Das Tagebuch des Floris O'Hara

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Das Tagebuch des Floris O'Hara

Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:38 pm

Diese Geschichte hat eigentlich gleich zwei von einander unabhängige Vorgeschichten.

1. Floris' Geschichte ist hier zu finden:
http://familiendynamik.forumieren.com/t151-zwillingsschwestern

2. Die Vorgeschichte zur Stadt, in die Floris mit seinen Geschwistern ziehen wird, findet ihr hier:
http://familiendynamik.forumieren.com/t31-nocturn-valley-eine-fadycha-unter-sims-3

Beide Tagebücher müssen (hoffentlich) nicht gelesen werden, um diese hier zu verstehen. Ich glaube allerdings, dass diese hier interessanter wird, wenn man die anderen Geschichten kennt.



Mein Name ist Floris O’Hara, und was ich erlebt habe ist so unglaublich, dass ich es unbedingt aufschreiben muss.

Alles begann mit einer Anzeige in der Zeitung:

Betreuer in leitender Funktion für Kinderheim gesucht.
Freie Kost und Logis.
Gehalt: 0,00 $
Interessenten melden sich ab 21 Uhr unter der angegebenen Telefonnummer.





Sicher werden Sie sich fragen, wieso diese Annonce überhaupt meine Aufmerksamkeit erregte. Wer arbeitet schon freiwillig ohne Gehalt? Ich muss also wohl dazu sagen, dass ich besagte Zeitung mit allen wichtigen Unterlagen wie Geburtsurkunden, Zeugnissen, Krankenversichertenkarten und dergleichen in der Kommode meiner wenige Stunden vorher verstorbenen Mutter fand. Und eben diese Anzeige war mit einem roten Filzstift eingekreist, gerade so, als wolle Mum mir damit etwas mitteilen.

Wenn Sie sich jetzt wundern, weshalb ich, scheinbar völlig pietätlos, kurz nach dem Ableben meiner Mutter schon deren Kommode durchwühlte, kann ich Ihnen versichern, dass ich mich in einer absoluten Notlage befand.


Zuletzt von Chester am So Dez 23, 2012 11:09 am bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:42 pm

Meine Mutter, Lynn O’Hara, war selbst in einem Kinderheim aufgewachsen und dort nicht sehr glücklich gewesen. Das war vermutlich der Grund, weshalb sie zustimmte, als die Jugendpflege unserer Heimatstadt ihr anbot, elternlose Kinder gegen Entgelt bei sich aufzunehmen und wie in einer richtigen Familie aufzuziehen. So kam ich, obwohl meine Mutter keinen festen Partner hatte, zunächst zu zwei Schwestern: Henrietta…



… und Solveig.

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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:44 pm

Einige Zeit, nachdem Solveig in unsere Familie gekommen war, brachte die Frau vom Jugendamt ein weiteres Kind: Lasse.

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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:46 pm

Zunächst freute ich mich, nun auch einen Bruder zu haben, auch wenn er noch sehr klein war. Aber schon bald wurde mir bewusst, dass ich das älteste Geschwisterkind in der Familie war, und einspringen musste, wenn es Mama nicht gut ging. Leider ging es ihr oft nicht gut. Sie musste sich häufig übergeben...



...und an Lasses 3. Geburtstag...



...stand sie zum ersten Mal morgens gar nicht auf.


Zuletzt von Chester am Mi Aug 31, 2011 8:48 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:47 pm

So musste ich sogar schon während meiner Grundschulzeit gelegentlich ihre Aufgabe übernehmen. Henrietta fand das nicht so toll, denn was ich kochte, sah nicht immer lecker aus.

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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:48 pm

Immerhin konnte ich Solveig das Laufen beibringen. (Worauf ich ziemlich stolz bin, denn mittlerweile ist sie eine echte Sprinterin und treibt auch sonst sehr viel Sport. Meine kleine Schwester halt.)



Zuletzt von Chester am Mi Aug 31, 2011 8:49 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:49 pm

Es lebte aber noch jemand bei uns im Haus. Heimlich sozusagen, denn niemand außer mir konnte sie sehen: Malvida.

