Fiary Rainbowcy

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Kapitel 1

Beitrag  singingmiri am Mi Apr 18, 2018 1:50 pm

„Aus dem Weg ihr Beiden“, rief Pumpkin übermütig und nahm Anlauf, um zu uns in den Pool springen. Orange und mir blieb gerade noch genug Zeit um uns rasch zur Seite zu werfen und bekamen dennoch einen Schwall Wasser ins Gesicht.
„Na warte, du Spinner“, knurrte Orange, aber er lachte, während er sich daran machte, Pumpkin durch den Pool zu verfolgen, um ihn unterzutauchen. Man konnte meinen, wir wären kleine Kinder. Ich lachte lauthals als die beiden Simos sich in der Mitte des Pools eine Wasserschlacht lieferten und kraulte rasch selbst zum Ort des Geschehens, um den Spaß nicht zu verpassen. Heute morgen hatten wir die Ergebnisse der Prüfungen erhalten. Ich hatte mit Bravour bestanden und auch meine beiden Freunde hatten es geschafft. Pumpkin war wie ich Medizinstudent, allerdings zwei Semester über mir. Wir hatten dennoch einige Kurse gemeinsam belegt und er hatte mich mit größer Selbstverständlichkeit in seine Lerngruppe aufgenommen. Ich war erleichtert gewesen, dass es so einfach war, Anschluss zu finden. Natürlich wusste auch hier jeder, wer mein Vater und meine berühmten Vorfahren waren und gelegentlich stieß ich deshalb auf Ablehnung, aber im Großen und Ganzen schien es niemanden zu kümmern, welch illustre Persönlichkeiten in meinem Stammbaum verzeichnet waren. Und mit Pumpkin und Orange als Freunde, war es mir egal, was hinter meinem Rücken über mich geredet wurde.
Orange, der dritte im Bunde, studierte Wirtschaft. Deshalb war er natürlich auch nicht Teil unserer Lerngruppe. Wie genau es gekommen war, dass er immer mit uns abhing, konnte keiner so genau sagen. Wir hatten uns auf einer der unvermeidlichen Studentenpartys, die über das Semester verteilt stattfanden, kennengelernt und uns ab da oft getroffen. Orange kannte gefühlt jeden auf dem Campus, feierte ein wildes Studentenleben in seiner WG und scherte sich kaum darum, was für Noten er erhielt. Dennoch hatte er es bisher immer durch die Prüfungen geschafft.



„Los, Cherry! Wer länger die Luft anhalten kann, bekommt ein Eis spendiert“, rief Pumpkin, als er mich entdeckte. Ich hatte ihn selten so ausgelassen gesehen. Ich grinste und tauchte gleichzeitig mit ihm ab. Pumpkin war gut, aber er konnte nicht wissen, dass ich meine Sommer bisher quasi durchgängig im Swimming Pool meiner Eltern verbracht hatte und die Schwimmmeisterschaften an der Schule gewonnen hatte.
„Wie machst du das?“, fragte Pumpkin halb verdrossen, halb bewundernd, als ich Sekunden nach ihm wieder an der Oberfläche auftauchte.
Ich grinste. „Du dachtest wohl, ein Streber wie ich war sicher nie im Schwimmclub, was?“ Ich streckte ihm die Zunge raus. „Mein Eis, wenn ich bitten darf.“
Er lachte. „Vielleicht sollte ich dich besser kennen lernen, bevor ich dich nächste Mal zu etwas herausfordere.“ Dann machte er sich auf dem Weg zum Beckenrand, um wie versprochen das Eis zu besorgen. Ich schwamm gemächlich mit Orange zum Beckenrand zurück.
„So still?“, fragte ich, während ich mich am Beckenrand hochzog.
„Ich komme noch nicht ganz darüber hinweg, dass ihr beiden so verrückt sein könnt.“ Er schüttelte grinsend den Kopf. „Ich dachte immer, ihr könntet gar nicht so ausgelassen sein.“
„Was er damit sagen will, ist, dass er uns für ziemliche Langweiler hält“, unterbrach Pumpkin und streckte uns beiden jeweils ein Eis entgegen.
Orange drosch ihm auf die Schultern. „Stille Wasser sind tief, nicht wahr?“
Ich lehnte mich zurück, genoss Eis und Sonne und hörte nicht weiter hin, was sie sprachen. Das Semester war anstrengend gewesen. Pumpkin und ich hatten oft bis spät nachts noch gelernt und so die ein oder andere Party verpasst – umso wichtiger, dass wir uns jetzt endlich erholten.
Oranges Stimme holte mich aus meinen Gedanken zurück: „Bist du in den Ferien bei deinen Eltern?“, fragte er mich.
„Nur kurz“, antwortete ich und ließ mich wieder ins Wasser gleiten. „Dann fliege ich nach Isla Paradiso.“

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singingmiri
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Kapitel 2

