner Mutter so schlecht?"
"Sie hat Fieber und liegt im Bett. Ivona, Jerzy und ich dürfen nicht zu ihr, damit wir uns nicht anstecken."
"Oh."
"Und wenn es ihr am Wochenende nicht besser geht, dann muss die Party ausfallen."



Aha, daher wehte also der Wind. Natürlich wäre Sabina zutiefst enttäuscht, sollte sie ihren Geburtstag nicht feiern können.
"Ach, mach dir mal keinen Kopf. Bestimmt ist sie am Wochenende wieder fit. Und wenn nicht finden wir schon eine Lösung.", versuchte ich sie aufzuheitern.
Sabina seufzte abgrundtief. "Wenn du meinst..."
"Sei nicht so niedergeschlagen."
"Ich müsste allen absagen... Dir, Galyn, Taggi, Richard...", fuhr sie traurig fort.
"Sabinaaa." Ich verdrehte die Augen. "Mach mal halb lang. Es sind noch einige Tage bis zu der Party. Im Zweifel bequatsch' ich Akki, dann können wir das bei uns machen."
"Würdest du das tun?"
"Ja, aber ich weiß natürlich nicht, was Akki dazu sagt." Im Zweifel würde ich sie aber zu Lorn ausquartieren. Das bot überhaupt ganz neue Möglichkeiten! Ich konnte Akki einfach immer dann, wenn ich sie nicht gebrauchen konnte, zu Lorn schicken. Dann bekam Taggi auch ein bisschen seinen Willen. Allerdings begann ich mich zu fragen, zu welchen Gelegenheiten - außer Sabinas Party - ich Akki ausquartieren sollte. Ich plante ja nun nicht gerade mir einen Liebhaber zuzulegen. Wenn Darrel wieder da war, musste wir uns ohnehin überlegen, ob wir zu dritt hier wohnen wollte. Aber wenn Akki jetzt tatsächlich was mit Lorn hatte, lag die Lösung ja auf der Hand.
Plötzlich fiel mir auf, dass Sabina weitergesprochen hatte.
"Entschuldige, ich war kurz abgelenkt. Was hast du gesagt?"
"Ob du was von Akki und Richard und so gehört hast?"
"Ähm...hab heute morgen mit Akki gesprochen. Sie bleibt erstmal bei Lorn und Taggi." Ich grinste in Gedanken an Akki und Lorn. "Mit Richard hab ich gestern Abend noch gesprochen."
"Ach, deswegen war so lange bei ihm besetzt."
Ich spitzte die Ohren. "Hast du versucht ihn anzurufen?"
Ich konnte förmlich sehen, wie Sabina am anderen Ende der Leitung scharlachrot wurde. "Ich wollte mir ein Buch von ihm ausleihen.", log sie dann aalglatt. Na klar, dass ihr das genau dann einfiel, wenn vor lauter Schnee die Straßen gesperrt waren...
"Achso.", meinte ich betont gleichgültig. "Ich glaube Richard ist sauer auf mich."



"Warum?" Nun klang sie sehr neugierig.
Was für ein interessanter Tag das heute doch war.
"Aaach.", machte ich abwehrend. "Ich hab mich über etwas aufgeregt. Nicht so wichtig."
"Wenn du willst ruf ich ihn mal an. Vielleicht kann ich ja helfen..."
Tu was du nicht lassen kannst, dachte ich grinsend. "Wenn du möchtest...Ich finde es doof, wenn sich Freunde streiten."
"Das ist auch nicht schön.", pflichtete Sabina mir bei. "Ich ruf ihn an und melde mich dann später noch mal."
"Ich werde hier nicht weggehen."

Es war Jerzy der einige Stunden später zurückrief.
"Ich soll dir von Sabina sagen, dass Richard nicht böse auf dich ist, aber sie will nie wieder mit dir reden." Ich konnte seiner Stimme anhören, dass er genauso verwirrt war wie ich.
"Äh, was?"
"Ich hab keine Ahnung, was los ist.", erwiderte er. "Sie hat mit Richard gesprochen, ziemlich lange sogar, und dann ist sie in ihr Zimmer gerannt und hat sich unter der Bettdecke versteckt. Ich glaube sie hat geweint."
Ich machte große Augen und kratzte mich ratlos am Kopf. Was hatte ich denn angerichtet? Vorhin war doch noch alles in Ordnung gewesen...
"Papa hat mit ihr gesprochen. Über ihn ließ Sabina mir dann ausrichten, was ich dir sagen soll."
"Oh."
"Hm, du weißt also auch von nichts?"
"Jerzy, ich hab keine Ahnung warum sie mich offenbar sauer auf mich ist." Zum wiederholten Mal an diesem Tag ließ ich mich auf die Couch fallen. "Ich hatte ihr vorhin erzählt, dass ich ein bisschen Streit mit Richard hatte. Daraufhin hat sie angeboten, mit ihm zu sprechen. Was sie ja offenbar getan hat." Ich war gründlich verwirrt und die gute Laune längst verflogen. "Vielleicht sollte ich mal Richard anrufen?"
"Vielleicht." Im Hintergrund hörte ich Ivonas Kinderlachen und das Fauchen von Waclaw. "Nein, Ivona, nicht Waclaw am Schwanz ziehen. Er sagt dir schon die ganze Zeit, dass er das nicht mag." Jerzy seufzte. "Sie ist noch so klein und versteht Waclaw nicht immer."
Der Gedanken an den psibegabten Kater jagte mir einen Schauer über den Rücken. "Man könnte meinen, Waclaw ist clever genug einen Bogen um Kleinkinder zu machen. Ich würde das als Katze." Weil ich am eigenen Leib erlebt hatte, wie "zugewendet" Kleinkinder Haustieren gegenüber waren. "Was machen wir jetzt mit Sabina?"
"Kannst du Richard anrufen? Ich glaube du kannst besser mit ihm reden."
"Ok. Wenn es was neues gibt, melde ich mich."
"Ich mich auch. ... Und jetzt rette ich Waclaw vor meiner Schwester."

Nachdenklich betrachtete ich das Telefon. Ich fragte mich, was zwischen Sabina und Richard vorgefallen war. Zerstreut rief ich mir meine Gespräche mit beiden ins Gedächtnis. Sabina war ganz normal gewesen. Neugierig und aufgeschlossen wie immer. Richards etwas melancholisch-nachdenkliche Art war am vorigen Abend ein bisschen aufgebrochen, als er so kühl geworden war. Das war nachdem ich mich wegen Terry verplappert hatte.
"Meppel, ich bin ein Depp."
Mein Hund hörte ziemlich gut auf seinen Namen und kam sofort gehorsam angetrabt. Fragend sah er mich an. Ich lockte ihn auf meinen Schoß und streichelte ihn. "Ich glaube ich habe da einiges übersehen."
Und zwar EINIGES in Großbuchstaben. Wenn ich es recht bedachte, war ich wohl immer so konzentriert auf mein Ziel, dass ich in anderen Bereichen des Lebens blind geworden war - oder zumindest extrem kurzsichtig. Das mit Akki und Lorn hatte sich bei genauerer Überlegung auch nicht furchtbar spontan entwickelt - es hatte den ganze Winter über Anzeichen gegeben. Und hatte Akki mich nicht schon im Herbst gefragt, ob was zwischen mir und Richard lief? Für mich hatte das damals wie heute außer Frage gestanden, aber das war offenbar eine einseitige Sicht...Deswegen hatte er so ungehalten reagiert, als mir das mit Terry rausgerutscht war. Ich vergrub mein Gesicht in Meppels Rückenfell. "Warum kann das Leben nicht einmal - nur einmal - einfach sein?" Der Hund wand sich unter mir und leckte schließlich tröstend mein Gesicht.
Vielleicht hätte ich mir auch einen Stempel auf die Stirn machen sollen: Not interested. Ermutigt hatte ich Richard - meiner Meinung nach - nicht. Ich fand ihn sympathisch und mochte ihn - als Kumpel.
Was Sabina anging...je länger ich darüber nachdachte, desto sicherer wurde ich mir, dass sie in Richard verliebt sein musste. Wenn die beiden nun während ihres Gespräches irgendwie darauf zu sprechen gekommen waren, würde es Sabinas Verhalten erklären. Ich meine, das war schließlich eine klassische Liebeskummerreaktion!