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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:51 pm

Die anderen sahen in ihr nur eine Puppe, aber für mich war Malvida mehr. Neben Henrietta war sie meine einzige Freundin. Sie folgte mir auf Schritt und Tritt (was manchmal auch etwas nervig war, denn ab und zu wäre ich auch gerne mal mit Henrietta allein gewesen),



und gab mir Tipps, als ich nach einem Heilmittel für Mamas Krankheit suchte.



Malvida wünschte sich, dass ich ein Mittel finden würde, dass sie in einen richtigen Sim verwandelt, der essen und schlafen und sich auch mit anderen Sims als mir unterhalten kann. Aber ihr war auch klar, dass ich erstmal versuchen musste, meine Mum zu heilen. Ich hätte ihr gerne einen richtigen Arzt geholt, aber Mum wollte das auf keinen Fall und meinte, wenn jemand vom Amt merkt, wie krank sie ist, müssten wir alle ins Heim.


Zuletzt von Chester am Di Aug 30, 2011 9:56 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:55 pm

So war Malvida auch die erste, die mir zu meinem Eintritt ins Teenageralter gratulierte,



und die einzige, die mich tröstete, als vom Jugendamt noch ein weiteres Kind gebracht wurde.

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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 9:58 pm

Mum verließ zu dieser Zeit kaum noch das Bett...



...und so nahmen wir die kleine Lena auch noch bei uns auf, weil sich niemand aus der Familie traute, dem Jugendamt mitzuteilen, dass es Mama immer schlechter ging und sie nicht mehr in der Lage war, sich um uns oder Lena zu kümmern.
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:00 pm

Ich war wirklich froh, wenn wieder eins meiner Geschwister Geburtstag hatte. Das bedeutete für mich etwas weniger Arbeit. Schon bald konnte sich Henri um Lena kümmern



und auch Solveig erreichte das Schulalter ohne große Katastrophen. Allerdings begann ich mich im Stillen zu fragen, wie viele Personen tatsächlich in unserem Haushalt wohnten, denn am Tag ihrer Einschulung bestand Solveig darauf, ihre Puppe Lumpi mit in die Schule zu nehmen, da er auf keinen Fall die Feier verpassen wolle.

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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:01 pm

Zudem hatten auch Lasse und Lena bei ihrem Einzug in unsere Familie eine Paket mit einer ähnlichen Puppe von unserem unbekannten Onkel Norbert bekommen.



Zuletzt von Chester am Mi Aug 31, 2011 9:10 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:03 pm

Schließlich kam der Tag, vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte. An diesem Morgen wurde ich nicht wie üblich als erster im Haus von meinem Wecker wachgerüttelt, der mir zeigte, dass es Zeit war, das Frühstück für die Kleinen zu machen, sondern von einem spitzen Schrei, den ich Henri zuschrieb. Sofort war ich auf den Beinen und eilte ins Zimmer der Mädels. Dort stockte mir förmlich der Atem, denn die Luft war eiskalt und vor mir schwebte eine dürre Gestalt in einem schwarzen Umhang, nur wenige Zentimeter über dem ausgeblichenen Holzfußboden des Kinderzimmers.



Zuletzt von Chester am Mi Aug 31, 2011 8:52 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:04 pm

Ich hatte die „Verabredung mit dem Tod“ immer nur als Redewendung abgetan, die Sensenfrau nur für eine Märchengestalt gehalten, aber nun, da sie vor mir stand, war sie mindestens ebenso real wie Malvida, die mich völlig ahnungslos von hinten antippte und fragte, ob sie noch schnell meine Hausaufgaben machen sollte.