Beitrag  singingmiri am Di Apr 24, 2018 10:20 am

Isla Paradiso zog fast das ganze Jahr hindurch jede Menge reiche Touristen an. Fast das ganze Jahr war es hier heiß und sonnig, selbst in der Nebensaison war es immer noch warm genug, um im Meer zu baden, wenn auch regnerischer. Schnee fiel hier fast nie. Ich war hier nicht, weil ich als luxusverwöhnte Sima Urlaub machen wollte, ich war hier um Geld zu verdienen. Ich hatte einen Ferienjob als Rettungsschwimmerin ergattert. An vier Tagen in der Woche bewachte ich jeweils einen der vielen Strände und zog Sims aus dem Wasser, die drohten zu ertrinken. Ab und an musste ich einem von ihnen auch Wasser aus der Lunge pumpen. Die meiste Zeit jedoch, blieb es ruhig. Ich saß auf dem Ausguck, sah zu, dass die Sonne mich nicht völlig verbrannte und beobachtete das Geschehen am Strand und im Wasser.




Meine Eltern hatten darauf bestanden, ein kleines Hausboot zu kaufen, auf dem ich wohnte. Ich hatte anfangs protestiert, aber sie ließen sich davon nicht abbringen. Mein Vater hatte erklärt, er wolle mit meiner Mutter dort selbst Urlaub machen, sobald ich wieder an der Uni war. Also war mir nichts anderes übrig geblieben und ich hatte es sehr zu schätzen gelernt. An meinen freuen Tagen schipperte ich zwischen den Inseln umher, verbrachte die Nächte auf dem Wasser und schnorchelte tagsüber um das Hausboot herum. Es war halb Urlaub, halb Arbeit und ich genoss die Zeit in vollen Zügen.



Viel zu schnell waren die Monate seliger Freiheit auf den Inseln vorbei und ich kehrte zurück an den Campus, wo es nun sehr viel kälter war. Die Agentur, die die Rettungsschwimmer anheuerte hatte es sehr bedauert, dass ich schon weg musste, bot mir aber an, in den nächsten Semesterferien wieder zu kommen – ein Angebot, das ich gerne annahm. Also bezog ich wieder mein altes Zimmer im Wohnheim, besorgte mir meine neuen Bücher und stürzte mich wieder in den Lernstoff, übernachtete ab und an fast in der Bibliothek, ging in die Vorlesungen, ging mit Orange und Pumpkin feiern, bestand die Prüfungen mit exzellenten Noten und flog wieder nach Isla Paradiso. Auf diese Weise vergingen mehrere Semester ...

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Kapitel 3

Beitrag  singingmiri am Mo Mai 07, 2018 3:39 pm

Ich schloss die Zimmertür hinter mir und lehnte mich einen Augenblick dagegen, um durchzuatmen. „Scheiße“, murmelte ich. Ich schmiss meine Tasche neben meinen Schreibtisch und warf mich dann auf den Sessel – normalerweise mein bevorzugter Platz zum Lernen, doch heute konnte ich das vergessen. Ich war zu aufgewühlt. Es ließ sich einfach nicht mehr leugnen: Mich hatte es total erwischt. Zum ersten Mal im Leben war ich richtig verliebt. Natürlich hatte mich dann und wann mal ein Simo interessiert, aber mehr als eine kleine Schwärmerei war dabei nicht herausgekommen. Ich hatte mich ab und an gefragt, ob mit mir etwas nicht stimmte. Die meisten Simas in meinem Alter hatten schon mehrere Partner gehabt. Nur ich blieb irgendwie immer Single. Nicht, weil sich keiner für mich interessiert hätte, sondern weil ich mich nie richtig verliebte. Doch das hier war anders. Eigentlich hätte mich das ja erleichtern sollen, dass ich zumindest dazu fähig war, einen Simo zu lieben, aber warum um alles in der Welt musste es ausgerechnet mein Dozent sein?



Prof. Realgar Bernstein war in diesem Semester als Austauschdozent an unsere Universität gekommen, um einige Semester im Ausland zu forschen. Eigentlich war er nicht in meinem Fachbereich – er war Professor für Biochemie, aber einige seiner Kurse gehörten fachlich zur Medizin. Also hatte ich mich dafür eingeschrieben – um meinen Horizont zu erweitern, so hatte ich mir selbst eingeredet. Mittlerweile war mir klar, dass ich es zumindest zum Teil auch deshalb getan hatte, weil ich schon bei der Semestereinführungsveranstaltung ein Auge auf ihn geworfen hatte – auch wenn ich das damals mir niemals eingestanden hätte. Und die sogar für meine Verhältnisse hohe Motivation für seine Kurse war sicher auch eher darauf zurückzuführen, dass ich ihn mochte. Ich wollte ihn beeindrucken.



Es machte es auch nicht einfacher, dass er so ein sympathischer und kompetenter Professor war. Er verlangte viel von uns, aber ich hängte mich gern rein – wie gesagt: Ich wollte beeindrucken. Ob mir das tatsächlich gelang? Schwer zu sagen. Meistens machte mein Herz einen kleinen Hüpfer und meine Knie wurden weich, wenn er mich ansah oder noch schlimmer: ansprach.