Seufzend scheuchte ich Meppel wieder von meinem Schoß. Es half ja alles nichts, das Problem musste aus der Welt geschafft werden. Ich wählte Richards Mobilnummer, aber es schien der Tag der Mailbox zu sein. Wie schon bei Akki bekam ich auch Richard nicht dran. Seine Festnetznummer hatte ich zwar auch, aber Richard hatte uns allen eingeschärft diese nur im absoluten Notfall zu benutzten. Wenn das jetzt keiner war, wusste ich es auch nicht...Ich suchte die Nummer raus und wählte sie langsam um Zeit zu gewinnen. Meppel war zur Tür gelaufen, offenbar musste er schon wieder raus. Gerade als das Freizeichen ertönte, schellte es. Vor lauter Schreck ließ ich das Telefon fallen. Vor der Glastür stand ein durchfroren wirkender Richard. Rasch stand ich auf und ging zu Tür. Nebenbei nahm ich da Telefon auf und beendete das Gespräch. Hoffentlich war noch niemand drangegangen.
"Bist du bescheuert? Bei dem Wetter sollte man nicht rausgehen.", begrüßte ich ihn etwas ungehalten. "Willst du erfrieren?" Ich zog ihn herein und drückte ihn auf die Couch. "Hier, Decke. Damit du wieder warm wirst."



Meppel war mittlerweile wieder hinausgelaufen. Ich ließ die Tür einen Spalt offen postierte mich daneben.
"Ich hatte das Gefühl, dass ich mit dir reden muss.", erklärte Richard nachdem seine Zähne nicht mehr aufeinander schlugen.
"Ach." Ich zog die Augenbrauen hoch. "Das Gefühl habe ich auch. Aber da musst du doch nicht bei Schnee und Eis durch die halbe Stadt marschieren. Es gibt schließlich Telefone."
Richard blieb mir eine Antwort schuldig. Stattdessen zog er die Decke enger um die Schultern. Ich schnaubte entnervt und ging hinaus um Meppel wieder hineinzuholen. Anschließend setzte ich einen Topf Nudeln auf und machte mich daran mein Abendessen zu kochen. Ich hatte nicht wirklich Hunger, musste aber mich aber irgendwie beschäftigen. Ein Telefonat wäre mir im Moment lieber gewesen...
"Du musst ja ziemlich bald nachdem du mit Sabina gesprochen hast losgegangen sein.", eröffnete ich schließlich das Gespräch.
"Hat sie dich angerufen?"
"Nein." Ich warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu. "Sie hat etwas über Jerzy ausrichten lassen."
"Es hat eine Weile gedauert, bis ich hier war. Manchmal konnte ich die Straße nicht so ganz erkennen."
"Ist dir klar, dass du dabei hättest drauf gehen können? Wie dumm kann man eigentlich sein?" Wütend rammte ich das Messer in eine Zwiebel. Einen optischen Preis würde mein Essen heute nicht gewinnen.
"Ist doch alles gut gegangen."
"Was ihr Kids euch immer denkt. Man ist nicht unsterblich, auch nicht als Teenanger."
Er sah mich fragend ob dieser merkwürdigen Aussage an. Ich seufzte. "Hast du wenigstens vorher was getrunken?"
"Ja."
"Wenigstens kannst du manchmal mitdenken!" Ich setzte einen zweiten Topf auf, in dem ich die Zwiebeln anbriet. "Also. Willst du anfangen oder soll ich anfangen?"
"Ich mag es wenn du so direkt bist.", erwiderte er unbegeistert.
"So? Und ich mag geklärte Fronten."
"Sind wir jetzt im Krieg?"
"Mein Gott Richard, jetzt stell dich doch nicht so zickig an. Können wir nicht wie erwachsene Men- ... Leute darüber sprechen?"
"Wenn sich hier jemand zickig verhält, dann bist du das." Er erhob sich und legte die Decke ordentlich zusammen. "Es war ein Fehler herzukommen. Ich gehe besser wieder."



"Oh nein, junger Mann, das wirst du nicht. Bei dem Wetter machst du den Trip bestimmt nicht noch einmal. Also setzt dich wieder hin."
"Du führst dich auf wie meine Mutter - das heißt wie meine Mutter sich aufführen würde, wenn ich Geoffrey oder Louisa wäre."
Ich seufzte und atmete tief durch. Er hatte recht, ich hatte mich zickig verhalten. Sein plötzliches Auftreten passte mir ganz und gar nicht in den Kram. Aber nun war er hier, also musste ich mich mit ihm auseinander setzten. Auch wenn das Gespräch nicht zu meinen Konditionen stattfand.
"Du hast recht, ich verhalte mich zickig. Entschuldige bitte." Ich rührte die übrigen Zutaten der Nudelsoße zusammen und bemühte mich freundlich und ruhig zu bleiben. "Fangen wir also noch einmal von vorne an." Ich zwang mich dazu ihm zuzulächeln. "Was führt dich her?"
"Sabina hat mich angerufen und mir gesagt, dass du befürchtest, ich könnte sauer auf dich sein."
"Hm, da hatte ich wirklich etwas Sorge. Du warst zum Ende unseres Gesprächs hin ziemlich ... kühl."
"Ja, ich war..." Er brach und sah verlegen auf seine Hände, die in seinem Schoß lagen. "Ich war...eifersüchtig."
Bis jetzt hatte ich noch ein winzig kleines Fünkchen Hoffnung gehabt, dass ich Unrecht hatte. Es erlosch mit seinen Worten.
"Wegen Terry?", hakte ich nach. "Also meinem...Exfreund."
Zufällig blickte ich mich gerade zu ihm um, so dass ich sah wie er nickte. Er mied meinen Blick. Schnell sah auch ich wieder in meinen Topf und rührte darin herum. "Und das hast du Sabina gesagt?"
"Geht es jetzt um Sabina oder um ... uns?!"
Ich seufzte abermals und bereitete mich darauf vor ihm das Messer ins Herz zu rammen - im übertragenen Sinne natürlich nur. Es machte mich unendlich traurig einen Freund so verletzten zu müssen, aber mir blieb keine andere Wahl. Mechanisch nahm ich den Nudeltopf vom Herd und schüttete das Wasser ab. "Wenn du möchtest, lassen wir Sabina erst einmal außen vor, aber wir werden darauf zurückkommen müssen."
Richard stand auf und drehte mir den Rücken zu. Er ließ die Schultern hängen. Offenbar ahnte er, dass ich nicht dasselbe für ihn empfand wie er offenbar für mich.
"Als du gestern das Thema auf gemischte Paare brachtest, dachte ich ...." Er brach ab. Dann straffte er die Schultern und drehte sich zu mir um. Sein Blick war sehr ernst als er zur Küchenzeile kam. "Ich dachte, du fragtest aus einem bestimmten Grund."
Für einen Moment wunderte ich mich, wie ein echtes Mädchen wohl auf seine Frage reagiert hätte - also keine uralte Frau im Körper eines Mädchens. Ich hatte keine Ahnung, dass war so verdammt lange her. Also schwieg ich.
"Und als Sabina mich heute anrief und sagte, du wärest besorgt wegen gestern, dachte ich ... "
Erneut konnte er seinen Satz nicht beenden. Ich häufte derweil Nudeln auf einen Teller und übergoss ihn mit Soße. Er musste denken, ich sei ein Roboter.
"Kann ich vielleicht auch einen Teller haben?", fragte er mich überraschend. "Der Weg hierher war sehr anstrengend."
Ich musterte ihn besorgt. "Kann dein Körper das denn verdauen?"
"Ich weiß es nicht. Du bist die Naturwissenschaftlerin von uns beiden."
Ich nahm einen zweiten Teller heraus. "Ich hab keine Ahnung. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass ihr nichts außer .... Blut ... zu euch nehmt."
"Ich möchte es ausprobieren." Er sah mich an. "Ich möchte mit dir essen."
Na, wenigstens hatte er nicht direkt gesagt, dass er mit mir schlafen wolle. Ich gab ihm den Teller und wir setzten uns gemeinsam an den Tisch. Als ich auf meine Spaghetti mit Bolognese auf dem Teller betrachtete, schob ich Gedanken an Susi und Strolch ganz weit weg.



"Und?", fragte ich nach einer Weile.
"Es fühlt sich komisch an." Er kaute merkwürdig, was aber kein Wunder war, da er noch nie in seinem Leben feste Nahrung zu sich genommen hatte. "Es schmeckt ... interessant."
Ich lachte leise. Dann widmete ich mich meinen Nudeln. Schweigend aßen wir weiter.