Henri hatte aufgehört zu schreien und den Blick von der Erscheinung abgewandt. Sie und ich wussten natürlich, was der Besuch der Sensenfrau zu bedeuten hatte: Sie war gekommen, um Mum zu holen. Ich hatte einmal gehört, man könne die Sensenfrau um Gnade anflehen und eine Partie Schach mit ihr um das Leben eines geliebten Sim spielen, um es so zu retten. Doch ich war wie gelähmt. Ich brachte nur ein Stöhnen heraus, das die Sensenfrau für den Bruchteil einer Sekunde auf ihrem Weg innehalten ließ. Aber ich war froh, als sie ihren Weg fortsetzte, anstatt sich zu mir umzudrehen. Ich brachte einfach nicht den Mut auf, ihren Weg zu kreuzen und um das Leben meiner Mutter zu betteln, die wir, obwohl sie bettlägerig war, doch so dringend brauchten. Wir hatten sowieso keinen Schachtisch… Solveig hingegen schien zwar etwas erschrocken, starrte aber fasziniert auf den leeren Raum zwischen dem Mantel der Gestalt und dem Boden, wo sich eigentlich Füße hätten zeigen müssen. Sie schien keine Angst zu verspüren.



Zuletzt von Chester am Mi Aug 31, 2011 8:53 am bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:07 pm

Erst als Mums grauer Geist aus dem angrenzenden Zimmer geschwebt kam, um eins zu werden mit der Sensenfrau, begriff auch sie, was vor sich ging und rettete sich schluchzend in meine Arme.

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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:12 pm

An den Tagen, an denen Mum nicht aufstehen konnte, wechselte ich mich normalerweise mit Henrietta und Solveig ab. Einer von uns blieb dann zuhause, um sich um Lasse und Lena zu kümmern, während die anderen in der Schule waren. Aber an diesem Morgen blieben wir alle daheim. Ich kletterte mit Solveig in unser Baumhaus, wo es mir gelang, sie ein wenig zu beruhigen.



Dies war schon immer ein Ort des Friedens und der Gemeinschaft für uns gewesen. Mum hatte es oft genutzt, um dort ungestörte Gespräche mit uns zu führen, uns zu trösten oder auch einfach nur einen wunderschönen Abend mit selbst gebackenen Keksen und Geschichten mit uns zu verbringen. Dort hatte sie mir auch vor vielen Jahren dieses Tagebuch gegeben, weil sie nicht glauben konnte, dass Malvida wahr war und sie meinte, ich hätte Kummer, über den ich mit niemandem reden wollte.
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:18 pm

Als Solveig aufgehört hatte, zu weinen, rief auch schon Henri nach uns. Sie hatte in der Zwischenzeit Pfannkuchen gebacken und wir drei „Großen“ hielten nun Kriegsrat am Frühstückstisch.



Zunächst schwiegen wir uns nur an und stopften appetitlos die Pfannkuchen in uns hinein. Dann brach Henri das Schweigen. „Wir müssen wegziehen, bevor jemand merkt, dass Mum nicht mehr da ist“, sagte sie ganz ruhig. Trotzdem kroch Panik in mir empor. Ich war der Älteste. Ich hatte nun die Verantwortung für meine vier jüngeren Geschwister, die teilweise noch in den Windeln steckten. Ich musste die Familie zusammenhalten und dafür sorgen, dass wir nicht auf mehrere Kinderheime verteilt wurden. Ich musste eine Lösung finden. Ich ....... hatte keine.
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Beitrag  Chester am Di Aug 30, 2011 10:21 pm

In dieser Situation möge man mir verzeihen, dass ich direkt nach dem Frühstück ins Zimmer meiner gerade verstorbenen Mutter eilte und ihre Kommode durchwühlte, in der Hoffnung, einen Brief zu finden, in dem sie mir in weiser Voraussicht mitteilt, was ich nun tun sollte.



Ich fand keinen Brief, aber dafür die Zeitung mit besagter ungewöhnlicher Annonce.

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Punkt 21 Uhr griff ich zum Telefon und wählte die fremde Nummer.
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Beitrag  Chester am Sa Sep 10, 2011 4:18 pm

Ich hatte kaum die letzte Ziffer getippt, da wurde am anderen Ende schon abgehoben.
„Hallo…“ „O’Hara hier“, ich versuchte, meine Stimme möglichst erwachsen klingen zu lassen, aber sie flatterte etwas. „Es geht um die Anzeige, die sie vor einiger Zeit in der Zeitung geschaltet haben. Wegen der Stelle als Kinderheim-Leitung.“ „Ja, ich erinnere mich“, zischelte der Mann am anderen Ende der Leitung mit einer Stimme, die mich doch sehr stark an die von Professor Snape aus den Harry-Potter-Filmen erinnerte. „Das war vor etwa zehn Jahren.“ Erschrocken blickte ich auf das Datum in der Ecke der Zeitung. Er hatte Recht.