Ich hörte Schritte vor der Tür und griff mir rasch ein Buch, falls meine Zimmergenossin hereinkommen sollte. Kurz darauf ging tatsächlich die Tür auf und Violet kam herein. Ich beeilte mich, mit dem Lesen anzufangen, damit sie nicht misstrauisch wurde. Ich bemühte mich, mich auf den Text zu konzentrieren, aber nach wenigen Sätze stellte ich fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, was ich da gelesen hatte. Also wieder von vorne.
„Schwieriger Text?“, fragte Violet nachdem ich diese Prozedur ein paar Mal wiederholt hatte. Vielleicht wäre es unauffälliger gewesen, wenn ich mich einfach mit meinem Smartphone beschäftigt hätte.
„Mhm“, machte ich. „Liest sich nicht gut.“
„Das macht dir doch sonst nichts aus“, grinste Leaf.
Ich legte das Buch seufzend weg. Half ja nichts. „Ich probiere es nachher nochmal. Ich muss den Kopf frei kriegen.“
„Prima“, strahlte Violet. „Ich weiß genau das Richtige dafür.“
Ich verdrehte die Augen. „Ich hoffe es hat nichts damit zu tun, in die Villa zu gehen, um dort Sportstudenten abzuschleppen.“ Ich erinnerte mich nur ungern an dieses letzte Mal als ich mich von Violet dazu hatte überreden lassen, auszugehen. Die Sportstudenten waren von uns zwar sehr angetan gewesen, aber mir waren sie etwas zu oberflächlich gewesen und was „Nein“ hieß, hatte ihnen wohl noch keiner erklärt.
Violet kicherte bei der Erinnerung. „Nein, nein. Keine Sorge. Aber in der Nähe hat eine neue Billardbar aufgemacht und die sollen echt leckere Drinks haben.“
Ich seufzte ergeben. Blieb zu hoffen, dass die Sportstudenten nicht auf dieselbe Idee kamen.

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Kapitel 4

Beitrag  singingmiri am So Mai 20, 2018 3:07 pm

In der Grotte herrschte eine entspannte Atmosphäre. Studenten aller Fachrichtungen trafen sich dort und die Sportstudenten benahmen sich anständig. Violet und ich schlossen uns einer Gruppe an einem der Billardtische an und verbrachten den Abend in einer Runde netter Sims. Es tat gut, abends mal etwas anderes zu tun als zu lernen und so fanden wir uns in der folgenden Zeit immer wieder in der Bar ein. Manchmal kamen auch Orange und Pumpkin mit, aber meistens waren es nur Violet und ich. Zu sagen, wir wären beste Freundinnen, war vielleicht übertrieben. Wir redeten nicht viel über das, was uns beschäftigte, wir gingen nur gern miteinander weg.



Um mir meinen Prof aus dem Kopf zu schlagen wäre es sicher effektiver gewesen, ihm aus dem Weg zu gehen und seinen Seminaren fern zu bleiben. Nur brachte ich das nicht fertig. Ich musste hingehen, ihn sehen und hören. Selbst die E-Mails, die er an die Teilnehmer seines Seminars schrieb, verschlang ich wie eine Hungrige, las sie oft mehrmals, bis ich sie fast auswendig kannte. Ich erwischte mich manchmal sogar, wie ich absichtlich auf dem Campus herumlungerte, in der Hoffnung, einen Blick auf ihn zu werfen. Er war wie eine Droge für mich, von der ich nicht ablassen konnte. Und so vergingen die Wochen. Ich hatte das Gefühl mich nur im Kreis zu drehen. Ich ging in seine Seminare, weil es mich so glücklich machte ihn anzusehen, kam nach Hause und war unglücklich, weil mir die Aussichtslosigkeit meiner Lage wieder klar wurde und verbrachte den Abend mit Violet in der Grotte. Um nicht ins Hintertreffen zu geraten (und um meinen Prof zu beeindrucken) lernte und erledigte ich meine Hausaufgaben trotzdem gewissenhaft und saß oft noch die halbe Nacht oder ab früh morgens in der Bibliothek. Viel Schlaf bekam ich dabei nicht. Es war unvernünftig, das wusste ich auch ohne Pumpkins mahnende Worte. Aber ich konnte nicht anders. Ich sah keine andere Möglichkeit, mit meinem Leben, das irgendwie aus den Fugen geraten war, klarzukommen.