Ich war früher als Richard fertig, deswegen wartete ich höflich, bis er sein Mahl beendet hatte bevor ich aufstand und den Tisch abräumte. Als ich das Geschirr in die Spülmaschine räumte, bemerkte ich, dass es immer noch heftig schneite. "Du wirst heute Nacht hierbleiben müssen. Ich beziehe dir Akkis Bett frisch. Sie hat übrigens die Nacht sehr gut überstanden. Trotz Vollmonds."
"Das ist doch gut." Er sah mir beim Aufräumen zu. Männer... Dann wurde er auf einmal sehr blass.
"Ist dir nicht gut?"
Er fasste sich überrascht an den Bauch. "Ich glaube ... mir wird schlecht." Er sprang wie von der Tarantel gestochen auf und rannte ins Bad.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Di März 05, 2013 5:56 pm

Gebrochenes Herz

Ich lehnte neben der Badezimmertür an der Wand und hörte Richard beim Kotzen zu. Der arme Junge erbrach sich jetzt schon seit einigen Minuten. Es war vermutlich keine gute Idee gewesen, "normale" Nahrung zu sich zu nehmen. Was hatte ihn nur geritten, um einen Teller Nudeln zu bitten? Und warum war ich so unachtsam gewesen ihm wirklich welche zu geben? Ich hätte mir doch denken können, dass Pyre genauso wenig wie Vampire nichts außer Blut vertrugen...
"Geht's?", fragte ich schließlich als ich die Toilettenspülung vernahm. "Im Schränkchen sind neue Zahnbürsten. Bedien' dich."
Er murmelte etwas. Seufzend drückte ich mich von der Wand ab. Ein Blick nach draußen verriet mir, dass es immer noch heftig schneite. Während ich in Akkis Zimmer ging um dort das Bett frisch zu beziehen, machte ich mir Gedanken über den Verlauf der nächsten Stunden. Richard konnte auf keinen Fall zurück. Sowohl sein Zustand, als auch das Wetter sprachen dagegen. Das stellte uns natürlich vor das Problem, dass er ziemlich bald Durst bekommen würde - spätestens wenn sich sein Magen wieder beruhigt hatte. Mit einem Pyre zum Freund sollte ich mir wirklich ein paar Notfallplasmapäckchen in den Kühlschrank legen.
"Das hilft uns jetzt auch nicht mehr.", murmelte ich. Meppel, den frisch bezogene Betten gerade zu anzogen, machte Anstalten in Akkis Bett zu springen, doch ein strenger Blick genügte um ihn davon abzuhalten. Als hätte er keine Schandtat geplant spazierte er wieder aus dem Raum. Ich hörte die Badezimmertür.



"Ich bin in Akkis Zimmer.", rief ich. "Wenn du willst kannst du dich gerne direkt hinlegen." Ich deutete auf das Bett als Richard ins Zimmer kam. Er war noch etwas blass um die Nase. Sein Pony war feucht, er hatte sich wohl sehr energisch das Gesicht gewaschen. Schlagartig wurde mir bewusst, wie unglaublich peinlich es für einen männlichen Teenager - sei es nun ein Mensch oder ein Pyre - sein musste, sich vor seinem Schwarm derartig erbrechen zu müssen. Tatsächlich mied Richard meinen Blick.
"Ich würde dir ja einen Tee kochen, aber ich befürchte, der würde dir nicht helfen.", sagte ich leichthin. "Wie wäre es, wenn du dich erstmal ausruhst?"
"Mir geht's gut."
Natürlich, um nicht vollkommen den Stolz zu verlieren, musste er jetzt cool tun. Aber auch das war vermutlich eine ziemlich normale Reaktion von Jungs.
Ich zuckte mit den Achseln. "Wie du willst."
"Wir haben unser Gespräch auch noch nicht beendet."
"Ach ja. Da war ja was.", rutschte es mir mit zynischem Tonfall heraus.
Er sah mich verletzt an. Seufzend rieb ich mir die Schläfen. Ich könnte das ganze natürlich auch abkürzen und ihm direkt ins Gesicht sagen, dass er keine Chance hatte. Das wäre allerdings nicht eben mitfühlend. Aber vielleicht war eine Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende?
Während ich noch grübelte, brachte Richard mühsam heraus: "Ich mag dich wirklich sehr Kira und ich ... ich würde gerne mit dir zusammen sein."
Er sah so erbärmlich aus, dass sich starkes Mitleid in mir regte. Der arme Kerl. Er hatte es nicht leicht, mit seiner grässlichen Familie und als ein Außenseiter in einer Clique von Außenseitern. Dann erbrach er sich noch vor mir und nun kratzte er sein letztes bisschen Würde zusammen und gestand mir quasi seine Liebe. Leider musste ich jetzt doch das Messer auspacken...
"Richard..." Ich seufzte und drehte ihm den Rücken zu. Herrje, wie konnte ich das nur möglichst schmerzarm über die Bühne bringen? Mit einem weiteren Seufzer drehte ich mich wieder um. Ein versöhnliches Lächeln (möglicherweise versöhnlich - könnte auch schmerzverzerrt gewesen sein) aufsetzend, begann ich: "Richard, du bist einer meiner besten Freunde. Ich mag dich - aber eben nur als Freund."
Seine Schultern sackten nach unten. "Ist es weil ich ein Pyre bin?"
Ein wenig verdutzt sah ich ihn an. Hatte ich ihm nicht gestern lang und breit erklärt, dass ich mit so was kein Problem hatte? "Natürlich nicht. Es liegt nicht an dir, sondern an mir." Autsch - DIE Standardfloskel schlechthin. Mist. "Was ich meine ist ... Also ..." Ich brach hilflos ab. Meppel spazierte ins Schlafzimmer zurück, begriff die Situation und sprang auf Akkis Bett. Er wusste genau, dass ich gerade zu abgelenkt war um ihn zu schelten.
"Ich mag dich wirklich. Als Freund. Dass ich nicht ... nicht so empfinde wie du offenbar für mich, liegt nicht daran, dass du ein Pyre bist. Es wäre genauso, wenn du ein Weren wärest, ein Mensch oder sonst was. Es liegt schlicht und einfach daran, dass..." Ich holte tief Luft. Ich konnte genauso gut reinen Tisch machen und das Problem ein für alle mal aus der Welt schaffen (hoffte ich). "Dass ich einen anderen liebe."
Richard sah mich wie ein verwundetes Tier an. "Liebst du noch deinen Freund von der Erde?", fragte er heiser.
"Was? ... Ja, natürlich ... nein ... oh Gott, es ist kompliziert...." Nun ließ ich die Schultern hängen. Wenn er dachte, ich liebte noch Terry - was ich ja auch noch tat - dann würde er sich Hoffnungen machen. Wenn Darrel wiederkam, dann würden sich Richards Hoffnungen wieder zerstören. Besser sie einmal und gründlich niederzuwalzen.
Tatsächlich flackerte in Richards Augen so etwas wie Hoffnung auf. Ich senkte den Blick.
"Es ist wirklich nicht so einfach, Richard. Ich habe immer noch starke Gefühle für Terry, obwohl es so lange her ist, aber das ist es nicht. Ich...liebe Darrel."
Er sah mich vollkommen entgeistert an. "Den alten, eingefrorenen Mann?"
Meine Reaktion war eine absolute Gesichtsentgleisung. Ich verzog den Mund und schnaubte. "Eingefroren mag ja stimmen, aber alt? Darrel ist jünger als ... " Rechtzeitig biss ich mir auf die Zunge. Ich tat so als müsste ich husten. "Er ist jünger als er aussieht. Ihm ist die Reise nicht gut bekommen."
Richard wirkte nicht überzeugt. Da sein Konkurrent nun einen Namen hatte, wirkte er etwas zuversichtlicher. "Kira, du kannst nicht wissen ob er jemals aufgetaut werden kann - und es überlebt."
"Meinst du das weiß ich nicht? Aber ich habe ihm versprochen alles zutun, um ihn zu retten." Ich fasste meinen Freund ernst blickend ins Auge. "Und du hast keine Ahnung wie entschlossen ich sein kann."
Richard musterte meinen Gesichtsausdruck. "Das erklärt wenigstens deinen fanatischen Einsatz für die Schule." Er setzte sich aufs Bett, wirkte jetzt wieder trauriger. "Wenn's geht würde ich jetzt gerne alleine sein."
Ich nickte verstehend. "Es tut mir leid, Richard."
Er sah mich unglücklich an, erwiderte aber nichts. Ich senkte beschämt den Blick, nahm Meppel auf den Arm und verließ den Raum.