Zuletzt von Chester am Sa Sep 10, 2011 4:22 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Sa Sep 10, 2011 4:22 pm

„Oh“, hüstelte ich verlegen. „Ich wollte nur fragen, ob die Stelle noch frei ist.“ Einen Versuch war es wert und ich musste ja irgendwas sagen. „Tatsächlich…sie haben Glück. Das Heim ist zwar mittlerweile geschlossen, aber ich liebäugele damit, es zu reaktivieren.“ Er ,liebäugelte’ damit? Dieser Ausdruck passte ebenso wenig zu der rasselnden Stimme, wie ,kuschelig’ in die Bewerbung eines Metzgers. Die Augen. die zu der Stimme dieses Mannes passten, waren zu schmalen Schlitzen verengt und fixierten hypnotisierend seine Beute. Liebäugeln, tse. Aber was hatte ich für eine Wahl. „Das freut mich zu hören.“ Jetzt hatte ich mich wieder im Griff und fand, ich hörte mich sehr professionell und reif an. „Also nicht, dass das Heim geschlossen wurde, aber dass sie wieder jemanden suchen. Ich denke, ich könnte die geeignete Person für diesen Posten sein.“ Ein bisschen hochstapeln konnte nicht schaden. „Wie alt sind sie, wenn ich fragen darf?“ „19“, log ich, ohne mit der Wimper zu zucken. „19? Soso… Dann sind sie also 1992 geboren?“ Erschrocken rechnete ich im Kopf nach. Ja, das kam hin, aber was, wenn er jetzt nach meinem genauen Geburtsdatum fragte…hätte ich dann schon in diesem Jahr Geburtstag gehabt haben müssen oder nicht? Der Typ machte mich irgendwie nervös. Oder besser gesagt, ich war nervös, aber der andere (Wie hieß er überhaupt? Hatte er sich vorgestellt?) verstärkte dieses Gefühl zunehmend. „Ja, genau“, versuchte ich möglichst überzeugend hervorzubringen. „Sie sollten ihre Antwort noch einmal überdenken, Floris. Ich dulde es nicht, belogen zu werden.“ Jetzt wurde es echt gruselig. Woher wusste der Typ, dass ich nicht die Wahrheit gesagt hatte. Ich fand, ich hatte sehr überzeugt geklungen. Dazu diese Wortwahl: ,Er duldete nicht, dass man ihn belog’. Und vor allem: Woher kannte er meinen Vornamen? Den hatte ich mit absoluter Sicherheit nicht genannt, denn ich hatte mir schon vor dem Gespräch überlegt, dass es erwachsener klingen würde, wenn ich mich nur mit dem Nachnamen meldete. Oder hatte ich ihn in der Aufregung doch aus Gewohnheit genannt? Aber das war jetzt nebensächlich. Dieses Telefonat stellte momentan meine einzige Chance dar, die Familie zusammenzuhalten. Und mein Gesprächspartner hatte immerhin noch nicht aufgelegt. Wenn er mich nicht einfach nur quälen wollte, hatte er also trotz meines Alters noch Interesse, mir den Job zu geben.