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Re: Fiary Rainbowcy

Beitrag  singingmiri am So Mai 20, 2018 3:11 pm

„Ist das nicht dein neuer Prof?“, fragte Violet an einem dieser Abende und machte eine halbe Kopfdrehung zu ihm herüber. Ich hatte ihn schon vor einer halben Stunde, als er die Bar betreten hatte, bemerkt. Er trug Freizeitsachen und machte auch sonst den Eindruck, als erwarte ihn ein freies Wochenende, an dem er endlich mal weggehen wollte. Ich gab nun vor, ihn noch nicht entdeckt zu haben, warf einen kurzen Blick über Violets Schulter, wo er gerade an der Bar anstand und nickte so desinteressiert ich konnte.
„Ich habe gehört, seine Seminare sollen richtig gut sein“, bemerkte sie.
Ich konnte ein Lächeln nicht vermeiden und bejahte das.
„Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen“, kicherte sie. „Wie ist er so?“
Ich hob eine Augenbraue. „Nun ja, ich kenne ihn eigentlich nicht, aber als Professor ist er ...“ Ich suchte nach einem passenden Wort. „... großartig“, beschloss ich. Das klang unverfänglich. „Sehr nett und kompetent“, fügte ich noch hinzu.
„Mehr hast du nicht zu sagen? Du warst doch in jeder Sitzung da!“
Woher hatte sie das nun wieder her? Ich runzelte die Stirn. „Das ist kein Stuhlkreis, sondern ein Biochemie-Seminar!Mehr als dass er ein sehr guter Professor ist, kann ich über ihn nicht sagen.“ Das war streng genommen nicht ganz richtig, aber ich fand nicht, dass ich Violet auf die Nase binden musste, dass ich ihn im Unterricht genauer beobachtete, als das von einem Studenten zwingend gefordert war.
Leider ließ sich Violet von dem Thema nicht abbringen. Sie musterte ihn genauer. „Er sieht nicht schlecht aus“, stellte sie fest.
„Ein bisschen zu alt für dich, meinst du nicht?“, murmelte ich scheinbar in die Getränkekarte versunken. „Ich glaube, ich probiere heute mal einen neuen Drink aus.“ Ich klappte die Karte zu. „Willst du auch noch was?“ Ich leerte mein Glas und stand auf.
„Stimmt was nicht?“, fragte Violet verdutzt. „Hat es mit deinem Prof zu tun?“
Mist. War wohl zu offensichtlich. „Ja... nein, nicht direkt“, stotterte ich. Na klasse, das kam einem Geständnis gleich. Ich atmete tief durch. „Ich will nur heute Abend mal nicht an die neunzig Seiten denken, die ich bis Montag für sein Seminar gelesen haben muss.“
Violet lachte. „Verständlich.“ Anscheinend hatte sie es gekauft.
„Soll ich dir noch was holen?“, fragte ich noch einmal.
„Ich hab noch.“ Sie deutete auf ihr halb volles Glas. Ich zuckte mit den Schultern und steuerte auf die Bar zu, wo er noch stand. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Vor Violet mochte ich so tun, als wolle ich lieber nicht an ihn denken, aber eigentlich war die Gelegenheit günstig, ein lockeres Gespräch mit ihm anzufangen. Wenn ich nur wüsste, wie ich mit ihm ins Gespräch kommen sollte.



„Miss Fiary“, begrüßte er mich kaum dass ich am Tresen stand. Simmer, wie ich diese Stimme liebte! Wenn er meinen Namen so sagte, jagte es mir direkt einen wohligen Schauer den Rücken hinunter.
„Hallo“, lächelte ich und hoffte, die rote Haut würde kaschieren, dass mir das Blut in den Kopf stieg. Ich gab meine Bestellung auf und wandte mich ihm wieder zu. Ich hatte das Gefühl, er hätte mich beobachtet. Ich fand sein Lächeln schwer zu deuten. War es wohlwollend, wissend was ich empfand, oder einfach nur höflich? Auf jeden Fall wurde das Schweigen peinlich, also nahm ich lieber Reißaus und begab mich zurück zu Violet. Hoffentlich bemerkte sie meine Verlegenheit nicht. Ich wünschte, mir wäre etwas eingefallen, was ich hätte sagen können.
Violet hatte ihn glücklicherweise schon wieder vergessen und sich stattdessen einer Gruppe an den Billardtischen angeschlossen. Ich gesellte mich mit meinem Drink dazu und beobachtete das Spiel. Doch so recht bei der Sache war ich nicht. Immer wieder warf ich verstohlene Blicke in seine Richtung und ein paar Mal bildete ich mir ein, seinen Blick aufzufangen. Er war allein hier, ging mir nach einer Weile auf, denn er saß die ganze Zeit am Tresen und unterhielt sich mit dem Barkeeper. Ich zauderte. Ob ich noch einmal hingehen sollte und es mit einem Gespräch versuchen sollte? Ich wollte mit ihm sprechen, ihn besser kennen lernen, herausfinden, ob es vielleicht doch eine Chance gab. Aber ich hatte auch Angst. Was, wenn er etwas bemerkte? Was, wenn ich mich noch mehr in die Sache verrannte und irgendwann grausam aufwachen würde? Was, wenn er schon vergeben war? Diese Gedanken deprimierten mich. Auf einmal machte mir der Abend keinen Spaß mehr. Ich beschloss heimzugehen. Ich gab vor Kopfschmerzen zu haben und verabschiedete mich von Violet.