Ich schlief in dieser Nacht in dem unteren Bett, jenem Bett in dem Darrel seine erste und einzige Nacht hier verbracht hatte. Entgegen meiner Gewohnheit nahm ich den Hund mit ins Bett. Obwohl nur ein kleiner Terrier, schaffte Meppel es sich am Fußende so breit zu machen, dass ich die ganze Nacht in Embryonalhaltung verbrachte, die Beine dicht am Körper. Trotzdem beruhigte mich seine Anwesenheit. An Schlaf war allerdings nicht zu denken. Ein wenig verkrampft im Bett liegend starrte ich in die Dunkelheit.
Was war, wenn Richard recht hatte und ich Darrel nicht aus seinem eisigen Gefängnis befreien konnte? Und davon mal abgesehen - selbst wenn ich ihn rettete, wer sagte denn, dass wir tatsächlich eine Chance hatten? Ich war mir ziemlich sicher, dass Darrel das gleiche, zumindest aber ähnlich, für mich empfand, aber ich war auch nur ein Mensch und trotz meines Alters konnte auch ich mich irren (oder vielleicht auch gerade wegen meines Alters - dass ich in zwischenmenschlichen Beziehungen wirklich blind sein konnte, hatte dieser Tag ja mal wieder bewiesen!).
Entschlossen schob ich meine Gedanken an Darrel weg. Es war sinnvoller die naheliegenderen Probleme anzugehen: Richard und Sabina. Ich musste dringend mit Sabina sprechen. Ein wenig ungerecht fand ich es schon, dass sie nicht mehr mit mir sprechen wollte. Ich konnte schließlich auch nichts dafür! Ich bezweifelte stark Richards Interesse an ihr. Sie war einige Jahre jünger als er und ein ganz anderer Typ als - ... ich. Wenn ich der Maßstab für Richards Präferenzen war, dann konnte Sabina sich nur geringe Chancen ausmachen. Aber vielleicht war Richards Verliebtheit in mich ja auch nur so eine pubertäre Verwirrung. So oder so - Richard wäre im Moment einfach nicht in der Lage sich auf Sabina einzulassen, da ich ihm gerade erfolgreich das Herz rausgerissen hatte. Sabina würde sich hoffentlich wieder beruhigen. Sie war noch sehr jung, da verliebte man sich schnell.

Wann war ich eigentlich das letzte Mal verliebt gewesen? Das musste unendlich lange her sein...Ich bedauerte es, nicht so uneingeschränkt an das Leben herangehen zu können, wie es Normalsterbliche taten. Aber vielleicht war ich jetzt auch normalsterblich. Umso trauriger, dass ich dieses Kribbeln der ersten Schmetterlinge im Bauch nicht mehr spüren würde...In Darrel war ich schließlich nicht verliebt. Ich liebte ihn, aber es war eben nicht dieses Rosa-Brille-Gefühl.
Wenn ich ihn doch nur retten konnte! Möglicherweise ich verzichtete liebend gern auf das Verliebtsein, wenn ich ihn nur bei mir hätte. Spontan dachte ich an Taggis Versprechen, mir zu helfen. Das fröhliche Gesicht des Werenjungen erschien vor meinem inneren Auge und gab mir neue Zuversicht. Ich konnte Darrel retten! Und falls Taggi mal Liebeskummer bekam, würde ich für ihn da sein!

Irgendwann hatte ich wohl doch noch Schlaf gefunden, denn mit einem Mal war es draußen hell geworden. Ich blickte auf einen schönen Morgen, dessen schüchterne Sonnenstrahlen sich langsam über den Schnee trauten. Unmengen von Schnee ... Massen ... alles war weiß, weiß, weiß.
Ich seufzte und schlug die Decke zurück. Meppel war aufgesprungen sobald ich mich geregt hatte. Nun stand er stummelschwanzwedelnd vor der Tür. Erwartungsvoll sah er zu mir und kläffte einmal auf.
"Ich komm ja schon."
Gemeinsam mit dem Hund ging in den Wohnraum. Richard schien noch in Akkis Zimmer zu sein. Ich ließ Meppel rasch hinaus und machte mir ein Brot zum Frühstück. Die Terrasse und der Weg, den ich am vorigen Tag frei geräumt hatte, waren schon wieder zugeschneit. Meppel musste sich durch den Schnee kämpfen, der ihn fast verschluckte. Ich musste dringend wieder Schnee schieben. Mein Hund hatte kam sehr bald wieder ins Haus, wo ich ihn rasch trocken rubbelte. Mit einem Leckerchen belohnte ich seinen Ausflug ins Weiße. Ich hatte mittlerweile mein Brot verspeist. Da ich mich für den Rest des Tages wappnen musste, schob ich noch eine Schüssel Müsli und ein großes Glas Saft hinterher. Mit einer Tasse heißem Tee mit viel Zucker wartete ich auf Richard.



Bevor ich in der Nacht irgendwann ins Reich der Träume hinüber geglitten war, war mir klar geworden, dass ich Richard nicht einfach so heim schicken konnte, auch wenn die Witterungsverhältnisse es zuließen. Seine letzte ... Mahlzeit ... lag lange zurück und er hatte bei dem Gang hierher jede Menge Energie verbraucht. Das Erbrechen am Abend zuvor würde ihr übriges getan haben um ihn zu schwächen. Er musste etwas trinken.
Mein Tee war derartig süß, dass sich meine Gesichtsmuskulatur unwillkürlich verzog als ich ihn in großen Schlucken trank. Ich hatte kaum den letzten Schluck hinuntergebracht, als sich Akkis Zimmertür öffnete und Richard hinaus schlich. So wie er aussah hatte er ungefähr genauso gut und lange geschlafen wie ich. Dazu machte sich eine unnatürliche Blässe auf seinen Wangen breit. Ich fürchtete, es war allerhöchste Eisenbahn.
"Guten Morgen. Du siehst ... nicht gut aus.", begrüßte ich ihn. Ich versuchte meine Stimme neutral, aber nicht abweisend zu modulieren. Richard wirkte noch immer sehr verletzt, was mich nicht wunderte. Er begrüßte mich leise und blieb auf Abstand.
"Du kannst ruhig herkommen.", lud ich ein und wies auf den Platz neben mir.
"Lieber nicht.", antwortete er heiser. "Ich muss dringend heim."
Ich nickte. "Das stimmt. Aber so kommst du nicht weit." Ich wappnete mich innerlich, straffte die Schultern und stand auf. Er schrak ein wenig zurück, als ich mich ihm näherte. "Du bist zu erschöpft um jetzt nach Hause zu laufen."
Mein Arm zitterte ein wenig als ich ihm mein Handgelenk entgegen streckte. Ungläubig sah Richard mich an. Dann schob er den Arm weg. "Nein."
Entschlossen reckte ich ihm den Arm wieder hin. "Sei nicht kindisch. Du brauchst Energie. Ob du jetzt heimgehst oder nicht."
Wie ein Kaninchen vor der Schlange wechselte Richards Blick zwischen meinem Arm und meinem Handgelenk hin und her. "Das...das kann ich nicht."
Ich rollte mit den Augen. "Mein Gott, so schwer kann das doch nicht sein. Was glaubst du, wozu du so spitze Eckzähne hast?"
Sein Blick blieb unentschlossen und ängstlich. Er wich einen Schritt zurück. "Bitte nicht."
"Willst du draufgehen? Ich habe wenig Lust meinen Freund sterben zu lassen. Also bringen wir's hinter uns." Ich wedelte mit meinem Arm vor seinem Gesicht herum.
"Es ist verpönt von anderen Leuten zu trinken."
"Es muss doch keiner erfahren! Siehst du hier jemanden außer mir und dir? ... Es bleibt unser Geheimnis." Wenn er sich noch lange zierte, würde auch meine Entschlossenheit wanken.
"Was ist wenn...wenn du dich ansteckst? Wir Pyre waren ursprünglich auch nicht so..."
"Am Handgelenk müsste es ungefährlich sein. Olenka meinte außerdem, wir Menschen seien nicht gefährdet von eurer Krankheit betroffen zu sein." Zumindest hoffte ich das. Ich wusste von der Erde, dass ein Vampir von den Handgelenken der Menschen trinken konnte, ohne dass der Betroffene davon selbst zum Vampir wurde. Ich hoffte nur, dass es auch für Pyre galt - und Olenka recht hatte. "Ich will dich nicht sterben lassen. Du bist mein Freund." Ich brachte ein schiefes Grinsen zustande. "Und Freunde stehen einander bei."
"Auch mit ihrem Blut.", sagte er leise.
Ich nickte. Als ich ihm dieses Mal mein Handgelenk präsentierte, nahm er es sanft mit klammen Fingern. Er warf mir einen letzten fragenden Blick zu. Ich nickte wieder, auch wenn ich in diesem Moment furchtbares Muffensausen bekam. Richard beugte sich über meine Hand. Seine Lippen berührten leicht die zarte Haut. Ein Schauer überlief mich. Zögerlich setzte mein Pyre-Freund seine Zähne auf die Haut. Unentschlossen drückte er sie ins Gewebe.
"Du musst schon fester zubeißen." Ich wendete meinen Blick auf und kniff zusätzlich die Augen zusammen.
Er biss zu. Ich kann den Schmerz schlecht beschreiben, weil er nicht sofort eintrat. Es dauerte einen Moment bis die Schmerzrezeptoren im Arm die Erregung ans Gehirn weitergeleitet hatten. Das Saugen Richards war mir viel bewusster als der Schmerz, den seine Zähne verursacht hatten. Es war ein bisschen wie bei der Blutabnahme, nur viel intensiver und schneller. Ich spürte wie das Blut aus meinem Arm gesaugt wurde. Ich hörte wie Meppel aufgeregt zwischen uns hin und her lief und bellte. Ich hätte ihn wegsperren sollen, dachte ich benebelt.
Ich weiß nicht wie lange Richard trank, aber ich spürte mehr und mehr, wie das Leben aus mir hinaus glitt. "Das reicht.", würgte ich trocken hinaus. "Richard, hör auf." Schwach versuchte ich ihm mein Handgelenk zu entreißen. Nach einige Versuchen gelang es mir schließlich, auch weil Richard erschrocken zurückgesprungen war. Ihm war offensichtlich aufgegangen, dass er gefährlich viel getrunken hatte. Ich taumelte zum nächsten Stuhl und ließ mich fallen. Meppel sprang zu meiner Seite und rieb sich winselnd an meinen Beinen. Ich drückte die Blutbahn ab.