„Es tut mir leid, Sir. Sie haben recht. Ich bin 16.“ „Sie kommen nicht allein, nehme ich an?“, zischelte er, ohne weiter auf mein Verhalten einzugehen. „Ja, das stimmt, ich müsste meine vier jüngeren Geschwister mitbringen. Es ist so, dass wir…“ „Sie kommen also zu fünft?“ unterbrach er mich und ich meinte in seiner Stimme eine gewisse Überraschung zu hören. „Ja, genau, zu fünft.“ „Sind sie sicher?“ Das war ich nicht, aber sollte ich ihm etwa von Malvida erzählen, oder von Solveigs Lumpi? Oder von meiner Befürchtung, dass auch die beiden Puppen von Lena und Lasse zum Leben erwachten, wenn sie mit ihren Besitzern alleine waren? Ich beschloss die Wahrheit zu sagen und ihr gleichzeitig aus dem Weg zu gehen, und antwortete deshalb einfach: „Nein, Sir. Ich bin nicht ganz sicher.“ Ein raues, aber unerwartet herzhaftes Lachen schallte durch den Hörer an mein Ohr. „Sie gefallen mir, Floris. Und sie lernen schnell. Sie können es in Nocturn Valley zu etwas bringen. Mein Sohn wird sie morgen Nacht zwischen ein und zwei Uhr abholen. Halten sie sich bereit, nehmen sie nur das Nötigste mit und … grüßen sie ihre Mutter.“ „Meine Mutter…“ …,ist tot’, wollte ich sagen, aber ein Klicken in der Leitung verriet mir, dass mein Gesprächspartner schon aufgelegt hatte.

Kannte der Fremde meine Mutter? Hatte sie vielleicht damals schon mit ihm telefoniert, als die Zeitung erschienen war und sie die Annonce eingekreist hatte? Wusste er daher meinen Vornamen und kannte mein Alter? Ich fühlte mich wie in einer Luftblase…wie in einem leeren Raum und doch gefangen. Der Fremde hatte mir keinerlei Informationen gegeben. Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Ich hatte keinerlei Angaben zu meinem Job und unserem zukünftigen Leben erhalten, und musste es doch wohl oder übel in die Hände dieses Mannes legen. Ein bleiernes Gefühl der absoluten Abhängigkeit machte sich in mir breit. Noch wusste ich nicht, dass es mich mein Leben lang begleiten und nie wieder wirklich loslassen würde.


Zuletzt von Chester am So Okt 30, 2011 1:48 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am Sa Sep 10, 2011 7:18 pm

In Gedanken ging ich das Gespräch noch einmal durch, suchte nach Anhaltspunkten, irgendetwas, das mich beruhigen würde. Das einzig Positve waren diese zwei kleinen Sätze: ,Sie gefallen mir, Floris. Sie können es in Nocturn Valley zu etwas bringen.’ Und auch sie hatten unter den gegebenen Umständen einen unheimlichen, wenn nicht sogar bedrohlichen Beigeschmack.

Immerhin hatte ich so eine kleine, aber wichtige Information herausgefiltert: Es ging nach Nocturn Valley. Ich hatte noch nie von diesem Ort gehört, machte mich aber sofort daran, im Internet zu recherchieren.



Alles was ich jedoch herausfinden konnte, war die Lage der kleinen Stadt. Demnach war Nocturn Valley von Bluebay aus mit dem Auto in etwas 4 Stunden zu erreichen. Es lag direkt am Meer hinter einer Bergkette und nur eine einzige Straße wand sich durch die steilen Hügel in den Ort. Sonst war nichts herauszufinden, keine Einwohnerzahl, kein Bürgermeister, keine Informationen über Schulen oder Geschäfte, … nichts. Ich bat Henri um Hilfe, die sich mit PCs etwas besser auskannte und einmal zu mir gesagt hatte: „Im Internet findest du alles, Floris. Dort kann man sogar nachlesen, wie oft der Präsident am Wochenende gepupst hat. Du musst nur wissen, wo du suchen musst und mit etwas Glück findest du sogar ein Video dazu auf Sims-tube.“ Doch auch sie fand nicht mehr heraus als ich.