Als ich in die kühle Nacht hinaustrat, atmete ich tief durch. Die frische Luft tat meinem Körper gut. Eine Weile sah ich hoch in den klaren Sternenhimmel, dann setzte ich mich langsam in Bewegung. Langsam vor allem, weil ich Zeit für mich wollte, um in aller Ruhe nachzudenken. Ich schalt mich einen Feigling, dass ich mich nicht wenigstens um ein unverfängliches Gespräch bemüht hatte. Es hätte nicht geschadet, freundlich zu sein und mich mit ihm zu unterhalten, wenn er schon alleine da war. So eine Chance würde ich sicher nie wieder bekommen. Ich brütete so sehr in Gedanken, dass ich, als ich in meinem Zimmer ankam tatsächlich Kopfschmerzen hatte.

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Kapitel 5

Beitrag  singingmiri am Mo Jun 11, 2018 11:48 am

Es war eine unruhige Nacht. Ich hatte mir, nachdem ich eine Zeit lang vergeblich versucht hatte einzuschlafen, eine Kopfschmerztablette eingeworfen. In meinen Träumen sah ich meinen Prof in der Ferne, aber jedes mal wenn, ich mich ihm nähern wollte, verschwand er. Demnach erwachte ich am nächsten Tag und fühlte mich wie gerädert. Eine Weile saß ich auf der Bettkante und starrte missmutig die Wand an. Violet war wohl schon aufgestanden, oder sie übernachtete woanders, also war ich allein. Ich gestand mit noch ein paar Minuten Selbstmitleid zu, dann erhob ich mich seufzend, zog mich an und machte mich wie so oft auf den Weg in die Bibliothek. Ich musste schließlich noch die neunzig Seiten lesen und für die Prüfungen lernen, die nicht mehr so weit entfernt waren.



„Miss Fiary“, wandte Herr Bernstein sich am Ende seiner Stunde an mich. „Haben Sie noch einen Moment?“
Ich war schon wieder fast auf der Flucht gewesen, nickte nun aber, und wartete bis er die üblichen Fragen der Studenten am Ende der Stunde beantwortet hatte. Als die letzten gegangen waren, wandte er sich mir wieder zu. Er wirkte plötzlich nervös.
„Hätten Sie Interesse, Teil meines Forschungskolloquiums zu werden?“
„Was?“, fragte ich wenig intelligent, bevor ich mich bremsen konnte. Ich hatte alles erwartet, nur das nicht.
„Ich stelle gerade ein Kolloquium zusammen“, erklärte er. „Wie Sie sicher wissen, bin ich nur für begrenzte Zeit hier, um einige meiner Forschungsprojekte voran zu bringen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Kolloquium für alle Beteiligten sehr hilfreich sein kann. Man unterstützt sich gegenseitig mit seinen Projekten.“
„Aber ich habe kein Forschungsprojekt“, gab ich verblüfft zurück.
Er lächelte. „Das muss ja nicht so bleiben. Ich hörte, Sie wollen im nächsten Semester ihre Abschlussarbeit schreiben.“
„Ja, aber...“ Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. „Ich studiere doch eigentlich gar nicht Biochemie“, war das Einzige, was mir noch einfiel. Schon während ich es aussprach hätte ich mich am liebsten selbst getreten. Da bot er mir an, mich, eine einfache Studentin, in seine Forschung miteinzubeziehen und ich argumentierte dagegen! Ich war so bescheuert!
„Es schadet nicht, Fachfremde miteinzubeziehen“, sagte er leichthin. Er atmete tief durch. „Die Wahrheit ist: Ich hätte Sie gerne dabei. Ich habe viel Gutes über Sie gehört. Sie nehmen ihr Studium sehr ernst und sie arbeiten gründlich – das habe ich in diesem Seminar auch festgestellt. Und ich habe Sie im Labor und in der Bibliothek gesehen. Ich denke, Sie wären eine große Bereicherung für das Kolloquium.“
Ich machte mir keine Illusionen mehr über meine Gesichtsfarbe. Mittlerweile musste er – rote Haut hin oder her – sehen, dass mir das Blut in die Wangen geschossen war. Man hörte nicht alle Tage von seiner heimlichen Liebe eine solche Lobrede. Genau genommen war ich nicht sicher, ob ich mich noch lange auf den Beinen halten konnte.



„Geht es Ihnen gut?“, fragte er besorgt, als er meinen Gesichtsausdruck sah. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“
Ich schüttelte den Kopf. Meine Stimme hörte sich buttrig an, als ich endlich antworten konnte. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich schon mal so gelobt wurde.“
Er lachte erleichtert auf. „Tut mir Leid. War es zu viel?“
Ich winkte grinsend ab. Allmählich fühlte sich mein Kopf nicht mehr so heiß an.
„Also, kann ich mit Ihnen rechnen?“, fragte er nochmals.
„Jetzt kann ich wohl kaum noch ablehnen“, antwortete ich trocken. „Wann geht es los?“
„Großartig. Nun am Liebsten sofort, aber vor Semesterende wird keiner Zeit haben. Sind Sie in den Semesterferien da?“
Ich schüttelte erneut den Kopf. „Ich arbeite in den Ferien immer auf Isla Paradiso und werde auch noch bei meiner Familie vorbeischauen. Zwei meiner Schwestern heiraten.“
„Volles Programm also.“
„Sieht ganz so aus“, seufzte ich. „Wahrscheinlich komme ich erst kurz vor Semesterbeginn zurück.“
„Kein Problem. Ich halte Sie auf dem Laufenden, wann wir uns treffen.“
Ich nickte. „Danke, dass Sie mir das ermöglichen.“
„Gerne, Miss Fiary.“ Er lächelte mich an und mir wurde schon wieder ganz anders. Mehr um nicht dabei erwischt zu werden wie ich ihn anhimmelte, warf ich einen nachlässigen Blick auf die Uhr und erschrak. „Mist. Ich muss in fünf Minuten drüben im Labor sein.“ Ich schulterte meinen Rucksack. „Bis nächste Woche!“