"Badezimmer. Verband.", wies ich Richard einsilbig an. Noch so eine Sache, die vorher hätte bereitlegen sollen.
Richard gehorchte sofort und rannte ins Badezimmer. Er war nun alles andere als blass, sah voller Leben aus. Kein Wunder. Er hatte jede Menge von meinem Lebenssaft bekommen. Hoffentlich war es nicht zuviel. Das wäre ja auch zu ironisch, dass ich bei dem Versuch ausgerechnet einen Vampir zu retten draufginge.
Meppel knurrte Richard energisch an, als der mit Wundauflagen und Verbänden aus dem Badezimmer kam. Ich brachte nicht die Kraft auf den Hund zurechtzuweisen. Richard konnte kaum an den Tisch kommen, weil Meppel sich so aggressiv verhielt. Ich brachte schließlich ein "Aus.", hervor, dass Meppel aber nicht zur Räson brachte. Richard versuchte den Hund zu ignorieren. Er setzte sich an den Tisch und legte eine Auflage auf die beiden roten Male auf meinem Handgelenk. Ich begann langsam schwarze Flecken zu sehen. Meppel knurrte unaufhörlich, hatte aber nicht den Mut Richard wirklich anzufallen. Rasch legte Richard einen straffen Verband an. mein Herz raste und ich hatte ein trockenes Gefühl im Mund.
"Trinken.", bat ich Richard, nachdem er den Verband fertig gestellt hatte. Er sah mich entsetzt an, bis er begriff, dass nicht er gemeint war, sondern ich etwas zu trinken brauchte. Meine Saftflasche stand noch auf der Anrichte, so dass er nur hinüber reichen musste. Er half mir beim Trinken. Das Schlucken fiel mir schwer, aber ich nahm an, dass es wichtig war etwas zu trinken. Ich wusste, dass ein Blutverlust von etwa zwei Litern lebensbedrohlich war und hoffte inständig, dass es nicht so viel gewesen war. Richard sah mich besorgt an, nachdem ich eine gute Menge Saft getrunken hatte. "Wie geht es dir?"
Ich machte ein unbestimmtes Geräusch. Mühsam lagerte ich meinen Arm höher. "Und dir?"
Richard senkte den Blick. Ich wusste, er wollte nicht antworten. Mein Blut musste ihm einen Energiekick verschafft haben, der mit nichts anderem vergleichbar war. Zumindest hatte ich von den Vampiren auf der Erde vernommen, dass an "echtes" Blut kein Plasmasaft rankam.
"Körperlich ... gut.", flüsterte er schließlich. "Aber innerlich fühle ich mich scheußlich..." Er verbarg das Gesicht in den Händen. "Wie ein Monster."
"Du bist kein Monster.", erwiderte ich schwach. "Es war notwendig."
Er machte ein ersticktes Geräusch.
"Richard, es ist in Ordnung."
Er schaffte es, den Kopf zu heben und mich anzusehen, auch wenn es ihn vermutlich alle Kraft kostete. "Ich hab dich verletzt. Von dir getrunken..."
"Ja. Das ist richtig." Ich seufzte energielos. "Es musste sein." Bevor ich noch vom Stuhl kippte, bat ich Richard mir auf die Couch zu helfen. Meppel knurrte abermals, dieses Mal konnte ich ihn aber ermahnen. Der arme Hund verstand die Welt nicht mehr. Man konnte ihm seine Verwirrtheit ansehen. Ich schaffte es beruhigend auf ihn einzureden, während Richard mich mehr oder weniger zur Couch trug. Meppel beruhigte sich etwas, sprang aber winselnd neben mich auf die Couch und suchte meine Nähe. Richard legte umsichtig die Decke, mit der ich ihn am Tag zuvor eingedeckt hatte, um mich. Unentschlossen sah er sich um.
"Mach mir was zu essen. Einfach ein Brot mit Marmelade oder so." Ich kuschelte mich in die Decke. "Und mehr zu trinken." Ich war nicht ganz sicher ob das so richtig war, aber zumindest das Trinken konnte nicht so falsch sein. Meine Kehle fühlte sich an wie Sandpapier.
Richard eilte zur Küchenzeile und riss den Kühlschrank auf. Er hatte mir oder den anderen oft genug zugesehen, so dass er wusste wie man ein Brot zubereitete. Er sparte nicht mit Marmelade, schnitt das Brot anschließend in mundgerechte Stückchen und brachte es mir. Dann rannte er noch einmal zurück um eine große Flasche Wasser zu holen. Er setzte sich damit neben mich. Meppel ließ ihn gewähren, so als spürte er, dass jetzt keine Gefahr mehr von ihm ausging. Richard legte den einen Arm um mich um mich zu stützen und füttere mich mit der anderen Hand mit Marmeladenbrot. Ich kam mir ziemlich kläglich vor. Zwischendurch half er mir aus der Flasche zu trinken.
"Besser?", fragte er nach einer Weile.
Ich fühlte mich tatsächlich etwas besser, wenn auch so schwach wie ein Neugeborenes. Ich lehnte mich an Richard und legte meinen Kopf an seine Schultern. "Wird schon wieder."
Richard legte seinen Arm um mich und zog mich fest an sich. "Es tut mir so leid.", murmelte er.
"Es ist in Ordnung.", wiederholte ich. "Du musstest etwas trinken. Die einzige Alternative wäre Meppel gewesen und das wollte ich nicht."
Der Hund fühlte sich angesprochen und sah uns fragend an. Ich tätschelte sein Köpfchen. "Dein Blut schmeck nämlich bestimmt scheußlich." Schnaufend legte er sich wieder hin. Auch für ihn waren die Situation sehr anstrengend gewesen. Als ich meinen Kopf wieder Richard zuwendete, bemerkte ich, wie nah unsere Gesichter einander waren. So nah, dass meine Alarmglocken anfingen zu schrillen.
Mit der gleichen Sanftheit, mit der seine Lippen zuvor mein Handgelenk berührt hatten, legte er sie nun auf meine Lippen.