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Beitrag  Chester am So Sep 11, 2011 9:53 am

So durchstreiften Henritta und ich den ganzen folgenden Tag das Haus und suchten die Wichtigsten Sachen zusammen. Dies waren hauptsächlich die Dokumente, die ich bereits in Mamas Kommode gefunden hatte, ein paar Kleidungsstücke, liebgewonnene Spielsachen der Kleinen und Fotoalben mit Erinnerungen. Nebenbei versuchten wir, Lasse und Lena möglichst wach zu halten, damit sie auf der langen Autofahrt nach Nocturn Valley schlafen würden. An diesem Tag hatte ich meinen ersten Streit mit Malvida, weil sie unbedingt das Chemielabor mitnehmen wollte. Sie hielt immer noch an ihrem Traum fest, ein echter Sim zu werden und wollte nicht einsehen, dass wir das sperrige Ding unmöglich in einem Auto mitnehmen konnten. Sie setzte sich schließlich schmollend vor mein Bett und verwandelte sich wieder in ihre reguläre Puppenform.



Das war ganz in meinem Sinne, denn so konnte ich sie am leichtesten transportieren. Ich weiß ja nicht, was unser „Abholer“ wohl gesagt hätte, wenn ich darauf bestanden hätte, einen Platz im Auto für meine unsichtbare Freundin frei zu halten.
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Beitrag  Chester am So Sep 11, 2011 9:53 am

Als unser Auto kurz nach ein Uhr nachts ankam, musste ich Malvida allerdings recht geben: Mit ein wenig Geschick hätte das Chemielabor durchaus Platz darin finden können.



Die Limousine wurde tatsächlich von einem Chauffeur gesteuert. Hinten stieg ein relativ junger Mann mit heller Haut und schwarzen Haaren aus. Er wirkte nicht unfreundlich, war aber sehr wortkarg. Er begrüßte uns und bat uns einzusteigen. Der Chauffeur verstaute derweil unser Gepäck im Kofferraum und platziere alle 4 Puppen vorsichtig auf den zahlreichen Sitzbänken, gerade so, als wüsste er um ihre Besonderheit. Er und unser Begleiter, der sich kurz als Norbert Nocturn jr. vorstellte, schwiegen den Rest der Fahrt. Ich hatte allerdings auch kein großes Bedürfnis zu reden. Mein Tag war sehr anstrengend gewesen und auch die vorhergehende Nacht hatte ich nicht geschlafen. Zum einen war mir das Telefonat nicht aus dem Sinn gegangen, zum anderen war mir gegen Mitternacht meine Mutter erschienen. Ich wusste nicht, ob sie ,echt’ war oder nur eine Ausgeburt meines übermüdeten Geistes, auf jeden Fall grüßte ich sie auftragsgemäß von meinem unbekannten Telefonpartner und fragte, ob ich alles richtig gemacht hatte. Ein Lächeln machte sich auf ihrem durchscheinenden Gesicht breit und sie nickte kurz. Dann schraubte sie sich wild drehend an der Feuerwehrstange, die von meinem Zimmer in das darunter liegende Zimmer der Mädels führte, hinab und ich vermeinte, dabei ein langgezogenes, begeistertes ,Huiiiiiii’ aus einer andere Sphäre zu vernehmen.


Zuletzt von Chester am So Okt 30, 2011 2:06 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag  Chester am So Okt 30, 2011 2:05 pm

In den frühen Morgenstunden erreichten wir unser Ziel.




Ich muss zugeben, ich hatte mir etwas ganz anderes vorgestellt. Vielleicht ein schichtes Haus mit Schlafsäalen, die darauf warteten, mit einer Horde Kinder gefüllt zu werden. Stattdessen wurden wir vor einem großen, aber troztdem gemütlich anmutenden Einfamilienhaus abgesetzt.



Es wirkte bewohnt, aber über allem schien irgendwie der Staub von Jahren zu liegen. Hier wohnte schon lange niemand mehr und es war auch keine Simseele da, die uns begrüßte oder die Situation näher erklärte. Dann wurde mir klar, ich würde kein Kinderheim leiten, ich und meine Geschwister würden das Kinderheim sein.
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Beitrag  Chester am So Okt 30, 2011 2:23 pm

Als erstes machten wir gemeinsam eine Besichtungstour durch unser neues Zuhause. Henrietta und Solveig waren sich sofort einig, das grüne Zimmer zu beziehen.



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Re: Das Tagebuch des Floris O'Hara

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