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Kapitel 6

Beitrag  singingmiri am Mi Jun 27, 2018 11:16 am

Ich hätte so glücklich sein sollen, dass er mich in sein Kolloquium eingeladen hatte. Tatsächlich hatte ich mich in Isla Paradiso noch nie so niedergeschlagen gefühlt. Bisher hatten die vielen Stunden in der Sonne, die Möglichkeit zu schwimmen, die schiere Tatsache, dass ich mich in einem Urlaubsparadies auf meinem eigenen Hausboot befand, dafür gesorgt, dass ich sämtliche Alltagssorgen vergaß. Ich war immer tiefenentspannt zurückgekehrt. Aber statt mich zu entspannen, saß ich fast jeden Tag am Strand, beobachtete die Schwimmenden, ob jemand Hilfe benötigte und hatte zu viel Zeit zum Grübeln. Also grübelte ich. Ich durchlebte jeden Moment, den ich in Anwesenheit meinen Profs verbracht hatte, erinnerte mich an jeden Gesichtsausdruck, jedes Wort, jeden Blick. Ich hätte auch an die Hochzeiten meiner Schwestern Rose und Persia denken können, daran, dass Persia ein Kind erwartete und das hätte mich glücklich machen sollen. Die Wahrheit war, dass ich, obwohl ich meinen Schwestern alles Glück der Welt wünschte, es ihnen gleichzeitig neidete. Ich beneidete sie darum, wie leicht es ihnen gefallen war, den Simo fürs Leben zu finden. Es war schwierig gewesen in ihre glücklichen Gesichter zu sehen, als sie ihren Partnern das Ja-Wort gaben, und dabei nicht daran zu denken, dass der Simo, den ich liebte, mich nie zurücklieben würde, einfach weil ich viel jünger war, weil er ins Ausland zurückkehren würde oder auch, weil er mein Professor war.



Wenn ich nicht arbeitete (also grübelte), gab ich mein Bestes, mich auf andere Gedanken zu bringen. Ich schipperte mit dem Hausboot um die Inseln und schnorchelte wo immer ich gerade vor Anker lag im Meer. Ich besuchte so ziemlich jede Veranstaltung auf der Hauptinsel, brachte Stunden lesend auf meinem Sonnendeck zu, doch alles half nichts. Ich dachte an ihn, wenn ich über Sommerfeste schlenderte, wenn ich die Unterwasserwelt durch die Taucherbrille bewunderte, wenn ich in Büchern schmökerte und natürlich jeden Tag am Strand. Es half nichts. Ich konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Er hatte sich nachhaltig in mein Herz geschlichen. Ich wusste, dass es kaum aufhören würde, wenn ich ständig an ihn dachte, aber ich konnte nicht anders. Ein Teil von mir war verzweifelt auf der Suche nach irgendeinem Zeichen, dass er ähnlich für mich empfand. Darum rief ich mir jeden Moment, an den ich mich erinnerte ins Gedächtnis und versuchte zu ergründen, wie er zu mir stand.