Da hatte ich mich ja wieder ein eine tolle Situation manövriert! Und das in meinem schwachen Zustand! Wenn sich Richard für irgendetwas das an diesem Morgen gelaufen war schämen sollte, dann dafür! Ich nahm meine Hand von Meppels Kopf und legte sie gegen Richards Brust. Langsam schob ich ihn von mir weg. Ernst sah ich ihn an. Richards Züge fielen ihm praktisch aus dem Gesicht. Wenn er zuvor - warum auch immer, ich hatte mich doch klar ausgedrückt?! - noch Hoffnungen gehabt hatte, sollten sie nun jawohl zunichte gemacht worden sein. Ich zwang mich trotz meines Mitleids für ihn nicht tröstlich zu lächeln, als ich "Nein.", sagte.
Mit traurigem Gesicht erhob sich Richard. Seine Schultern hingen bekümmert herunter, sein Blick war gen Boden gerichtet. "Ich gehe dann jetzt.", wisperte er.
Ich warf einen raschen Blick aus dem Fenster. "Schaffst du das?" Ich wollte das er geht, ich musste alleine sein. Andererseits hatte ich ein bisschen Sorge, dass ich zu schwach sein würde mich alleine zu versorgen oder er den Weg durch die weiße Höhle nicht schaffen würde.
"Ja.", war Richards schlichte Antwort. Er griff nach seiner Jacke und schlüpfte hinein. Meinen Blick mied er weiterhin. In der Tür hielt er noch einmal inne. Mit dem Rücken zu mir, bat er mich um Verzeihung.
"Es ist in Ordnung.", erklärte ich zum wiederholten Mal, auch wenn sich nichts in Ordnung anfühlte. Als er das Haus verließ war ich erleichtert und kollabierte auf der Couch.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Fr März 29, 2013 1:39 pm

Nichts mehr wie zuvor

"Sie ist hier!"
Langsam bohrte sich Akkis Stimme in mein vernebeltes Hirn. Ich musste auf der Couch eingeschlafen sein. Mühsam öffnete ich meine verklebten Augen und öffnete den Mund, was die trockenen Schleimhäute mit einem unangenehmen, reißenden Gefühl quittierten. Es schmeckte, als wäre etwas in meinem Mund gestorben.
Akki, noch in dicker Winterjacke und mit gerötetem Gesicht, kniete neben mir nieder. "Kira, ist alles in Ordnung? Wie geht es dir?"
Sie legte die Hand auf meine Stirn. Sie sah meine bandagierte Hand. Nach einem raschen Blick über die Schulter, schob sie die Hand unter die Decke, die ich mir nach meinem Kollaps wohl übergezogen hatte. Ich begann mich zu fragen, wann das gewesen war? Vor ein paar Stunden? Vor ein paar Tagen?
Lorn kam in mein Sichtfeld. Er hatte Meppel auf dem Arm, der hingebungsvoll die Haut des Weren ableckte.
"Kira ist krank.", erklärte Akki schlicht. Sie warf mir einen warnenden Blick zu. "Aber ich glaube es ist nicht so schlimm. Nur eine Erkältung."
Tja, ich hätte in diesem Moment sehr viel dafür getan, meinen Zustand totaler Erschöpfung, einschließlich dieses fiesen Geschmackes gegen "nur" eine Erkältung einzutauschen.
"Sie riecht auch nicht gesund.", stimmte Lorn Akkis absichtlich falscher Diagnose zu. Er zog schnüffelnd die Luft ein. "Aber es riecht hier auch nach Blut."
"Findest du? Ich rieche nichts.", erwiderte Akki. "Kannst du Meppel füttern?"
Lorn kam der Aufforderung zwar nach, aber er warf Akki einen seltsamen Blick zu. Sie zuckte mit den Schultern, bevor sie sich erhob und mir ein Glas Wasser brachte.
"Langsam.", warnte sie mich und hielt mir das Glas an die aufgesprungenen Lippen. Ich trank vorsichtig ein paar Schlucke und spülte mir dabei den Mund etwas aus. Ich fühlte mich wie ein neugeborenes Kätzchen und so sank ich nach dem Glas Wasser schon erschöpft zurück. Akki legte mir abermals die Hand auf die Stirn.
"Sie hat leichtes Fieber. Am besten versorge ich sie weiter auf der Couch." Akki stellte das Glas in die Spüle und griff kurz nach Lorns Hand. "Danke, dass du mich so schnell hergebracht hast."
Lorn legte seine Stirn an ihre und flüsterte etwas, dass ich nicht verstand. Allerdings sah ich, dass Akki errötete. Dann verabschiedete sich der Weren.



Ich wollte Akki fragen, was passiert war, brachte aber nur ein raues Krächzen zustanden. Doch meine Mitbewohnerin interpretierte meinen kläglichen Versuch sich verständig zu machen richtig und erwiderte: "Ich habe seit gestern versucht dich zu erreichen, aber nichts von dir gehört. Ich hab dich immer wieder angerufen, aber du bist nicht ans Telefon gegangen. Heute morgen hat Lorn mich hergebracht. Offenbar keine Sekunde zu spät." Sie hatte mittlerweile zwei Becher und Tee herausgeholt. Nun ging sie zum Kühlschrank, suchte darin herum. Offenbar unzufrieden schloss sie die Tür wieder. Der Wasserkessel pfiff und Akki goss das kochende Wasser in beide Tassen. Während der Tee zog, schmierte Akki ein paar Brote.
"Was ist passiert?", fragte sie und deutete mit dem Messer auf ihr eigenes Handgelenk.
Mein Mund war inzwischen nicht mehr ganz so trocken, so dass ich nach einem Räuspern hervorbringen konnte: "Lange Geschichte."
Akki zog eine Grimasse. Sie fischte die Teebeutel aus den Tassen, stellte sie und die Brote auf ein Tablett und kam zu mir. Sie setzte sich mit unterschlagenen Beinen vor mich und schob mir ein kleines Stück Brot mit Erdnussbutter und Marmelade in den Mund. Ich wollte schon protestieren, aber mein Körper brauchte vermutlich die Energie, so dass ich widerstandslos anfing zu kauen. Auf das erste Stück folgte zwei weitere, dann gab Akki mir vorsichtig etwas von dem Tee. Ich verbrannte mich zwar an dem heißen Getränk, aber die Wärme für in meine Glieder und hatte eine belebende Wirkung.
"Besser?" Akki hatte ihren eigenen Becher in der Hand und wärmte ihre Hände daran. Ich nickte. Seufzend sah ich auf mein Handgelenk.
"Richard war hier."
"Mhm.", erwiderte Akki nur und nippte an ihrem Tee. Sie reichte mir ein weiteres Brot, dass ich diesmal allein halten konnte. Mit vollem Mund erklärte ich ihr, was passiert war. Als ich fertig war, seufzte Akki.
"Das hatte ich mir schon gedacht, als ich dein Handgelenk gesehen hab - also den Part mit dem Trinken." Sie schüttelte verständnislos blickend den Kopf und ich erwartete eine Predigt. "Warum sind Teenager nur so .... - kompliziert?"
"Ähm...Hormone?"
Sie schnaubte. "Gut, dass ich nie ein Teenager war - also nicht im herkömmlichen Sinne. Sabina benimmt sich doch wirklich etwas überdramatisch, dass sie jetzt gleich nicht mehr mit dir reden will."
"Warum wolltest du nicht, dass Lorn das mit der Hand sieht?", fragte ich sie dann. "Und was ist überhaupt zwischen euch passiert?!"
Akki wurde rot und trank schnell etwas von ihrem Tee. "Ich wollte nicht, dass er falsche Schlüsse zieht und eventuell überreagiert."
"Warum sollte er das tun?"
Sie wand sich etwas. "Nun, Weren können ihrem Rudel gegenüber sehr ... beschützend sein."
Ich sah sie perplex an und machte "Häh?"
Meine Mitbewohnerin sah auf den Teebecher in ihren Händen. "Das ist eine lange Geschichte." Sie trank noch einen Schluck bevor sie fortfuhr: "Um es kurz zu machen: ich bin Lorns Partnerin und du als meine "Tochter" damit auch Teil seines Rudels." Sie wirkte alles andere als unglücklich. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Züge. Das erwärmte mein Inneres mehr als der Tee er vermochte.

Ich erholte mich recht schnell von dem Blutverlust und dem offenbar im Delirium verlorengegangen Tag. Akki umsorgte mich besser als ich es von ihr erwartet hatte. Es schien mir, als hätte diese Vollmondnacht in der die zu Lorns Partnerin geworden war, sie mit viel mehr Selbstbewusstsein und Feingefühl ausgestattet.
Mit jedem Tag an dem es mir besser ging, wich auch der Winter Stück für Stück. Es blieb zwar noch lange bitterkalt, aber es kam kein neuer Schnee dazu.
Sabinas Party fiel dennoch aus und da sie sich weiterhin weigerte mit mir zu sprechen, konnte ich die Party auch nicht für sie ausrichten. Dabei war zu dieser Zeit unser Haus der Traum eines jeden Teenagers: Akki war nur noch selten daheim, so dass ich meistens sturmfrei hatte (wenn ich nicht auch mit zu Lorn und Taggi ging). Doch meistens nutzte ich meine Zeit so, wie ich es zuvor getan hatte: Ich lernte.