Nicht, dass es irgendetwas nützte. Ich war mir sicher, dass er mich als Student schätzte, sonst hätte er mich schließlich nicht in sein Kolloquium eingeladen. Vielleicht hoffte er auch nur, dass ich ihm bei der Laborarbeit helfen würde, dachte ich ab und an düster. Dann wieder dachte ich an sein Lob und mir wurde warm ums Herz, nur um in immer kürzer werdenden Abständen mich daran zu erinnern, dass ich mir besser nicht zu viele Hoffnungen machen sollte. Meine zunehmend wechselhafte Stimmung blieb auch den anderen Mitgliedern der Strandcrew nicht verborgen.
„Du hast Liebeskummer“, stellte Aidan an einem Abend im Park fest.
Ich verdrehte die Augen. Aidan war wie immer sehr direkt und fiel auch diesmal direkt mit der Tür ins Haus.
„Brauchst du jemanden zum reden? Eine Schulter zum Ausweinen?“
Ich schüttelte den Kopf. Ganz abgesehen davon, dass ich mit niemandem darüber reden konnte, dass ich in meinen Professor verliebt war, eignete sich Aidan in diesem Fall nicht als starke Schulter. Leider war er genauso leuchtend orange wie mein Prof.
Ganz entgegen seiner Gewohnheit schwieg er eine Weile, ehe er wieder behutsamer anhub. „Ich will mich dir nicht aufdrängen, Cherry, aber ich mache mir Sorgen um dich. Dir geht es nicht gut und es wird nicht besser – egal wieviel du grübelst.“
Ich sah ihn überrascht an. „Woher...?“
„Das kann jeder sehen. Sogar ein emotionaler Holzklotz wie ich.“
Ich musste widerwillig auflachen.
„Schön, dass du noch lachen kannst.“ Er musterte mich immer noch besorgt. „Weißt du, wer auch immer dir solchen Kummer bereitet, hat dich nicht verdient. Du solltest ihm einfach den Laufpass geben.“
„So ist es nicht“, wehrte ich ab. „Er tut mir nicht weh. Und ich kann ihm nicht den Laufpass geben, weil wir nichts miteinander haben. Es ist eher so, dass er für mich unerreichbar ist. Und ich kann ihn nicht vergessen.“
„Das kann ich mir kaum vorstellen“, gab er lächelnd zurück. „Aber wenn es so ist, dann musst du ihn vergessen. Du musst ihm aus dem Weg gehen, damit du nicht verlernst, für dich selbst zu leben und dich nicht von anderen abhängig zu machen.“
Ich ließ die Schultern hängen. „Das... ist unmöglich“, sagte ich mit schwerem Herzen. „Ihm aus dem Weg zu gehen.“
„Dann versuche, dich von ihm abzulenken. Gehe mal mit anderen Simos aus. Du musst ja nicht gleich eine Beziehung eingehen, aber vielleicht findest du ja unerwartet jemanden, den du auch lieben kannst und mit dem die Sache einfacher ist.“
Ich sagte nichts. Ein riesiger Kloß hatte sich in meinem Hals gebildet und befürchtete gleich losweinen zu müssen. So schwiegen wir eine ganze Weile. Schließlich hatte ich mich so weit gesammelt, dass ich den geordneten Rückzug antreten konnte. „Ich denke, ich werde für heute heimgehen. Danke für deine Ratschläge.“ Ich warf mir meine Tasche über die Schulter.
„Gute Nacht“, antwortete er. „Und denk drüber nach, ja?“
Ich winkte ihm noch einmal und machte mich auf den Weg nach Hause.

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Kapitel 7

Beitrag  singingmiri am Sa Jun 30, 2018 8:45 pm

Ich wollte es nicht, aber in den folgenden Tagen dachte ich oft über Aidans Worte nach. So sehr ich auch wünschte, es sei anders, hatte er doch in einem Punkt recht: Ich musste lernen, wieder mehr wie ich zu sein, normal und unabhängig zu leben. Im letzten Semester war ich auf der Flucht vor mir selbst gewesen, hatte versucht meinen Kummer in Partys zu ertränken. Damit war nun Schluss. Ich würde wieder zu meinem alten Rhythmus zurück kehren, mich mehr auf meine Studien konzentrieren und versuchen, mir dabei meinen Prof aus dem Kopf zu schlagen. Mit der Abschlussarbeit würde ich genug zu tun haben, um an Anderes zu denken. Ich musste es nur noch dieses eine Semester schaffen. Dann war ich fertig und er zurück in Seuropa. Vielleicht würde ich ja dann irgendwann in der Lage sein, einen anderen Simo zu lieben. Und wenn nicht, dachte ich düster, dann blieb ich eben single. Wann immer ich an diesem Punkt in meinen Gedanken ankam, schien eine eiskalte Hand nach meinem Herzen zu greifen. Der Gedanke, nie zu lieben und geliebt zu werden, nie Kinder zu bekommen und für immer allein zu bleiben, war zu monströs. Bevor ich auf meinen Prof getroffen war, war mir nie bewusst gewesen, dass ich mich nach der Nähe eines Simos sehnte. Jetzt konnte ich mir kein Leben mehr vorstellen, in dem ich das nie erfahren würde.



Um mich von diesen deprimierenden Gedanken abzulenken, begann ich Pläne für das nächste Semester zu schmieden. Ich hatte beschlossen, nicht ins Wohnheim zurückzukehren, sondern mir eine kleine Wohnung zu mieten. In den letzten Jahren hatte ich genug gespart, um mir das zu leisten. So konnte ich in Ruhe an meiner Abschlussarbeit feilen. Natürlich bestand die Gefahr, dass ich in Selbstmitleid ertrinken würde, aber ich würde ohnehin lernen müssen, daraus auszubrechen, ohne mich mit Parties abzulenken. Schon nach wenigen Tagen fühlte ich mich äußerst wohl in meinem kleinen Häuschen. Es war nicht groß – ein Schlafzimmer, ein Bad und ein Wohn- und Essbereich – aber es war schön, einen Rückzugsort zu haben, an dem ich tun und lassen konnte, was mir passte.