Als die Schule wieder begann, stellte sich heraus, dass Richard verschwunden war. Ich hatte nichts von ihm gehört seit er damals mein Haus verlassen hatte. Was passiert war hatte ich nur Akki anvertraut und wir waren beide der Meinung, dass es besser für Richard und für mich war, wenn niemand wusste, dass er von mir getrunken hatte. Ich hatte mich mittlerweile schlau gemacht: Tatsächlich konnte man als Pyre sogar rechtlich dafür bestraft werden, wenn man von einer anderen Kreatur trank (das Gesetz schloss sogar Katzen und Hunde ein). Selbst wenn der Pyre von jemandem trank, der dem zustimmte (und in meinem Fall war die Zustimmung ja deutlich vorhanden), konnte er angeklagt werden. Aber wo kein Kläger, da kein Richter...
Umso mysteriöser war Richards Verschwinden für unsere Freunde und natürlich seine Familie. Das er eines Tages das Haus verlassen und nicht wiedergekehrt war, kam für sie alle aus heiterem Himmel. Ich hörte Geoffrey zu seinen Freunden sagen, dass Richard ja schon immer ein Problemkind gewesen sei, sein Verschwinden jedoch vollkommen unerwartet und unverständlich. Die jüngere Schwester der beiden, Louisa, die ich bisher nur von weitem gesehen und in eine Schublade mit Geoffrey gesteckt hatte, kam auf mich zu und erkundigte sich bei mir, ob ich etwas von Richard gehört hatte, schließlich galt ich als seine beste Freundin. Es musste Louisa viel Überwindung gekostet haben mich zu fragen, denn eigentlich gehörte sie zu Geoffrey Clique von Pyre-Angebern, die mit uns nichts zutun haben wollten.
Ein Teil von mir ärgerte sich über Richard. Ich fand, dass er sich wie ein bockiges Kleinkind verhielt. Zunächst dachte ich, dass er nach ein paar Tagen wieder auftauchen würde, aber er blieb verschwunden...



Sabina zog sich von mir zurück, aber Jerzy signalisierte mir, dass sie sich langsam von ihrem Liebeskummer erholte. Wenn sie erstmal über Richard hinweg war, würde sie auch wieder mit mir sprechen.

Als der Winter endgültig ging und der Frühling kam, stand eine weitere Veränderung an: Akki war schwanger. Sie lebte nun voll und ganz bei Lorn und Taggi. Mein kleiner Freund war mit seiner "Stiefmutter" mehr als glücklich, er hatte sie gleich von Anfang an ins Herz geschlossen. Er bedauerte allerdings, dass ich mich weigerte ebenfalls zu ihnen zu ziehen, doch ich schob mein Lernpensum und den baldigen Schulabschluss vor, um allein in dem kleinem Haus zu bleiben.
Akkis Schwangerschaft war eine kleine Sensation, denn ihr und Lorns Kind würde das erste "Mischlingskind" in Lunar Lakes seit langem sein. Es gab einige (vornehmlich Pyre), die es nicht guthießen, aber die gesamte Werengemeinschaft begrüßte Akki wie eine lang verschollene Angehörige und freute sich mit dem Paar. Meine "Mutter" war erstaunlich wenig neurotisch während der Schwangerschaft. Sie unternahm viel mit Celeste, Galyns Mutter, die inzwischen ihr viertes Kind erwartete. Über Celeste bekam Akki heraus, wer das mysteriöse Mädchen war, mit dem ihr Ältester sich traf: Zu meiner allergrößten Verwunderung war es Louisa, Geoffreys und Richards Schwester. Allerdings war in dieser Beziehung seit Richards Verschwinden nicht alles rosig. Seine Abwesenheit zog weitere Kreise als er sich in seinem jugendlichen Kummer vermutlich ausgemalt hatte.
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Akki am Fr Apr 12, 2013 7:23 pm

Informationen

Kurz bevor Akki mit ihrem ersten Kind niederkam, entschloss sich Sabina wieder mit mir zu sprechen. Letztendlich war es Taggi, der sie dazu bewegte, weil er sich einfach weigerte mit Sabina zu sprechen, solange die seine "Schwester" ignorierte. Lorns Sohn wurde nicht müde zu betonen, dass wir jetzt Geschwister waren und ich hatte es längst aufgegeben, ihm zu erklären, dass Akki nicht meine Mutter war. Der Junge war so glücklich endlich eine richtige Familie zu haben und bald noch ein kleines Geschwisterchen zu haben, dass ich dazu überging von ihm tatsächlich als Bruder zu sprechen. Eine größere Freude machte ihm glaube ich nur die Geburt von Nicci, unserer "Schwester". Nicci war - wenn man die neurotische Mutter bedachte - ein ruhiges Kind. Sie hatte die bläuliche Haut- und Haarfarbe eines Weren und Akkis strahlend grüne Augen. Solange sie noch so winzig war, konnte man nicht sagen, ob sie wie ihr Vater die Werenkräfte geerbt hatte. Niccis Eltern war das egal, sie waren unendlich glücklich über das kleine Wesen.



Celestes und Cleytus' viertes Kind war ein Junge, was Galyn erleichtert zu Kenntnis nahm. Er hätte sich sonst mit den Schwestern Deianira und Achlys in der Minderheit gefühlt. Deianira war inzwischen ebenfalls eingeschult worden. Mir war selten ein so vorwitziges und freches Kind begegnet. Ich schloss sie sofort ins Herz, auch wenn ich schon ahnte, dass sie sich selbst und ihre Freunde häufig in Schwierigkeiten bringen würde.



In diesem Frühling und Sommer lag Richards Abwesenheit zwar wie ein dunkles Tuch über der Stadt, aber man merkte auch, dass die Leute hungrig nach Sonne und frischer Luft waren. In den Parks traf man meistens gleich mehrere Bekannte. Ich hatte ob des schönen Wetters eigentlich gehofft einen Teil meiner Studien in die Parks zu verlegen, aber da kam ich nicht wirklich voran, weil immer jemand da war: Akki und Rikka gingen mit den Kindern in den Park. Nicci schlief dann in ihrem Wagen, Garr buddelte die Blumebeete um und Taggi tobte mit anderen Kindern umher, während die Frauen sich unterhielten oder Kaffee tranken.



Traf ich Sabina und Louisa, die sich angefreundet hatten, nachdem Louisa und Galyn zu ihrer Beziehung standen, wollten die beiden über Mode, Schmuck und Jungs reden und dabei sich sonnen. Da sah ich immer ganz schnell zu, dass ich Land gewann.

Ich wich schließlich auf die Bibliothek aus, wo ich mich häufig mit Jerzy zusammentat. Er hatte sich ein bisschen zu sehr auf den Sport konzentriert und musste in den übrigen Fächern viel nachholen. Er hängte sich in mein Kielwasser, weil es ihm leichter fiel sich zum Lernen aufzuraffen, wenn jemand dabei war, der das auch tat. Außerdem war es daheim für ihn nicht immer leicht Zeit zum lernen zu finden, weil Ivona von ihren Eltern und Geschwistern viel Aufmerksamkeit forderte. Sie war für ihr Alter viel zu clever und langweilte sich schnell, weswegen sie sich immer etwas neues einfallen ließ um sich selbst zu beschäftigen. Jerzy sah schon jetzt mit Erleichterung dem Tag entgegen, an dem sie eingeschult werden würde.



Gemeinsam mit Jerzy arbeitete ich in der Bibliothek auf meinen Abschluss und meinen Universitätsbesuch hin. Ich würde lange vor den anderen auf die Uni gehen und sie dann nur in den Ferien sehen. Das schien am meisten Taggi zu bedrücken, dem ich daraufhin das Versprechen abnahm, dass er für mich mit auf Nicci und Meppel aufpassen musste. Mit dieser Aufgabe im Hinterkopf fiel es ihm etwas einfacher sich auf den Abschied vorzubereiten.

"Ich hab nachgedacht.", unterbrach Jerzy unsere aktuelle Lerneinheit.
"Über die Gleichung an der du seit einer halben Stunde brütest?", fragte ich ohne von meinem Alchemiebuch aufzublicken.
Seufzend legte der junge Czarownici sein Heft zur Seite und drückte den Rücken durch. "Die löse ich in hundert Jahren nicht."
"Hrmpf, weil du dich nicht konzentrierst! Deine Gedanken sind ja doch immer wo anders." Ich legte mein Lesezeichen zwischen die Seiten und schloss das Buch. Erwartungsvoll sah ich Jerzy an. "Also?"
"Ich frage mich seit dem Winter, warum Richard verschwunden ist.", erklärte er.
"Wie wir alle - besonders seine Familie." Ein wenig unbehaglich rutschte ich auf meinem Sitz hin und her. Jerzy war nicht dumm, auch wenn er sich mit dem Konzentrieren schwer tat. Kam er mir etwa auf die Schliche?
"Es muss also irgendetwas vorgefallen sein, dass er gegangen ist - wohin auch immer."