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Re: Fiary Rainbowcy

Beitrag  singingmiri am Sa Jun 30, 2018 8:47 pm

Mittlerweile war hier der Winter angebrochen. Draußen lagen mehrere Zentimeter Schnee und ich fror erbärmlich. Auf Isla Paradiso herrschten zu dieser Jahreszeit selbst nachts noch gut und gerne 20°C mehr. Es kostete mich einige Überwindung, in diesen Tagen vor die Tür zu gehen, um einzukaufen oder in die Bibliothek zu gehen. Kurz vor Semesterbeginn schrieb mein Professor mir wie versprochen, wann das erste Kolloquium angesetzt war und so fand ich mich am Tag nach der Semesterbeginn zum ersten Mal wieder in seiner Gegenwart. Es war nur eine kleine Runde, die sich einfand. Wie ich vermutet hatte, waren die meisten anderen Teilnehmer deutlich älter. Ich war die einzige, die weder promoviert noch habilitiert war. Zu sagen, ich fühlte mich klein und unbedeutend neben all diesen klugen Köpfen, war eine Untertreibung. Ich fühlte mich völlig deplatziert und überfordert. In der ersten Sitzung traute ich mich kaum, den Mund aufzumachen, während die anderen über Themen diskutierten, die ich nur im Ansatz verstand. Hinzu kam, dass ich das Gefühl hatte, dass mein Professor durch mein Schweigen furchtbar enttäuscht war. Zumindest wirkte er merklich distanzierter als noch im letzten Semester, geradezu abweisend. Auch in seinem Seminar, das ich auch in diesem Semester besuchte, war irgendetwas anders. Ich konnte nicht anders, als mich gekränkt zu fühlen. Was er wohl erwartet hatte? Dass ich sofort mitdiskutieren konnte und irgendwelche genialen Argumente hervorbringen würde? Das konnte er nicht erwarten. Ich mochte Jahrgangsbeste sein, aber das hieß doch nicht, dass ich mit Sims mithalten konnte, die mindestens doppelt so lange studiert hatten.



Natürlich konnte ich jetzt keinen Rückzieher mehr machen und Seminar und Kolloquium fernbleiben. Vielmehr stürzte ich mich mit Feuereifer darauf, Schritt zu halten. Ich notierte mir alles, was ich nicht verstand, verbrachte Stunden in der Bibliothek oder Zuhause an meinem Laptop, um Dinge nachzuschlagen – ich ging sogar ins Labor, um einige der Experimente heimlich zu überprüfen. Über die Wochen begann ich, mehr des Diskutierten zu verstehen. Und eines Tages wagte ich sogar, in einer Diskussion, den Mund aufzumachen und einen Einwand vorzubringen. Ich hatte erwartet, dass meine Argumente belächelt werden würden, einfach weil ich noch keinen Abschluss hatte. Zu meiner Überraschung wurde mein Einwand ernst genommen und nicht nur das: Alle sahen mich freundlich an und schienen mich nun voll in ihrer Mitte zu akzeptieren. Nur mein Professor, der sonst immer so positiv war, wirkte völlig unbeeindruckt. Ich war enttäuscht. Ich wusste, dass es dumm war und dass ich dieses Kolloquium nicht nur besuchte, um bei ihm zu punkten, sondern um zu lernen. Und dennoch irritierte es mich. Ich grübelte auf dem Weg nach Hause, was wohl passiert war, dass er plötzlich so reserviert war. Letztlich kam ich nur zu einem Schluss: Ihm musste aufgefallen sein, was ich für ihn empfand und wollte meine Gefühle nicht verstärken. Vielleicht war es ihm sogar unangenehm. Zuhause angekommen ließ ich mich stöhnend auf mein Sofa fallen, mit dem festen Entschluss, mich für den Rest des Abends nicht mehr fortzubewegen und in Selbstmitleid zu suhlen. Aber daraus wurde nichts. Ich saß noch nicht lange da, als Orange mir eine Nachricht schrieb, dass er spontan eine Saftparty veranstaltete und ob ich nicht mal wieder dabei sein sollte.



Bald danach fand ich mich tatsächlich in Oranges WG ein. Eigentlich hatte ich nicht recht Lust, aber ich hatte tatsächlich schon lange nichts mehr mit Orange unternommen und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich unserer Freundschaft so wenig Zeit widmete. Es waren nicht viele Gäste, aber Orange war trotzdem voller Enthusiasmus und bestand darauf, mir beim Saftstand behilflich zu sein. Ich fand das eigentlich immer albern, wenn andere das taten, aber Orange ließ sich nicht davon abbringen.
„Ach, Cherry“, seufzte er einige Drinks später. Ich hatte beim fünften Glas aufgehört zu zählen. Ich selbst fühlte mich auch schon wohlig benommen vom Saft.
„Mhm“, machte ich und nippte wieder an meinem Drink.
„Du bist so hübsch“, sagte er grinsend.
Ich sah ihn verblüfft an.
„Hübsch und klug“, nickte er bekräftigend. „Wirklich. Das wollte ich dir schon immer mal sagen.“
Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Er sah mich so merkwürdig an. Ich war mir sicher, dass er mich so noch nie angesehen hatte. Er kam mir näher und drückte mir einen zarten Kuss auf die Lippen.

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