"Er ist übrigens nicht heimlich auf die Uni gegangen.", unterbrach ich ihn. "Deianira hat in meinem Auftrag ein bisschen in Cleytus' Büro rumgeschnüffelt. Seine Prüfungen hat er nie abgelegt, ergo kann er nicht an die Uni gegangen sein." Es war nicht schwer gewesen seine Tochter davon zu überzeugen sich im Büro des Vertrauenslehrers umzugucken. Eigentlich hatte sie mich sogar auf die Idee gebracht, weil sie ursprünglich vorhatte ein Testfragen zu klauen. Aus irgendeinem Grund hatte sie mich zur Komplizin erwählt. Ich überredete sie, statt der des Testfragen Richards Akte zu kopieren, während ich Schmiere stand.



"Schämst du dich nicht?!" Jerzy wirkte ehrlich bestürzt, doch ich zuckte nur mit den Schultern.
"Deianira ist ein ausgekochtes Schlitzohr und machte ohnehin vor nichts halt. So konnte ich es wenigstens in ... sinnvolle Bahnen lenken." Ich hoffte nur, dass ich ihr die Idee mit dem Klau der Fragen wirklich ausreichend madig gemacht hatte.
"Kira, Deianira ist doch noch ein kleines Kind, du kannst sie doch nicht so ... so missbrauchen!"
"Ich hab sie doch nicht missbraucht! ich habe mich lediglich ihrer Fertigkeiten bedient. Jetzt sind wird doch etwas schlauer."
Jerzy sah mich nachdenklich an. Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Brauen. Gut, vielleicht war es wirklich nicht sehr moralisch gewesen, ein Kind auf so eine Art Diebestour zu schicken, aber Deianira verfügte ohnehin über ausreichend kriminelle Energie. Warum diese nicht nutzen? Ein wenig erschrocken lehnte ich mich zurück. Von dieser Warte her hatte ich es noch nicht betrachtet. Deianira war wirklich ausgebufft und ich traute ihr ohne Zweifel zu, wirklich etwas zu klauen - sie nahm es mit Besitzverhältnissen nicht immer so ernst und würde es vermutlich nicht einmal schlimm finden, jemanden etwas zu stehlen. Dass ich dies ausnutzte zeugte doch auch eher von meinem kriminellen Potential, oder? Aus diesem kleinen Datenklau konnte ja rasch mehr werden...hinterher befand ich mich in einer Spirale, so wie Darrel einst. Oh! - und wenn ich dahin geriet, dann kam ich hinterher noch ins Gefängnis und was würde dann aus Darrel werden?!



"Du hast recht!" Ich sprang auf und mein Buch purzelte Jerzy in den Schoß. "Ich muss sofort mit Deianira sprechen!" Zügigen Schrittes eilte ich aus dem Bibliotheksraum, gefolgt von Jerzys verständnislosem Blick und dem gezischsten "PSCHT!" einer Angestellten. Ich ignorierte beides.
Nach der klimatisierten Luft aus der Bibliothek traf mich die frühsommerliche Wärme wie ein Schlag. Gegen die Sonne anblinzelnd machte ich auf dem Weg zum Festivalgelände. Deianira lungerte dort jeden Tag herum. Hoffentlich versuchte sie sich nicht als Taschendiebin!

Wie erwartet traf ich Deianira auf dem Festgelände an, wo sie sich an der Rollschuhbahn herum trieb. Sie wirkte wie ein harmloses kleines Mädchen: aufgeweckter Blick, niedliche Zöpfchen, braver Kittel. Wie aus dem Bilderbuch. Sah man genauer hin, konnte man den Schalk in ihren Augen sehen. Doch er war nicht boshaft, sondern vergnügt. Ich stieß erleichtert die Luft aus, die unbemerkt angehalten hatte. In diesem Moment bemerkte Galyns Schwester mich. Mit breitem Grinsen rannte sie auf mich zu.
"Hey, ich dachte du lernst heute?!"
"Hm, ich musste eine Pause machen um mit dir zu reden."
"Du bist extra wegen mir von der Bibliothek hergekommen?" Sie strahlte. Als zweitälteste von vier Kindern - mit dem fünftem auf dem Weg, wie ich die Tage erfahren hatte - bekam sie selten etwas nur für sich. Gespannt sah sie mich an und es brach mir fast das Herz, dass ich auf ein unangenehmes Thema kommen musste. Ich blickte mich hilfesuchend um und erspähte den Eisstand.
"Yo. Komm wir holen uns ein Eis, dann reden wir." Ich nahm das Mädchen an die Hand- Fröhlich hüpfte Deianira neben mir her. Hatte sie wirklich das Potential sich in die falsche Richtung zu entwickeln? Vielleicht lag ich auch falsch.
Lang und umständlich suchte Deianira sich ein Eis aus, so als wolle sie jede Sekunde in der ihr jemand ein Eis kaufte auch ausnutzen. Sie warf sich in Pose und zog sehr nachdenkliche Grimassen. Der Eisverkäufer zwinkerte mir über ihren Kopf hinweg zu und gab ihr eine extra große Portion nachdem sie sich endlich entschieden hatte.
Wir suchten uns ein Plätzchen im Schatten und kühlten uns mit dem Eis ab.



"Hats geschmeckt?"
"War super." Deianira sprang auf die Beine und wippte auf den Ballen. "Weswegen wolltest du mit mir sprechen?"
Ich hockte mich hin, so dass wir auf Augenhöhe waren. Bemüht ein nicht zu ernstes Gesicht zu machen, suchte ich nach Worten.
"Also ... ich hab über die Sache mit Richards Akte nachgedacht. ... Ich glaube nicht, dass das so gut war. Man bricht nicht in Büros ein und klaut vertrauliche Daten. Es tut mir leid, dass ich dazu angestiftet habe."
Die kleine Neraid hatte mir aufmerksam zugehört. Nun stahl sich ein leichtes Lächeln auf ihr Gesicht. Sie nickte jedoch und erwiderte: "Einbrechen und Klauen ist wirklich nicht gut. Aber ich bin ja auch nicht eingebrochen und ich hab auch nichts geklaut."
Perplex sah ich das Kind an. Entweder waren ihr die Begrifflichkeiten völlig fremd oder sie verstand darunter etwas völlig anderes als ich. Ich wollte schon nachhaken, als sie fortfuhr: "Einbrechen wäre ja, wenn ich in ein verschlossenes Haus oder einen verschlossenen Raum eindringen würde. So mit Schlösser knacken und so. Aber Dads Büro ist nie abgeschlossen und er hat gesagt, seine Tür stände allen Schülern IMMER offen."
Auch eine Auslegungsmöglichkeit.
"Und ich habe ja nicht die echte Akte mitgenommen, sondern eine Kopie gezogen. Also habe ich auch nichts geklaut. Es ist noch alles da."
Ich schluckte trocken. In ihrer Logik hatte sie also nichts schlimmes oder verbotenes getan - deswegen hatte sie auch keinerlei Schuldgefühle. Trotzdem war es unrecht, was wir gemacht hatten. Nur wie konnte ich ihr das vermitteln?
"Ich hab Informationen beschafft. Mehr nicht." Deianira zuckte mit den Schultern. "Ich würde ja nicht echt was stehlen."
"Okaaaay ... aber dir ist klar, dass wir das nicht zur Gewohnheit werden lassen sollten."
"Solange nicht noch jemand verschwindet." Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Weißt du, wenn ich wirklich die Testfragen genommen hätte, DAS wäre stehlen gewesen. Und das ist nicht gut. Also mache ich so was nicht mehr."
"Nicht mehr?"
Rasch sah sie auf ihre Füße, die in bunten Flipflops steckten. Sie hatte jeden einzelnen Zehennagel in einer anderen Farbe lackiert. Offenbar war sie heute auch schon barfuss gelaufen, denn die Unterseiten ihrer Füße waren dunkel. "Ich komme nicht mehr auf so eine Idee.", korrigierte sie sich. Sie setzte eine Unschuldsmiene auf und sah mich freundlich an. "Ich verspreche auch, dass ich nicht mehr darüber nachdenken werde." Nach kurzem Überlegen fügte sie hinzu. "Also das mit dem Stehlen. Und klauen."
Es stimmte mich nur mäßig beunruhigt, dass sie nicht von der Informationsbeschaffung Abstand nahm...
avatar
Akki
Familiensim

Anzahl der Beiträge : 2255
Ort : Niederrhein
Anmeldedatum : 09.02.08

Nach oben Nach unten

Re: Lunar Lakes

Beitrag  Gesponserte Inhalte


Gesponserte Inhalte


Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten